Alles nur Schein

A–Z Kulissen Usedom muss während der Fußball-EM als ZDF-Kulisse herhalten. Ihr Schicksal teilt die Insel mit anderen zweckentfremdeten Orten. Das Lexikon der Woche
Alles nur Schein
In den Sand gesetzt: Die ZDF-Fußballarena in Heringsdorf auf der Insel Usedom. Hier moderieren während der EM Katrin Müller-Hohenstein und Oliver Kahn

Foto: Jens Koehler/dapd/ddp

Alpen

Kaum eine Naturkulisse wird so ausdauernd missbraucht wie die Alpen. Ob als in Öl gepinseltes Sehnsuchtsgespinst an deutschen Wohnzimmerwänden. Oder als Bühne für die schamlosen Jecken der volkstümlichen Musik, die bevorzugt die Gipfelkreuze zwischen Großglockner und Zugspitze nutzen, um ihre sinnfreien Darbietungen abzufilmen.

Besonders beliebt sind die Alpen als Schauplatz des Genres Heimatfilm. Zu seiner Blütezeit in den 1950er Jahren diente er der deutschen Bevölkerung als Therapie gegen die nationalen Wunden des Nationalsozialismus und der Kriegsjahre. Gut gegen Böse und am Ende siegt die Liebe des Försters, Gastwirts oder Bauernsohnes zur schönen Maid und das Paar beäugt verliebt das Alpenglühen. Bei Sonnenauf- und -untergang reflektiert das Licht auf die Berggipfel so, dass ein rötliches Licht entsteht, der Kontrast der dunklen Umgebung verstärkt dieses Bild zusätzlich. Ein besonderes Naturfeature dieser Kulisse. Unbezahlbar. Sophia Hoffmann

Berlin

Egal, was all die Nörgler über die Hauptstadt auf allen Kanälen sagen – es ist nicht wahr! Berlin besteht nicht aus Tausenden von Oberflächen und schönen Blendwerken (Potemkinsches Dorf), mit Hilfe derer es sich auch in Armut sexy regieren und inszenieren lässt. Berlin als Ganzes ist eine riesige, wunderbare Kulisse und macht daraus erst gar kein Geheimnis. Wer noch niemals nachts mit dem Schiff und seiner Geburtstagsgesellschaft den Kanal rauf und runter geschippert ist, und all die Bezirks- und Milieu-Kulissen an sich vorbeiziehen ließ, hat keine Ahnung von der wahren sozialintegrativen Größe Berlins! Susanne Lang

Bundeswehrflugzeug

Es ist die perfekte Kulisse der Macht: Die Transall auf dem Weg ins Kriegsgebiet, bevorzugt nach Afghanistan – Politik von ganz oben, die Weltlage im Griff auch über den Wolken. Keiner flog so schön in jeden Krisenherd wie Ex-Verteidigungsminster Karl-Theodor zu Guttenberg. Ob im eleganten Anzug im Frachtflugzeug in Sonnengottpose oder, etwas gereifter in der Ministerrolle, in schusssicherer Weste mit Tarnhelm auf der Besucherpritsche, unbeeindruckt von jeder Gefahr schwebte er dahin in dem guten Gefühl, wieder das perfekte Foto geliefert zu haben.

Weniger gefährlich, aber wirksam, ist die Flugzeugkulisse auf dem Rückflug von Dienstreisen in nicht ganz so aufregende Gebiete. Wie früher am Lagerfeuer scharen sich da die mitgereisten, fleißig mitschreibenden Journalisten um den Bundespräsidenten oder den Vizekanzler, der entspannt in Strickjacke oder zumindest mit geöffnetem Hemdkragen, locker erzählt, wie aufregend das war, in der Transall nach Kabul. Daniela Zinser

Eifelturm

IBM, Adolf Hitler, Orange, Yves Saint Laurent, Kate Moss, Diesel, Woody Allen, Ego-Shooter, Klimaschützer, Touristen, Steven Spielberg, Selbstmörder, Las Vegas, Nicolas Sarkozy, Maria Carey, ein paar Piloten und Fallschirmspringer, Jean Cocteau, Tom Cruise, Rod Stewart, und Skateboarder, Albert Speer, L’Oréal, Tokio Hotel, viele Nachahmer wie das Besucherbergwerk Abraumförderbrücke F60, Resident Evil, Sabrina, Woodkid, Kristina Bach, Rihannas Duft „Rebelle“, peta, Vodafone, Citroen, MasterCard, Blush Dessous, EasyJet, die Falun Gong-Praktizierenden, Batman, Heiratswillige, Öko-Strom-Lieferanten, Romy Schneider und Horst Buchholz, Robert Doisneau: Alle stellen sich davor, alle benutzen sie. Diese Kulisse ist käuflich. Aber ist es nicht das, was Kulissen ausmacht? Maxi Leinkauf

Freilichtbühne Ralswiek

„Er beklaute die Reichen und beschenkte die Armen“, besang die Band Slime einst Störtebekers Taten: „Doch die Mächtigen kannten kein Erbarmen – Und er verlor seinen Kopf“. Im Jahr 1994 lösten sich die Hamburger Punker Slime auf, da hatten die Störtebeker Festspiele just einmal stattgefunden. Seitdem heißt es jährlich in Rügener Sommernächten: Vitalienbrüder, ahoi!

Auf der Naturbühne Ralswiek, zu DDR-Zeiten fanden hier die Rügenfestspiele statt, wird die Legende des Becherstürzers in einem Zyklus von vier bis sechs Jahren erzählt. Über fünf Millionen Besucher wurden bereits gezählt. Das Spektakel ist dementsprechend bombastisch: 2012 werden über 150 Mitwirkende, vier Schiffe, 30 Pferde und Wolfgang Lippert als Balladensänger unter Spezialeffekten „Störtebekers Tod“ geben. Allabendlich endet es mit einem Feuerwerk über dem Großen Jasmunder Bodden. „Rübe ab und tot“: Die Punkband Slime hat wieder zusammengefunden und tourt – die Freilichtbühne Ralswiek wird ihr aber nicht offen stehen. Tobias Prüwer

Karpathos

Die Griechen, liest man, ziehen sich wieder auf ihre Inseln zurück, um Ackerbau und Viehzucht zu betreiben. Die Eilande sind meist karg, so wie das zwischen Kreta und Rhodos gelegene Karpathos. Nie vergesse ich die einzige Strandkneipe von Diafani, wo man zusammen mit den Einheimischen den heißen Tag in den kühleren Abend übergehen ließ, Ouzo trinkend, lesend, dösend. Zwei mal in der Woche tauchte in der Ferne Fellinis „Schiff der Träume“ auf, prunkendweiß, hell erleuchtet, mit Kurs auf Rhodos. Weit draußen wurde ein Boot heruntergelassen, das die wenigen Touristen an Land brachte. Im kollektiven Steinofen buken die Dorffrauen das Brot, zwei mal wöchentlich. Am dritten Tag war es hart. Subsistenzfertigkeiten, die wieder entdeckt werden. Ulrike Baureithel

Potemkinsches Dorf

Wenn etwas nur aus Pappe ist, schönes Blendwerk und nichts dahinter, war Grigori Alexandrowitsch Potemkin der Bauherr. So will es die Legende. Ende des 18. Jahrhunderts soll Potemkin, Gouverneur der neu eroberten südrussischen Gebiete, Zarin Katharina II. bei einer Inspektionsreise blühende Landschaften vorgegaukelt haben: prachtvolle Kirchen, protzige Wehranlagen und überall glückliche, winkende Menschen.Dass das alles nur Schein gewesen sein soll, behauptete ein sächsischer Diplomat, der bei der Reise gar nicht dabei war, und veröffentlichte eine Artikelserie darüber. Er neidete wie so viele Potemkin, der eine Zeit lang Liebhaber der Zarin gewesen war, dessen privilegiertes Leben. Und so standen fortan überall auf der Welt Potemkinsche Dörfer, vor allem hinterm Eisernen Vorhang und in Nordkorea. Dort allerdings waren und sind sie wirklich oft aus Pappe. Mark Stöhr

Reichstag

Am 3. Oktober 1990 diente er als Kulisse, die deutsche Wiedervereinigung zu zelebrieren. Dabei war der 1894 eingeweihte Bau des Architekten Paul Wallot stets mehr Symbol für die Zerrissenheit der Nation als deren Eintracht gewesen. Auch schien der ästhetische Ruf des Gebäudes nie über jeden Zweifel erhaben. Der Dichter Frank Wedekind fragte, warum dieses Parlamentshaus „an der Kuppel Statt einen Bonbonnieren-Deckel hat“, während sich der Kunstmäzen Harry Graf Kessler an „eine schlecht imitierte Augsburger Kiste“ erinnert fühlte. Was hat die Kulissenschieber von 1990 inspiriert? Vielleicht die Erinnerung an die Zeit nach 1945, erst Kriegsruine, dann Wiederaufbau-Torso war der Reichstag wieder in ein embryonales Stadium versetzt und sah so der deutschen Einheit verblüffend ähnlich. Lutz Herden

Schweizer Berge

Kaschmir liegt in der Schweiz. So wollten es lange die indischen Filmproduzenten. Denn wenn sich Liebende im Bollywood-Kino singender Weise begehren und besteigen – zumeist eine Variation der mythischen Liebesgeschichte zwischen dem Gott Krishna und dem Hirtenmädchen Radha – tun sie das gerne vor einer paradiesischen Naturkulisse (➝ Alpen). In den Himalaya-Bergen in Kaschmir waren die Dreharbeiten wegen der Gebietsstreitigkeiten mit Pakistan irgendwann zu riskant. So stellten die Filmcrews aus Bombay ihre Kameras in den Schweizer Alpen auf. Für die Eidgenossen ein lohnendes Geschäft, denn den Kinoleuten folgten bald auch scharenweise indische Touristen. Doch das Kitsch-Joint Venture ist inzwischen merklich abgekühlt. Krishna und Radha lieben sich jetzt in Österreich und Osteuropa. MS

Taj Mahal

Es gilt als das Monument der Liebe. In Erinnerung an seine verstorbene Hauptfrau Mumtaz Mahal ließ Großmogul Shah Jahan ein Grabmal errichten, das heute zu den berühmtesten Sehenswürdigkeiten Indiens zählt. Das Taj Mahal, zu Deutsch „Krone des Ortes“, diente im Februar 1992 als Kulisse eines großen Showdowns. Prinzessin Diana posierte während eines Staatsbesuchs einsam vor der Grabmoschee und machte so deutlich, dass ihre Ehe mit Prinz Charles gescheitert sei. Im Dezember gaben sie ihre Trennung bekannt. Kurz davor hatte die Queen in einer Rede anlässlich ihres 40. Kronjubiläums das Jahr 1992 als ein „annus horribilis“ bezeichnet. Behrang Samsami

Thüringen-Tatort

Zwischen Eisenach und Gera, Sonneberg und Mühlhausen rätseln derzeit rund zwei Millionen über die Besetzung des Thüringen-Tatorts, der ab 2013 ausgestrahlt werden soll. Noch wichtiger aber ist die Frage des Ortes, denn auch wo der Krimi spielen soll, ist noch nicht beantwortet. So sehr die Thüringer auch debattieren, die ARD wird es pragmatisch sehen. Das Land hat nur einen Flecken, den man urban nennen kann: Erfurt. Soll der Schwerpunkt auf Autojagden und politischem Filz liegen, ist die Blumenstadt die richtige Wahl. Zwischen Klassik und KZ können verdrängte Geschichten in Weimar gut wiederkehren. Inzest könnte überall stattfinden und Jena hat nicht nur NSU und E-Commerce-Blase, sondern auch die Kneipen, in denen der Tatort gezeigt wird. TP

Times Square

Der New Yorker Platz ist eine Kulisse in der Kulisse. Die seit 1904 dort stattfindende Neujahrsparty gehört für die Amerikaner zum Kulturgut wie für uns das Marzipanschwein. Deshalb wird der Countdown des Times Square Balls, einer großen bunten Kugel, die mit Tamtam von einer Stange abgesenkt wird, gerne in Spielfilme eingebaut. Der Protagonist sieht die Zeremonie im Fernsehen und wird sich verpasster Liebeschancen bewusst, wirft sich etwas über und rennt los, um sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Schon während die etwa eine Million Gäste vor Ort traditionell Auld Lang Syne anstimmen, erreicht er die glamouröse Silvesterparty, auf der sich die große Liebe mit den falschen Männern langweilt und gesteht ihr seine Gefühle. Sie küssen sich. Alles wird gut. SH

Ziemlich-nah-an-Polen

Die Insel Usedom, polnisch Uznam, ist sehr schön. Sie hat eine deutsche Westhälfte und eine polnische Osthälfte. In Swinemünde gibt es schöne, marode Bauwerke und viele Tanztees für ältere Leute. Entlang der Straße nach Westen verkaufen Tabakhändler ihre Waren vor Steuer. In Heringsdorf gibt es schicke Bauwerke und coole Menschen, neuerdings auch Oliver Kahn und Katrin Müller-Hohenstein. Die beiden moderieren während der EM in Polen im Freiluft-Studio auf deutscher Seite um die Spiele herum. Und stehen dafür in der Kritik („Usedomina“). Mal ehrlich, wer hat was anderes vom ZDF erwartet? SL

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15:55 21.06.2012

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