Alles gelogen, alles erzählt

Reihenweise Taschenbücher

Die Dichter lügen. Schön wär´s, dann gäbe es in letzter Zeit nicht so viele Prozesse von Leuten gegen Bücher, die sich darin wiedererkannt haben wollen. Vielleicht fühlen sie sich unvorteilhaft beschrieben. Doch im Deutschen gilt ja Höflichkeit gerne als Lüge. Nicht leicht für die Dichter. Nicht nur ihnen hilft da ein Bändchen der Düsseldorfer Philosophin Simone Dietz über Die Kunst des Lügens. Durch Klarheit der Argumentation unterhaltsam, führt sie zwischen Werbung und Politik, Angeberei und Selbstbetrug durch die Abgründe und Untiefen des Sprachspiels, um den "Dämon der Uneigentlichkeit" zu entzaubern. "Ein Büblein klagt seiner Mutter: ›Der Vater hat mir eine Ohrfeige geben.‹ Der Vater aber kam dazu und sagte: ›Lügst du wieder? Willst du noch eine?‹" - so eine der kürzesten Geschichten von Johann Peter Hebel. Eine "moralische Hinrichtung eines autoritären Vaters" sieht der Kommentator darin.

Michael Stolleis bekannter, höchst literater Rechtshistoriker, hat zwei Dutzend Hebelscher Geschichten zusammengestellt und kommentiert. Der menschenfreundliche Ton, dieser Titel gilt nicht nur für Hebel, sondern auch für die Anmerkungen von Stolleis. So werden die wunderbar nachdenklichen und doch auch grundkomischen Geschichten eines "Lehrers der Weltweisheit" wieder lebendig, zu dessen "Kannitverstan" den meisten Jüngeren, wie Stolleis sagt, nur frankforterisches "Kennischnet" einfällt. Ein anderer Weltweiser von damals, um einiges grimmer freilich, hatte ebenfalls einen Kommentar zur Lüge bereit: Die gefährlichsten Unwahrheiten sind Wahrheiten mäßig entstellt. Wenn Lichtenberg entstellte, dann bis zur drastischen Kenntlichkeit: "Schlankheit gefällt wegen des besseren Anschlusses im Beischlaf und der Mannigfaltigkeit der Bewegung." Solcherlei ist zu finden in einem mit Bedacht und Sorgfalt zusammengetragenen Bändchen Aphorismen und andere Sudeleien. "In den Kehrichthaufen vor der Stadt lesen und suchen was den Städten fehlt, wie der Arzt aus dem Stuhlgang und Urin." Damit steht Lichtenberg in der ehrwürdigen Tradition des Spurenlesens.

Als Scharfsinnsproben findet man das auch im Ma´assebuch, einer dicklebigen Sammlung altjiddischer Erzählkunst, die nun in Hochdeutsch vorliegt. Wie zwei Juden aus kleinsten Zeichen erkennen können, dass ein entlaufenes Kamel auf einem Auge blind und mit zwei Fässchen beladen war - diese Geschichte aus der vierhundert Jahre alten Sammlung ist über Voltaire und Wilhelm Hauff und Umberto Eco immer wieder neu geschrieben worden. Noch spitzfindiger die, in der Gäste aus Jerusalem dem Hausherrn entdecken, dass er nicht Sohn seines Vaters ist, worauf er fortan Leute aus Jerusalem nicht mehr beherbergt. Weisheiten des Talmud, Wundertaten deutscher Rabbiner und weitererzählte Märchen aus dem Morgenland - achthundert Seiten Lebens- und Glaubenslehre, mal verschmitzt, mal derber, leider oft auch durch zerstörte Traditionen fremd geworden. Und, Obacht! Frauen haben darin zwar allerlei, aber nicht viel zu sagen. Das kommt, erfährt man aus Wolf Wagners Büchlein über Familienkultur von den alttestamentarischen Mythen her, die aus der Gleichgeschöpfigkeit von Mann und Frau eine Hierarchie gemacht und spätestens im Bund Gottes mit Noah und seinen Söhnen die Frauen unter die anderen Lebewesen einsortiert haben. Etwas brachial, aber durchaus informativ werden wir im Geschwindschritt von der Familie im Koran ("eingefrorene Befreiung") über den "Tod als Familienkitt" bei den Toraja, das Fortbestehen des Samurai-Ideals in der japanischen Warenwelt bis zur postmodernen Patchworkfamilie geführt. "Alle haben sie ihre Vor- und Nachteile." Wenn das kein weiser Schluß ist! "Unsere Lebens-Art ist nun so simpel geworden, und alle unsere Gebräuche so wenig mystisch, unsere Städte sind meist so klein ... alles ist sich so einfältig treu", meinte Lichtenberg 1779, dass ein Romanautor es schwer habe, einen rechten Knoten zu knüpfen.

Das sah ein Jahrhundert später Felix Dahn aber ganz anders! In Ein Kampf um Rom, dieser Mutter aller deutschen Historienschinken, geht es wild völkerwogend und höchst männiglich zu. Sieben Bücher, sieben Mannsbilder von Theoderich bis Teja. Dafür darf eine Frau die Eroberung Italiens begründen: weil das Volk der Ostgoten einfach "besser war und stärker". Hier herrscht noch Darwin im Gründerglanz und wenn zwar die Ostgoten dann doch ziemlich nachhaltig abtreten müssen, so ist am Ende rechtzeitig Harald aus dem Geschlecht des "Hammergottes" da: "dem Nordvolk gehört die Welt!" 1859 in München begonnen, in Ravenna weitergeführt und 1876 in Königsberg beendet - was der Geschichtsprofessor als Nachweis dichterischen Ringens anführte, das ließ den völkischen Literarhistoriker Josef Nadler mäkeln, der Roman "hätte Heroldruf sein sollen, kam aber als Nachhall". Doch wie hallte er in den deutschen Bürgerköpfen! Generation für Generation berauschte sich am Vielgetümmel. Und auch jetzt, wo seine Großhänschenphantsien keinen Knaben mehr zum Schwertkampf locken, bleibt er doch immer noch ein schmökerischer Ohrenwärmer!


Simone Dietz: Die Kunst des Lügens. Eine sprachliche Fähigkeit und ihr moralischer Wert. Rowohlt 55652 9,90 E

Michael Stolleis: Der menschenfreundliche Ton. Zwei Dutzend Geschichten von Johann Peter Hebel mit kleinem Kommentar, Insel, s14,90 E

Georg Christoph Lichtenberg: Aphorismen und andere Sudeleien, Reclam Stuttgart, 12,90 E

Das Ma´assebuch. Altjiddische Erzählkunst, dtv13143, 14,50 E

Wolf Wagner: Familienkultur, eva wissen 3000, 8,60 E

Felix Dahn: Ein Kampf um Rom, dtv20678, 12,50 E


00:00 09.04.2004

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