Als die Barrikaden Feuer fingen

Frankreich Das Erbe des Pariser Mai ´68. Ein kritisches Resümee

In Paris, wo vor 137 Jahren mit der Commune die erste proletarische Revolution von der bürgerlichen Klasse unter Beihilfe eines fremden Besatzungsheers im Blut erstickt wurde, schien es vor 40 Jahren einen jener Augenblicke zu geben, um aus der Vorgeschichte in die Geschichte einzutreten.

Ce n´est qu´un début - continuons le combat!"*. Diese Devise aus dem Pariser Mai ´68, sie wirkte damals für all diejenigen, die "dabei" und Augenzeugen dieses gewaltigen jugendlichen Protestes waren, eher wie der Abgesang einer Revolte, die bereits nach zwei Monaten zusammengebrochen und vorbei schien. Obwohl die Bewegung ein riesiges Emanzipationspotential enthielt, sind ihre Schlachtrufe 40 Jahre später längst verhallt und in unserer medialen Kommemorationsgesellschaft bereits zur Geschichte geworden.

Die bald nach der Parlamentswahl vom Juni 1968 einsetzende Restauration der bürgerlichen Ordnung in Frankreich vermochte niemand mehr recht aufzuhalten. Fatal war auch, dass es diesem mouvement contestataire - im Gegensatz zu den Gepflogenheiten in der Bundesrepublik Deutschland - nicht gelungen war, die Emanzipationspotentiale dieser am 22. März 1968 an der Universität von Nanterre explosionsartig entstandenen Jugendrevolte auch nur halbwegs in die Bahnen eines kritischen "Marsches durch die Institutionen" zu lenken. Das hatte beispielsweise zur Folge, dass die Bewegung zur Einrichtung anti-autoritärer Kindergärten und -krippen sowie für Wohngemeinschaften schon in den Anfängen stecken blieb. Übedies erreichte die Kritik an der autoritären bürgerlichen Erziehung in Frankreich nie ein solches Ausmaß wie etwa in den skandinavischen Ländern.

Auch der Wahlsieg der Linksunion unter François Mitterrand im Mai 1981 konnte den Rechtstrend in der französischen Gesellschaft - sprich: den Bezug wachsender Bevölkerungskreise auf konservative Werte wie Familie, Ordnung und Autorität - nicht aufhalten. Dies bezeugen der Wahlsieg von Jacques Chirac über den Sozialisten Lionel Jospin 2002 und letztlich auch der Triumph von Nicolas Sarkozy im vergangenen Jahr über Ségolène Royal.

Endgültiger Abschied vom Frankreich der Kolonialkriege

Wenn es dennoch in Frankreich weiterhin häufig zu kleinen Revolten oder größeren Eruptionen kommt, so nicht zuletzt deshalb, weil in Teilen der Gesellschaft bis hinein in die Mittelschichten zumindest auf der Ebene des kritischen Bewusstseins die Erinnerung an den anti-autoritären Mai 1968 noch nicht ganz erloschen ist. Einer jüngst publizierten Umfrage zufolge bewerten 77 Prozent der Franzosen jene Zeit als "positiv", bedeute sie doch so etwas wie einen radikalen Einschnitt und endgültigen Abschied von "Vieille France", von der auf den traditionellen Wertkanon, auf den Patriotismus, die patriarchalische Familie, die Kirche und den Kolonialismus reflektierenden Nation. Auch der kulturelle Überbau konnte dank ´68 den Anschluss an die dritte industrielle Revolution schaffen.

Seinerzeit wurde endgültig der Mythos Frankreichs als Epizentrum eines weltumspannenden Kolonialreichs aufgegeben. Dieses Imperium war nach den verlorenen Schlachten in Indochina und Algerien zerfallen und ließ sich durch keine, wie auch immer geartete neo-kolonialistische Strategie reanimieren. 1968 gelang schließlich - wenn auch mit einiger Verspätung - der Einstieg in eine andere, eine postmoderne Gesellschaft mit gelockerter Moral und den gelifteten Strukturen einer kapitalistischen Warengesellschaft. Man erlebte den Schritt der Frau hinaus ins Berufsleben und heraus aus archaisch-patriarchalischen Verhältnissen (noch 1967 durften unter de Gaulle Ehefrauen nur mit ausdrücklicher Erlaubnis des Ehemanns ein Bankkonto eröffnen).

Was misslang, war der Versuch, ein soziales Fundament für die "konkrete Utopie" einer alternativen Lebens- und Wirtschaftsordnung ohne Hierarchie, Ausbeutung und Gewalt zu finden. Die "repressionsfreie libertäre Gesellschaft" als Gegenbild zum westlichen Konsumkapitalismus und zum östlichen Real-Sozialismus blieb ein frommer Wunsch.

Die meisten Studenten und Jugendlichen, die damals auf den Barrikaden von Paris aktiv Widerstand gegen die Republikanischen Garden (CRS) leisteten und außer sich vor Wut "CRS-SS" riefen, sind heute Pädagogen oder Akademiker, die langsam das Pensionsalter erreichen. Was sie Schülern und Studenten als Erinnerung an diese spontane Emanzipation weitergaben, fiel nicht überall auf unfruchtbaren Boden. Das zeigt die nach wie vor hohe Bereitschaft zum Protest bei Schülern, Jungarbeitern und Studenten, das bezeugen nicht minder die Vorstadtrevolten vom Herbst 2005 oder der Sturmlauf gegen die neoliberale Hochschulreform des Präsidenten Sarkozy Ende 2007. Hier erlebt die vitale Gegenkultur der studentischen Assemblées Générales (Vollversammlungen), eine Erbschaft des Mai ´68 mit den Comités d´Action (Aktionskomitees), eine erstaunliche Auferstehung. Straßenproteste und mehr behaupten sich als Form des Widerstandes gegen die immer unpopulärer werdende neoliberale Reformwut einer stoisch konservativen Regierung.

Die 68er sind an allem schuld, sagt Nicolas Sarkozy

Frankreichs Staatschef hatte bereits im Wahlkampf vor einem Jahr angekündigt, den "Mai-Ideen von damals" endgültig den Garaus machen zu wollen. Es galt die Parole: "Die 68er sind an allem schuld!" Schuld an der Zunahme jugendlicher Gewalt in den Schulen, in den Verkehrsmitteln, auf der Straße. Schuld am Verfall der Autorität. Schuld an zerbrechenden Familien. Schuld an zu großer Toleranz gegenüber jugendlichen Straftätern mit Emigrationshintergrund, denen nur mit härteren Strafen beizukommen sei. Mit diesem Trommelfeuer konnte Hochdruckreiniger Sarkozy zwar vor der Präsidentschaftswahl punkten - die Konflikte einer multikulturellen Einwanderungsgesellschaft ließen sich damit weder eindämmen noch entschärfen. Im Gegenteil. Eine fallsüchtige Popularitätskurve quittiert dieses Versagen. Einer im April stattgefundenen Meinungsumfrage zufolge kann Sarkozy nur noch auf die Zustimmung von 36 Prozent seiner Mitbürger zählen. Eine Mehrheit von 56 Prozent öden seine unsozialen Reformen wie pompösen Selbstinszenierungen an. Das neo-bonapartistische Gehabe, der Nationalismus, die Steuergeschenke an eine privilegierte Oberschicht bei gleichzeitiger Schröpfung der Unterschichten und Pensionäre, die drastischen Einschnitte beim System der Krankenversicherung und der unverhohlene Zynismus der Sarkozy-Devise: Travailler plus pour gagner plus! (Arbeitet doch mehr, um mehr zu verdienen!) - das alles tut den Sympathiewerten des Präsidenten nicht unbedingt gut.

Allenthalben wachsen Unbehagen und kritisches Bewusstsein. Es ist das eigentliche Erbe des Pariser Mai vor vier Jahrzehnten, dass diese Politik à la Berlusconi über kurz oder lang zum Scheitern verurteilt ist und der Unmut bei den Gewerkschaften wächst. Da Sarkozy entschlossen scheint, trotz des aufkeimenden Widerstandes an seinem Kurs festzuhalten, stehen die Signale in der französischen Innenpolitik für 2008 auf Sturm. Einzig die Zerstrittenheit der Linken und die schwelende Führungskrise der Sozialistischen Partei kommen ihm noch zu Hilfe. Es ist nicht vollends auszuschließen, dass der 40. Jahrestag des großen Aufbegehrens von einst zur Initialzündung für eine neuerlich spontane Protest- und Emanzipationsbewegung wird. Zumindest an Gymnasien und Universitäten.

(*) Das ist nur der Anfang - wir setzen den Kampf fort.

Arno Münster ist Professor für deutsche Philosophiegeschichte und Sozialphilosophie an der Université de Picardie in Amiens. Der Autor kam im Oktober 1967 als Student an die Sorbonne, wo er wenig später Augenzeuge und Teilnehmer der Pariser Mai-Revolte wurde. So entstand auch sein erstes Buch: Paris brennt. Die Mai-Revolution 1968, erschienen im Juli 1968 im Frankfurter Heinrich-Heine-Verlag.

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00:00 09.05.2008

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