Allzeit auf Achse

Porträt Ninja Kröger arbeitet als Notärztin fast nur in Extremsituationen. Viele Männer haben ihr das nicht zugetraut
Franziska Knupper | Ausgabe 40/2016

Der Autofahrer, der das junge Mädchen verletzte, war betrunken. „Das ist nicht weit von mir zu Hause passiert“, sagt Ninja Kröger. „Ich bin spontan eingesprungen und war innerhalb von drei Minuten am Unfallort. Es hat trotzdem nichts genützt.“ Das junge Mädchen starb.

Ninja Kröger ist hauptberufliche und selbstständige Notärztin, eine der wenigen ihrer Art und noch eine Pionierin auf diesem Gebiet. „Die meisten Ärzte machen einige Schichten als Notarzt nebenher und sind sonst fest im Krankenhaus angestellt. Der Notfalleinsatz ist da eher weiteres Übel und meist nur zusätzliche Belastung“, sagt Kröger und holt ihre rote Rettungsjacke. Auf der Rückseite prangt in weißen Buchstaben das Wort Notarzt. „In dieser Jacke bin ich sachlich, professionell und restlos selbstbewusst. Wahrscheinlich geht es den meisten Menschen in Uniform so.“

Mit ihren hellblonden, schulterlangen Haaren, der blassen Haut und der schmalen Statur wirkt sie auf den ersten Blick fast zerbrechlich. Viele männliche Kollegen haben anfangs geglaubt, sie könne nicht richtig anpacken, erzählt sie: „Ich habe mich erst einmal beweisen müssen.“

Die eigene Chefin

Ninja Kröger arbeitet für verschiedene Kliniken in Nordrhein-Westfalen. In diesem Jahr ist sie 42 Jahre alt geworden. Ihr Ehemann arbeitet bis heute als leitender Oberarzt in dem Krankenhaus, in dem sich die beiden einst kennengelernt haben und wo Kröger ihre Karriere begann. Sie absolvierte jede Prüfung mit Bravour und ihren Facharzt in allgemeiner Chirurgie sowie Gefäßchirurgie – zwei Königsdisziplinen des Arztberufs und heute noch immer absolute Männerdomänen.

Sie hätte eine steile Karriere im Krankenhaus machen können, das weiß sie. Und doch hat sie sich gegen den üblichen Weg entschieden, weil sie sich unabhängig von der Großinstitution Krankenhaus machen wollte. Seit acht Jahren verbringt sie jetzt jede zweite Nacht im Rettungswagen, fährt von Autounfall zu Messerstecherei zu Herzinfarkt. Sie braucht diese Aufregung.Kröger hat festgestellt, dass die langatmigen Therapien in den Krankenhäusern nichts für sie sind. „Ich schaue Menschen nicht gern beim Sterben zu.“

In der Gefäßchirurgie bleibt so etwas jedoch nicht aus. Das Fachgebiet ist voller spannender Operationen, aber genauso voller Frustrationen und Misserfolge. „Wenn du gerade jemandem sein Raucherbein amputiert hast und er nach dem Eingriff vor die Tür geht, um eine Zigarette zu rauchen, dann zweifelst du natürlich am Sinn deiner Tätigkeit.“

Selbstverständlich gibt es auch bei den Notfalleinsätzen genug Situationen, die sich nicht so leicht abschütteln lassen. Die mit dem Mädchen, dessen Unfall in der Nähe von Krögers Zuhause tödlich endete, zum Beispiel. Oder die, als es Kröger nicht gelang, einen zweijährigen Jungen wiederzubeleben. „Er war gestürzt, Kopfverletzung. Er ist mir unter den Händen gestorben.“ Sechs Jahre ist das inzwischen her, und es beschäftigt sie noch immer.

Ninja Kröger

Seit acht Jahren verbringt die Notärztin jede zweite Nacht im Rettungswagen. Zuvor hatte sie Medizin studiert und erfolgreich die Ausbildung zur Fachärztin in allgemeiner Chirurgie sowie Gefäßchirurgie absolviert. Ninja Kröger ist 42 Jahre alt und lebt mit ihrem Mann in Nordrhein-Westfalen.

Manchmal leidet sie darunter, nicht zu wissen, was mit den Menschen geschieht, die sie im Krankenhaus einliefert. Bei besonderen Fällen erkundigt sie sich manchmal, was aus den Patienten geworden ist. Oft lässt sich das aber nicht mehr nachverfolgen. Das Glücksgefühl muss sich schon dann einstellen, wenn man den Patienten lebend ins Krankenhaus gebracht hat. „Dann bin ich zufrieden. Die Unbekannten bleiben unbekannt“, sagt sie, und ihr Blick streift nachdenklich über den Garten und ihr privates Waldgrundstück mit den zwei grasenden Hirschen.

Ninja Kröger bestimmt selbst, wann sie die Nacht zuhause verbringt und wann sie im Einsatz ist, das ist der größte Unterschied zwischen ihrer Selbstständigkeit und einer Festanstellung. „Ich bin mein eigener Chef und entscheide, wie oft ich im Monat arbeite. Wieviele Nachtschichten ich mir zumuten möchte. Kein Arbeitsplan entscheidet über meinen Kopf.“

Während einer Nachtschicht kommt es manchmal vor, dass die ganze Zeit gar nichts passiert. Dann sieht sie sich Serien an, arbeitet an Vorträgen, oder sie schläft einfach durch. „Und ich werde trotzdem bezahlt.“ In anderen Nächten geht der Piepser alle fünf Minuten, dann rast Kröger mit Blaulicht von Einsatz zu Einsatz.

„Es ist keine besonders stabile Aufgabe. Ich weiß morgens nie, was der Tag bringen wird.“ Vergewaltigungen, Messerstechereien, Drogenmissbrauch – Ninja Kröger hat mit Anfang 40 schon alles gesehen. „Ein Junkie, der sich eine Überdosis gesetzt hat? Das ist für mich Alltag. Mein Leben wird bestimmt von den Extremsituationen unserer Gesellschaft.“ Nur dass es bei Kröger eben nicht um Extremsituationen wie im Scripted-Reality-Format Auf Streife geht, mit dem Sat1 seit mehr als drei Jahren recht erfolgreich sein Vorabendprogramm bestreitet. Sondern um echte Notfälle.

Alternative in der Medizin

Freiberuflich als Arzt im Krankenhaus zu arbeiten, ist in Deutschland ein seltenes Modell. Geschätzt 5.000 Mediziner haben sich gegen eine Festanstellung entschieden, die traditio-nelle Beschäftigung für rund 175.000 Ärzte in den Kliniken. Statt in einer einzigen arbeiten die Selbstständigen jedes Jahr in fünf, zehn, zwanzig oder noch mehr Ambulanzen. Die Bezahlung erfolgt auf Honorarbasis, am Ende eines Arbeitstags stehen durchschnittlich 360 Euro.

Das ist weitaus lukrativer als das prekäre Dasein vieler Solo-Selbstständiger, gerade im Dienstleistungsbereich. Und es stellt eine Alternative dar zur Unmenge an Über-stunden, wie sie besonders junge, angestellte Assistenzärzte in Folge von Personaleinsparungen oder hohem Krankenstand vielfach leisten müssen. Der Marburger Bund, der Verband der ange-stellten und beamteten Ärztinnen und Ärzte Deutschlands, geht von 13 Millionen unbezahlt geleisteten Überstunden pro Jahr aus. In manch einem Kranken-haus und in einigen psychotherapeutischen Einrichtungen kann der Betrieb nur noch mit Honorarkräften aufrechterhalten werden. Das gilt vor allem für strukturschwache und ländliche Regionen.

In Oberfranken oder im Süden Thüringens arbeiten daher etliche Mediziner aus der nahen Tschechischen Republik auf Honorarbasis. Langfristig lässt sich der Ärztemangel damit jedoch nicht aufhalten. Für das Jahr 2019 rechnet das Deutsche-Krankenhaus-Institut mit bis zu 37.400 offenen Stellen. Gerade für die Rettung in Notfällen ist Telemedizin, wie sie vielerorts als Ersatz für fehlende Hausärzte auf dem Land gepriesen wird, keine Option. fkn

Für die erhält eine freiberufliche Notärztin zwischen 30 und 40 Euro pro Stunde; der durchschnittliche, aufgrund der unbezahlten Überstunden minimierte Lohn eines festangestellten Assistenzarzts beträgt rund 15 Euro. An Feiertagen bekommen Honorarärzte außerdem eine zusätzliche Prämie. „Das führt dazu, dass ich an Weihnachten oft nicht zu Hause bin“, sagt Kröger. Jetzt, im Oktober, werden in vielen Kliniken die Dienstpläne für den letzten Monat des Jahres erstellt, angestellte Ärzte mit Kindern bangen, ob sie Weihnachten mit der Familie oder Silvester mit Freunden feiern können. Weil Kröger keine Kinder hat und ihr die Feiertage deswegen nicht so wichtig sind, stören sie diese Schichten nicht. Das hilft wiederum dem einen oder anderen Kollegen.

Überhaupt glaubt Ninja Kröger, dass flexible Freiberufler eine echte Alternative für die stets überlasteten Kliniken sind. Viele Regionen, gerade im Osten, leiden unter chronischem Mangel an Notärzten. In den unterbesetzten Häusern wird dem Krankenhausalltag notgedrungen Priorität eingeräumt – und bei der Notfallmedizin spart man als Erstes.

Ninja Kröger hält es für riskant, wenn dem behandelnden Arzt die Übung im Notfalleinsatz fehlt. Für Patienten kann es nur von Vorteil sein, wenn sie auf einen hauptberuflichen Notarzt treffen: „Manche Handgriffe gehen bei mir einfach schneller. Und vor allem: Ich treffe Entscheidungen in Sekundenschnelle. Allein, ohne Rücksprache.“

Das klingt hart

Auch das ist eine Frage der Übung. „Wenn ich an einen Unfallort mit mehreren Schwerverletzten komme, muss ich imstande sein, zu beurteilen, wer dringend Hilfe braucht, bei wem es sich nicht mehr lohnt und wer noch warten kann. Das klingt hart. Doch nur so kann man zumindest einige retten.“

Die Notfallmedizin ist punktueller, schneller, direkter. Kröger hat zwar nicht mehr ganz die nötige Praxis, um komplizierte Operationen in der Klinik durchzuführen, dafür aber ihre eigene Nische gefunden. Ihrer Meinung nach könnte das für viele Ärzte ein zukunftsträchtiges Modell sein: genau für die Arbeit bezahlt zu werden, die man auch macht. Kröger muss sich zwar mit Rechnungen und Steuererklärungen herumschlagen, dafür fällt die Bürokratie des Krankenhausalltags weg.

„Sollte ich einmal ernsthaft krank werden, habe ich natürlich ein Problem. Aber das geht ja jedem Freiberufler so.“ Zurzeit macht sie sich eher Sorgen um ihren Status als Selbstständige. Viele Honorarärzte sehen ihre Existenz vom Vorwurf der Scheinselbstständigkeit bedroht. Die deutsche Rentenversicherung unterstellt Ärzten im Krankenhaus per se ein abhängiges Beschäftigungsverhältnis. Mehrfach wurden Kliniken dazu aufgefordert, Rentenversicherungsbeiträge für freiberufliche Ärzte nachzuzahlen. Der Beruf des Arzts verläuft noch in traditionellen, vorbestimmten Bahnen. Neue Geschäftsmodelle werden misstrauisch betrachtet.

Die Idee, auf Honorarbasis zu arbeiten, ist erst langsam im Kommen. Oft wird Kröger nahegelegt, wieder in eine klassische Anstellung zurückzukehren. Oder am besten gleich eine eigene Praxis aufmachen. Und vielleicht wolle sie ja doch noch Kinder? Feste Arbeitszeiten und ein festes Gehalt sind doch erstrebenswert, heißt es in der Familie und bei Kollegen. Immer nachts durch die Stadt hetzen – wie lang kann ein Mensch so etwas durchhalten? Und wie soll das eigentlich im Alter funktionieren?

Schon nach ein paar Jahren in der Klinik hat Ninja Kröger erkannt, welcher der richtige Weg für sie ist, und sich gegen die Erwartungen gestellt. Dass der freiberufliche Notarztjob zu hart für eine Frau ist, hält sie für einen Irrglauben: „Ich habe die Arbeit im Krankenhaus sowohl mental als auch physisch als viel anstrengender empfunden.“ Die unbezahlten Überstunden, der Konkurrenzkampf, die schier endlosen Operationen, bei denen man stundenlang unbewegt am Tisch stehen muss. Einmal ist sie nach acht Stunden fast in Ohnmacht gefallen. „Das trägt natürlich nicht dazu bei, ernst genommen zu werden. Du musst stark sein, geistig und körperlich, immer und um jeden Preis.“

Als Frau war das eine harte Erfahrung. Sich neben Chefärzten mit großem Ego als damals junge Ärztin durchzusetzen, war ein Balanceakt, erinnert sich Kröger. „Da wurde ich oft belächelt. Die kleine Blonde. Wie oft bin ich zu einem Patienten ins Behandlungszimmer gekommen und als Schwester begrüßt worden, während man den Pfleger neben mir mit Herr Doktor angeredet hat.“

Als Notärztin genießt sie jetzt absolute Autorität. Sie ist die Erste vor Ort – und die einzige Ärztin. Das begreifen auch die Patienten. Aber natürlich steht und fällt jeder Einsatz mit dem richtigen Team. Gut ausgebildete Rettungssanitäter und Feuerwehrmänner sind unersetzlich. Erst seit 2014 gibt es die dreijährige Ausbildung zum Notfallsanitäter. Die war dringend von Nöten, sagt Kröger. „Ich muss mich auf die Jungs verlassen können, sonst hab ich ein mulmiges Gefühl.“

Es sind diese Kollegen, die in kritischen Momenten für sie einspringen. „Wenn jemand angriffslustig oder betrunken ist und sich nicht beruhigen lassen will, bin ich jedes Mal dankbar, dass ich auf sie zählen kann.“ Im täglichen Machtkampf im Krankenhaus hat sie dieses gegenseitige Vertrauen vermisst. Sogar der Alltag mit den Krankenschwestern war oft vom Wettbewerb um Kompetenz und Entscheidungshoheit bestimmt.

Da ist die Zusammenarbeit mit jedem noch so raubeinigen oder unausgeschlafenen Polizisten einfacher, meint Ninja Kröger. „Die Polizei und ich – wir begegnen uns mit gegenseitigem Respekt. In problematischen Fällen sage ich ihnen zum Beispiel auch, welche Vene ich brauche, um eine Injektion zu verabreichen. Dann ziehen sie ihre dicken Handschuhe an und lösen das Problem für mich.“

Das Einzige, was Ninja Kröger vermisst, sind die anspruchsvollen Operationen. „Das Basteln an Gefäßen. Diese kleinteilige, fast meditative Arbeit.“ Sie betrachtet ihre Hände. Die sind schon ziemlich geschickt, findet sie. Diese Qualität kommt bei den Noteinsätzen nur selten zum Tragen. Aber dafür gibt es eben wenige dieser Tage, die nur aus Visite, Kaffee und quälender Routine bestehen.

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06:00 02.11.2016

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