Als es finster ward

Supermacht ohne Strom Wenn Fernseher, Computer und Kaffeemaschine streiken, hört der Spaß auf

Nun glühen sie wieder, die Glühbirnen, kühlen sie wieder, die Klimaanlagen, und rollen sie wieder, die U-Bahnen. In New York, weiten Regionen des Nordostens, Detroit, Cleveland und einem Stück von Kanada beginnt sich das Leben zu normalisieren. Mit dem Zusammenbruch des Stromnetzes musste man rechnen. Bei einer Kongressanhörung vor zwei Jahren, Monate nach örtlichen und regionalen Stromausfällen in Kalifornien, wurde just eine solche Mega-Krise prognostiziert. "Nicht ob, sondern wann es zum nächsten größeren Zusammenbruch des Stromnetzes kommt, sei die Frage", verkündete seinerzeit ein Vertreter des National Electric Reliability Council, eines hochrangigen Gremiums von Stromkonzernen und Regierungsvertretern. Das veraltete Stromnetz müsse dringend überholt werden.

Nun will ausgerechnet US-Präsident George W. Bush, der Darling der Elektrizitätswirtschaft, ermitteln lassen, wie das Stromfiasko passieren konnte. Energieminister Spencer Abraham warnt, die Aufbesserung der überlasteten Infrastruktur werde an die 50 Milliarden Dollar kosten. Der Verbraucher müsse sich auf höhere Stromrechnungen gefasst machen. Aber so schnell wird sich das Ganze nicht reparieren lassen, denn der Strombedarf steigt in den USA von Jahr zu Jahr, obwohl die Leitungen schon jetzt nicht reichen.

Wenn der US-Kongress Anfang September aus der Sommerpause zurückkehrt, liegt ein neues Energiegesetz zur Abstimmung vor, das die US-Energieregulierungsbehörde autorisieren soll, Standards für die "Zuverlässigkeit" des Stromnetzwerkes festzulegen. Der Entwurf liegt schon seit zwei Jahren auf dem Tisch. Umweltschützer haben ihn bisher blockiert, da dasselbe Gesetz auch neue Erdölbohrungen in Nationalparks erlauben würde. Und manche Republikaner sind aus Prinzip gegen Vorschriften für Unternehmen. Energieminister Abraham will auch jetzt nicht die Bohrgenehmigungen von der Regulierung trennen. Denn die Stromwerke bräuchten doch Brennstoff.

Manche Umweltschützer können nun sagen, sie hätten recht behalten mit ihren Vorschlägen, man solle doch auf Sonne und Wind umstellen. Alternative Energiequellen ("auf jedem Dach ein Sonnenkraftwerk") entlasteten das Stromnetz, sagen die Grünen - meist allerdings vergebens. Solche Alternativen und die Verbreitung energiesparender Technologien und Geräte werden in den USA vom Staat kaum gefördert. Fossil wird groß geschrieben, und selbst die Nuklearindustrie begibt sich in die Startlöcher zum Comeback. In Kalifornien verlangen die Wähler nun die Amtsenthebung von Gouverneur Gray Davis, er sei mit verantwortlich für das Energiedesaster im Bundesstaat. Wenn Fernseher, Computer und Kaffeemaschine streiken, hört der Spaß auf.

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00:00 22.08.2003

Ausgabe 39/2020

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