Alltag vor Gericht

Filmfestspiele Venedig drohte gegenüber den anderen großen Herbstfestivals abzufallen, zeigte aber solide Qualität. Und eine Entdeckung aus Indien
Isabella Reicher | Ausgabe 37/2014

Die Scherzartikelverkäufer sind traurig. Das Geschäft mit den extralangen Vampirzähnen stagniert, auf dem Lachsack, „ein Klassiker“, bleiben sie immer öfter sitzen. Da hilft nur ein Bier in der Kellerkneipe. Die unter Erfolgsdruck stehenden Händler Jonathan und Sam gehören zum Figureninventar von Roy Anderssons diesjährigem Venedig-Siegerfilm A Pigeon sat on a Branch reflecting on Existence.

Dass besagte Taube ihren Reflexionen ausgestopft in einem Museumsschaukasten nachgeht, ist gleich in der ersten der 39 Szenen deutlich zu sehen. Der Auftakt deutet an, in welche Richtung Weltsicht und Humor des inzwischen 71-jährigen schwedischen Filmemachers neigen, der in rund 45 Jahren fünf Spielfilme (und Hunderte Werbespots) gedreht hat. Der neue beschließt eine mit Songs from the second Floor (2000) begonnene Trilogie konzeptuell: Andersson erzählt in Plansequenzen, in karg ausgestatteten Räumen und mit fahl überschminkten Figuren kleine Episoden, Minidramen oder Slapsticknummern, die zusammen leicht skurrile Betrachtungen der menschlichen Existenz ergeben.

Dass die Jury der 71. Internationalen Filmfestspiele sich auf diesen Beitrag als Sieger einigte, war nur insofern überraschend, als sich das Feld der 20 Anwärter diesmal auf solidem Niveau relativ gleichwertig darstellte – es fehlte die alles überstrahlende Arbeit, aber dafür gab es mit Ausnahme von Fatih Akins missglücktem Völkermord-Armenien-Drama The Cut kaum Ausreißer nach unten.

Die Tradition, Dokumentarfilme im Wettbewerb zu platzieren (im Vorjahr gewann Gianfranco Rosis Sacro GRA den Goldenen Löwen), wurde mit Joshua Oppenheimers The Look of Silence fortgesetzt. Der US-Regisseur, der sich darin nach The Act of Killing (Freitag vom 14. November 2013) erneut mit den anhaltenden Folgen des Massenmords an angeblichen Kommunisten in Indonesien Mitte der 60er Jahre beschäftigt, und zwar diesmal aus der Perspektive der Opferfamilien, erhielt den Großen Preis der Jury.

Insgesamt dominierte das europäische Kino die Auszeichnungen: mit den Schauspielpreisen an Alba Rohrwacher und Adam Driver für Saverio Costanzos Psychodrama Hungry Hearts sowie an Romain Paul als bockigen Teenager in Alix Delaportes Le dernier coup de marteau. Den Preis für die beste Regie, den Silbernen Löwen, erhielt Andrej Konchalowsky für seine kleine Dorfchronik The Postman’s white Nights (Belye nochi pochtalona Alekseya Tryapitsyna). Der in Berlin lebende Kaan Müjdeci, der mit einem energetischen kindlichen Helden in die (Sub-)Kultur anatolischer Hundekämpfe führt, bekam für Sivas den Spezialpreis der Jury.

Venedig, so hatte es der künstlerische Leiter des Festivals, Alberto Barbera, in seinem Katalogvorwort vorsorglich formuliert, solle ein Festival der Entdeckungen bleiben. Eine Plattform für ein Kino, das neugierig sei, möglichst vorurteilsfrei beobachte und die „Komplexität der Gegenwart erhelle“. Ein Ort, an dem neue Autoren oder „eine originelle Produktionsstrategie auszumachen“ seien, die wiederum der Vorschein einer Erneuerung des Mediums sein könnten.

Tragikomik hochgehalten

Diese vorab ausgegebene Losung konnte nicht ganz verdecken, dass man im Reigen der großen Herbstfestivals, nahezu zeitgleich mit Toronto und Telluride/Colorado, rund einen Monat vor San Sebastián und New York, in diesem Jahr ein wenig abgeschlagen rangierte. Paul Thomas Anderson beispielsweise, der The Master vor zwei Jahren noch am Lido der Weltöffentlichkeit präsentierte, wird seinen neuen Film Inherent Vice erstmals Anfang Oktober in New York vorstellen.

Andererseits standen die in Venedig präsentierten US-Filme nicht im Verdacht, nur wegen des einen oder anderen mitreisenden Stars eingeladen gewesen zu sein. Beginnend beim Eröffnungsfilm, Alejandro G. Iñárritus furios gefilmtem Birdman, über Peter Bogdanovichs Verwechslungskomödie She’s funny that Way und Lisa Cholodenkos HBO-Miniserie Olive Kitteridge bis zu Joe Dantes vergnüglichem Fankultur- und Zombiefilm Burying the Ex wurde damit der Anteil hochkarätiger (Tragi-)Komik ungewöhnlich hoch gehalten.

Zu den Entdeckungen dieses Jahrgangs muss man Court zählen, den Spielfilmerstling des 1987 geborenen Inders Chaitanya Tamhane, der in der Reihe Orizzonti lief. Ausgehend von der Verhaftung eines Volksdichters während eines Auftritts in Mumbai gibt der Film einen ungewöhnlichen Einblick in die gesellschaftliche und politische Gegenwart seiner Heimat.

Dem Dichter wird vorgeworfen, mit einem Liedtext den Selbstmord eines Kanalarbeiters verursacht zu haben. Ein engagierter Strafverteidiger, eine beflissene Staatsanwältin, ein ungeduldiger Richter, die Hinterbliebenen des Arbeiters und der unbeugsame Dichter selbst treffen in einer Reihe von Verhandlungsterminen aufeinander. In lose verbundenen Sequenzen folgt der Film einzelnen Protagonisten in ihren Alltag und fächert dabei beiläufig Klassenunterschiede auf. Court erzählt von Willkür und einer Justiz, die sich auf Anti-Terror-Paragrafen beruft, um oppositionelle Stimmen mundtot zu machen. Der Film wurde am Ende doppelt prämiert – was hoffentlich dabei hilft, das Interesse wachzuhalten, wenn die Papplöwendeko vom Festivalgelände am Lido fürs nächste Jahr eingelagert worden ist.

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06:00 24.09.2014

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