Allgemeine Schutzverletzung

Kommentar Ulla Schmidt schlägt Arzneimittelpass vor

Manchmal schenkt einem der Zahnarzt nach der Behandlung eine Zahnbürste. Er hat sich ja kurz zuvor ein Bild vom Kauwerk gemacht und mag das als ermunterndes »Weiter so!« verstehen. Aber wenn der Allgemeinmediziner nach einer Routineuntersuchung eine Probepackung Antidepressiva lockermacht und augenzwinkernd sagt: »Die vertragen Sie bestimmt!« hört der Spaß auf.

Aufgeschreckt vom Skandal um das blutfettsenkende Mittel Lipobay, hat Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) einen Arzneimittelpass vorgeschlagenen. Pass? Eher ein elektronisches Visum. Eine Chipkarte soll speichern, welche Medikamente der Patient einnimmt, der Computer könne so gefährliche Wirkstoffkombinationen anzeigen. Der Bundesbeauftragte für den Datenschutz hat sofort gewarnt: Nicht noch mehr höchstpersönliche Daten zur elektronischen Verwertung freigeben! Joachim Jacob, der Datenwächter, macht es allen schwer: Ärzten, Patienten, Pharmaproduzenten. Recht hat er. Es ist schwer.

Als Konsequenz aus dem Lipobay-Debakel müssten Arzneimittelhersteller alle Medikamente ausdrücklich nennen, mit denen das vertriebene Produkt nicht eingenommen werden darf. Werden aber alle Kombinationen detailliert aufgelistet, sind Beipackzettel bald länger als Kommunalwahllisten. Ein Datenchip könnte hier helfen: Alle Unverträglichkeiten auf wenigen Quadratzentimetern. Selbstverständlich begrüßen die Pharmaproduzenten den Vorschlag. Der Arzneimittelpass würde ihnen und auch den Medizinern viel Arbeit abnehmen - und noch mehr Verantwortung. Konflikt-Check per Mausklick statt Aufklärung darüber, dass die Einnahme von Medikamenten immer hochriskant ist.

Der Verband forschender Arzneimittelhersteller befürchtet keine Gefahr für den Datenschutz, solange die Daten beim Patienten blieben. Bemerkenswert naiv - oder dreist: Wer überprüft, wohin die Daten aus dem ärztlichen Lesegerät fließen? Und wer verhindert, dass Arbeitgeber oder Versicherungen die MediCard überprüfen wollen, bevor sie den Vertrag für die neue Stelle, die Kranken- oder Lebensversicherung unterschreiben? Alles würde einsichtig: Vom Bluthochdruck über Verhütungsmittel bis AIDS.

Abseits der Lipobay-Schlagzeilen kündigt sich der Konflikt um den Umgang mit Gentests an. Der Arzneimittelpass könnte hierfür die Weiche falsch stellen - in Richtung mehr technischer Scheinverlässlichkeit. Vor allem aber in Richtung Individualisierung allgemeiner Risiken. Verantwortungsvoll mit der Gesundheit und dem Wohlbefinden umzugehen, geht alle an. Eine Chipkarte, die Freifahrtscheine oder Sperrvermerke erteilt, lässt vermutlich den letzten Rest an Sensibilität dafür einschlafen.

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00:00 31.08.2001

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