Allwissender Moskito

[Ups] Beinahe hätten wir diesen Roman übersehen. Dabei kann man in Carmen Stephans „Mal Aria“ die Welt wirklich neu sehen [lernen]

Eine junge Frau, die zufälligerweise den Namen Carmen trägt, im brasilianischen Dschungel von einem Moskito gestochen wird, und an Malaria erkrankt – das ist die ganze Geschichte von Mal Aria. Sie wird erzählt von einem Moskito, genauer: Dem Moskito, der Carmens Blut trinkt und damit eins wird mit der todkranken Protagonistin.

Die Sache mit dem Moskito klingt zunächst etwas spleenig. Ein Roman, der aus einer einzigen, etwas fragwürdigen Idee besteht den mag man doch nicht lesen, denkt man noch, doch da hat der Roman einen schon angesteckt, so schnell wie Carmen, die Protagonistin, angesteckt wurde. Es sind Sätze wie diese, die einen an nichts anderes mehr denken lassen: „Der Augenblick, in dem Carmen krank wurde, gleicht einer Szene in einem alten Musicalfilm. Eine junge Frau läuft im Frühling durch eine Drehtür, sie kommt auf der anderen Seite wieder heraus, und es schneit.“

Sehen als Erkennen

Dieser spezielle Tonfall ist es, der die Erzählung trägt, zusammenhält, hermetisch dicht erscheinen lässt, und er bleibt bis zum bitteren Ende. Auf wundersame Art und Weise wird gleichzeitig kalt und bilderreich erzählt – und die Autorin findet für alles ein neues, kaltes, richtiges Bild.

Kein einziger schlechter Satz findet sich in diesem Romandebut, alle Sätze sind gut, manche sehr gut, einige unfassbar gut. Es sind Sätze, die von Krankheit und Tod singen. Die kalte, klare Ästhetik ist dem Blick des Moskitos geschuldet (ein einfacher, aber eben extrem wirkungsvoller Kniff), der das anthropozentrische Weltbild nach allen Richtungen hin bricht. Dieser Moskito träumt, spricht mit dem Leser, ist sogar gewitzt, clever. Alles ist möglich, solange die Sprache es erlaubt.

Natürlich ist die Sache mit dem Moskito als Erzähler nicht allzu ernst zu nehmen. An einer Stelle, als der Leser gerade dachte zu verstehen, schickt der Erzähler ihn in den Abgrund, indem er fragt, ob er, der Erzähler, nicht ein Mensch sei, der davon träumt, ein Moskito zu sein. Wie sangen doch die Cramps? „I’m a human fly, and I don’t know why. I’ve got 96 tears in 96 eyes.“

Am Ende ist es vollkommen egal, denn das eigentliche Thema des Romans ist das Sehen. Da wird von den einen nach innen geschaut, die anderen schauen mit dem Gehirn und nicht mit den Augen, noch andere sehen und erkennen nicht, ganz wenige sehen und erkennen, doch meist nur kurz. Der Roman handelt von diesem Sehen im Sinne von Erkennen, vom Bedürfnis der Menschen zu verstehen, von der Unzulänglichkeit der Menschen zu verstehen. Der Mensch im Auge des Moskitos baut das Fundament seiner Welt auf falschen Kausalitäten, Ideen, Hoffnungen, Regeln.

Menschen, die nicht denken, sind gefährlich

„Ist es möglich, dass man Jahrtausende Zeit gehabt hat, zu schauen, nachzudenken und aufzuzeichnen, und dass man die Jahrtausende hat vergehen lassen wie eine Schulpause, in der man sein Butterbrot isst und einen Apfel?“

Beim Lesen von Mal Aria hingegen lüftet sich der Schleier von der Welt und gibt den Blick frei auf so etwas wie, ja, Realität. Der Moskito will einfach nicht verstehen, wieso der Mensch lieber glotzt, anstatt wirklich zu sehen, sich lieber zerstreut, als sich neu zu schöpfen. „Menschen, die nicht denken, sind überflüssig; sie sind gefährlich.“

Nebenbei, weil ja so wenig passiert, wird von dem allwissenden Moskitoerzähler die Geschichte der Malaria erzählt, die eine Geschichte der Missverständnisse und der menschlichen Dummheit ist. Die Menschen wollen sich und die Welt kontrollieren, aber die Welt will das nicht. Dafür steht diese Erzählung: Der kleinste Stich, der alles verändert. Der alles außer Kontrolle geraten lässt. An wenigen Stellen gerät dabei leider die sonst so sichere, stilbewusste Erzählung selbst außer Kontrolle, und es ist kurz so, als wäre der Moskito wütend auf unser Gesundheitssystem. Ein Fliegenschiss auf dem Gesamtbild.

Gegen Ende der Erzählung wird es rasant, es passiert auf einmal doch ganz schön viel. Die 1974 geborene Carmen Stephan hat Gespür für die Aufmerksamkeitsspanne des Lesers, kein Ausflug ins Historische, keine Erinnerung, keine Digression gerät ihr zu langatmig. Klaustrophische Erinnerungen vermischen sich mit MRT-Erfahrungen. Carmen macht eine Entwicklung durch: Der Tod ist nicht mehr eine Sache, die außerhalb des Lebens liegt. Kräfte werden wach in ihr. Der Tod wird zur Kenntnis genommen, er kann kommen. Dass ein Roman davon erzählen muss, dass die Dinge im Leben nicht aus Gründen passieren, dass es die Kohärenz nicht gibt, nach der wir uns sehnen und weil wir uns sehnen zusammenhängende Geschichten erzählen, die unser Leben sind, dass man das ausgerechnet so sinnvoll in einem Roman dargelegt bekommt, ist natürlich vollkommen ironisch. Die Erkenntnis ist nicht neu, doch wenn sie ausgezeichnet da steht wie in Mal Aria, dann sollte man sie ruhig nochmal lesen, und nochmal, und nochmal. Im Bett liegen und über das Menschsein nachdenken.

Mal Aria Carmen Stephan S. Fischer Verlag 2012, 208 S., 18,99 €

Maximilian Link schrieb im Freitag zuletzt über die Wiederentdeckung des Flaneurs

09:00 29.09.2012

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