Als der Zimmermann Pogo tanzte

Weihnachtsgeschichte Die Aufgabe: Weihnachtskarten zu gestalten, die sich wesentlich von allen anderen unterscheiden sollten... Maria wurde zur Punkerin. Die Freitag-Weihnachtsgeschichte 2009

In jenem Winter, in dem Ingemar Stenmark auf Skiern seinem dritten Weltcup in Folge entgegenfuhr, verkauften wir auf dem Blumenplatz Weihnachtskarten: Igor, Roc und ich. Es waren die Jahre, in denen der Glühwein in den Kneipen auf kleinen Kochplatten erhitzt wurde, vor dem Kino Zagreb stand noch immer die Wasserpumpe, und zur Christmette in der Kirche in der Palmotićeva Straße ging man mit der gleichen Absicht, mit der man anschließend in den Jugend-Klub Jabuka ging. Die Kirche war damals nicht in Mode, aber es fehlte nicht am Glauben. In einem Bierkrug, in den Augen der Mädchen, in jedem Trommelschlag und in jedem Gitarrengriff offenbarte sich Gott, und wir sahen ihm direkt ins Gesicht, wir waren jung. Wir blickten in das Gesicht Gottes und hörten Joe Strummer, denn damals war er der Bote Gottes, das Wort des Vaters. Das, was er brüllte, waren in unseren Ohren Psalmen.

Igor stand vor der Diplomprüfung an der Schule für Grafik, Roc versuchte seit einigen Jahren die Hürde der Aufnahmeprüfung an der Akademie der Bildenden Künste zu überwinden, und ich studierte im fünften Semester Südslawistik an der Philosophischen Fakultät. Mir war es eigentlich egal, aber die beiden verachteten die herkömmlichen Weihnachtskarten zutiefst, so dass sie beide beschlossen hatten, diesbezüglich etwas zu unternehmen. Und sie taten es. Igor kümmerte sich um günstiges Papier und den Druck in seiner Schule, und Roc begann eifrig, Motive zu malen. Die Aufgabe bestand darin, Weihnachtskarten zu gestalten, die sich wesentlich von allen anderen unterscheiden sollten. Unsere Weihnachtskarten mussten ab-so-lut originell, ab-so-lut begehrenswert und in jeder Hinsicht unübertrefflich werden. Das war ein Imperativ. Der Gewinn war zweitrangig. Wir wollten Weihnachten eine neue Dimension verleihen – im Einklang mit der Zeit. Roc ging die Aufgabe seriös an. Er kümmerte sich nicht allzu viel um Igors und meine Bemerkungen zu den zerrissenen Jeanshosen- und jacken, zu den mit Buttons überladenen T-Shirts, den Metallnieten und Sicherheitsnadeln, mit denen die Heilige Familie und die Waisen auf seinen Bildern bekleidet waren. „Alle großen Meister haben sie als Zeitgenossen dargestellt. Wo ist da das Problem?“ Wir beschwerten uns auch über das Gesicht von Josef auf einem der Bilder – ein abgemagertes, krankes Gesicht eines Drogenabhängigen mit blutunterlaufenen Augen.

„Oh Mann“, stöhnte Igor, „Ich bin kein gläubiger Mensch, aber das hier geht zu weit. Das kauft doch niemand.“ „Ich sehe, dass du keine Ahnung hast“, sagte Roc. „Bramantino. Bramantino hat zwar nicht Josef, sondern Jesus so gemalt, aber das macht doch nichts. Es sind doch Vater und Sohn, nicht wahr, also müssen sie aneinander ähnlich sehen.“ Ich wusste nicht, wer dieser Bramantino sein sollte, und es war auch nicht notwendig, dass ich es wusste, denn ich war für die Sprüche zuständig. Die Sache schien einfach zu sein.

„Im Grunde habe ich bei der Aufgabenverteilung den besten Part erwischt“, dachte ich. „Das werde ich schon hinbekommen.“ Doch so einfach ging es nicht, eigentlich überhaupt nicht. Das Entwerfen von Sprüchen entpuppte sich als üble Angelegenheit. Das Schreiben von Erzählungen – und ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt schon einige in studentischen Zeitschriften veröffentlicht – erwies sich als Kinderspiel im Vergleich mit der Aufgabe, die ich übernommen hatte. Wie kann man „Frohe Weihnachten“ so formulieren, dass es anders klingt? Besser. Interessanter. Wie einen Weihnachtsslogan schreiben, über den die ganze Stadt reden und der die Menschen wie ein Riesenmagnet von der Peripherie bis hierher zum Blumenplatz anziehen und dazu bringen würde, sich um unsere Weihnachtskarten zu schlagen?

Tagelang glotzte ich also auf das unbeschriebene Blatt Papier in meiner Schreibmaschine, aber mir fiel nichts ein. Doch dann eines Nachmittags, während ich im Fernsehen die Wiederholung einer alten Verfilmung der Schatzinsel sah, hatte ich die Idee. „Natürlich, Long John Silver“, sagte ich zu mir selbst. „Mensch, mach doch einfach Raubkopien, anstatt irgendetwas Kluges neu zu erfinden! So viele zeitgenössische Schriftsteller haben nicht die geringsten Hemmungen beim Klauen von Ideen, beim Kopieren von Motiven, die schreiben ganze Werke ab und du quälst dich hier mit lausigen Weihnachtssprüchen herum.“

Ab diesem Moment ging alles wie am Schnürchen. Das Blatt in meiner Schreibmaschine füllte sich mit Sprüchen wie: Jesus died for somebody’s sins, but not mine! Oder: Onwards Christian Soldiers, Onwards Buddhist Priests, Onward, Fruits of Islam, Fight till you’re deceased. Und noch eine Menge ähnlicher Slogans, die vorwiegend geklaut, aber in perfekter Harmonie mit den Bildern von Roc waren. Bis zum Abend produzierte meine Schreibmaschine genügend Sprüche für etliche Jahre, immer vorausgesetzt, dass sich unser Business vorteilhaft entwickeln und wir zudem neue Märkte erobern würden.

„Das ist eine revolutionäre Wende“, quasselte Igor daher, während wir am ersten Tag die Weihnachtskarten an unserem Stand ordneten. „Wir werden die Massen mitreißen, du wirst schon sehen.“ Ich teilte seinen Optimismus nicht. Technisch gesehen, waren die Weihnachtskarten in Ordnung, aber sie strahlten ungefähr soviel Heiligkeit aus wie das Cover des ersten Albums der Sex Pistols. Mit ihrem Aussehen und dem Stil ihrer Klamotten hatte Maria ein wenig von Patti Smith, Josef von Iggy und Jesus von Johnny Rotten. Zwei Karten habe ich noch immer deutlich vor Augen.

Auf einer ist der erwachsene Jesus zu sehen, in einer Militärhose und in Stiefeln, mit einem Palästinensertuch um den Hals und in einem T-Shirt, auf dem KEINE ANGST, DIE HÖLLE MACHT SPASS steht. Seine Augen werfen Blitze, er hat einen Priester am Nacken gepackt, der in einem mit Gold bestickten Gewand und mit einer Mitra voller Edelsteine dargestellt ist. Jesus hält eine Pistole auf seinen Kopf gerichtet, und darunter heißt es: IHR HABT MICH MISSVERSTANDEN, JUNGS!

Auf einer anderen Karte stehen der Zimmermann, seine Frau, Jesus, Kaspar, Melchior, Baltasar, das Schaf und der Esel nicht im Stall, sondern auf einer Bühne; Kaspar hinter einem Schlagzeug, Melchior mit Gitarre, Baltasar mit einem Bass, Josef (in einem Sex Pistols-T-Shirt und mit einer Flasche Bier in der Hand) tanzt Pogo vor dem Mikrofon, Maria mit dem Kind auf dem Rücken ist ein Groupie, die es gerade geschafft hat, auf die Bühne zu kommen, und der Esel und das Schaf stehen vor den Lautsprechern und kichern verrückt. Der Text – unnötig zu betonen, dass er nicht gerade originell war – lautete: MARY IS A PUNK ROCKER!

Wer waren die Leute, die auf dem Blumenplatz kauften und verkauften? Links von uns war der Stand eines Ehepaares aus Novi Zagreb, zwei lustige 40-Jährige, die – so Gott will – ihren Gewinn für einen Nerzmantel ausgeben wollten. Rechts war der Stand eines jungen Paars aus Šestine, das von den Einnahmen ihre Hochzeit finanzieren wollte – es sollte eine Feier werden, die die Nachbarschaft noch nicht gesehen hatte. Der Typ uns gegenüber wollte seinen Gewinn für einen Urlaub in Spanien oder in Griechenland ausgeben. Sie sehen schon, lauter Händler also, deren Seelen nicht unbedingt der vom lieben Gott ähnelten. In den letzten tausend Jahren haben sich die menschlichen Seelen abgenutzt, sie sind sehr habsüchtig und gierig geworden. Statt vor dem goldenen Kalb verneigen sich die Menschen vor viereckigen Papierfetzen mit Staatswappen, Köpfen, Vögeln, Gebäuden und Zahlen; außerdem verneigen sie sich vor verschiedenen Gegenständen aus Blech, Holz, Gold, Glas, Plexiglas und so weiter, und hätte Jesus sich zufällig hier eingefunden, hätte er sie sicher ausgepeitscht und vertrieben. Die Einen wie die Anderen verrichteten zwar ab und zu gute Taten, doch nicht der guten Taten willen, sondern nur deshalb, weil sie dafür etwas erwarteten, Geld oder eine andere Gegenleistung, lauter Händler, sag ich Ihnen, und Jesus hätte sicher gesagt: „Verschwindet mit diesem ganzen Quatsch, den ihr da verkauft“, und ganz bestimmt hatte er seine Peitsche geschwungen. Vor allem aber hätte er jenen Priester ausgepeitscht, der im langen schwarzen Gewand und mit einem Käppi auf dem Kopf zu unserem Stand kam, unsere Weihnachtskarten angaffte und sich wichtig machte.

„Schämt euch… Was für eine Gotteslästerung… Habt ihr gar keinen Respekt… Lieber Gott, verzeih es ihnen…“

Und ähnlichen Blödsinn. „Wo ist dein Problem, Alter?“, fragte ihn Roc. „Was passt dir denn nicht?“ Und der Pope zeigte mit dem Finger auf unsere Weihnachtskarten und sagte: Pfui, pfui, pfui, ekelhaft! Wer hat euch erlaubt, seine Gestalt zu missbrauchen?“ Roc ging um den Stand herum und blickte dem Alten direkt in die Augen. „Willst du sagen, Kumpel, dass du und deine Leute ein Monopol auf diesen Job habt und wir euch um Erlaubnis hätten fragen müssen?“

Der Pope ließ sich nicht einschüchtern. „Hättest du nur einmal einen Fuß in eine Kirche gesetzt“, sagte er, „dann würdest du nicht so etwas sagen.“ „Warum sollte irgendein normaler Mensch in eine Kirche gehen?“, fragte ihn Roc. „Gott hält sich sicher nicht an solchen Orten auf. Wäre ich Gott, würde ich solche traurigen Orte nicht betreten.“ „Du bist Satan“, zischte der Pope, „der wahre Satan.“ Und dann verschwand er in der Menge.

„Was bildet der sich bloß ein“, murmelte Roc wütend. „Ich bin doch nicht blöd. Als würde ich nicht sehen, was Ihr für ein Geschäft mit den Leiden dieses Unglücklichen macht. Verglichen mit Euch ist das Imperium von Howard Hughes der reinste Kindergarten… du Schwein!“, brüllte er dem Priester nach. „Okay, Mann, beruhig dich“, sagte ich zu ihm, „du verschreckst uns noch die Kunden.“ „Welche Kunden?“, erwiderte er bitter und fragte mich: „Gott ist überall, oder?“„Was weiß ich“, sagte ich. „In meiner Tasche, in deiner Tasche, in der Tüte mit Erdnüssen…“ „Wahrscheinlich“, antwortete ich. „Auf jeden Fall hat der Mensch das Recht, nach ihm zu suchen, wo er möchte.“ Und Roc ging ins Café vor dem Kino Zagreb, um Gott in einem Glas Cognac zu suchen, zumindest vermutete ich das.

Wo auch immer sich Gott befand, unser Geschäft lief jedenfalls nicht gerade glänzend. Teilweise wegen der recht gewagten Motive, teilweise wegen der lauten Musik, die die Menschen veranlasste, einen weiten Bogen um unseren Stand zu machen. Bis zum Heiligen Abend hatten wir ungefähr 50 Weihnachtskarten verkauft. „Ungefähr fünf pro Tag, gar nicht mal so schlecht“, sagte Igor, als wir uns am Abend mit Glühwein zusammengesetzt hatten, um die Situation zu analysieren. Seine Stimme klang allerdings nicht so, als würde er das, was er da sagte, wirklich glauben. „Wir haben einen Bock geschossen“, sagte Roc resigniert, „wir haben den Geschmack der Masse überschätzt, das bedeutet, wir sind mit unserer Idee der Zeit weit voraus.“ „Nein“, sagte Igor, „wir sind in der richtigen Zeit, aber dieses Gesindel lebt immer noch in der Vergangenheit. In einer fernen beschissenen Vergangenheit.“ „Wie auch immer“, sagte Roc, „das ändert alles nichts daran, dass wir ein fettes Minus eingefahren haben. Wir müssen den Stand bezahlen, wir haben Schulden bei der Druckerei, wir haben viel Kohle für Essen und Trinken ausgegeben, und zu allem Überfluss haben wir uns hier die Ärsche abgefroren.“

Das nächste Weihnachtsfest am Blumenplatz lief dann ohne uns ab. In dem Jahr bestand Roc die Aufnahmeprüfung an der Akademie, aber direkt danach kühlte sein Interesse an der Malerei ab. Ende September begleiteten ihn Igor und ich zum Zug nach London. Er ist nie zurückgekommen. Er beschäftigt sich dort oben mit Design, Covers für Alben, Bücher oder Magazine, mit Plakaten und ähnlichen Dingen, unsere Zeitungen berichten regelmäßig über seine Erfolge. Einige Jahre schickte er mir seine Weihnachtskarten, ganz normale Kitsch-Karten, und dann hörte er auf, sich zu melden.

Igor machte sein Diplom an der Schule für Grafik, und heute hat er eine Firma und verkauft Computer. Es läuft gut, immer mehr Menschen wollen immer schnellere Computer, immer schnellere Autos, immer schneller Geld machen und so weiter, Menschen, die fest entschlossen sind, die Strecke zwischen Geburt und Friedhof mit Lichtgeschwindigkeit zurückzulegen. Igor schickt mir regelmäßig Einladungen für die Weihnachtspartys in den Räumen seiner Firma. Ich bin kein einziges Mal hingegangen. Ich kann Händler nicht ausstehen – und Geschwindigkeit noch weniger.

Und ich? Ich schreibe. Und jedes Jahr um Weihnachten denke ich an die Weihnachtszeit in jenem Jahr zurück, wenn auch manchmal nur für einen Augenblick.Wir sind damals nicht zur Christmette in der Palmo­tićeva Straße gegangen und auch nicht in die Disco. Wir verbrachten Weihnachten im Hof von Rocs Haus an der Trešnjevka. Wir machten Feuer, setzten uns auf Holzbalken und hörten Stille Nacht aus dem Kassettenrekorder, wir tranken Tee mit Rum und warfen die nicht verkauften Weihnachtskarten ins Feuer, eine nach der anderen.

Aus dem Kroatischen von Alida Bremer

Edo Popović, Jahrgang 1957, lebt in Zagreb. Zuletzt erschien von ihm der Roman

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09:00 24.12.2009

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