Alles ist provisorisch

Dichterstimme Zum Tod des Schriftstellers Wolfgang Hilbig (1941-2007)

Wenn ich gewusst hätte, dass er so gute Texte liest, wäre ich nicht baden gegangen, sagt der Lyriker Andreas Reimann heute. Er erinnert sich dabei an die legendäre "Motorbootlesung" im Juni 1968 auf einem Leipziger Tagebausee. Eingeladen von Siegmar Faust zu einem Solidaritätsabend mit dem Prager Frühling waren außer Andreas Reimann und einigen wenigen anderen auch Gert Neumann und Wolfgang Hilbig erschienen. Der Anlass verlangte Konspiration und die bot eine improvisierte Schiffsfahrt, bei der mit Einbruch der Dunkelheit Literatur gelesen wurde.

Andreas Reimann - wie gesagt - ging baden und ärgerte sich später, bei Wolfgang Hilbigs Lesung nicht anwesend gewesen zu sein, sondern schwimmend im Wasser. Man kannte sich flüchtig, wusste von Hilbig und Neumann aus dem Zirkel Schreibender Arbeiter bei einem Zirkelleiter, von dem nicht viel zu halten war. Hilbig versuchte das Lehrerdefizit auszugleichen und setzte sich bei Gelegenheit der Leipziger Buchmessen an die Stände von West-Verlagen, wo er Gedichte abschrieb, die ihn interessierten: von Celan, Barlach, Verlaine. Vor allem von den französischen Modernen, von Baudelaire und Verlaine. Später sagte er, als ich ihn auf den Ton seiner ersten Gedichte ansprach: Ja, ihre Gedichte habe ich gesucht.

Geboren wurde Hilbig 1941 im sächsischen Bergbaustädtchen Meuselwitz, das heute zu Thüringen gehört. Den Länderwechsel seiner Geburtsstadt kommentierte Hilbig mit dem Satz: "Alles ist provisorisch". Nach Meuselwitz kam sein Vater aus dem Krieg nicht zurück, schlief er noch bis zu seinem zwölften Jahr zusammen mit seiner Mutter in einem Bett, wurde zuerst Bohrwerksdreher, dann Heizer. Eine Beschäftigung, die - wenn das Feuer im Kessel faucht - Pausen lässt. Zum Lesen, zum Schreiben. Seit Anfang der sechziger Jahre entstanden Gedichte, kleine Prosastücke. Irgendwann in den Sechzigern hat er ein gut Teil davon vernichtet und später gelegentlich Anfänge, Entwürfe, erste Skizzen davon unter seinen Papieren gefunden.

Er hätte ein Bilderbuch-Schriftsteller sein können für die DDR, ein schreibender Arbeiter, der er war, aber die Literaturzuständigen der Partei konnten mit seinen Versen nichts, aber auch gar nichts anfangen: "laßt mich ein wenig/noch sterben/lasst mich auf dem stuhl sitzen/senken in den nacken den kopf/den mund die augen steil öffnen/schlaff die arme hängen lassen/in die augen mir fallen/lassen das licht der lampe dann/auslöschen." Die Arbeit sollte doch sein ein Vergnügen und kein Grund, dass der Staat der Arbeiter ihm erlaubte: "lasst mich sterben ach/gönnt mir dass ich/nicht vergess - - ".

Das Gedicht bitte ist einer von Hilbigs ersten Texte, vor denen man heute den Atem anhält und auch morgen anhalten wird, weil darin das gewohnte Bild der Wirklichkeit zur Seite geschoben ist, weil der Dichter nach ihrem Schatten greifen will, nach dem, was bei der Begegnung mit ihr für Hilbig immer wieder als Irritation folgte. Irritation aus der für sein Leben nichts anderes als Improvisation folgen konnte. Das Sichtbare ist doch nur die Spitze eines Eisbergs, ungeheurer ist die Welt nicht zu sehen.

Das frühe Gedicht eröffnete das eine Buch, dass das Literaturamt seiner einzigartigen Dichterstimme gönnte - den 1983 im Leipziger Reclam-Verlag mit Lyrik und Prosa erschienenen Band Stimme Stimme. Mehr erlaubte sie ihm, den sie aus Dummheit in Kunstdingen verkannte (oder nur zu gut erkannte?), nicht. Zwei Jahre später verließ er Meuselwitz und die DDR.

Zu dieser Publikation kam es auch nur, weil der ältere Dichter-Kollege Franz Fühmann sich für ihn eingesetzt hatte (wie für so viele junge Dichterstimmen). Fühmann hatte bereits für Hilbigs erste Veröffentlichung gesorgt: acht Gedichte in der Zeitschrift Sinn und Form, und es gedeichselt, dass Hilbig eine Steuernummer erhielt, um nicht wegen Asozialität belangt zu werden, was die DDR mit Künstlern, die sie nicht als Künstler haben wollte, gern tat. Hilbig besuchte Fühmann oft in Märkisch-Buchholz, um dem Mentor seine neuen Texte zu zeigen. Dazu reiste er aus Sachsen an, brauchte für die Anreise ein Vielfaches der Zeit, die der Meister ihm einräumte: genau sechzig Minuten, dann beendete der die Sprechstunde. Hilbig erinnerte es später noch schmunzelnd. Er konnte sich schon bald nach dem allerersten Anfang seines Schreibens nicht gegen das Schreiben wehren. Er musste schreiben und wusste früh, dass er nicht würde sagen können, was er sagen wollte. Ein Satz von ihm, schon vor seinem dreißigsten Jahr ausgesprochen, um sich aus Respekt einen Scheiternden zu nennen, der ihn aber zu diesem Zeitpunkt bereits als Dichter bezeugt.

Die erste Lesung des jungen Dichters fand also in Solidarität zum Prager Frühling aus konspirativen Gründen auf einem Tagebausee bei Leipzig statt. Er selbst erinnerte später eine andere Lesung als seine erste. 1978 las er Gedichte im Kulturmagazin Transit des Hessischen Rundfunks. Seine Lesestimme, die immer etwas stockte, gar abzubrechen drohte, und seine Stimme in den Gedichten fielen auf. 1979 brachte der Frankfurter S. Fischer Verlag den ersten Band mit Gedichten von ihm heraus, unter Umgehung der Genehmigung des Urheberrechtsbüros in der DDR. Damit wurde sein Schriftstellerleben in der DDR, das diese sich weigerte, ihm anzuerkennen, endgültig zum Provisorium. Und als Hilbig 1985 in Westdeutschland ein Stipendium angeboten erhielt und er es von der DDR aus nicht annehmen durfte, beantragte er das Visum. Für ein Jahr, sagte er, und es wurden zehn.

Wie Hilbig als Dichter organisiert war, wurde es keine leichte Zeit. Schreibkrise und Alkohol rang er seine Bücher ab: vor allem die Romane Ich (1993) und Das Provisorium (2000). Der eine Roman wird gern als "Stasi-Roman" bezeichnet, der andere als Hilbigs Kapitalismus-Kritik. Beide Deutungen gingen an seinem Literaturverständnis vorbei. Wolfgang Hilbig wollte nie moralisch schreiben. Ihm war aufgefallen, dass Schriftsteller und Stasi-Informanten etwas Ähnliches taten: sie observierten und erfanden. Hilbig sagte selbst, dass er die Stasi-Debatte unterlaufen wollte und sich in seinem Roman Ich das Rätselhafte dieser Behörde zu erklären versuchte: "Was heißt hier nie! sagte der Mann auf dem unteren Treppenabsatz unnötig laut. Glauben Sie wirklich, wir könnten Ihnen das Kind nicht beweisen? Das können wir, selbst wenn Sie in Ihrem Leben noch nie eine Frau niedergemacht haben ...". Hilbig beschrieb damit ganz genau, wie das Ich zerstört wurde. Er beschrieb es, wie es Kafka getan hatte. Man kommt - über Wolfgang Hilbigs große Literatur nachdenkend - an einem Vergleich mit Kafka nicht vorbei und möchte behaupten, dass Hilbig ihn als einziger, dem dieser Vergleich angetan wird, besteht.

Der Roman Das Provisorium, der eigentlich Das Visum heißen sein sollte (aber der Titel war schon für einen Roman von Isaak Singer geschützt), ist von ihm nicht als Kritik am Kapitalismus verfasst. Hilbig entzog sich, wenn es ging, Ost-West-Vergleichen. Dass er es einmal tat, ist in dem Satz von ihm überliefert: "In der DDR sollte ich kein Schriftsteller sein und war einer - im Westen sollte ich ein Schriftsteller sein und war keiner." Die Wahrheit dieses Satzes dachte er sich verbürgt von seinen Krisen. Dem Eintauchen in das westdeutsche Leben in Hilbigs erstem Jahr 1985 folgte die Verunsicherung, die zu Schreibblockade und Alkoholabstürzen führte. Beides deutliche Anzeichen des Provisoriums, als das er sein Leben in Nürnberg nicht weniger empfand als in Meuselwitz. In allem erkannte er die Spitze des Eisbergs.

Das Provisorium seiner Dichter- wie Menschen-Existenz erlebte er nicht in den Fußgängerzonen vor den Kaufhäusern, sondern weil er in der Liebe scheiterte. Davon musste er im Provisorium erzählen - sagte Hilbig einmal: Von meinem Scheitern in der Liebe. Als ihm die Literaturkritik über seinen letzten Roman schrieb, er schildere darin ein "trostloses Säuferleben", erlaubte sich der Dichter in einer Radiosendung herzlich wie selten zu lachen: "So trostlos ist ein Säuferleben nicht!" - Trostlos über seinen Tod sind seine Leser.


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00:00 08.06.2007

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