Alles nur eine Sehnsucht

Alltag Über Bahnhöfe und ihre Verheißungen

Ein Zug rollt ein. Augen, Münder, Arme, die ein Kind hinter sich ziehen, Kinder die zu weinen beginnen. Einen Augenblick lang sehen die Menschen entsetzt aus, wenn sie aus den Zügen steigen. Dann vergessen sie alles, halten ihre Taschen fest und lassen sich von den anderen Leibern schubsen, knuffen, rempeln, bis sie nach und nach in die Schächte der Rolltreppen geschoben werden. Wie Trichter nehmen die Röhren des neuen Berliner Hauptbahnhofes sie auf. Erst bei den gleichmäßig hinabrollenden Metallstufen kommen sie wieder zur Besinnung.

Sie sehen Glas und Stahlstreben. Stahlsäulen. Ein Gewölbe, wie ein Bahnhof es gewaltiger nicht bieten könnte. Andere hinauf- und hinunter gleitende Eisentreppen. Raum. Größe. Manche wenden sich ihrer Freundin, ihrer Frau oder ihrem Sohn zu, um Sätze zu sagen, die in der Zeitung standen: "Sie haben 321 Meter Dachkonstruktion gebaut." "Sie haben siebenhundert Millionen Euro dafür ausgegeben". Hinabfahrend kann man anderen Menschen in die Gesichter sehen, die an Geländern stehen und die Größe bewundern. Selbstvergessen lehnen sie bäuchlings über den Brüstungen, und schauen. Ihre Mienen zeigen einen eigenartigen Ausdruck, der Staunen und Enttäuschung vereint. Das Staunen gilt dem Glas, dem Stahl, der Größe - was versprochen wurde, ist eingelöst. Die Enttäuschung ist nicht in Worte zu fassen. Sie macht sich bemerkbar, indem der Betrachter plötzlich etwas anderes, ganz Banales denkt. "Wollten wir heute Abend kochen oder essen gehen?", fragt eine Brünette einen Graumelierten. Andere liegen an den Brüstungen, als seien sie dort kleben geblieben. Es ist so viel von allem. So viel Bahnhof. Und so viele Geschäfte, Imbisse, Bäckereien, Sushi-Bars. Ist das überhaupt ein Bahnhof? Was hat man erwartet, dass man sich betrogen fühlt? Wie gelähmt lassen die Schaulustigen ihre Augen von einem Ding zum nächsten gleiten, die Köpfe auf die verschränkten Arme gelegt. Bis sich endlich einer losreist, sich erneut durchs Gedränge treiben lässt, um wieder irgendwo an Land gespült zu werden. Bei St. Olivier oder bei Görtz, wo er benommen ein paar Sandalen kauft.


Bahnhöfe sind Sehnsuchtsorte. Zuerst standen sie für das Verlangen nach der fernen Welt. Als die Bahn ihren Siegeszug als technisches Wunder antrat, spürten sensible Gemüter nahezu mystische Verheißung in den Bahnhofshallen. Von "Kathedralen der neuen Menschheit", schwärmte der französische Romantiker Theophile Gautier - "Energiezentren gewaltiger Sterne, deren eiserne Strahlen bis ans Ende der Welt reichen". Es war bald nachdem im Norden Englands die erste Eisenbahn mit ihrer enormen Geschwindigkeit zugleich Euphorie und Entsetzen ausgelöst hatte - und als offenbar wurde, worin die Revolution der Bahn bestand: In der Vernetzung der Welt. In der Erreichbarkeit weit entfernter Ziele nicht nur für Soldaten oder reiche Geschäftsleute, sondern für jedermann. Preußen baute die unerhörte Bahnstrecke zwischen Berlin und Königsberg. In Österreich-Ungarn verbanden bald Schienen das Zentrum mit den entlegensten Punkten des Reiches. Joseph Roth galten die Bahnhöfe im fernen Galizien als Vorposten der modernen Welt, die er schmerzlich vermisste. Noch heute mutet der Bahnhof von Brody, dem damals letzten Garnisionsstädtchen der K.u.K. Monarchie, wie das Vorzimmer eines herrschaftlichen Hauses an. Der Wartende sitzt auf blankgescheuerten Holzbänken. Eine würdige Stille steht im Raum, die Decken sind mit Stuck verziert. Wäre nicht der Geruch nach scharfen Putzmitteln und verschossene Werbungen für ukrainische Kosmetika, würde man erwarten, gleich abgeholt zu werden, um vor den Kaiser zu treten.

Die Kathedralen der neuen Menschheit stehen bald mitten im Leben. Als eigenartige Zwitterorte beschreibt sie Marcel Proust - als Tore zu den Städten, die zugleich mitten in ihnen liegen. Ein Kaleidoskop von Augenblicken sieht er in ihnen, die aus Raum und Zeit zu fallen scheinen.

Die Bahnhöfe beginnen, Geschichten zu erzählen: von Menschen, die ausziehen, die auswandern, ihr Glück suchen, von solchen die wiederkehren, und vom Treiben an den Umschlagplätzen, an denen all die Fremden sich begegnen. Wie kaum ein anderes ist das Spannungsfeld zwischen Aufbruch und Wiederkehr aufgeladen mit allen nur erdenklichen menschlichen Themen: Phantasien von der Fremde, das Sichloslösen von zu Haus, vom Vertrauten, von sich selbst. Die Freuden oder Enttäuschungen des Wiedersehens. So entsteht um die Bahnhöfe und ihre Bahnhofsviertel eine Fülle von Literatur. "Ihre zarte elegante Gestalt, die, aus der Nähe betrachtet ein wenig ausgetrocknet wirkte, erschien ihm nun, als der Abstand zwischen ihnen durch die Bewegung des Zuges zunahm, wahrhaft anmutig. Jetzt, da er dem Alleinsein entgegenfuhr, dachte er: Je mehr ich mich von ihr entferne, desto mehr liebe ich sie!" erzählt Italo Svevo in Kurze sentimentale Reise vom Abschied eines Ehemanns von seiner Frau. Walter Benjamin überwindet in seinen Kindheitserinnerungen die Entfernung zwischen Berlin und den ersehnten Ferienorten bereits dort, wo die Züge abfahren: "Die Dünen von Koserow" beginnen für ihn schon bei den Sandsteinmassen des Stettiner Bahnhofs. Vom fernen "Asien" mitten in Berlin kann man bei Julius Berstl lesen, der rund um den Berliner Schlesischen Bahnhof das Milieu der russischen Emigranten beschreibt, - wo es nach Staub und Menschen, exotischen Zigaretten, Rossäpfeln und Azethylen riecht.

Die Bahnhofsgebäude werden in den Glanzzeiten der Eisenbahn würdig und repräsentativ gebaut - ob es Hallenkonstruktionen sind, die technischen Fortschritt in Stahl gießen, oder pompöse Sandsteinbauten. Ebenso wie die Hallen die Schicksale der Reisenden zur Geltung bringen, verleiht das Treiben den Bahnhöfen einen eigenen, unverwechselbaren Charme. Eine Atmosphäre der Bahnhöfe versucht Sten Nadolny in Worte zu fassen: "Da haben so viele Leute geweint oder Glück empfunden. Das sitzt in den Mauern der Bahnhöfe. Ich glaube, dass Mauern ein gutes Gedächtnis haben".


Was Nadolny "Gedächtnis der Mauern" nennt, schreibt sich auch dann noch in die Bahnhöfe ein, als die Hochzeiten der Bahn längst vorüber sind. In der Nachkriegszeit sind sie Ruinen, heimkehrende Soldaten und Flüchtlinge rollen auf Bahnsteigen ein. Es bleiben Schicksalsorte, auch wenn sie ihren Glanz verloren haben. Noch in den sechziger, siebziger und achtziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts, als in Deutschland wichtige Schienenstränge unterbrochen sind und allenthalben der Niedergang der Bahnhöfe beklagt wird, erzählen sie ihre Geschichten. Heinrich Böll lässt seinen strauchelnden Clown am Bonner Bahnhof stranden, Berlin wird traurig berühmt mit Wir Kinder vom Bahnhof Zoo. Öfter erzählen die Bahnhöfe jetzt vom Scheitern. Eine "Bahnhofsatmosphäre" lässt nun an Zugigkeit, Schäbigkeit und Neonlicht denken, ein "Bahnhofsmilieu" ist das der Hilflosen und Gestrandeten der Stadt. Doch immer noch schwingt Sehnsucht mit, in diesen Geschichten: "An einem Bahnhof hat man immer das Gefühl, es müsse sich etwas entscheiden. Die Leute dort, besonders die, die kein Geld für´ne Fahrkarte in der Tasche haben - die haben etwas im Blick, was sie nicht haben, wenn sie nur eine Straße runtergehen", schreibt die Autorin Katja Lange-Müller, die Alltagsgeschichten von Menschen auf Bahnhöfen sammelt.

Und nun eine neue Kathedrale des Reisens! Eine Renaissance der Bahnhöfe könnte man meinen, die im wiedervereinigten Berlin beginnt, mit einem Tempel aus Stahl und Glas. Doch eine seltsame Atmosphäre von Befremden haftet ihm an. Es ist nicht die Größe allein. Es ist, dass man nicht weiß, was hier mit Stahl und Wucht und Größe gefeiert wird. Das Aufbrechen ist es nicht, auch nicht das Ankommen. Das imposante Gewölbe überspannt keinen Raum, in dem Menschen aus aller Herren Länder sich versammeln, die nur eins gemeinsam haben - dass sie im Begriff sind, in die Ferne zu reisen - oder eben aus der Fremde nach Hause kommen. Es gibt keine Wartehalle. Keine staubigen Tagelöhner, die neben eleganten Frauen verschnürte Kisten wuchten und billige Zigaretten rauchen. Vorbei sind Marcel Prousts Augenblicke, die aus Raum und Zeit fallen, weil all diese Unterschiede und Ungleichzeitigkeiten zusammentrafen. Und würden sie sich ereignen, keiner würde sie bemerken. Denn niemand sitzt hier auf Bänken, lässt die Zeit verstreichen und sieht dem Treiben zu.

Es gibt keine Sitzgelegenheiten. Die Reisenden ziehen Trollykoffer und bleiben vor Plänen stehen, auf denen das "Reisezentrum" eingezeichnet ist. Es nimmt sich zwischen den Geschäften winzig aus. Sie streichen mit den Zeigefingern über das Labyrinth des Lageplans. Dann zerren sie schnellen Schrittes ihre Koffer weiter, vorbei an Kaisers und McDonald´s, bis sie die Rolltreppen zu ihren Bahnsteigen erreichen.


In seinem Rumpf ist der Berliner Hauptbahnhof ein Einkaufszentrum. Das Dachgeschoss und Keller dienen dem Reisen, zwei Mittelgeschosse sind Shoppingmall, die sich von üblichen Einkaufszentren nur dadurch unterscheiden, dass vor den Rolltreppen Reisetafeln die Abfahrt von Zügen ankündigen. Es ist ein Bahnhof mit integrierten Einkaufsmöglichkeiten - oder eine Shoppingmall mit Gleisanschluss. Die Eroberung des Tempels des Reisens durch das Einkaufen ist historisch folgerichtig und entspricht dem Bedeutungsverlust der Eisenbahn. Befremdlich ist, dass der Berliner Hauptbahnhof durch seine Architektur die mächtigen alten Bahnhöfe zitiert. Denn zu Zeiten der bedeutenden Bahnhöfe besaßen die Staaten Monopole auf die Eisenbahn, die, anders als heute, fast den gesamten Fernverkehr bewältigte. Das Deutsche Kaiserreich bestritt einen bedeutenden Teil seiner Staatseinnahmen aus dem Geschäft mit der Bahn und konnte noch immer ein annähernd egalitäres Verkehrmittel betreiben. Nur deshalb konnte man Bahnhöfe unterhalten, die allein dem Warten vorbehalten waren.

Wer mit der Bahn reist, muss es sich leisten können. Der Aufbruch eines kleinen Mannes ins Unbekannte beginnt heute nicht an einem Bahnhof, sondern an einem Flughafen. Die Businessclass wartet an einem Terminal. Die Easyjetpassagiere an einem anderen. Der Airport liegt weit draußen vor der Stadt.

Die neue Bahnhofskathedrale in Berlin enttäuscht, denn sie gibt ein Versprechen, das sie nicht halten kann. Ihre Halle, ihr Gewölbe, ihre Pracht aus Glas und Licht ist wie die Hybris eines Bahnhofs. Als würde das Bild noch einmal auferstehen, bevor etwas zu Ende geht. Es lässt all die Sehnsüchte aufleben, die mit den Bahnhöfen verbunden sind, die vor allem noch in Phantasien leben. Es sind die Bahnhöfe aus den Geschichten. Bahnhöfe sind Mythen geworden. Wenn Bahnhöfe Sehnsuchtsorte waren, dann drückt der Berliner die Sehnsucht nach einem Sehnsuchtsort aus. Nach diesem seltsamen Zwitterort, der mitten in der Stadt und zugleich schon in der Fremde liegt.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 16.06.2006

Ausgabe 40/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare