Alles muss Rausch

Sex Explizit, aber immer empfindsam zeigt Gaspar Noé in „Love“ körperliche Liebe. Das lässt sich durchaus auch konservativ deuten
Hanna Bochmann | Ausgabe 48/2015 1

Echter Sex im Film ist keine große Sache – spätestens seit 9 Songs, Shortbus und diversen Lars-von-Trier-Erzählungen. Sexszenen sind die perfekte Metapher für Zuneigung und Verachtung, Langeweile oder Lebensfreude. Gefühle lassen sich mit ihnen nuanciert zeigen, und sie sind eine Übersteigerung der alten Liebesszene, die mit Worten und Küssen auskommt (und auskommen musste in der Zeit des Hays Code etwa), die aber seit Youporn und Tinder auf Zuschauer immer unaufrichtiger und surrealer wirkt und die Frage, ob das Gezeigte echt oder gestellt ist, hat überflüssig werden lassen.

In seinem neuesten Film Love dehnt der französisch-argentinische Filmemacher Gaspar Noé, den Einsatz von Sex zum rhetorischen Mittel aus. Nicht nur einzelne Szenen zeigen Sex, vielmerh wird die komplette Geschichte erzählt durch die Art, wie die Hauptfiguren miteinander schlafen. Sex ist das Medium, das von einer Beziehung und ihrem Scheitern berichtet und zwar explizit, detailliert und emphatisch.

Der Hintergrund: Murphy (Karl Glusman), ein Filmstudent, hat am Neujahrsmorgen eine Nachricht von der Mutter seiner Ex-Freundin Electra (Aomi Muyock) auf der Mailbox. Die Mutter vermutet, ihre Tochter könnte sich umgebracht haben, seit Monaten gab es keinen Kontakt. Statt die Stadt abzusuchen, vertreibt Murphy seine neue Freundin samt gemeinsamen Kind aus der Wohnung – und begibt sich mit Hilfe von Opium in seine Erinnerungen, um Electra dort wiederzufinden.

Zentral in Murphys persönlicher Rückschau ist die gemeinsame Intimität: der Sex, aber auch Spiel, Streit und Rausch. Die Grenze zwischen dem Sich-Ausprobieren und Sich-Verlieren ist brüchig, Beschimpfungen als Junkie und Schlampe wechseln sich mit Treueschwüren ab. Ihre rauschhafte Liebe, das ständige Verlangen nacheinander, lässt Murphy und Electra zu Eskapisten werden. Andere Menschen kommen nur noch als Eindringlinge vor: die Mutter, die für das Leben ihrer Tochter kein Verständnis hat. Der Ex-Freund, dem Murphy unterstellt, Electra noch zu begehren. Fremde Frauen, auf die Murphy sich immer wieder einlässt.

Eine Außenstehende ist schließlich auch Auslöser der Trennung: Nach einem gemeinsamen Dreier mit der Nachbarin lässt Murphy sich ein weiteres Mal auf die Frau ein und zeugt, entgegen aller Absichten, ein Kind – der Witz von Murphy’s Law wird in Love nicht ausgelassen. Für Electra ist der Seitensprung ein Vertrauensbruch, der zu ihrem Verschwinden und Murphys unglücklichem Weiterleben führt – an der Seite einer Frau, die die Falsche ist, mit einem Kind, das ihn an sie bindet.

Als hätten wir 1950

So wie sich das Verhältnis zwischen Electra und Murphy entwickelt, entwickelt sich der Sex, den sie haben. Anfangs sind es immer nur die beiden, eng umschlungen in seinem Bett, morgens nach dem Aufwachen, nach einer eskalierten Filmsession oder im Rausch aus Liebe und Alkohol. Zum Glück sorgen offen gezeigte Körper, Oralsex und das sichtbare Eindringen dafür, dass die Situationen sich nicht in den perfekten Choreografien ereignen, als die Sexszenen im Film häufig inszeniert sind – in denen zwar Bewegungen simuliert werden, Geschlecht, Schamhaare und vor allem Körperflüssigkeiten mit Hilfe von Licht, Schnitt und Bettdecken so sorgfältig vermieden werden, als hätten wir 1950; ein willkürlicher Kompromiss.

Je ratloser das Miteinander wird – die enge Bezogenheit aufeinander nimmt Electra und Murphy das Interesse an Studium und Kunst, die Verlustangst steht im Widerspruch zu den eigenen Ansprüchen –, umso experimenteller werden die Praktiken. Swinger Club und der Besuch bei einer transsexuellen Prostituierten bieten jedoch keinen Ausweg.

Diese Wendung ist es, die Love bei aller Direktheit unheimlich konservativ erscheinen lässt. Sex, der nicht mit Mann, Frau, Zweisamkeit zu tun hat, wird durch die Anordnung im Film zum destruktiven, verwirrten Gegensatz einer Bilderbuch-Heterosexualität. Natürlich ist es möglich, allein heterosexuellen Sex zu zeigen, wenn im Mittelpunkt des Films Freund und Freundin stehen. Das alternative Konzepte – Gruppensex, Dreier, geschlechtliche Uneindeutigkeit – und das Scheitern daran aber nur als Kontrastprogramm dienen, erscheint als Neuauflage der überholten Geschichte von der einzig wahren Liebe. Der scheinbar wilde Film schreibt damit die Verbindung von Liebe und Romantik als eine mit Heterosexualität verknüpfte historische Entwicklung fort.

Sex als Sprache, in der von Murphy und Electra erzählt wird, schafft keine neue Perspektive. Trotzdem gelingt Noé etwas, was er innerhalb des Films wortwörtlich ankündigen lässt: Als angehender Regisseur erzählt Murphy von seinem Wunsch, Filme über eine „empfindsame“ Sexualität zu machen, Filme, die Blut, Sperma, Tränen zeigen. Traditionell ist es sonst entweder Empfindsamkeit, die gezeigt wird (Hollywood), oder eben der Sex (San Fernando Valley). Empfindsame Sexualität ist in Love möglich, weil Noé Abstand zur konventionellen Pornografie hält.

Sein Film ist nicht pornografisch, ganz gleich, wie explizit die Darstellungen sind. Wesentlich bleibt das Personal und nicht der Versuch, den Betrachter zu erregen. Diese zuerst intuitive Einschätzung („Ich erkenne einen Porno, wenn ich ihn sehe“) teilt sogar der Bundesgerichtshof, der als pornografisch das einstuft, was als sexuelle Darstellung alle menschlichen Bezüge ausklammert. In Love geht es aber um Subjekte, um eine Beziehung, die im Sex Ausdruck findet. Statt körperliche Begierden wecken die Szenen vor allem romantische Sehnsüchte. Was nicht heißen soll, dass sie nicht beeindruckend erotisch inszeniert sind.

Info

Love Gaspar Noé F/BEL 2015, 135 Minuten

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06:00 09.12.2015

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