Alles Unerhörte gehört standrechtlich erschossen

Massloses Sprechen Zum zehnten Todestag von Werner Schwab

Eigenanspielungen

"Weihnachten", sagt die Freundin von Werner Schwab, "war für ihn die schrecklichste Zeit des Jahres, das hat er gehasst, nur diesmal habe ich das Gefühl gehabt, dass er Angst hat". Eine Woche später, in der Silvesternacht 1993, stirbt Werner Schwab. Er ist zu diesem Zeitpunkt 35 Jahre alt und ein zweifach preisgekrönter "Jungdramatiker", von dem die Provokation längst erwartet wird. Und er ist zu diesem Zeitpunkt allein: Seine Freundin hatte auf einen Anruf hin die Wohnung verlassen, um einem Betrunkenen zu helfen, der durch eine Schaufensterscheibe fiel. Zu diesem Zeitpunkt muss es gewesen sein, dass die von ihr erwähnte Angst Schwab umklammert und erwürgt hat. Sein Tod kam laut Polizeibericht ohne Fremdeinwirkung zustande. Bezogen auf diese Angst heißt das, sie beherrschte Schwab, ihr Grauen war ihm vertraut. Seine Freundin findet ihn, wieder zurück in ihrer Wohnung, in einem Sessel, als säße er in einer Straßenbahn: Herzstillstand.

"Wissen Sie, was mir schon wieder voll unwiderruflich zugestoßen ist?", fragt die Gattin des Hausbesitzers in Pornogeographie diejenigen, die es gar nicht wissen wollen. "Mein Mann ist mit dem Gesicht seiner Person in diesem Jahr schon zum zweiten Mal mit der Straßenbahn zusammengestoßen, die erst in der Auslage unseres Blumengeschäfts zu einem endspielhaften Stillstand kam." Ja, die Straßenbahn durchbricht die Schaufensterscheibe, kein Betrunkener; nein, der Mann stirbt nicht, sondern "er patzt zu allem Überfluss auch noch die Straßenbahn mit seinem Samen an, die geächzt hat wie ein altes, unbefruchtetes Haus", das mit der Gattin dieses Hausbesitzers vertauschbar ist, und dennoch: die für Schwabs Bühnengeschehen konstitutiven Komponenten, das Paar, seine Kollision und die wechselseitige Ersetzbarkeit von Mensch und Ding, sind in den realen Szenen seiner letzten Stunden ebenso enthalten wie in den fiktiven Szenen dieses letzten, von ihm selbst inszenierten Stücks, Pornogeographie 1993.

Ihm geht als erstes von Schwab selbst inszeniertes Stück Das Lebendige ist das Leblose und die Musik 1989 voraus, dem in einer beispiellos beschleunigten Produktion mehr als 16 Titel in vier Jahren folgen. Glaubt man Helmut Schödel, Schwabs Biograph, dann war es ihm "schon fast unmöglich geworden dieses The Machine Doesn´t Stop-Image einzulösen, er plante seine Zukunft als Prosa-Autor. Endlich schreiben. Endlich kein Theater mehr". Denn Theater heißt nicht Schreiben, es heißt Sprechen in einer Weise, die mit Einverleibung und Ausscheidung identisch ist. Jeder und jede ist das Verkehrsmittel des anderen, alle fahren allen in die Glieder, obwohl Penetration und Transport wie männlich und weiblich unterscheidbar, Geleise eiserne Verbindungen, Schienen Beziehungsstränge sind. Die Pornogeographie ist in den Schmutz des Bodens eingeschrieben, sauberer Mord reimt sich auf blutigen Ort, unter der Decke spielt sich das ab, was unter die Erde kommt: Auf den Gräbern wird getanzt. Doch für die "Methode" gilt nach Helmut Schödel, dass sie sich zwischen 1989 und 1993 "allmählich verselbständigte und leerlief".

Verschraubungen

Ob man diese, auf Schwab selbst sich berufende Kritik affirmiert oder kontert: Der aufgrund seiner "skandalträchtigen Stücke" gefeierte Autor spielte den sich verselbständigenden Leerlauf des gesellschaftlichen Geschlechtsverkehrs prinzipiell als Methode aus, die im - erst posthum aufgeführten - Reizenden Reigen nach dem Reigen des reizenden Herrn Arthur Schnitzler auf ihren Nenner kommt. Er impliziert, bezogen auf die Figuren dieses Spiels, dass Schwab im Dreh- und Angelpunkt zwischen Staat und Gesellschaft, zwischen Nationalratsabgeordnetem und Angestelltem, eine Hure platziert, die das Volk und seine Vertretung synthetisiert. Sie hebt am Ende des Reigens das vom Abgeordneten verlorene Glied auf und stopft es ihm in die Hose, aus der sie am Anfang des Reigens das Glied des Angestellten rausholt und fellationiert. Abgeordneter und Angestellter verhalten sich wie das Ich des Allgemeinen zum gemeinen Ich, das sich mit "untergroßspurigen Eigenanspielungen" als "meinheitlicher Mensch" ausspricht. Doch er ist nur ein vermeintlicher, ein Mensch vom Hörensagen. Als solcher ist er in einen, der sagt, und in einen, der hört, wie Mann und Frau, aufgeteilt unter der Bedingung, dass beide sich verhören.

In keiner der Paarungen des Reizenden Reigens stimmen Gehörtes und Gesagtes überein. Ihre Zehnzahl strukturiert das Kommunikationsmodell Eins und Null, das dem Algorithmus von Null und Eins zum Verwechseln ähnlich ist. Dennoch funktioniert das Modell Eins und Null quasi-automatisiert, da seine technische Metapher das Auto ist, nicht der Computer. "Na, du schönes schnelles Auto, willst du nicht machen etwas mit deiner einsamen Karosserie an der meinigen Person am heutigen Abend?", fragt die Hure den Angestellten. "Ich bin kein schnelles Auto, ich bin ein waschechter Angestellter", sagt dieser, obwohl auch ein Auto waschecht ist, angestellt oder angelassen wird; abgestellt oder entlassen, wird er es merken. Nicht digital, sondern analog strukturiert, vernetzt das Kommunikationsmodell des Reizenden Reigens nicht, es verschraubt, denn "alle männlichen Figuren haben abschraubbare Geschlechtsteile. Alle weiblichen Figuren haben austauschbare Muttern". Der Raum ist tendenziell Parkraum mit Stellplätzen als Stelldicheinplätzen. An ihnen ist der Unfall vorprogrammiert: Das Rammen der Karosserie einer Person durch die Person einer Karosserie im Stillstand.

Obwohl und weil sich alle wechselseitig nachstellen, ist die Geschlechts-Stellung festgelegt. Jeder-Mann besetzt, vom Angestellten über den Hausherrn, Ehemann und Abgeordneten, den Fahrersitz, der durch die soziale Stellung gedeckt ist. Doch selbst wenn diese fehlt, wie beim Dichter, steht die Geschlechts-Stellung Eins A, da selbst der Dichter, die undichte Stelle von Jeder-Mann, zur Verdichtung eines weiblichen Arschs imstande ist. Zwar trifft dies nur im einen Fall zu, nicht im andern - jeder und jede ist innerhalb der Hierarchie des Reigens zweimal dran; aber in diesem einen Fall ist auch der Dichter, pars pro toto, aktiv. Er wirft diesem Fall das Teil seiner selbst (auto) als dasjenige zu, an dem er, wie Jeder-Mann, unbeteiligt ist, denn Jede-Frau ist für dieses Teil "austauschbare Mutter". Ihre soziale Stellung ist in keinem Fall, sei sie Friseuse, Sekretärin oder Schauspielerin, für ihre Geschlechts-Stellung relevant. Sie ist der Sozius der Eins: Null, Loch, Hure, Beifahrerin. Die "Art", wie sie gestellt wird, beweist die Asozialität von Jeder-Mann, sein gemeines Ich, in dem die "Biologie" durchbricht.

Schließmuskelarbeit

"Aber geh´, du abgeschafftes Hascherl, sag doch ein Du zu mir". Es spricht der Ehemann als Unternehmer, der ebenso Hausherr ist und sich im Angestellten gespiegelt, im Abgeordneten vertreten sehen will. Die Eins eines Mannes hätte für den Reizenden Reigen genügt, der Rest Null. Das freund- und arbeitslose "Hascherl" kriegt ein Arbeits- als Geschlechtsverhältnis, aber dafür hat es aufs Klo zu gehen. Das die "Biologie" von Jeder-Mann beweisende Teil wird ihm hineingereicht. Es stöhnt hinter geschlossener Tür, der Ehemann als Unternehmer windet sich davor. Dann ist unter der Voraussetzung des durch den Türspalt zurückgereichten Teils ein "Arbeitszärtlichkeitsverhältnis" hergestellt. "Machen wir jetzt Ernst mit der Dramaturgie", mit ihren Arbeits- als Geschlechtsverhältnissen, deren Paradigma die Ehe ist, die der eine Ehemann für alle Positionen seiner selbst als Unternehmer, Angestellter, Hausherr oder Abgeordneter als "Überehe" mit vielen "Unterehen" definiert. Denn jeder Staat ist mit der Gesellschaft, jeder Betrieb ist mit seinen Angestellten, jeder Hausherr ist mit seinen Mietern, jeder Dichter ist mit seinem Publikum verheiratet, das sich als Schauspielerin empfangend, als Sekretärin ausführend verhält.

In der Relation von Über- und Unterehe scheint die Grenze von Legitimem und Illegitimem aufgehoben, dennoch ist sie, wie die Klotür, präsent: Klotür zu, rein mit dem Teil - es wird abgeschraubt; Klotür auf, raus mit dem Teil - es wird angeschraubt. Die Klotür ist die Sprache des Symbolischen, die das Reale negiert, verschiebt und ersetzt. Durch eine stets neue Windung seiner Überwindung, wird in stets neuer Wiederholung eine geschraubte Sprache hervorgebracht, die nach jeder Aushändigung der Geschlechtsteile als "bedeutungsschwangere" Zugabe von "Edellustgefühlen" draufgelegt wird. Dabei ist alles schon gelaufen. Die reale Ausscheidung geht ihrer symbolischen Einverleibung durch das Nachträgliche des Sprechens voraus, das den bloßen Steckkontakt zum verdeckten Versteckkontakt macht. "Jetzt musst du versuchen, deine Geschichte hinter dem Schließmuskel zurückzuhalten. Eine Lust hat niemals eine Vergangenheit." Geschissenes ist verschissen, Gegessenes vergessen, der Schließmuskel funktioniert wie die Lippen. Das Ausgesagte ist das Aus des Gesagten, hinter dem nichts ist. Und wenn der Abgeordnete deliriert, "mein Schließmuskel singt mir ein Lied aus längst verdampften Zeiten", lässt er Dampf ab, wozu die Hure sagt: "Es ist ein fetter Blödsinn, wenn man so ein Wort verliert über alles". Sinn-Gewinn ist damit nicht zu machen, im Gegenteil, das Fette des Blödsinns weist auf die Vertauschbarkeit von Essen und Sprechen hin. Je voller der Mund genommen wird, desto leerer ist der Rachen, der Fleisch zwischen die Zähne kriegen will, was er jedoch zusätzlich, außerdem, zu leugnen hat: "Außerdem gewinnt die Liebe jeden Weltkrieg gegen die Lüge".

Sprechblasenentzündung

Die Lüge hat den Weltkrieg gegen die Liebe immer schon gewonnen. Die Besagten stehen in Geschlechts- und Gefechtsstellung an einer Front, die in erster Linie durch die Stirn bezeichnet wird. Hinter ihr ist das Gehirn. "Mein deiniges Gehirn entrüstet sich, erklärt mich dir, erzählt mir die deinige Existenz." Feindliche Übernahme durch Gedankenlesen. Aufrüstung durch die Entzifferung der "Lebensanschrift unter der Kopfhaut". Aber die Entscheidungsschlacht wird aufgeschoben, denn "die ungereimte Schlachtbank, die lieben wir. Eigentlich sollten wir uns reizenderweise umbringen". Das ist das Reizende des Reizenden Reigens, man tut es nicht. Man spricht, indem man das Umbringen um die Ecke bringt. "Mörderplüsch, Damenfleisch". Die "deinige Existenz" wird als die meinige "abgeführt, wie ein verbrecherischer Mensch", dem man beim Geschlechts- und Gefechtsakt den Kopf in ein "Schaff Wasser" hineindrückt. Atemberaubend. Liebensentwürdigenderweise. Brechreizenderweise. Das Abführmittel ist das Verführungsmittel.

Der "geschlechtliche Totalverkehr" braucht Führung, aber das Allgemeine seiner Gemeinheit ist nicht das "Geschlechtliche", so der Angestellte: "Das ist kein General, das ist höchstens ein kleiner Zugführer im Lebensmilitär." Die Schauspielerin führt diesen Vergleich im Verkehr mit dem Abgeordneten weiter, indem sie expliziert, "so lange es Züge geben muss, werden sie als Transportmittel immer wieder entgleisen müssen", was ihm prompt passiert. Ein Glück, dass es nicht die Bundesbahn, sondern nur ein Mitglied des Bundes in ihrer Gleitbahn war. Sie ist von Eisen-, Straßen- oder Autobahnen in nichts unterschieden bis auf dies, dass der Verkehr außerhalb des Körpers das transportiert, was in seinem Innerhalb explodiert. Die Logistik des "Schweinehodenstaats" führt durch die weibliche Gleitbahn hindurch, in der das Volk und seine Vertreter kollidieren. Das Geschlechtliche ist das, was der Unfall ist. Er übt ins "Lebensmilitär" entsprechend der Logik ein, dass im Parlament "nur das Tödliche nachverhandelt" wird, darum gilt: "DIE unerhörte Sprache gehört einfach standrechtlich erschossen von EINER Sprache". Beide Sprachen bedingen sich, doch die EINE Sprache ist jener anderen vorausgesetzt. "Dass es das Vorgegebene so geben kann", so ohne "Eigenertrag" als "Reinertrag", räsoniert darob der Dichter.

Gemessen an der EINEN Sprache, ist das maßlose, das unerhörte Sprechen keine Sprache. Es wird überhört, weil es der EINEN Sprache gehört. Ihr hat das Sprechen hörig zu sein, wie unsäglich diese EINE Sprache auch ist. "Mahlzeit der Herr Dichter, der nicht dichten kann". Ihm ist, wie allen, das Wort aus dem Mund genommen. Er gibt es, wie alle, im Nachhinein weiter, wenn es vorgekaut, vorverdaut, ausgeschissen ist. Auch er kocht sein Süppchen mit Wasser, das Blasen wirft. "Sprechblasenentzündung". Wie immer die verhackstückten Worte wieder zusammengebacken werden, sie stillen keinen Hunger. Nicht den nach Essen, nicht den nach Liebe, nicht den nach einer Sprache, die keinen sprachlosen Kohldampf schiebt. Alle leben aus dem, von der EINEN Sprache produzierten Mülleimer. Auch der Dichter kennt seinen Namen nur vom Hörensagen, obwohl er selbstgewählt ist: "Nestory". Auch er ist ein Versprecher, Wortbrecher, auch er spricht nur, weil er etwas kriegen will, was er vorgeblich bekriegt: "Die geistesmilitärische Führung" über das "Lebensmilitär". Auch er wird von der EINEN Sprache kommandiert, marschiert mit. Darum gehören alle von dieser EINEN Sprache standrechtlich erschossen. Rechtlos. Aus dem Stand. Bevor sie noch den Mund aufmachen. Jetzt. Danach ist es zu spät.


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00:00 26.12.2003

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