Alles, was Recht ist

Porträt Cyrus Vance hat als Staatsanwalt die Trump-Organisation wegen unlauterer Geschäftspraktiken angeklagt
Alles, was Recht ist
Aus Sicht von Trump verkörpert Vance all das, was es zu erobern und zu zerstören galt

Foto: Mark Kauzlarich/Getty Images

Donald Trump meint, „goldene Jahre“ vor sich zu haben. Ob es so sein wird, hängt maßgeblich vom Ausgang der Ermittlungen zu den Geschäftspraktiken der Trump-Organisation ab. Widersacher des Ex- Präsidenten ist Cyrus Vance, der Bezirksstaatsanwalt von Manhattan, ein Mann aus einer anderen Welt. Wer alt genug ist, denkt bei diesem Namen an den Außenminister Cyrus Vance aus der Zeit des Präsidenten Jimmy Carter. 1980 trat der zurück, aus Protest gegen die von seinem Chef angeordnete Militäraktion zur Befreiung in Teheran festgehaltener US-Diplomaten. Dessen Sohn macht derzeit Schlagzeilen, weil er Anklage erhoben hat gegen das Immobilienunternehmen Trump und dessen Finanzchef Allen Weisselberg.

Wie sein Vater ist dieser Cyrus Vance (67) bekannt als umsichtiger Zeitgenosse. So war seine Anklageschrift nicht der von Trumps Gegnern erhoffte Rundumschlag, sondern eine nüchterne Auflistung von mutmaßlichem Steuerbetrug: Weisselberg habe 1,8 Millionen Dollar „an der Steuer vorbei“ schleusen lassen. Das kann ein paar Jahre Haft kosten. Der 73-Jährige, der in Handschellen vorgeführt wurde, wie in den USA zur Demütigung von Angeklagten üblich, und die Trump-Organisation bestritten alles. Die Anklageschrift erweckt den Eindruck, dass Vance, im Amt seit 2010, auf beschlagnahmte Dokumente baut. Sein Büro ließ wissen, es werde weiter ermittelt. In der Anklage ist von „leitenden Personen“ die Rede, die mitgewirkt hätten bei der Steuerhinterziehung.

Der Bezirksstaatsanwalt (District Attorney), ein gewählter Amtsträger, hat besonders in Manhattan mit seinem konzentrierten Reichtum und zahlreichen Unternehmen, die hier ihren Hauptsitz haben, ein hochpolitisches Mandat. Er entscheidet über Ermittlungsschwerpunkte und Anklagen. 500 Anwälte sind für Vance tätig. Oft ist in den vergangenen Jahren spekuliert worden, dass es „eng“ werde könne für Donald Trump, doch bleibt das auch diesmal offen wie die Frage unbeantwortet, ob Vance einen Killerinstinkt hat und über die nötigen Beweisstücke verfügt. Der Stammbaum des Juristen ist der eines Mannes, der zur alteingesessenen Elite der Ostküste zählt. Im Nachruf auf Vance senior schrieb die New York Times 2002: Er sei der Inbegriff des Establishments gewesen, Teil einer „kleinen Gruppe von Männern, die sich nahtlos ... von den Ivy-League-Universitäten an der Ostküste zu den Anwaltskanzleien der Wall Street bewegen“ und sich Auszeiten nähmen „für den Dienst in der Regierung“. Vater Vance saß in den Aufsichtsräten bei US Steel, IBM und der New York Times.

Der junge Cyrus besuchte die private Buckley School in Manhattan (Motto: Honor et Veritas), auf der die Jungs auf einem Werbevideo der Schule noch heute Krawatte tragen. Als Teenager lernte Cyrus am 1884 gegründeten Internat Groton School in Massachusetts. Mehr geballtes Privileg geht kaum, zu den Absolventen dort zählen Franklin D. Roosevelt, Präsident Trumans Außenminister Dean Acheson sowie McGeorge Bundy, Sicherheitsberater der Präsidenten Kennedy und Johnson. Schließlich studierte Vance Jura an der Yale-Universität und fand ein Zuhause als Mitarbeiter im Büro des Bezirksstaatsanwaltes von Manhattan, später in einer der gewichtigen Kanzleien New Yorks, bevor er 2009 zum Bezirksstaatsanwalt gewählt wurde. Ein großes Cyrus-Vance-Porträt im Magazin New Yorker zitiert einen Vertrauten: Aus Sicht des Immobilien-Emporkömmlings Donald Trump habe „Vance all das repräsentiert, was es zu erobern und zu zerstören galt“.

Jemand wie Vance sieht sich als Diener einer Ordnung, von der er selbst viel profitiert hat. Trump dagegen tritt an wie ein Straßenkämpfer, der sich mit dem Staat anlegt und mit seinem Reichtum prahlt. Wollte man sich an Psychoanalyse versuchen, liegt der Schluss nahe: Trump hasst das Establishment und möchte zugleich vom Establishment respektiert werden, also schickte er laut Magazin Variety seinen Sohn Donald auf die Buckley School.

Vance wird im November nicht zur Wiederwahl antreten. Man müsse auch mal Schluss machen können. 2009 wurde er mit 91 Prozent der Stimmen gewählt, vier Jahre später mit 85 Prozent, 2017 dann wieder mit 91. Und das trotz aller Kritik, er konzentriere sich zu sehr auf Kleindelikte. Mit den Trumps ist Vance schon früher kollidiert. 2012 ermittelte sein Büro gegen Tochter Ivanka und Sohn Donald. Es ging um unlautere Methoden beim Verkauf von Eigentumswohnungen, doch unterblieb eine Anklage. Vance hatte zu wenig in der Hand gegen die beiden. Donald Trumps Nichte, die Psychologin Mary Trump, die ihren Onkel offenbar nicht ausstehen kann, kritisierte im New-Yorker-Porträt: Vance habe die beiden gehen lassen. „Hätte er das nicht getan, hätte er Donald vielleicht von der Präsidentschaftskandidatur abgehalten.“ Trump wäre wohl nicht angetreten, hätte man seine Kinder vor Gericht zitiert. Immerhin war es Cyrus Vance, der im Februar 2021 Trump schließlich und endlich zur Freigabe seiner Steuererklärungen zwang.

Die Zeitung USA Today hat sich 2016 mit Donald Trumps Vergangenheit vor Gerichten befasst. In 30 Jahren sei der Partei gewesen bei mehr als 3.500 Rechtsstreitigkeiten. Vielfach hätten Firmen geklagt, die für Trump arbeiteten und nicht oder nur teilweise bezahlt worden seien. Trump hat sie hingehalten, bis ihnen das Geld ausging. Als US-Präsident hat er das Amtsenthebungsverfahren und den Sonderermittler Robert Mueller mit Verzögerungen und Aussageverweigerungen behindert, bis die Zeit ausging. Trumps Gegner fragen sich, ob man gegen so jemanden überhaupt per Gesetz ankommen kann. Wird es Cyrus Vance möglich sein?

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