Alles Große ist ein Trotz

Alltag Manche Menschen sind zu lang für diese Welt

Sie nennen sich "Giraffe", "Talratte", "Adler" oder "Goliath2m", wenn sie chatten. Sie treffen sich im Netz, auf eigenen Seiten wie www.langes-forum.de, www.klub-der-grossen.de oder www.grosseleute.de, um zu flirten, Tipps auszutauschen oder andern Mut zu machen. Sie erzählen offen, was ihnen früher peinlich war, zum Beispiel mit 15 ausgewachsen sein, als Mädchen, 1,91 Meter groß - zur Zeit der ersten Tanzkurse überhaupt nicht witzig. "Da ich alle Jungs bei weitem überragt habe, habe ich mir das lieber verkniffen", schreibt "Kleeene74 aus Krefeld". "Damals stand ich noch nicht so drüber, wie ich das heute tue. Also, an alle jungen Großen: Macht Euch nichts aus blöden Sprüchen - die sind nur neidisch!"

Etwa 1,6 Millionen Deutsche sind hochwüchsig: manche würden Brigitte Nielsen (1,85 Meter), Claudia Schiffer (1,80 Meter) oder Liv Tyler (1,78 Meter) locker überragen, einige auch Vitali Klitschko (2,02 Meter), Hulk Hogan (2,01 Meter), Bremens Bürgermeister Dr. Henning Scherf (2,04 Meter) oder Basketballstar Dirk Nowitzki (2,13 Meter). Viele sind weniger berühmt - und auch nicht jede Minute ihres Lebens im XXL-Format ist riesig.

Häufig ist alles, was sie brauchen, zu eng, zu kurz, zu niedrig: Badewannen, Küchenzeilen, Autositze, Inliner, Schlafsäcke, Bettlaken. "Ich wünschte oft, ich wär zehn Zentimeter kleiner", sagt Monika Witterhold aus Frankfurt. "1,80 Meter wär ideal." Als Vierjährige wurde sie von einem Arzt ermahnt, weil sie noch nicht lesen konnte, in der Pubertät war sie die Größte in der Klasse, die Suche nach einem Freund schwierig. Sie war nie der Frauchentyp, der Beschützerinstinkte weckt. Klein, zierlich, weiblich, schwach - Fehlanzeige. Und nicht nur das: Groß zu sein, kostet auch. Vieles muss extra angefertigt werden. Die meisten Alltagsdinge sind nicht für Hochgewachsene gemacht: Sie rammen sich an Duschköpfen, falten sich im Kino oder im Flugzeug in Sitzreihen, brauchen warme Wollsocken, weil Hotelbetten zu kurz sind, oder ein Doppelbett, erst in der Diagonale passt es.

"Alles Große ist ein Trotz", schrieb Thomas Mann. Manchmal braucht es Verbündete, Gleichgesinnte oder besser gesagt: -gewachsene. 3.500 Menschen gehören dem Klub der langen Menschen an, dem ältesten deutschen Verband Großwüchsiger. Frauen müssen mindestens 1,80 Meter, Männer 1,90 Meter sein, um aufgenommen zu werden. Der Klub gibt seit Jahren den Langen Katalog heraus - eine Liste von 200 Firmen, die Übergrößen anbieten, Mode, Möbel, Schuhe, Fahrräder, Hotels mit überlangen Betten. Alle Exemplare sind in diesem Jahr vergriffen, eine Neuauflage schwierig. Händler haben kaum Interesse, und Große keine große Lobby. Sie müssen sich selbst helfen, und immer mit Irrwitzigem rechnen, mit Schwerbehindertausweisen zum Beispiel. Mitglieder des Klubs der langen Menschen in Berlin haben das abgelehnt, erklärt Leiter Martin Spröde: "Wir sind ja nicht krank, nur lang."

Eigentlich liegen auffällig große Menschen im Trend: Die Deutschen werden immer länger. Im Schnitt wird ein Mann heute 1,80 Meter, eine Frau 1,68 Meter - das sind inzwischen 18 Zentimeter mehr als vor 100 Jahren. Eigentlich ein gutes Zeichen: Die Durchschnitts-Körperlänge verrät viel über den Zustand einer Gesellschaft. Amerikaner zum Beispiel schrumpfen, Ostdeutsche dagegen wachsen, schon zehn Jahre nach der Wende sind 19-jährige Ost-Rekruten so groß wie West-Rekruten. Japaner holen auf, auch Südeuropäer, und die Holländer, einst das kleinste Volk Europas, gehören heute zu den Riesen der Welt. 1,82 Meter misst der niederländische Durchschnittsmann - etwas größer unsere Steinzeit-Ahnen, mit 179 Zentimetern wahre Hünen, zeigen Knochenfunde. Offenbar, vermuten Forscher, gab es vor 16.000 Jahren unter den Jägern und Sammlern in der dünn besiedelten Landschaft für alle genug Nahrung. "Je gesünder ein Gemeinwesen", lautet jedenfalls die These des Münchner Wirtschaftshistorikers John Komlos, "umso größer die darin lebenden Menschen." Nimmt man Körpergröße wie er als Wohlstandsindikator an, wird klar: In guten Zeiten wächst die Bevölkerung, in Krisenzeiten wird sie wieder kleiner.


Groß zu sein, mag als Kind lästig sein, für Erwachsene hat es nicht nur Nachteile. Körpergröße ist ein Karrierefaktor. In der amerikanischen Geschichte etwa waren nur sieben Präsidenten kleiner als der Durchschnitt der männlichen Bevölkerung. Natürlich ist das kein Automatismus: Alexander der Große war ein Zwerg, Napoleon winzig und Marlene Dietrich ein "Laufmeter". Trotzdem machen allein beim Gehalt 2,5 Zentimeter Größenunterschied im Jahr immerhin ein Plus von 700 Euro aus, wiesen kalifornische Wissenschaftler nach. Dazu kommt: Frauen lieben große Männer. Jedenfalls lautet das Ergebnis einer Studie des französischen Institut National de la Statistique et des Études (INSEE): Männer, die nicht über 1,70 Meter sind, finden messbar später eine feste Partnerin. Große Männer - wie Harald Schmidt mit 1,94 Meter - haben außerdem durchschnittlich mehr Diplome und dringen in der freien Wirtschaft leichter in die Chefetagen vor. Nach Ansicht der Soziologen finden Frauen Männer über 1,80 Meter deshalb attraktiver, weil sie nach "größerem gesellschaftlichen Erfolg aussehen", erklärte die Zeitschrift Amica und verkündete: "Riesen sind in."

Bei Frauen gilt das Gegenteil. Wird Größe bei Männern noch mit Stärke, Dominanz, Risikobereitschaft, Durchsetzungsfähigkeit gleichgesetzt, wirkt sie bei Frauen über 1,85 Meter störend. "Je größer die Frau, desto kleiner in den Augen anderer ihre körperliche Fitness, ihre Antriebsstärke, ihre Attraktivität, desto größer ihre Hemmung", schreibt Dominik Hoenisch in der Diplomarbeit über Selbst- und Fremdbild hochwüchsiger Menschen. Sich selbst beschrieben große Frauen dagegen als antriebsstärker, sozial attraktiver, geselliger, geschickter und glücklicher, als weniger aggressiv. Wer wegen seiner Größe auffällt, als Mann oder Frau, kann sich Imponiergehabe sparen, steht aber auch immer unter Erwartungsdruck. Stark sein zu müssen, ohne es zu sein, kann belasten.


"Wer groß ist, kann nicht in der Menge untergehen", sagt René Mignon aus Wuppertal, der 2,08 Meter misst. "Das kann je nach Gemütslage positiv oder negativ sein." Der 31-Jährige hat das Internetportal www.grosseleute.de gestartet und im November im Kölner Wartesaal die zweite "Große-Leute-Party" organisiert. Zum Gipfeltreffen der Großen im Disco-Gewölbe kamen 800 Menschen aus ganz Deutschland, Holland, Österreich und der Schweiz an den Rhein, tanzten, flirteten und genossen vor allem eins: Gespräche auf Augenhöhe.

"Ich hab mich noch nie so klein gefühlt", sagt eine blonde Frau im schwarzen Paillettenkleid auf der Tanzfläche. "Dabei bin ich schon 1,80 Meter. Mein Sohn ist noch größer, zwei Meter. Der würde nie hier hergehen, das wäre ihm zu peinlich." Auffallen würde er nicht. Wenn einige Nachtschwärmer stehen, reicht ihnen die Theke bis zum Oberschenkel, beim Durchgehen unter den Deckenpfeilern müssen sie sich bücken. Viele Große sitzen, unauffällig, am Rand, beobachten, warten ab. "Ich bin hier, weil ich viele aus dem Klub der langen Menschen schon kenne und mich freue, sie wieder zu sehen", sagt ein 40-jähriger Jurist aus Erlangen. "Aber wenn sich was ergibt, warum nicht? Ich bin auch nur ein Mann."

Auf einer Videowand flimmern Rekordzahlen: der höchste Berg, der höchste Baum, der größte Cocktail, der größte Canyon, der größte Alkoholkonsum. Einige tragen T-Shirts, auf denen "Dem Himmel so nah" oder "Großartig, aber nicht immer artig" steht. Wer sich als Frau mit 1,74 Meter durch die Menschenschluchten kämpft, hört von oben ein Belustigt-Anzügliches: "So klein ist die doch gar nicht!" Selbst die Bedienung, kein Winzling, muss den Arm strecken, um die Kiste mit den Kölschgläsern über die Menge zu heben. "Ich sehe Nasenlöcher - welch fremde Perspektive", staunt ein weiblicher Partygast.

Nicht für alle ist das Gipfeltreffen ein Erfolg: Eine kräftige 1,90-Frau in Leopardenshirt und langem Jeansrock steht allein am Tisch, nach zwei Stunden holt sie ihre Jacke von der Garderobe, wirkt unschlüssig, müde, enttäuscht. Andere stellen stolz sich den Fernsehteams, ins Rampenlicht, vor die Messlatte, auf der sie 2,20 Meter erreichen. Ein RTL-Mitarbeiter flüstert seinem Kameramann zu: "Mach einen Schuss von unten nach oben!" und grinst vielsagend - Profis am Werk. Eine junge, ranke Blonde mit Psychedelic-Oberteil und Jeans posiert vor der Linse. Der RTLer strahlt und braucht nur noch einen O-Ton der Veranstalter: "Wer von Euch will denn?", fragt er jovial. "Wer kann denn reden?" Dann noch ein paar Bilder sammeln: Kleine Leute müssen große umarmen, Gruppenbilder, Attraktionen her.

Der DJ legt Brit-Rap der Neunziger auf, Connected von den Stereo MCs. Lange Oberkörper, Arme und Beine zucken im roten und blauen Licht des Saals. "Hast Du keine Angst?", fragt eine große Dunkelhaarige einen blonden Bremer, einen Kopf kleiner als sie. "Doch", sagt er, "aber ich habe Angst, sie zu zeigen!" Mit 175 Zentimetern gehört er zu den Kleinsten des Abends. Viermal wird er noch angesprochen, von größeren Frauen, ironisch direkt: "Willst Du einen One-Night-Stand?" Zwergen-Bonus, sagt er und grinst: "Das ist der ultimative Aufreißtipp für kleine Männer: Große-Leute-Parties."

Andere kleinere Männer stehen am Eingang, oben auf der Treppe, oder sind auf schwarzen Boxen neben der Tanzfläche gestiegen, lassen ihr Hemd zu It´s raining men wild über der Menge kreisen - in der Nacht, die den Party-Riesen gehört. Manche Stammgäste überrascht das Motto des Abends. Sie kauern an der Theke, die Hand um eine Kölschstange geklammert, oder haben sich fassungslos an eine Wand gequetscht. "Warum bist du eigentlich hier?" will die dunkelhaarige Frau immer noch vom kleinen Bremer wissen. "Das ist kein Zufall", flüstert er, "ich habe einen sehr großen Schwanz." Sie lacht aufrichtig und schiebt sich weiter ins Gedränge.

Die nächste "riesige Discoparty für lange Menschen" ist am 12. März, wieder in Köln, im Alten Wartesaal. Bis dahin jedenfalls, schreibt Udo, ein Zweimeter-Mann, den Veranstaltern ins virtuelle Gästebuch, bleibt er zu Haus: "Keinen Bock mehr auf Erdnuckel!"


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 03.12.2004

Ausgabe 39/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare