Als das Reisen noch geholfen hat

Mosaik Der Prager Erzähler Jan Neruda unterwegs zwischen Hamburg und Kairo

Wenn einer eine Reise tut, so kann er nichts erzählen", schreibt die große alte Ilse Aichinger. Schon früh sei ihr die "unglaubliche Sprachlosigkeit" der Reisenden aufgefallen. Sie zeigen nach ihrer Rückkehr gerne Bilder, auf denen dann aber immer nur sie selbst zu sehen sind: vor den Pyramiden oder vor dem Kölner Dom. Noch nie wurde soviel gereist wie heute, und doch wird niemand behaupten, dass die Reiseliteratur in besonderer Blüte stünde. Das liegt vermutlich daran, dass sie ihre genuine Aufgabe verloren hat, nämlich von fremden Ländern und Menschen zu berichten, die noch niemand kennt.

So muss es noch in den sechziger und siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts gewesen sein, als Jan Neruda aus Prag immerhin bis Ägypten reiste und Reisebilder nach Hause lieferte. Wenn der 1834 geborene Autor etwa aus Konstantinopel berichtete, dann nicht, weil er am Bosporus einen neuen gastronomischen Trend aufgespürt oder dort ein neues Hotel eröffnet hatte, sondern weil er das Leben an der Holzbrücke über das Goldene Horn schildern wollte, wo er binnen einer Stunde "sämtlichen Nationalitäten" zu begegnen wähnte. Dieser Platz machte auf den Erzähler und Zeitungsmann einen überwältigenden Eindruck: "Konstantinopel ist einzigartig in seiner Art, ein Vergleich mit irgendeinem anderen Ort ist schlicht unmöglich. Konstantinopel zu beschreiben wäre das gleiche wie ein nicht zu übertreffendes herrliches Gedicht zu schreiben."

Dabei ist Neruda um Vergleiche sonst nicht verlegen. Und der Vergleichsmaßstab für den Autor, der mit seinen Geschichten über das alte Prag auch bei deutschen Lesern bekannt wurde, ist seine Heimatstadt - wenn er etwa in München, das ihm wie eine Kleinstadt vorkommt, das auch 1863 schon unvermeidliche Hofbräuhaus besucht: "Stellen Sie sich das dreckigste Prager Brauhaus noch einmal so schmutzig vor, und Sie haben einen nebulösen Eindruck vom ›Hofbräu‹-Schmutz; stellen Sie sich den durstigsten Prager noch fünfmal so durstig vor, und Sie haben den Embryo des ›Hofbräu‹-Trinkers." Überhaupt finden deutsche Städte bei Neruda wenig Gnade. Einzig Hamburg gesteht er zu, "auf seine Art schön" zu sein, mokiert sich aber über die mangelnde Kunstsinnigkeit der Hanseaten: "Was sich nicht zählen und verkaufen, essen und trinken lässt, dafür haben die Hamburger wenig Sinn." Keine Gnade auch für die preußische Metropole: "Berlin rührt an keiner Stelle ans Herz, und der Besucher bleibt nüchtern gestimmt." Eine "auf Kommando errichtete Stadt" könne eben nicht schön sein. Weltstadt? Von wegen! Dazu fehle es am "Gemisch von Nationalitäten". Dafür will Neruda auf Schritt und Tritt torkelnden Menschen begegnet sein: "Trunkenheit ist das Hauptvergnügen der untersten Schichten Berlins."

Auch über Wien und "Pensionopolis" Graz schreibt Neruda nicht ohne Häme: "Ganz Graz saugt am Wiener Pensionsfonds, die stärkste Pensionsröhre führt hierher, und würde sie plötzlich versiegen, würde Graz ins Gras beißen und sterben." Er muss schon bis Triest reisen, um zu erfahren, was "wirklich eine Weltstadt" ist - eine Hafenstadt mit Abertausenden Matrosen, in der alle Weltsprachen zu hören sind. Die Stadt strahle "als Ganzes etwas Besonderes aus, obwohl seine einzelnen Teile nicht gerade originell sind", so beschreibt er einen Eindruck, den man auch heute noch so haben kann. Er rät - immer auch der Gastronomie und dem Nachtleben auf der Spur - von einem Besuch der Osteria "Zur Stadt Prag" ab, empfiehlt allerdings: "Wer am nächsten Tag Zeit für Kopfschmerzen hat, trinke den champagnerartigen roten Rifosco oder den weißen perlenden Prosecco."

Neruda hat, wie die Übersetzerin Christa Rothmeier in ihrem Nachwort schreibt, die Form des Feuilletons für die tschechische Literatur erfunden und war davon überzeugt: "Der Feuilletonist muß selbst ein Mosaik wie sein Feuilleton sein." In seinen Reisebildern, von denen sie eine repräsentative Auswahl in ein gut lesbares Deutsch gebracht hat, gelingt es ihm, das Leben auf den Straßen und in den Kneipen anschaulich zu machen. Neruda erspart dem Leser weitschweifige (kunst)historische Exkurse, die er mühelos woanders finden kann, und ist für ihn ein Medium mit offenen Augen und Ohren. Dabei stellt sich mit der zeitlichen Distanz der merkwürdige Effekt ein, dass die Berichte aus den Bergen Judäas kaum exotischer wirken als die Feuilletons über Bukarest und Wien - eigentlich sogar im Gegenteil, haben wir doch eine genauere Vorstellung, wie unsere Städte sich in den letzten 150 Jahren verändert haben. Nerudas Beobachtungen in Jerusalem wirken erstaunlich aktuell: "Christ, Jude und Mohammedaner sind hier in allen ihren Sekten vertreten, und alle sind Prototypen des Fanatismus." Weiter als bis Kairo wollte er aber dann doch nicht reisen: "Schließlich und endlich, wohin auch reisen, wenn nicht auf ausgetreten Wegen! Vielleicht nach Afrika? Einen Mohren, und noch dazu gleich im Anzug der Kellnergelehrtheit, nämlich im Frack, sieht man im Prager Café ›Zum Bahnhof‹, ein Nashorn sieht man in Schönbrunn, ein Nilpferd im Pariser Jardin des Plantes, Elephant und Krokodil in jeder Menagerie, und was andere sprießt dort nicht."

Jan Neruda Die Hunde von Konstantinopel. Reisebilder. Aus dem tschechischen von Christa Rothmeier. DVA, München 2007, 384 S., 19,95 EUR

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