Nick Reimer
28.08.2012 | 09:00 5

Alles muss raus

Resterampe Die deutsche Solarbranche liegt am Boden. Doch ihre Technologie ist spitze. Das wissen auch die Chinesen

Alles muss raus

Proteste gegen die Pläne der Regierung, Subventionen im Solarsektor zu streichen. Es geht auch um die Abwanderung von Know How und Patenten ins Ausland

Foto: Carsten Koall / AFP / Getty Images

Die CIGS-Technologie ist in der Solarwirtschaft der letzte Schrei. Statt der blau schimmernden Siliziumscheiben nutzt sie eine hauchdünne Schicht aus Kupfer, Indium, Gallium und Selen, die Sonnenlicht viel effektiver in Strom umwandelt. Die „alte“ Solarzelle wirkt gegen diese Technologie wie ein Fernsprech-Apparat neben einem Handy.

Die Firma Solibro hat diese Technologie maßgeblich mitentwickelt. Trotzdem stand sie vor dem Aus, als der Bitterfelder Mutterkonzern Q-Cells Anfang des Jahres pleiteging. Im Juni konnten die 430 Solibro-Mitarbeiter aufatmen: Die chinesische Hanergy Holding Group Limited will den Hersteller übernehmen. Doch die frohe Kunde lässt bei manchem in der Branche die Alarmglocken schrillen.

Hauptgeschäftsfeld des Pekinger Konzerns war bis dato der Bau und Betrieb von Wasserkraftwerken. Nun ist er auf Einkaufstour in Deutschland. Im Juli wurden Verhandlungen zwischen Hanergy und dem insolventen Dünnschichtspezialisten Global Solar bekannt. Die Berliner sind weltweit führend bei der Entwicklung von flexiblen Solarzellen – nach der CIGS-Dünnschichttechnologie. Spätestens als Mitarbeiter der Berliner Firma Soltecture vom Kaufinteresse der Chinesen berichteten, schwante Experten: Hanergy geht es nicht um die deutschen Firmen, sondern um Technologie.

„Über 200 Arbeitsjahre haben unsere fünfzig Ingenieure bereits in die CIS-Technologie investiert“, heißt es stolz bei Soltecture. CIS ist ebenfalls eine Dünnschichttechnologie, die eine eintausendstel Millimeter dicke Schicht aus Kupfer, Indium und Selen nutzt. Im Mai ging die Entwicklungsfirma pleite. „Wir haben in Technologie investiert und eine Spitzenstellung erreicht. Und jetzt werden wir nach China verramscht“, klagt ein Mitarbeiter. Der Fall sei ein Lehrstück über die desaströse deutsche Industriepolitik bei Solar.

Patente, echt preiswert

„Bei der Übernahme geht es nicht nur darum, unsere Position auf einem internationalen Markt zu stärken. Wir wollen zwischen den beiden Unternehmen Synergien realisieren“, erklärte Hangergy-Chef Li Hejun nach dem Solibro-Deal. Und Synergien gibt es auch mit deutschen Patenten: Warum selbst Milliarden in die Forschung stecken, wenn man in Deutschland derzeit schon für wenige Millionen auch noch die Maschinen, Fachkräfte und Vertriebsstrukturen dazu bekommt?

Beispiel Solon aus Berlin: Für knapp 3,7 Millionen Euro ging der Solarmodulproduzent im April an den Konzern Microsol aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Solon war im Herbst 2007 noch mehr als eine Milliarde Euro an der Börse wert. Beispiel Sunways vom Bodensee: Der chinesische Solarkonzern LDK übernahm den innovativen Wechselrichter- und Modulproduzenten zu Jahresbeginn. Knapp 5,8 Millionen Euro zahlte der frühere Konkurrent aus China. Beispiel Dünnschichtspezialist Inventux: Anfang August griffen südamerikanische Minenkonzerne zu.

„Dass deutsche Patente, Knowhow und Hochtechnologie verramscht werden, ist längst Realität“, urteilt Hans Thoma, Chef der Thoma-Gruppe, die in der Oberpfalz ihr Hauptgeschäft mit dem Bau von solaren Fertigungsanlagen macht. „Kurzfristig ist es natürlich herrlich, wenn angeschlagene Unternehmen einen Investor aus China finden. Doch diese sind am Marktzugang und der Technologie interessiert“, erläutert Ulrich Blum, Professor für Wirtschaftspolitik an der Universität Halle. Die Produktionsstätten und einfachen Mitarbeiter seien dagegen für die Investoren uninteressant: Der Markt leidet unter einer gigantischen Überkapazität.

Politik versagt

Das New Yorker Investmenthaus Axiomcapital hat unlängst die weltweite Produktionskapazität für Solarzellen auf jährlich 55.000 Megawatt beziffert. Dem stehe dieses Jahr jedoch nur eine Nachfrage von rund 15.000 Megawatt gegenüber. Zum Vergleich: In Deutschland sind derzeit Solaranlagen mit einer Leistung von 29 Megawatt am Netz. Deswegen erscheinen insolvente Solarfirmen für europäische Konzerne auch wenig attraktiv. Potenzielle Investoren wie BP, RWE, Siemens oder Bosch leiden selbst bereits unter ihren Erneuerbaren-Sparten.

Wirtschaftsforscher Blum warnt, dass mit den Fabriken auch die Forschung nach Asien verloren gehe. Dies sei eine grundlegende Erkenntnis aus vielen anderen Branchen: „Ohne Endfertigung wird es langfristig auch keinen Solar-Maschinenbau und keine Forschung mehr geben.“ Sein Vorwurf: Die Politik schaue tatenlos zu, wie in wenigen Monaten die deutsche Solarbranche zusammenbricht.

Umweltminister Peter Altmaier (CDU) betont, er wolle die Solarwirtschaft im Land behalten. Dies sei „ein nationales Interesse“. Die deutsche Branche müsse Solarprodukte so weiterentwickeln, dass sie sich neue Wettbewerbschancen erschließen könne: „Ich möchte, dass die deutschen Firmen weiter einen Fuß in der Tür haben und dabei sind, wenn der Kuchen verteilt wird.“ Doch Wirtschaftsforscher Blum hält die Lage der Branche bereits für dramatisch: „Die Politik muss ernsthaft über die Gründung einer Holding diskutieren, um wichtige Technologiefirmen zu erhalten“. Dafür solle eine Milliarde Euro bereitgestellt werden, mit der aus der Insolvenzmasse der Firmen die Patente herausgekauft werden können. Dies sei immer noch billiger, als die zig Milliarden abzuschreiben, die in der Forschung und Entwicklung bereits ausgegeben wurden. „Zuerst muss die Technologie gerettet werden“, sagt Blum. „Vor allem muss die Politik die Patente im Land erhalten. Die Patente sind die Voraussetzung, um einen Neustart zu versuchen.“

Längst sind es nicht nur kleine Nischenfirmen, die ins Visier ausländischer Investoren geraten, sondern sogar der ehemals weltgrößte Solarkonzern Q-Cells. Noch 2007 produzierte er jede zweite Solarzelle weltweit. Nun ist Q-Cells pleite und sucht händeringend nach einem Investor. Derzeit prüft der südkoreanische Mischkonzern Hanwha die Bücher in Bitterfeld. Die Hanwha-Gruppe gehört mit einem Umsatz von rund 27 Milliarden US-Dollar zu den größten Unternehmen Südkoreas.

Auch die Südkoreaner interessieren sich für die Patente. Gerade erst hat die Entwicklungsabteilung von Q-Cells einen Weltrekord mit neuer Technik aufgestellt: eine Solar-Zelle mit 301 Wattpeak Leistung. Q-Cells erklärte, dieser Erfolg unterstreiche den „Technologievorsprung deutscher Qualitätshersteller“ und die „Spitzenposition“ des Unternehmens in der Photovoltaikbranche. Bald aber dürfte das Unternehmen aus Sachsen-Anhalt kein deutscher Konzern mehr sein.

Nick Reimer ist Chefredakteur von klimaretter.info

 

Mehr zum Thema Ökostrom und zur Förderung der Photovoltaik lesen Sie im Artikel "Turbo-Wende von unten"

Kommentare (5)

Querdenker 28.08.2012 | 10:25

Der Kaufvertrag für Q-Cells wurde am Sonntag von Hanwha unterschrieben. Jetzt muss nur noch die Gläubigerversammlung und der Verwaltungsrat zustimmen.

http://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/uebernahme-hanwha-zahlt-250-millionen-euro-fuer-q-cells/7058718.html

Das ist einfach nicht zu begreifen: Hierzulande werden vom deutschen Staat und der Gesellschaft hunderte Milliarden Euro in marode Banken und sonstige Luftnummern in ganz Europa gepumpt, und dann kommen Chinesen und Koreaner und kaufen echte Zukunftstechnologien von strauchelnden Industrieunternehmen für ein Appel und ein Ei. Desaströse deutsche Industriepolitik ist noch ein harmloser Begriff.

Vielen Dank für den Artikel!

Zweibein 28.08.2012 | 12:01

Das Oligopol der Energiekonzerne hat kein echtes Interesse an erneuerbaren Energien. Es ist viel einfacher, alte abgeschriebene Grosskraftwerke weiterlaufen, sich von den Aktionären wegen der fetten Dividenden über den Kopf streicheln zu lassen und die Prämie zu kassieren. Innovationen, die automatisch mit Investitionen verbunden wären, sind da nur lästig. Die Energieriesen ärgern sich doch schon über die Alibiabteilungen auf dem Gebiet der erneuerbaren die sie sich halten müssen um innovativ zu erscheinen.

Jetzt hat es aber die Energielobby geschafft, der Bevölkerung einzureden, die erneuerbaren wären besonders teuer und der kleine Mann müsste dafür zahlen. Die Subventionen für Atom und Kohle wurden dabei natürlich nicht erwähnt. Darauf hat die Bundesregierung als treuer Erfüllungsgehilfe nur gewartet. Endlich kann sie die Unterstützung der erneuerbaren, der Solarindustrie an erster Stelle, radikal kürzen, ohne enen Popularitätsverlust befürchten zu müssen.Dass dabei ein Gutteil der Zukunftsfähigkeit Deutschlands verschachert wird, ist diesen Figuren egal. Für sie wird sich auch nach dem Ende der Politikerkarriere eine fette Pension oder eine Stelle in jener Industrie finden, für die sie jetzt so eifrig sorgen.

Pech hat neben der Umwelt nur der Bürger auf der Straße, der dann die Energiekonzerne mästen und für veraltete umweltschädliche Energieerzeuger weiterzahlen darf.

Anstatt Fehlanreize in der Solarförderung zu beseitigen, indem bspw. nur noch die Solarzellen mit der aktuell höchsten Ausbeute und die Forschung auf dem Gebiet unterstützt werden, schüttet die Bundesregierung bewußt und im Auftrag der Vertreter der Energiekonzerne das Kind mit dem Bade aus.

Das Ganze erinnert auch stark an die erfolgreiche Lobbyarbeit der Autoindustrie, die jegliche zukunftsweisende Entwicklung in Europa abgewürgt hat und fröhlich SUVs weiterbaut, bis die wirklich keiner mehr will. Aber dann werden sie ja durch neue Subventionen gerettet.

Sisyphos Boucher 28.08.2012 | 17:28

Ich weiß nicht, was die Aufregung soll. Kapitalismus funktioniert nunmal so. Wer es anders will, muss anders wählen, anders entscheiden, anders leben.

Die Mehrheit der Solarfirmen forscht und produziert weder aus Menschenfreundlichkeit noch wegen irgendeines ökonlogisch motivierten Weltverbesserungsideals.

Verkalkuliert? Pech gehabt!

Deutsche Forschung? Deutsche Technologien? Nun gut. Aber wieso steht die Frage erst jetzt, wenn das Kind längst in den Brunnen gefallen ist?

Auch hierzulande ist es Entwicklern und Firmen möglich, ihre Patente in genossenschaftlichen oder ähnlich ausgerichteten Formen vor Fremdprivatisierung zu schützen und zu sichern.

C'est la vie.