Alles geht weiter, vor allem der Krieg

LYRIK IM ZEITALTER DES POSTSOZIALISMUS Neue Gedichte von Volker Braun und Durs Grünbein

Volker Braun und Durs Grünbein stammen beide aus Dresden, arbeiteten als Schriftsteller in der DDR und leben heute in Berlin. Dennoch trennt sie mehr als bloß ihr Altersunterschied. Der heute 60-jährige Volker Braun hat mit seinem Schaffen die Entwicklung der DDR in kritischer Loyalität begleitet und eckte mehrfach bei der herrschenden Nomenklatura an, die ihn observieren ließ, obwohl er dem Staat, in dem er lebte, trotz aller Kritik im Festhalten an der Utopie einer sozialistischen Gesellschaft stets verbunden blieb. Bereits vor 1989 und erst recht danach wurde die Klage über den Verlust dieser Hoffnung und die unerbittliche Selbsterforschung über die eigene Verstrickung in diese Epochenillusion zum dominanten Thema seiner Texte. Ganz anders bei dem um eine ganze Generation jüngeren Durs Grünbein. Sein Werk hält seit dem ersten Gedichtband »Grauzone morgens« (1988) Distanz zu den Ideologien und utopischen Erwartungen des 20. Jahrhunderts und zum Leitdiskurs der DDR-Literatur. Daher ist die Desillusionierung über den Zerfall der projektierten Zukunftsgesellschaft für ihn nicht wie bei Volker Braun das Resultat eines längeren Prozesses der Enttäuschung über das einst Geglaubte, sondern bildet das unhintergehbare Fundament seines Schreibens, auf dem alles Folgende aufbaut. In seinem Werk betreibt er, auch wenn das von der Kritik gern übersehen wird, mehr als nur die Auseinandersetzung mit der untergegangenen DDR, nämlich eine grundsätzliche und schonungslose Analyse der modernen Zivilisation.

Der schmale Gedichtband von Volker Braun, den der Verlag aus Anlaß von dessen 60. Geburtstag vorlegt, steht unter dem von Brecht entlehnten Motto »die Niederlagen erfechten«. Der Autor zieht in ihm eine bittere Bilanz des Zusammenbruchs der sozialistischen Ideale, verweigert aber auch dem Status quo des siegreichen Marktkapitalismus seine Zustimmung. »Wenn die Ideen begraben sind«, so lautet seine Devise, »kommen die Knochen heraus«. Man muß freilich aufpassen, daß man von den Lavamassen, die bei solchen historischen Eruptionen freiwerden, nicht selber verschüttet wird. Also versucht Braun, sie gleichsam wie ein Archäologe abzutragen, um die Last des Gewesenen von sich »abzuschütteln«.

Das Scheitern der optimistischen Erwartung einer anderen Wirklichkeit - das ist das große Thema der europäischen Desillusionsliteratur von den Spätaufklärern und Romantikern, die um 1800 ihre Enttäuschung über das Ersticken der Französischen Revolution in Blut und Terror zu artikulieren suchen, bis zu den abtrünnig gewordenen Linksintellektuellen der Stalinära und den literarischen Widersachern des verkrusteten Realsozialismus nach 1945. Das Scheitern des eigenen Lebens- und Weltentwurfs ist aber auch das zentrale Thema vieler großer Altersgedichte von Walther von der Vogelweide bis zu Bertolt Brechts »Buckower Elegien«. Als typische Alterslyrik präsentiert sich auch der Lyrikband »Tumulus« von Volker Braun. In poetischer Selbststilisierung stellt er die Gegenwart aus der Perspektive eines Untergegangenen und Verschütteten, eines bei lebendigem Leibe Begrabenen dar; daher rührt sein melancholischer und elegischer, ja verzweifelt-tragischer Grundton.

»Tumulus« meint ein Hügelgrab, einen Totenhügel, und um Tod und Sterben, die Gräber und Ruinen der Geschichte, die Aufarbeitung privater und gesellschaftlicher Katastrophen und das Fortleben im Gedächtnis der Überlebenden kreisen die hier versammelten Texte. Sie sind verfaßt in der Haltung des endgültigen Abschiednehmens und getragen von dem Bewußtsein, als Verspäteter einer längst überwundenen Epoche anzugehören, stammen sie doch, wie es selbstironisch heißt, von einem »Verrückten / Aus der Vorzeit, die die Hoffnung kannte«. Der Band liest sich wie das Vermächtnis an eine Nachwelt, von der Braun selbst nicht mehr weiß, ob sie überhaupt noch verstehen möchte oder ihr Verdammungsurteil schon ein für allemal gefällt hat.

Eine scharfe, allzu schroffe Grenze zieht der Autor zwischen den Älteren und der nachwachsenden Generation. Ein surrealistischer Angsttraum am Beginn imaginiert die Jüngeren in der Gestalt der »rohen Jugend«, die den älteren Dichter respektlos dazu zwingt, sich »auszukleiden« und über sein Verhalten Rechenschaft abzulegen. An einer anderen Stelle ist die Rede von dem »Sohn«, der »keine Oden liest sondern Akten«. Das sind Pauschalurteile, die wohl aus persönlichen Verletzungen resultieren, aber in dieser Form reichlich larmoyant wirken. Manche Simplifikationen ergeben sich zudem aus den bisweilen arg direkten Allegorisierungen historischer Vorgänge. Doch sie bestimmen glücklicherweise nicht die Struktur und den Duktus der ganzen Sammlung. Denn in einer Reihe von Gedichten gelingt es dem Lyriker, seine paradoxe Position, in welcher er nach dem Tod der Utopien kontrafaktisch an der Perspektive radikaler Umwälzungen festzuhalten sucht, in geradezu barocken Antithesen einzufangen.

Für Volker Braun ist das Leben ohne die Chance einer revolutionären Veränderung barbarisch, in Kälte erstarrt. Doch vermag er diese bessere Welt - darin liegt das Problem - selbst nicht mehr in einem positiven Grund riß, sondern nur noch ex negativo zu entwerfen. Der Vorschein des wahren Lebens blitzt allenfalls in jenen kurzen Momenten auf, in denen der katastrophische Fortgang der Geschichte stillzustehen scheint, wenn auch nur, um die damit verknüpften Hoffnungen gleich darauf wieder als Illusionen kenntlich zu machen. Solche kurzen Augenblicke der Freiheit findet der Lyriker etwa bei den tanzenden Menschen auf der Berliner Mauer (aber das Heer der künftig arbeitslosen Volksarmisten lauert schon) oder bei den von den Segnungen des Kapitalismus noch nicht erreichten Nomadenvölkern Afrikas (aber auch sie werden noch Opfer der Globalisierung werden).

Das Bild, das der Dichter von der westlichen Zivilisation entwirft, gerät merkwürdig eindimensional und blaß, stellenweise sogar klischeehaft. Er zeichnet sie als Welt von Coca Cola und Deutscher Bank, von »Wegwerfmenschen« und schmierigen Spekulanten, als künstliches Show- und Medienspektakel zwischen Bildzeitung und Haute Couture, als deren zynischer Propagandist hier Karl Lagerfeld herhalten muß. Gibt es aber nicht auch inmitten dieser scheinbar so feindlich-kalten Gesellschaftsordnung noch Neues und Aufregendes, das man bei genauerem Hinsehen entdecken könnte? Die Verzweiflung über den Untergang einer »groß gedachten Revolution« hindert jedenfalls Braun daran, solche Phänomene wahrzunehmen. Die Welt der westlichen Industriegesellschaften bleibt ihm letztlich fremd. Und auch seine Archäologie des Jahrhundertprojekts Sozialismus dringt nicht immer bis zu den Wurzeln vor: An welcher Stelle ist dieses Vorhaben aus dem Ruder gelaufen? War diese Utopie im Prinzip »groß gedacht« und nur ihre Verwirklichung falsch? Liegen die Gründe für das Scheitern in der Errichtung eines Sozialismus hinter Stacheldraht und Mauer oder schon in den blinden Flecken in den Theorien der Meisterdenker? Schwer lösbare Fragen, die aber zu stellen wären, um jedem apologetischen Mißverständnis den Riegel vorzuschieben.

Überzeugend sind Brauns Gedichte dort, wo sie mit großem Ernst die Erfahrung jener Generation auf den Begriff bringen, die den Zusammenbruch des Sozialismus als Vernichtung ihrer eigenen Ideale erlebt hat. Der Mut, mit dem sich der Schriftsteller diesem »Massaker der Illusionen« stellt, ehrt ihn und nötigt dem Leser Respekt ab. Daß eine derart kompromißlose Selbsterforschung keineswegs selbstverständlich ist, zeigt der Seitenblick auf das Versagen jener Intellektuellen aus dem konservativen Lager, die sich wie Benn, Heidegger oder Ernst Jünger einst unter anderen historischen Voraussetzungen mit dem NS-Regime arrangierten und von denen man nach 1945 eine ähnliche Bereitschaft zur Selbstreflexion ihrer Irrtümer hätte erwarten dürfen. Sie blieb, wie wir wissen, zeitlebens aus.

Während Volker Braun trotz aller Skepsis grundsätzlich auf den Utopiediskurs fixiert bleibt und mit dem Mut des Verzweifelten darüber nachsinnt, ob die Geschichte ihr Rad nicht doch noch irgendwann wieder in die andere Richtung lenken wird, ist der Gedichtband von Durs Grünbein von vorneherein jenseits der Debatte über die großen philosophischen Metaerzählungen situiert. Ganz ohne Selbstmitleid und Schmerz verzichtet der Autor auf alle Utopien und universalistischen Sinnkonstruktionen, stellt er sich illusionslos dem Blick auf eine Geschichte, die vom Altertum bis in die Gegenwart eine Geschichte der Schlachten und Zerstörungen gewesen ist: »Alles geht weiter, nicht erst seit heute, vor allem der Krieg«, heißt es in dem zentralen Gedicht »Memorandum«, das die Krise der Poesie angesichts ihrer drohenden Marginalisierung durch die Massenmedien reflektiert. Und auch der Blick auf die außermenschliche Natur, aus dem die Kälte und affektive Distanz eines unbeteiligten Naturforschers spricht, bietet angesichts solcher Ausweglosigkeit weder Tröstung noch Heil. »Immer war Völkerwanderung, meistens Gefahr auf den Wegen.«

Das Sinnversprechen, das in den überkommenen Denksystemen einmal aufbewahrt schien, hat sich für Grünbein heute weit zurückgezogen und überlebt, wenn überhaupt, nur noch im Reservat der Poesie selbst:


»[...] Aber wenn alles zuwächst,
Der Traum undurchdringlich wird in der Menge,
Ist es der Vers, der ins Freie zeigt. Der geblendete Stieglitz
Singt schöner, heißt es, zu keinem Flug mehr verführt.«

Das ist ein deutlicher Gegenentwurf zu der Position, wie sie zum Beispiel von Volker Braun eingenommen wird, der den geschichtsphilosophischen Utopien um keinen Preis abschwören möchte. Mit dem Beharren auf einer Epiphanie des Schönen inmitten einer häßlich gewordenen, von der technischen Zivilisation verschandelten Realität versichert sich Grünbein einer literarischen Tradition, die vor allem auf Rilke und Hofmannsthal zurückweist. Aber auch andere Dichter der Moderne - wie Baudelaire und Lautréamont, Friedrich Hölderlin, die Expressionisten, Brecht und Benn, Bachmann und Brinkmann - haben in dieser Lyrik, die durch eine erstaunliche Gelehrsamkeit und einen schier unerschöpflichen Reichtum an Ausdrucksmitteln frappiert, ihre Spuren hinterlassen. Gelegentlich wirkt das souveräne Verfügen über das gesamte historische Inventar lyrischer Formensprache, von antiken Odenstrophen bis zum expressionistischen Reihungsstil oder zur Prosazeile des modernen Gelegenheitsgedichts, etwas verspielt und manieriert. Doch vertraut sich der junge Autor mit seinen Variationen überkommener Muster nicht einfach naiv einer großen Tradition an. Anders als vielen seiner Vorgänger bliebt ihm stets bewußt, daß auch die Poesie angesichts der postmodernen Sinndestruktion an Bleibenden »nichts mehr stiften« kann. Und seine Inhalte sind, selbst wenn er in das antike Gewand von Juvenalis schlüpft oder Baudelaires »Tableaux parisiens« nacheifert, immer die von heute.

Politische Gedichte, die unmittelbar auf geschichtliche Vorgänge Bezug nehmen, findet man bei Durs Grünbein kaum. Zu den Ausnahmen zählen die eindrucksvollen Strophen, die dem verstorbenen Mentor Heiner Müller gewidmet sind, oder der Zyklus »Novembertage«, der von der Maueröffnung im November 1989 einen historischen Bogen schlägt zum Mord an Rosa Luxemburg und zum Hitlerputsch im November 1923 und so wie im Zeitraffer die für die deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert zentralen Ideologien Revue passieren läßt. Auch für Grünbein endet der Tanz der aus ihrer »Geiselnahme« entlassenen DDR-Bevölkerung auf den Berliner Boulevards übrigens im Katzenjammer, weil die Konsumgesellschaft ihren Freiheitstraum im Keim erstickt:


»[...] sie lagen eingerollt
Vorm Kaufhaus selig unter den
Vitrinen,
Auf teurem Pflaster träumend
freien Grund.«

Andere Gedichte wie etwa »Sunset Boulevard«, aus Anlaß eines längeren Aufenthalts in den Vereinigten Staaten entstanden, nehmen in ihrer Kritik am Kapitalismus amerikanischer Prägung das Erbe von Brechts polemischen »Hollywood-Elegien« wieder auf, wobei dem Lyriker ebenso minutiöse wie bitterböse Momentaufnahmen der postmodernen Erlebnisgesellschaft mit ihren Film- und Fitness-Studios gelingen. Hier läßt sich jemand auf unsere heutige Wirklichkeit mit offenen Sinnen ein, vertraut seiner eigenen individuellen Wahrnehmung und fängt in einer Phänomenologie aktueller Lebensformen ebenso differenziert wie subtil die Deformationen und Irritationen unserer Alltagsrealität ein. Dasselbe gilt für die zahlreichen Großstadtgedichte, die eine historische Topographie von Städten wie Berlin, Dresden und Venedig entwerfen, oder für die Reisegedichte aus der Karibik, in der die ein paradiesisches Leben verheißenden Slogans der Werbeprospekte und die schnöde Banalität der Ferienclubs mit einer satirischen Schärfe aufeinanderprallen, wie sie in der Lyrik der letzten Jahre nur selten anzutreffen gewesen ist. Immer wieder öffnen sich die Gedichte dabei mit einer Vielzahl intertextueller Bezüge und historischer Assoziationen für die geschichtliche Dimension, die in der Gegenwart verschlossen liegt, für die Spuren des faschistischen und stalinistischen Terrors oder der kolonialen Eroberungszüge, und entziffern so die Urgeschichte der modernen Zivilisation seit dem frühen Altertum als erschreckendes Kontinuum von Krieg und blanker Gewalt.

Grünbein betreibt mit seiner Lyrik aber nicht nur eine historische Archäologie der menschlichen Zivilisation, sondern darüber hinaus so etwas wie eine unerbittliche Analyse der menschlichen Existenz. Seine Skepsis gegenüber allen Dogmen und Sinnsystemen speist sich daher nicht allein aus dem Unbehagen an den bestehenden sozialen Verhältnissen, sie speist sich vielmehr noch aus ganz anderen Quellen. An ihrem Grund stehen die Ängste und Zweifel eines Einzelnen angesichts der Kontingenz der menschlichen Natur, steht die konstitutive Erfahrung der Endlichkeit des Daseins, der Krankheit, des Todes. Es sind dies Voraussetzungen, die, wie die naturwissenschaftlichen Exkursionen in den Bereich der modernen Biologie und Medizin deutlich machen, grundsätzlich allen Lebewesen gemeinsam sind, die aber nur der Mensch kraft seines Verstandes zu reflektieren vermag. Doch er flüchtet sich vor dieser die Souveränität seines Selbstbewußtseins erschütternden Kontingenzerfahrung lieber in Selbsttäuschungen und Sinnprojektionen aller Art, und daher hat die Poesie für Grünbein die Aufgabe, ihn aus seiner Alltagsroutine aufzuschrecken und ihm diese Verdrängung immer wieder aufs Neue in Erinnerung zu rufen.

»Nach den Satiren« wirft ein Licht auf die kleinen und großen, die schmerzlichen und aberwitzigen Tragödien der Existenz, aber auch auf die gesellschaftlichen und geschichtlichen Kontexte, in denen sie sich ereignen. Kein Zweifel, Durs Grünbein ist mit diesem Gedichtband, der zwischen illusionsloser Existenzanalyse und kulturkritischen Diagnosen, zwischen Längstvergangenem und jüngster Gegenwart eine Brücke schlägt, eine ebenso eindringliche wie beeindruckende Bilanz unserer Gegenwart gelungen.

Volker Braun: Tumulus, Suhrkamp-Verlag, Frankfurt a.M. 1999, 45 S., 24,- DM.
Durs Grünbein: Nach den Satiren, Suhrkamp-Verlag, Frankfurt a.M. 1999, 227 S., 38,- DM.

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00:00 26.03.1999

Ausgabe 41/2021

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