„Alles kann man ändern“

Interview Der Mauerfall bot Andreas Dresen eine Lehre fürs Leben: Nichts muss so bleiben. Dinge sind formbar. Er selber gilt weiter als „ostdeutscher“ Regisseur. Stört ihn das?
„Alles kann man ändern“
Andreas Dresen wünscht sich mehr Offenheit für die Brüche in DDR-Biografie

Foto: Daniel Seiffert für der Freitag

Er sucht die kleinen Dramen, oft spielen sie in der ostdeutschen Provinz. Der Filmemacher Andreas Dresen kennt die Geschichten von Leuten, die sich nach der Wende neu erfinden mussten, die vieles verloren haben. Dresen beschäftigen gebrochene Biografien, wie die des Liedermachers Gundermann, die er im neuesten Film erzählt. Die Resonanz, die er aus Ost und West erhielt, hatte er nicht erwartet.

Jakob Augstein: Herr Dresen, in diesem Jahr, in diesem Sommer, wurde viel über die Fremdheit zwischen Ost und West geredet. Über die Frage, wie einig das Land ist oder sein soll. Was noch fehlt. Und in diesem Jahr ist auch der beste Spielfilm erschienen, den ich je über die DDR gesehen habe: „Gundermann“.

Andreas Dresen: Vielen Dank.

Das Wort „Einheit“ – bedeutet Ihnen das was? Ist es wichtig, dass man einig ist?

Man kann ja auch im Streit einig sein. Einigkeit heißt ja nicht, dass immer alle einer Meinung sein müssen, wenn sie zusammenleben. Man kann auch die Meinungen austauschen, die Klingen kreuzen, das gehört zur Demokratie.

Es gibt Leute, die so uneinig sind, dass sie sich trennen.

Ja, wer weiß? Vielleicht will Bayern eines Tages eigene Wege gehen ...

Im Moment sieht es eher nach Sachsen aus. Die Wiedervereinigung war ein Beitritt – keine Vereinigung. So steht es im Einigungsvertrag. Ist das der Geburtsfehler der Konstruktion, in der wir uns jetzt befinden?

Ja. Aber gab es eine Alternative? Die Zeit ist damals so gerast. Ich hätte mir gewünscht, dass wir mehr Ruhe gehabt hätten. Es gab damals die Illusion, vor allen bei den Linksintellektuellen im Osten, wir könnten wenigstens für eine gewisse Zeit eine Konföderation machen, eine Art Staatenbund, in dem wir uns langsam annähern. Das hielt ich für eine gute Idee. Aber der Druck der Leute auf der Straße in Richtung Westgeld und Wiedervereinigung war zu stark. Ich erinnere mich an den Herbst 89. Ich war mit ein paar Studenten bei der Dokumentarfilmwoche in Leipzig. Wir haben dort Filme gezeigt. Es war schon nach dem Mauerfall. Da waren Hunderttausende auf der Straße. Die riefen schon damals nicht mehr: „Wir sind das Volk“, sondern: „Wir sind ein Volk.“ Wir haben also eine Gegendemonstration organisiert, gegen die Wiedervereinigung und für die Konföderation. Wir waren 30 – und so viele blieben wir auch. Wir hatten ehrlich gesagt Glück, da mit heiler Haut rausgekommen zu sein. Also, die meisten Leute wollten damals nicht länger warten.

Zur Person

Andreas Dresen, 1963 in Gera geboren und in Schwerin aufgewachsen, dreht seit 1992 Filme. Er ist mehrfach preisgekrönt (u. a. für Nachtgestalten , Sommer vorm Balkon und Wolke 9 ). Er ist Verfassungsrichter in Brandenburg

In diesem Sommer haben viele Leute aus Westdeutschland nach Osten geguckt und gesagt, dass sie nicht verstehen, was da läuft. Können Sie dieses westdeutsche Unverständnis nachempfinden?

Ja. Ich bin selbst befremdet, aber man muss eben tiefer gucken und darf sich nicht nur über die rechten Horden aufregen. Sonst spitzt man die Dinge nur zu und versteht sie doch nicht.

Was haben wir in Chemnitz gesehen? Wirkt da die DDR nach oder die Wende?

Auch, aber man muss vorsichtig sein mit schnellen Urteilen. Ich war in den letzten Monaten nicht in Chemnitz. Kurz davor war es ja noch Cottbus. Viele Leute im Osten sind verunsichert, manche verletzt. Ich musste an den September 89 denken, da gab es eine Studentenvollversammlung an der Filmhochschule in Babelsberg. Der damalige Rektor Lothar Bisky stellte sich vor die Studenten und sagte: „Es kommen schwierige und bewegte Zeiten auf uns zu. Und ich stehe hier, weil ich diese Schule nur durch diese Zeit leiten kann, wenn ich euer Vertrauen habe. Deswegen stelle ich hiermit die Vertrauensfrage. Ich gehe jetzt raus und ihr könnt euch das überlegen.“ Er hat das Vertrauen der Studenten bekommen. Für mich war das die erste echte Erfahrung von Demokratie. Was für ein mutiger Schritt für einen Rektor in der DDR. In den 90er Jahren kandidierte Bisky dann als Vizepräsident für den Deutschen Bundestag, für die damalige PDS. Es gab drei Wahlgänge, aber er wurde nicht gewählt – weil einer, der in der DDR Genosse war und eine Filmhochschule leiten durfte, eben ein engstirniger Stalinist sein musste. Das hat mich so wütend gemacht damals! Aber so einseitig und undifferenziert haben viele im Westen auf den Osten geblickt.

Aus westlicher Sicht sieht es so aus, als ob da im Osten einfach lauter Nazis sind.

Ich glaube, mit solch schnellen Zuschreibungen macht man die Leute erst zu Nazis. Die Demokratie sollte widerstrebende Meinungen aushalten. Vielleicht ist die AfD auch deshalb so stark geworden, weil die anderen Parteien alle in der Mitte zusammengerutscht sind und die Leute die rechte Komplementärfarbe, die früher die CDU noch abgedeckt hat, nicht mehr so richtig finden …

Da wäre es mir deutlich lieber gewesen, die hätten alle die Linkspartei gewählt.

Ja, mir auch. Die Linkspartei wurde aber auch jahrelang mit der Rote-Socken-Kampagne verteufelt. Jetzt sitzt sie mit in den Regierungen. Das wünsche ich mir für die AfD weiß Gott nicht. Aber sie wird mit solchen vereinfachten Zuschreibungen immer größer gemacht.

Die gefühlte Ewigkeit hielt 28 Jahre

Foto: Andreas Muhs/Ostkreuz

Sie waren 26, als die Mauer fiel, 27 bei der Wiedervereinigung.

Ich hatte ziemliches Glück, dass ich genau zu dieser Zeit mein Studium beendet hatte. Es gab Anfang der 1990er Jahre im Westen eine gewisse Neugier auf den gut ausgebildeten Nachwuchs aus Babelsberg. In dieser Zeit konnte ich auf dem sogenannten freien Markt schnell Partner finden. Vielen Kollegen aus der damaligen DEFA erging es da anders. Dabei sind mindestens zwei Generationen von Regisseuren über die Klinge gesprungen.

Was haben Sie am 9. November gemacht?

Geschlafen. Ich habe zwar auf meinem winzigen Junost-Fernseher das Interview von Schabowski gesehen, aber gar nicht verstanden, worum es ging.

Sie sind ins Bett gegangen?

Allerdings. Aber am nächsten Tag bin ich dann auch rüber. Meine größte Sorge war, dass ich nicht wieder zurück in die DDR darf. Der Grenzer musste mir fünf Mal versprechen, dass er mich wieder reinlässt. Dann sind wir zum Brandenburger Tor gegangen und haben es uns von der anderen Seite angesehen. Ich hatte nicht damit gerechnet, das mal zu erleben.

Aber Ihr Vater war doch drüben? Er ist ja in den Westen gegangen wegen Biermann.

Ja. Aber die Mauer hatte was Ewiges. Ich stand da mit den ganzen Leuten, die vor Begeisterung alle „Wahnsinn“ schrien – sie meinten damit, jetzt hier sein zu können. Und ich dachte: Ja, aber der Wahnsinn ist doch, dass ich bis jetzt nicht hier stehen durfte. Und plötzlich drehte sich alles vom Kopf auf die Füße. Und das trage ich in mir. Ich werde mir von keinem System der Welt mehr sagen lassen, dass Zustände gottgegeben sind. Man kann sie ändern, wenn sie einem nicht passen.

Es gibt eine Gedenkstätten-Konzeption, hochoffiziell. Da steht drin, dass das offizielle Erinnern an die DDR den „menschenverachtenden Charakter der kommunistischen Diktatur in der SBZ/DDR“ vermitteln soll, wobei zugleich einer „Verklärung und Verharmlosung der SED-Diktatur und jeder Ostalgie entschieden entgegenzuwirken“ sei. Das ist die bundesrepublikanische Weisung, wie wir gefälligst die DDR zu erinnern haben.

Das lehne ich ab.

„Gundermann“ ist der vielleicht beste Film, der je über die DDR gedreht wurde

Foto: dpk/ Bundesstiftung Aufarbeitung/ Günter Bersch

Ihr Film „Gundermann“ zeigt eine fröhliche, lebendige, bunte DDR, die sich – bis auf Themen, über die wir noch reden werden – von der BRD in ähnlichen sozialen Milieus kaum unterscheidet.

Ja, warum sollte sie auch? Hoyerswerda, die Stadt, aus der Gundermann kam, die Stadt, in der er in den 70er Jahren und in den 80er Jahren gelebt hat, war eine ganz junge Stadt. Damals wurden die vielen Neubauten hochgezogen, die waren nicht schön. Aber die Leute waren froh, eine Wohnung mit Zentralheizung zu haben. Das war eine unglaublich geburtenfreudige Stadt, unendlich viele Kinder. Es heißt immer, der Osten sei grau gewesen. Aber wir haben das damals nicht so empfunden. Die 70er Jahre gab es stilistisch im Osten ja auch, die waren entsprechend knallig. Selbst in der konspirativen Wohnung unseres Führungsoffiziers hört man draußen die Kinder schreien im Film. Auch ein System des Verrats ist eingebettet in Leben.

Muss man Filmemacher aus der DDR sein, um das so zu sehen, oder ist das eine Frage des historischen Abstands?

Das können auch Westkollegen. Man kann als Künstler über alles erzählen. Das ist eine Frage der differenzierten Sicht auf Umstände und Menschen.

Ist Selbstverleugnung eine Grunderfahrung von Ostdeutschen seit 1990?

Nein. Ich würde eher sagen: Selbstbehauptung. Dass man versucht, sich gegen Klischees zu stemmen. Ich kann das nur von mir sagen: Ich bin immer der ostdeutsche Regisseur. Das wird immer dazugesagt. Niemand würde bei Christian Petzold sagen: der westdeutsche Regisseur. Ich stecke in einer Schublade. Das stört mich nicht, ich bin stolz darauf. Aber Leuten, die nicht in solch einer privilegierten Situation sind wie ich, kann das auf die Füße fallen. Die haben häufig das Gefühl, sie müssten sich für ihr Leben in der DDR rechtfertigen.

Wäre Ihnen Gundermann sympathisch gewesen, wenn Sie ihn kennengelernt hätten? Ich weiß, Sie haben ihn einmal auf der Bühne gesehen.

Er war eine ordentliche Nervensäge. Das weiß ich von vielen, die ihn sehr gut kannten. Aber ohne Nervensägen geht die Welt eben auch nicht weiter. Ich hätte Gundermann gemocht, denke ich.

War Gundermann ein guter Dichter und Musiker?

Er war ein wirklich toller Dichter. Man hat immer gemerkt, wo er herkam. Er war ja nicht aus Spaß Baggerfahrer, oder als irgendwie sozialromantisches Experiment. Das war sein Beruf. Also, der raue Boden des Tagebaus, die Füße im Schlamm, den Kopf in den Wolken – eine geerdete Poesie, das war Gundermann. Er hatte immer ein Diktiergerät bei sich. Auf dem Bagger, im Auto. Und darauf hat er seine Ideen gesprochen. Manchmal Aphorismen, manchmal nur Tankrechnungen. Das geht kreuz und quer, über Stunden. Irgendwas hört man immer im Hintergrund, manchmal den Bagger, manchmal seine kleine Tochter. Und er spricht etwas drauf oder singt ein paar Zeilen. Wir durften das hören, und näher kann man ihm, glaube ich, nicht kommen. Da sind wir kurz vor Drehbeginn auf den schönen Satz gestoßen: „Ich gehöre zu den Verlierern. Ich habe aufs richtige Pferd gesetzt, aber es hat nicht gewonnen.“ Das ist eine Originalaufnahme von diesen Bändern. Er hatte einen guten Sinn für besondere Bilder. Sein schönes Lied Weisstunoch: „... der Garten bäumt sich auf, ein letztes Mal, wirft seine bunten Schätze, und jetzt bezahl.“ Oder: „Wir wissen, dass alles, was kommt, auch wieder geht, warum tut es dann immer wieder und immer mehr weh?“ Da geht mir schon das Herz auf. Und was die Musik angeht: Ein Kollege aus seiner Band hat mal gesagt, dass er als Musiker eher so Brot und Butter war. Aber, hat er dazu gesagt, in der Musik ist es eben nicht wie beim Sport, da kann auch der Langsamste mal Erster sein.

Sie sind mit Alexander Scheer aufgetreten und haben die Lieder mit der Ukulele gespielt. War das schwierig, hatten Sie da Angst?

Ja, das ist ja nicht mein Beruf. Ich mache das sehr gerne, aber am liebsten im Proberaum. Ich finde es toll, mit einer Band zu spielen. Das hat etwas damit zu tun, dass ich gerne mitmachen möchte. Als Regisseur ist man ja immer draußen. Ich spiele nicht, ich bediene nicht die Kamera, ich sitze die ganze Zeit da rum und entscheide, was da stattfinden darf und was nicht. Ich gucke den anderen auf die Finger. Bei der Musik ist das etwas ganz Elementares. Man macht etwas mit einer Gruppe von Menschen und spielt sich gemeinsam ein. Das kann etwas unglaublich Beglückendes und Befreiendes haben – auch wenn es sehr unvollkommen ist.

Nah am Wasserglas: Andreas Dresen (l.), Jakob Augstein

Foto: Daniel Seiffert für der Freitag

Gundermanns Frau hat gesagt, er habe den Beruf des Baggerfahrers wirklich geliebt. Der arbeitende Dichter, der dichtende Arbeiter. Das ist eine Proletkult-Romantik, die heute wie aus der Zeit gefallen wirkt.

Ich erzähle gerne von Arbeitern. Da sehen wir das Fließband vor uns, oder den Tagebau. Aber für mich gehört jemand, der im Paket-Verteilungszentrum arbeitet oder Straßenbahnfahrer ist, genauso dazu. Interessanterweise kommen die in der Medienlandschaft wenig vor. Das war in der DDR natürlich anders. Volkskunstschaffen spielte beispielsweise eine große Rolle, die Arbeiter sollten in ihrer Freizeit Möglichkeiten haben, kreativ zu sein. Ich habe auf Super-8-Filmen angefangen. Eine kleine Rolle kostete 16 DDR-Mark. Das konnte ich mir als Schüler nur sehr begrenzt leisten. Also habe ich mich einem Filmstudio angeschlossen, im damaligen Klement-Gottwald-Werk in Schwerin. Das war ein Werk, das Schiffskräne herstellte. Die hatten ein Filmstudio, wo vier Arbeiter sich einmal in der Woche trafen und Filme drehten. Die hatten einen Kühlschrank voll Filmmaterial, der mich magisch anzog.

Ihren ersten Film, „Stilles Land“, haben Sie in einem Theater gedreht.

Ja, es gab in vielen kleinen Städten der DDR hochsubventionierte Theater. Kultur sollte nicht nur etwas für das Zentrum des Landes sein, für Berlin. Es sollte sie auch in Anklam, Parchim und in Rudolstadt geben. Einige haben sich zum Glück gehalten.

Zum Leben in der DDR gehörte auch die Staatssicherheit, die in ihrem Film eine große Rolle spielt. Es gibt die Szene, da will Gundermann sich bei jemandem entschuldigen, den er bespitzelt hat. Und der sagt: „Ist ja irre, dass du kommst, ich dachte, du willst mir eine reinhauen, weil ich dich bespitzelt habe.“ Das ist absurd und komisch. Hat man Ihnen deswegen eine Verharmlosung der DDR vorgeworfen, weil Sie die Grenze zwischen Täter und Opfer verwischen?

Diese Grenze ist ja in Gundermann selbst verwischt, er hatte eine Täter- und eine Opferakte. Er gehörte einerseits zur Opposition, weil er das System scharf kritisierte, andererseits zum System, weil er durch seine Mitarbeit beim MfS half, es zu stabilisieren. Manche, die mit der Stasi zusammengearbeitet haben, dachten, sie könnten auf diese Weise Einfluss nehmen, das System von innen heraus verbessern. Gundermann dachte am Ende, die Stasi sei eine Art Beschwerde-Instanz für Probleme im Tagebau. Dabei haben die sich nicht die Bohne dafür interessiert. Die letzte Notiz der Stasi über Gundermann ist: „Der IM ist immer unzuverlässiger geworden, und seine Informationen sind nicht mehr das, was wir wollen. Wir stellen die Zusammenarbeit ein und eröffnen stattdessen mal ein paar operative Vorgänge über ihn.“

Gundermann konnte sich später nicht erinnern, oder er wollte nicht. Verstehen Sie ihn?

Ja, ich glaube, dass da ganz viel Verdrängung gelaufen ist. Ich weiß von seiner Frau Conny, dass er selber am Boden zerstört war, als er seine Akte in der Hand hielt und sie gelesen hat. Er hatte sich über sieben, acht Jahre mit der Stasi getroffen. Aber dieses Ausmaß hatte er nicht mehr im Kopf. Das hat ihn schwer mitgenommen. Es gibt viel Handschriftliches in seiner Akte. Sehr kleinteilig. Er war sehr pedantisch im Verrat. Das ist besonders unangenehm.

Sie erinnern sich bestimmt andie Biermann-Rede, in der er abrechnet mit Schnur, Böhme, Kahlau, Anderson: „Das MfS setzte seine Kreaturen überall an die Spitze der Opposition, um sie besser abbrechen zu können. Nichts von alledem wird vergessen, aber alles wird verziehen.“ Biermann fiel das Verurteilen ganz leicht. Ich habe da mehr Mühe.

Ich habe Biermann nie persönlich kennengelernt, ich will mir über ihn kein Urteil anmaßen. Aber sein moralisches Verdikt scheint auch mir sehr kurz gegriffen.

Im großartigen Drehbuch von Laila Stieler sagt Gundermann etwas, das Sascha Anderson wirklich gesagt hat: „Ich kann mich nicht selber entschuldigen, das können nur die anderen.“ Wo man entgegnen möchte: „Na gut, aber du kannst um Entschuldigung bitten.“

Ja, aber nicht vor einer großenÖffentlichkeit. Da hat man das Gefühl, vor Leuten zur Entschuldigung aufgerufen zu sein, die das gar nichts angeht. Warum soll sich ein Ostdeutscher für seine Biografie gegenüber Westdeutschen rechtfertigen? Das steht in einem anderen Kontext, und so sagt Gundermann es auch am Ende unseres Filmes. Und er sagt auch, dass er sich selbst nicht verzeihen könne. Mich hat die Szene sehr bewegt, in der er bei einem Auftritt sein Publikum informiert und es den Leuten freistellt, ob sie ihm jetzt weiter zuhören wollen oder nicht. Das hat sich genau so abgespielt, hier in der Humboldt-Uni, vor 1.ooo Leuten. Er hat es mitten während des Konzerts gemacht. Seine Band wusste vorher auch nicht darüber Bescheid. Die Leute waren wie paralysiert, wie unter Schockstarre.

Vielleicht hat er den besten Weg gefunden, sich zu entschuldigen, den man überhaupt finden konnte.

Auf seine Art, ja. Er hat den schönen Satz gesagt: „Ich habe mich mit der DDR eingelassen, ich habe eingesteckt, ich habe ausgeteilt, ich habe gelernt. Dazu bin ich ja auf der Welt.“

Es ist interessant, dass man heute einen solchen differenzierten Blick auf eine DDR-Biografie wagen darf – und damit so erfolgreich sein kann wie Sie mit Ihrem Film.

Ich habe damit ehrlich gesagt nicht gerechnet. Es scheint so, als sei da ein Bann gebrochen. Interessanterweise kommen die wenigen Vorwürfe von Leuten aus dem Osten, die gar nicht wollen, dass über einen Spitzel ein Film entsteht, oder anderen, denen da zu viel Stasi drin ist. Aber das gehört nun einmal zu Gundermann und seiner Biografie dazu. Auch Schuld ist Teil unseres Lebens.

Info

Das Gespräch fand im Rahmen des „radioeins & Freitag Salon“ im Maxim Gorki Theater statt. Das komplette Gespräch können Sie auf radioeins.de nachhören. Der nächste Salon findet im Dezember statt. Infos auf freitag.de/salon.

06:00 22.11.2018

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