Alles nur Spinner?

Terror Unter Preppern machen sich immer mehr Rechtsradikale breit. Auch andere gewaltbereite Netzwerke erstarken
Alles nur Spinner?
Was man beim Bund eben so macht: Man bereitet sich auf den Ernstfall vor, anders gesagt: Man preppt

Foto: Eugnio Grosso/Redux/Laif

Banzkow ist ein beschauliches Dörfchen südlich von Schwerin. Wer vom Schweriner See zur Müritz schippern will, muss die alte Schleuse im Ort passieren. Kein Wunder also, dass Banzkow vor einigen Jahren sowohl vom Land Mecklenburg-Vorpommern als auch vom Bund im Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ ausgezeichnet wurde.

Einer der rund 1.000 Banzkower Einwohner scheint allerdings einen etwas düsteren Blick auf die Zukunft zu haben, was dazu führte, dass im Sommer vorigen Jahres ein Sondereinsatzkommando des LKA sein Wohnhaus auf den Kopf stellte. Der Polizist Marko G., Mitglied der AfD, hatte Anfang 2016 eine Chatgruppe namens Nordkreuz gegründet. Dem Spiegel berichtete er, die Gruppe bereite sich auf den Zusammenbruch der staatlichen Ordnung vor, ausgelöst etwa durch eine „Flüchtlingswelle“, einen Banken-Crash oder Stromausfälle, die durch Anschläge verursacht werden. Zu den 30 Nordkreuz-Mitgliedern, die über den Messengerdienst Telegram kommunizieren und konspirieren, gehören laut G. Banker, Mediziner, Anwälte, Sportler, Ingenieure, Handwerksmeister und Polizisten. Außer ihm sind noch weitere Nordkreuzler in der AfD. Man betreibe ein gemeinsames Schießtraining, tausche politische Meinungen aus und diskutiere, welche Vorräte anzulegen seien, so G. Die meisten Mitglieder verfügten als Jäger oder Sportschützen zudem legal über Schusswaffen.

Die Gruppe Nordkreuz ist ins Visier der Bundesanwaltschaft geraten, weil bei zwei Mitgliedern Datensätze von mehreren tausend Personen gefunden wurden. Vergleichbare „Todeslisten“ hatte man in der Vergangenheit schon beim NSU und bei anderen militanten Rechten sichergestellt. Die Karlsruher Behörde vermutet daher, dass die beiden beschuldigten Nordkreuz-Mitglieder eine von ihnen befürchtete Staatskrise als Chance gesehen haben, Vertreter des politisch linken Spektrums festzusetzen und mit ihren Waffen zu töten. Ermittlern zufolge soll Nordkreuz zudem bereits Depots mit Treibstoff, Nahrungsmitteln und Munition angelegt haben.

Soldaten sind dabei

Wie die taz und der Focus unter Berufung auf Ermittlungsunterlagen und Zeugenbefragungen berichteten, soll Nordkreuz kein Einzelfall sein. Vielmehr ist die Gruppe angeblich Teil eines geheimen Untergrundnetzwerkes, zu dem Gruppen in ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz gehören sollen. Mitglieder dieser Gruppen seien demnach Polizisten und Soldaten, Reservisten, Beamte und Mitarbeiter des Verfassungsschutzes, die konspirativ daran arbeiteten, einen Staat im Staate aufzubauen.

In einer im Süden der Bundesrepublik aktiven Gruppe des Netzwerks soll laut taz auch der rechtsextreme Bundeswehrsoldat Franco A. mitgewirkt haben. A. war 2017 festgenommen worden, weil er sich als syrischer Kriegsflüchtling ausgegeben und in Deutschland Asyl beantragt hatte. Die Bundesanwaltschaft vermutete, dass A. „unter falscher Flagge“ einen Anschlag plante, den er einem Migranten anlasten wollte. Inzwischen ist er mangels dringenden Tatverdachts wieder auf freiem Fuß. In der Süd-Gruppe des vermeintlichen Untergrundnetzwerkes soll A. Ermittlungen zufolge neue Mitglieder angeworben haben. Auch hatte er Kontakt zu einem Kampfsoldaten des Kommandos Spezialkräfte (KSK) der Bundeswehr, der unter dem Decknamen „Hannibal“ als Administrator eines bundesweiten Chatnetzwerks fungiert und die Aktivitäten der Untergrundgruppen koordinieren soll. Dieser „Hannibal“ sei zudem seit Jahren Informant des Militärischen Abschirmdienstes (MAD).

Die ganze Geschichte klingt unglaublich: Plant „Hannibals Untergrundarmee“ (taz) am „Tag X“ einen Militärputsch, mit dem ihre Mitglieder die Macht im Lande ergreifen wollen? Oder sind hier nur ein paar größenwahnsinnige Spinner unterwegs? Die Frage ist nicht so leicht zu beantworten, auch nicht durch die Ermittler. Eine Anklage gibt es bislang jedenfalls nicht. Denn „Hannibals“ Verschwörerkollegen gehören zur Gruppe der sogenannten „Prepper“ – eine Wortschöpfung, die vom englischen Verb prepare (vorbereiten) abgeleitet ist. Dabei handelt es sich um eine weltweite, immer stärker wachsende Szene, in der sich Verschwörungsfanatiker, Wutbürger und Wahnsinnige tummeln, aber auch ganz normale Familienväter, die Frau und Kinder vor Stromausfällen, Naturkatastrophen und Chemieunfällen schützen wollen. Und natürlich gibt es dort auch jede Menge Geschäftemacher, denn mit der Angst der „Prepper“ lässt sich inzwischen viel Geld verdienen.

Unter die Szene der „Vorbereiter“, die in Kellerräumen Wasserflaschen, Fertigkonserven und Toilettenpapier horten, haben sich in den letzten Jahren zunehmend Rechtsradikale gemischt. Angeheizt durch die Fluchtbewegung und Buchbestseller, die in immer dramatischeren Szenarien bürgerkriegsähnliche Zustände beschreiben, durch die Deutschland einer Herrschaft von gesetzlosen und – natürlich – muslimischen „Horden“ unterworfen wird, rüstet sich die Szene auf. Und das nicht nur mit Knicklichtern, Batterien und mehrteiligen Kochsets, sondern auch und vor allem mit Waffen und Sprengstoff. Denn Hilfe von der Bundesregierung, davon sind die rechten Verschwörer überzeugt, sei ja sowieso nicht zu erwarten, weil die bei der deutschen „Umvolkung“ gemeinsame Sache mache mit den Amerikanern und dem „Finanzjudentum“. So tönt es auch aus Büchern, die etwa das Buchhandelsunternehmen Kopp Verlag vertreibt. Praktisch: Im Online-Shop des Buchversands mit seiner Vorliebe für neurechte Verschwörungstheorien kann man gleich noch legale Waffen wie Pfefferspraypistolen „zur Tierabwehr“ und das in einer roten Reisetasche verstaute Fluchtgepäck „Grab & Go Emergency Kit“ mit Notrationen für vier Personen und drei Tage kaufen. Auch Wasseraufbereitungsanlagen und Regenschirme, die sich als Schlagstock eignen, sind hier im Angebot.

Die Gefahr eines wieder erwachenden rechten Terrors ist aber nicht auf die vergleichsweise junge Prepper-Szene oder auf regionale, im Zuge migrationsfeindlicher Proteste entstandene Aktionsgruppen wie die Gruppe Freital und die kürzlich zerschlagene Organisation Revolution Chemnitz beschränkt. Auch das international strukturierte Terrornetzwerk Combat 18 (C18) ist bereits vor ein paar Jahren wieder unter strengster Geheimhaltung reaktiviert worden. Nach Erkenntnissen des Recherchenetzwerks EXIF wurde im März 2012 in Schweden, am Rande eines Rechtsrockkonzerts mit der deutschen Band Oidoxie, dem weitgehend eingeschlafenen Netzwerk neues Leben eingehaucht. Die unter der Parole „Reunion 28“ wiedererweckte C18-Organisation wird seitdem von Protagonisten aus England, Deutschland, den skandinavischen Ländern, Belgien und den Niederlanden dominiert.

Combat18 spukt wieder

C18 war Anfang der 1990er Jahre gegründet worden und übernahm unter ihrem Anführer William „The Beast“ Browning schnell die Kontrolle über die Organisation Blood & Honour (B&H). Während B&H als internationales Netzwerk NS-Ideologie verbreitet sowie Auftritte und Musikproduktionen von Neonazi-Bands koordiniert, gilt C18 als bewaffneter Arm der Organisation. Die Untergrundorganisation orientiert sich am terroristischen Konzept des führerlosen Widerstands („leaderless resistance“). Sie verbreitet Anleitungen zum Bombenbau und erstellt intern Listen von Anschlagsopfern und -zielen.

In England wird C18 mit mehreren Brandbombenanschlägen und Überfällen auf politische Gegner in Verbindung gebracht. Auch in Deutschland gab es in den 1990er Jahren bewaffnete C18-Gruppen, denen allerdings keine Beteiligung an Terroranschlägen nachgewiesen werden konnte. Dennoch wurde Combat 18 vom Bundesinnenminister 1999 verboten. Nach dem Reunion-Treffen in Schweden ist in Deutschland laut EXIF ein bundesweit agierendes C18-Netzwerk entstanden. Eine zentrale Figur dabei soll Thorsten Heise sein, NPD-Vizevorsitzender und Landeschef in Thüringen. Laut EXIF knüpfte Heise, der seit jeher als enger Gefolgsmann von Browning gilt, in den vergangenen Jahren Kontakte zu C18-Ablegern in Serbien, der Schweiz und Skandinavien. Auf Veranstaltungen der Organisation im Ausland trat er als Redner auf. 2016 traf Heise zusammen mit Browning zahlreiche C18-Kader beim „Tag der deutschen Zukunft“ in Dortmund.

In Dortmund soll auch eine der schlagkräftigsten deutschen C18-Zellen existieren. Sie wird unter anderem mit dem Neonazi Robin Schiemann in Verbindung gebracht, der es während seiner Haftzeit als Brieffreund der NSU-Terroristin Beate Zschäpe zu bundesweiter Bekanntheit brachte. Schiemann soll, so will es EXIF herausgefunden haben, wie Heise Ansprechpartner des englischen C18-Anführers Browning sein und in dessen Auftrag als eine Art Botschafter den Kontakt zu anderen C18-Gruppen im Ausland suchen.

Auffällig ist, dass das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) die deutschen Reunion-Bestrebungen von Combat 18 offenbar nicht besonders ernst nimmt. Zwar sei durch Browning die Bildung entsprechender Zellen in der Bundesrepublik vorgegeben worden, hieß es 2017 in einer im internen BfV-Newsletter verbreiteten Einschätzung des Geheimdienstes. Zielgerichtete Bestrebungen, C18 in Deutschland zu implementieren, habe es jedoch nie gegeben, sind die Verfassungsschützer überzeugt.

Hat das BfV in seiner Einschätzung wieder einmal versagt oder spielt man nur den Ahnungslosen? Für die EXIF-Rechercheure drängt sich ein beunruhigender Verdacht auf: „Combat 18 Deutschland“ könne vom Geheimdienst mit V-Leuten unterwandert worden sein, um es als „Honigtopf“ zu nutzen, mit dem man militante Strukturen aus Europa anlocken und sie unter Kontrolle halten wolle, vermuten sie. Wenn das stimmt, würde das BfV wieder einmal ein gefährliches Spiel treiben – denn wie sehr eine solche Strategie schiefgehen kann, hat das Beispiel NSU bewiesen.

06:00 03.12.2018

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