Alles nur geborgt

Herabgestuft Die Mittelschicht in den USA fürchtet den Abstieg – und will doch weiter auf Pump leben. Ein Besuch in New Jersey, im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen
Alles nur geborgt
Patriotisch trotz Rezession: ein Mittelschaftshaus, hier in Brooklyn

Foto: Spencer Platt / Getty Images

Eine Postkarte vom republikanischen Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney hängt an Nina Fulhams Flurspiegel. „I wish you nice holidays“, steht darauf – „Ich wünsche Ihnen schöne Ferien“. Doch an Urlaub wagt Fulham vorerst nicht einmal zu denken. Ihre Gedanken kreisen um den drohenden Abstieg, um die Angst, nicht mehr zur Mittelschicht zu gehören, um Krebsoperationen und immer wieder darum, wie sie an das dringend notwendige Geld kommt. Denn im Großraum New York fällt man ohne Geld hart. „Ich weiß nicht genau, ob Obama eine Mitschuld an der Finanzkrise trägt“, sagt Fulham. „Aber ich weiß, dass er die Wirtschaft nicht in den Griff bekommt.“

Ihren richtigen Namen möchte sie nicht in der Zeitung sehen, auch nicht in einer deutschen. Sie gehört zur amerikanischen Mittelschicht. Als Immobilienmaklerin lebt Fulham mit ihrem 28-jährigen Sohn in Tenafly, New Jersey, einem Vorort von New York, eine halbe Stunde Autofahrt von Manhattan entfernt. Bisher lebt Fulham das typische amerikanische Kleinstadtidyll: großes Einfamilienhaus mit Garten, fahrbarer Rasenmäher, riesiger Kühlschrank. Aber die Fassade ihres Hauses bröckelt – und damit auch das Fundament, auf dem ihr Leben fußt.

800 Dollar Krankenkasse

In diesem Jahr will die 66-Jährige Mitt Romney wählen, den Republikaner. Dabei scheint sie so weit weg von dem, was man mit den Konservativen verbindet. Sie ist weder gegen Abtreibung noch gegen Homosexuelle. Und sie misstraut der absurden Fantasiewelt der Tea Party. Fulham hilft in ihrem Umfeld, wo sie nur kann. Sie organisiert in ihrem Wintergarten Ausstellungen und Klavierkonzerte für mittellose Künstler. Sie lässt Kontakte spielen, um sie in der hart umkämpften New Yorker Kunstszene bekannt zu machen. In ihrem Haus haben Freunde von Freunden ein halbes Jahr lang gewohnt, ohne dass sie einen Cent von ihnen verlangte.

Aber seit ihrer 85-jährigen Mutter Krebs im fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert wurde, verbringt sie ihre Tage mit der Organisation von Arztterminen, MRT-Untersuchungen und der Konsultation von Spezialisten. Ihre Mutter fällt aufgrund ihres Alters in das Medicare-Sozialprogramm, ihre Behandlung ist kostenfrei. Fulham, der selbst Hautkrebs diagnostiziert wurde, müsste dagegen für einen chirurgischen Eingriff 2.500 Dollar zuzahlen. Seit Obamas Krankenversicherungsreform sind die Beiträge für die Versicherung hochgeschossen. Fulham zahlt monatlich 800 Dollar. Was im Sinne der Armen sein soll, belastet die Mittelschicht. So sehen sie das hier. Denn nicht nur der Arzt ist teurer geworden: Die jährliche Grundstückssteuer ist auf 16.000 Dollar gestiegen. Für Lebensmittel gibt sie hier 1.500 Dollar aus, für viele Deutsche ein Monatsgehalt. Das Autoleasing, weil man in der Suburb ohne Auto nicht einmal zum Supermarkt kommt, kostet 600 Dollar, die ihr Sohn zahlen muss.

Aber Fulham drücken vor allem die Kredite. Die sind eigentlich der Motor, der die US-Konsumgesellschaft am Laufen hält. Die Studiengebühren des Sohnes an einer staatlichen Universität hätte sie ohne Schulden nicht aufbringen können, 30.000 Dollar pro Studienjahr. Und sie hätte ihr Haus nicht finanzieren können. Kredite, immer wieder Kredite, anders war der amerikanische Traum für sie nicht erreichbar.

"Die Existenzängste kommen"

Nina Fulham hatte sich, wie die meisten Amerikaner, daran gewöhnt, dass Darlehen leicht zu bekommen sind. Seit der Finanzkrise sind die Banken jedoch restriktiv geworden. Auch jemand, der Sicherheiten bieten kann, wie Fulham mit ihrem Haus, kriegt das zu spüren. Nicht nur bei sich selbst, auch bei ihren Kunden.

Ohne Kredite kann sich kaum jemand noch Häuser oder Wohnungen leisten. Als Maklerin hat Fulham nun nicht nur weniger Klienten, sondern auch weniger Provision. Sie dachte darüber nach, ihr eigenes Haus zu verkaufen, doch auch das verlor drastisch an Wert. Mittlerweile würden die Renovierungskosten den Großteil des Hauspreises auffressen, Verlust auf allen Ebenen. „Die Existenzängste kommen“, sagt sie.

Dabei lief es mal fantastisch. Fast jeder konnte sich ein Eigenheim oder eine Wohnung leisten. Kredit bei schlechter Bonität, neues Auto, alles ging. Affordable housing – jeder sollte sich ein Eigenheim leisten können, egal, was er verdient. Die Nachfrage war enorm. Die Grundstückspreise wuchsen rasant. In den guten Jahren verdiente Fulham 125.000 Dollar im Jahr. Bis 2007 die Blase platzte. Doch die US-Wirtschaft lebt vom Konsum, sie braucht den Kreditfluss. Dass der nicht mehr in Gang kommt, wird nun Obama angekreidet.

Auch aus Sicht von Valery – Nina Fulhams Nachbarin, ebenfalls Mittelschicht, mit einem Mann, der Steuerberater ist – ist dies der Grund, dass viele Obama abwählen wollen. So wie sie. In New York reden alle darüber, dass zu viele Unternehmen in den vergangenen vier Jahren Insolvenz angemeldet haben, weil sie nicht investieren konnten. Die Arbeitslosigkeit stieg lange und liegt nun momentan bei 8,1 Prozent.

Heute sehen die meisten Amerikaner die eigene Wirtschaftslage schlechter als noch vor vier Jahren. Ein wichtigeres Thema gibt es für die meisten US-Wähler nicht, laut einer Umfrage des Rasmussen Reports. Erst auf Platz zehn kommt Afghanistan, weit hinter innenpolitischen Themen.

Und so werden viele in dieser kleinen Gemeinde in New Jersey im November für den Mann stimmen, der verspricht, die Steuern herunterzusetzen und Unternehmen zu entlasten. Und dann sollen die Kredite fließen. Anders gesagt: Es soll alles wieder so laufen wie vor dem Finanzcrash. Doch schon jetzt ist es so: Würde man die Schulden aller privaten Haushalte zusammenzählen, entspräche das 87 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. 318 Tage müsste die größte Wirtschaftsnation des Planeten, inklusive aller ihrer Großkonzerne, schuften, um die Schulden zu begleichen.

Aber gibt es eine Alternative zu dem Leben auf Pump? Ein Bruch mit diesem System halten die meisten Amerikaner für noch schmerzhafter. Weder Romney noch Obama vermögen das zu ändern.

09:44 25.09.2012
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare 3

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community