Alles muss raus

Dänemark Erst kam die Strukturreform, jetzt stirbt die Stadt. Stubbekøbing ist die Kehrseite des Wettbewerbsstaates

Eine schwere Wolkendecke hängt über Stubbekøbing und sorgt für Finsternis mitten am Tag, als ich nach vielen Jahren der Abwesenheit in meine Heimatstadt auf der Insel Falster zurückkehre. Unterwegs durch meine Kindheit und Jugend wird schnell sichtbar, wie gut es Technokraten im blinden Glauben an die Lehren des New Public Management gelungen ist, diese kleine Gemeinde und Gemeinschaft abzuwickeln. Wo ich in den 1980er Jahren als Kind spielte und meine Freunde traf, zeigt sich die Kehrseite des Wettbewerbsstaates anno 2018. Seit ich vor Jahren das letzte Mal hier war, haben das Postamt, der Metzger, die Goldschmiede, das Gasthaus, der Blumenladen, die zwei Bankfilialen, der Kiosk am Hafen, der Fahrradmechaniker, die Steuerverwaltung, der Spielzeugladen, der Tabakverkauf, eine Tankstelle, das Brillengeschäft, die zwei Radiohändler, der Buchladen und der Lebensmittelmarkt Brugsen kapituliert.

Wo sich die Apotheke befand, fehlen mehrere der hübschen Messingbuchstaben: .tubb.købing .potek ist alles, was übrig blieb. Hinter den amputierten Wörtern und dem großen rot-weißen Plakat mit der Telefonnummer des Maklers liegen verödete Räume. Drei Discounter, die für ihre Lebensmittel von minderer Qualität bekannt sind, haben noch geöffnet: Netto, Fakta, Aldi. Ich laufe weiter und nähere mich dem ebenfalls stillgelegten Rathaus, in dem meine Eltern 1983 heirateten. Auf der Fassade behauptet ein Zitat treuherzig: „Das Gesetz ist für alle gleich“. Aber seit 2007 die „Strukturreformen“ in Kraft getreten sind, scheint das Gesetz in eine Richtung abgebogen zu sein, die den Bewohnern Stubbekøbings nicht bekam. Der Ort wurde mit fünf anderen Kommunen zusammengeschlossen und ist seit elf Jahren Teil der Stadt Guldborgs. Entscheidungen, die Stubbekøbing betreffen, fallen nun viele Kilometer vom verlassenen Rathaus entfernt. Wie sollte es auch anders sein bei der Einwohnerzahl von bescheidenen 2.000 Menschen? Verschwindend wenig bei den 60.000 Seelen in Guldborgs.

Verödete Straßen

Seit sich Stubbekøbing in eine Geisterstadt verwandelt, sind Gemeinderat und -demokratie abgeschafft, eingespart dank der Strukturreform. Auf nationaler Ebene führte dieser Angriff auf die dänische Demokratie zu einem frappierenden Rückgang von Kommunalpolitikern, deren Zahl von 4.647 auf 2.520 sank. Wie an vielen anderen Orten half die Strukturreform, das Leben aus Stubbekøbing herauszusaugen und eine Lawine des Bankrotts auszulösen. Von implodierenden Immobilienpreisen und dem Verlust von Arbeitsplätzen ganz zu schweigen. „Die Kommunalreform hat sich für Stubbekøbing als teuer erwiesen“, untertrieb neulich der letzte Bürgermeister in einem Artikel für die Lokalzeitung.

In den verödeten Straßen gehen nur noch ein paar Secondhandläden ihren Geschäften nach. An Platz für Lagerräume, nicht zuletzt für den Online-Handel, fehlt es nicht. Im Kleiderfundus des Roten Kreuzes durchstöbern die Kunden Ständer und Körbe mit abgelegten Sachen, beraten von der 67-jährigen Bente Kok, einer pensionierten Krankenschwester, die hier einen ehrenamtlichen Dienst versieht. „Man denkt manchmal, alle hätten den Rückwärtsgang eingelegt. Es ist nicht mehr viel los“, findet Bente, als ich sie nach ihrem Eindruck von Stubbekøbing frage. Aus dem Hinterzimmer lärmt ein Radio, eine Kundin verabschiedet sich, die Tür wird zugeschlagen.

„Wenn jemand auf die Straße tritt, dann um den Hund auszuführen. Besonders für die Alten ist es schwierig bei diesem Ausverkauf benötigter Anlaufstellen. Sie müssen den Bus nach Nykøbing nehmen, wenn sie zum Arzt oder zur Bank wollen. Oder es findet sich jemand, der sie fährt. Aber wen interessiert das schon? Kein Mitglied des Stadtrats in Guldborgs kommt mehr aus Stubbekøbing.“ Bente Kok versucht, auch die Vorteile zu sehen. „Es ist leer, ruhig und friedlich. Und es ist nicht weit bis zum Meer. Sie sagt noch, ihr Umsatz steige zuverlässig, und kehrt zur Arbeit zurück.

Die Heimat wiederzusehen, lässt die Gedanken fliegen. Meine Familie ist längst weggezogen, die meisten Freunde ebenso. Ich selbst bin viel gereist, durch die Ukraine, Russland, Kasachstan, den Kaukasus – ich habe nach einer Antwort auf die Frage gesucht, warum die Sowjetunion unterging, und bin auf postsowjetische Tragödien gestoßen, die sich als faszinierender Erzählstoff erwiesen. Lange glaubte ich, der Niedergang im fernen Osten habe nichts mit der Welt meiner Herkunft zu tun. Mit jedem Schritt in Stubbekøbing wird das zur Illusion. Mir wird klar, dass sich das gescheiterte, undemokratische Experimentieren mit Gesellschaften nicht auf das 20. Jahrhundert und keineswegs auf Osteuropa begrenzen lässt.

Ich schlendere zum Hafen. Der Schatten eines Graffito, das wir vor 20 Jahren aufsprühten, liegt auf einer verwitterten Betonmauer, über der die Möwen kreisen und schreien. Verlassene Bagger stecken in großen Kieshaufen wie entseelte Ungeheurer. Der Wind schlägt ins Gesicht und treibt die Wellen gegen ein Fischerboot am Kai. Die Besatzung, zwei Männer, trinkt Kaffee im Ruderhaus, während der Regen gegen das Fenster trommelt. Auf einem dunstigen Horizont wirkt die Farø-Brücke wie ein graziler Übergang in eine andere Welt.

Im Durcheinander von Gummihandschuhen, Segeltuch und Feuerzeugen erzählt Skipper Ole Kristensen, dass er mit seinem Kutter Elly Kynde noch jeden Tag auf die Ostsee hinausfahre, um Kabeljau, Hering und Scholle zu fangen. Ihn ärgere in Stubbekøbing die Lethargie, mit der man den Niedergang einfach geschehen lasse. „Alles wirkt wie festgezurrt, wie abgestorben.“ Der 60-Jährige nimmt noch einen Schluck Kaffee und blickt auf seinen Partner, den bedeutend jüngeren Thomas Buch, als müsse der bestätigen, was gerade gesagt wurde. „Ja, es geht bergab“, gibt der von sich und zählt die Läden auf, die in den letzten Jahren schließen mussten. „Es ist nicht mehr viel übrig. Ein paar Damenfriseure, ein Baumarkt und dann diese ganzen Retro-Läden, die nichts als alte Sachen verkaufen. Da hat keiner Lust, hierherzuziehen. Und die Einheimischen hauen ab. Müssen sie ja, es gibt so gut wie keine Arbeit mehr.“

Schon als Junge sei er den Fischern zur Hand gegangen und mit ihnen zum Fang in See gestochen. Oder er habe sich beim Entladen der Boote nützlich gemacht. „Ich wollte nie etwas anderes als Fischer werden. Seit ich neun war, trieb ich mich am Hafen herum und habe die Schule geschwänzt, weil ich lieber auf einem Kutter sein wollte.“ Sollte der Skipper demnächst in Rente gehen, werde er seinen Job verlieren, meint Thomas. „Mit jedem Jahr wird es noch einmal stiller im Hafen. Von den alten Fischern, die ich kenne, werden die meisten aufhören wie Ole Kristensen. Und dann kannst du nirgends mehr anheuern ...“

Der Baumarkt ist noch da

Im Getreidesilo am Hafen wird nichts mehr eingelagert, doch bietet sich der Blick vom Dach für ein Foto an. „Dann kommen Sie doch einfach mit nach oben“, sagt Hafenmeister Henrik Andersen, holt ein Schlüsselbund hervor und schließt eine schwere Metalltür auf. Wir gehen in die Dunkelheit, hinein in den faulen Geruch von verrottetem Getreide und feuchten Ecken. Der Fahrstuhl rasselt schwerfällig nach oben und bietet gerade genug Platz für uns zwei. Die Glühbirne hat aufgegeben, stattdessen sorgt Henrik mit seinem Smartphone für blaues Licht. „Bitte nicht anlehnen, sonst riskieren wir, stecken zu bleiben.“ Mir wird es eng in der Brust, als wir auf dem Dach des Silos aussteigen. Die Wohnviertel und die teilweise vor Jahrhunderten angelegten Straßen liegen unter uns. Abhängig von Winkel und Lichteinfall hüllen sich die Ziegeldächer in ein unwirkliches, manchmal flammendes Rot. Ich sehe die Kirche, in der Frederik Magle – geboren 1977, Sohn der Stadt und heute ein geschätzter Komponist – im Alter von sieben Jahren seinen ersten Psalm vortrug. Dort hinter meiner alten Volksschule lässt sich Vænget erahnen – der Spielplatz, auf dem der ehemalige Nationalspieler Claus Jensen erste Dribblings übte. Und da unten krümmt sich Grønnegade, die Gasse, auf der Kriegsreporter Jan Stage oft in Richtung des nun geschlossenen Hafenkiosks schlenderte, um Zigaretten zu holen. Wenn er nicht gerade sein Leben bei einem der blutigen Konflikte in Indochina oder Afrika aufs Spiel setzte. Stage schätzte Stubbekøbing so sehr, dass seine Asche nun da verstreut liegt, wo sich der Kutter Elly Kynde durch die Wellen kämpft.

Henrik Andersen unterbricht den Fluss der Erinnerungen. Es stellt sich heraus, dass ich mit seinem Sohn zur Schule ging. Wir reden über gemeinsame Bekannte. Der Hafenmeister geht auf die vielen Vorzüge ein, die das Leben in Stubbekøbing aus seiner Sicht zu bieten hat. „Die Zeiten sind eben so, wie sie sind“, sagt er und macht eine resignierende Bewegung mit den Armen. „Aber ich bleibe positiv. Wir haben einen gut funktionierenden Recyclinghof. Wir haben eine Autowerkstatt, damit du immer deinen Wagen reparieren lassen kannst. Die Volksschule ist sehr gut. Brauche ich einen Nagel oder eine Glühbirne, fahre ich einfach mit dem Rad und hole sie beim Baumarkt XL-Byg, der noch standhält.“ Natürlich bleibe ihm nicht verborgen, dass stillgelegte Geschäfte einen deprimierenden Eindruck hinterlassen. „Weil die Leute woanders einkaufen gehen. Das ist leider so. Doch finden der Fußball- wie der Badmintonklub viel Zuspruch. Es ist möglich, das ganze Leben innerhalb der Ortsschilder von Stubbekøbing zu verbringen“, behauptet er, klingt aber nicht maßlos überzeugt.

Nach ihrem Arbeitstag sammeln sich viele Stubbekøbinger für ein Feierabendbier in der Kneipe Landmanden. Der Wirt serviert eine Runde Bier und Underberg nach der anderen. Der Zigarettenrauch liegt wie dicker Morgennebel in den Räumen. Es wird angestoßen und Unsinn geredet. Eine Dame mittleren Alters auf einem Barhocker lallt schon, wenn sie bestellt. Mir reicht ein Bier, bevor mich der Weg ein letztes Mal am ehemaligen Rathaus und an der Fassade mit den mehr oder minder zutreffenden Weisheiten vorbeiführt. Das Gebäude wirkt wie ein trauriges Monument und zeigt, was Karrierepolitiker und Projektmanager anrichten können, um ihrem Wettbewerbsstaat zu dienen. Ich entdecke einen weiteren Sinnspruch aus schweren, schmiedeeisernen Buchstaben auf roten Ziegeln: „Lasst die regieren, die es verstehen.“

Jens Malling ist freier Autor und hat für den Freitag aus dem Donbass berichtet

06:00 21.03.2018

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