Alleskönner

Jeder Mensch muss heute vielseitig einsetzbar, mehrere Funktionen gleichzeitig auszufüllen in der Lage sein. Wir kennen das aus der Zeitung. Von den ...

Jeder Mensch muss heute vielseitig einsetzbar, mehrere Funktionen gleichzeitig auszufüllen in der Lage sein. Wir kennen das aus der Zeitung. Von den Anforderungsprofilen in Stellenanzeigen. Wenn der Mensch insgesamt vielseitiger wird, kann die Technik nicht nachstehen. Das beginnt schon im Haushalt. Nicht dass die Maschinen bei uns zu Hause die Macht übernommen hätten, die würde meine Frau nie aus den Händen geben. Aber wir haben eine Multifunktionalkartoffelquetsche, eine Waschmaschine mit Multifunktionalanzeige (Wasserstand, Temperatur, Waschzeit, Radongehalt der Socken) und vieles andere mehr. Zum Frauentag hat unser Großer seiner Mutter eine Eieruhr mit Weltzeit-Modus geschenkt. Mit dem Handy können wir nicht nur telefonieren, nein, ehrenamtlich engagiert es sich als Radio, Videokamera, Taschenlampe und Partyspaß. Der Staubsauger setzt E-Mails ab, seine Power-Boxen bringen es auf 2 x 250 Watt. Nur beim Aufsaugen der Katzenhaare macht er einen ziemlich miesen Job, doch dafür haben wir ja den Computer. An langen Winterabenden sitzen wir gemütlich um unseren Kühlschrank herum, in dessen Kamin-Teil ein lustiges Feuerchen knistert. Meiner Meinung nach ist die Angst, diese Entwicklung führe ins totale Chaos, unbegründet. Schlimmstenfalls kommt es zur Auflösung aller Ordnung. Im Betrieb, in unserem Großraumbüro, steht seit längerem ein Farbkopierer, der Willens und auch in der Lage ist, Tele-Faxe abzusetzen. Jetzt sollen die Faxgerätehersteller zurückgeschlagen haben - mit einem Faxgerät, das kopieren kann: schwarz-weiß, farbig, Zeugnisse, Kunstwerke, Geschäftspraktiken. Mein Bürostuhl ermittelt zwei Mal pro Minute mein Körpergewicht, petzt die Daten über PC der Kantine, wo auf dieser Grundlage mein ganz persönliches Mittagsmenü zusammengestellt wird. Heute gab es ein halbes Kaviar-Ei an Glasnudeln (sieben Stück). Oder die Türklinken in öffentlichen Einrichtungen! Neuerdings nehmen die von jedem Besucher automatisch die Fingerabdrücke, die Ergebnisse werden zum Bundeskriminalamt übermittelt. Ein guter Beitrag für die innere Sicherheit, wenn auch kleinere Ermittlungspannen nicht ganz ausbleiben. Neulich wäre ich fast wegen Doppelmordes an meiner Großmutter verhaftet worden. Selbst der simple Seifenspender auf der Herrentoilette, der sich immer damit begnügte, einem eine schmierige Masse auf die Manschetten zu spritzen, und dessen Daseinsberechtigung damit als erwiesen galt, ist vielseitiger geworden. Die Modelle der neuen Generation messen nebenbei den Blutdruck und werfen bei entsprechender Diagnose eine Überweisung an den Hausarzt aus, und auch gleich die Rechnung für die Zuzahlung. Zum Schluss noch eine kleine, wahre Episode aus dem Büro. Fräulein Blaschke wollte unter ihrem Schreibtisch eine Maus gesehen haben, was ihr kein Mensch glaubte. Doch eines Nachts wurde das Nagetier tatsächlich von einer der drei Wärmebildkameras unserer Kaffeemaschine erfasst. Herr Schmieder hat sofort den Klammeraffen mit den vielen Funktionen mit einem Stück Speck versehen und unter dem Schreibtisch in Stellung gebracht. Aber der Maus gelang es, den Klammeraffen umzuprogrammieren und am nächsten Tag war das ganze Zimmer eine einzige Eisbahn. Wir sehen: Vielseitig einsetzbare Gerätschaften bringen die Menschheit auf ihrem Weg in eine lichte (deshalb die Taschenlampe am Handy) Zukunft maßgeblich voran. Auch die armen Völker dieser Welt werden eines Tages davon profitieren. Dann wird es doppelt so viel Reis für alle geben, wenn auch nur halb so große Portionen.


00:00 12.03.2004

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