Als Gleicher unter den Großen

Russland Wladimir Putin wollte eine Siegesfeier der Versöhnung und bekam zusätzlich ein Weltgipfel-Treffen

George Bush war schon auf dem Weg nach Tiflis in Georgien, als die Panzer auf den Roten Platz fuhren, um mit Nachdruck an das Heldentum während des Großen Vaterländischen Krieges zu erinnern. Schwere Motoren heulten auf, und der legendäre T 34 rollte zügig über den Platz – gefolgt von drei supermodernen Kampfpanzern. Allerdings waren die über 50 Staatschefs, die am Vormittag die Militärparade verfolgt hatten, zu dieser dröhnenden Retrospektive nicht mehr gebeten. Allein Verteidigungsminister Sergej Iwanow verfolgte sichtlich gebannt von der Tribüne aus, was sich da als Melange aus Volkstanz, Mireille Mathieu und überkommenem wie neuartigem Militärgerät bot.

Russland hat sich an diesem 9. Mai 2005 von verschiedenen Seiten gezeigt und wohl auch zeigen wollen. Mit einer patriotischen Show, die an sowjetische Massen-Veranstaltungen erinnerte für das Volk, und mit einer ergreifenden Parade der 2.600 Veteranen, die in nachgebauten Oldtimer-Lastwagen über den Roten Platz fuhren, für die internationalen Gäste.

George Bush, der wenige Tage zuvor bei seinem Staatsbesuch in Riga noch erklärt hatte, er sei wie die Präsidenten in Vilnius, Riga und Tallinn der Meinung, dass die baltischen Staaten 1940 von der Sowjetunion okkupiert worden seien und bis 1991 unter einer Fremdherrschaft gelitten hätten, war in Moskau demonstrativ freundlich und scherzte in einem fort. Nur einmal verfinsterte sich die Miene des Präsidenten, als er von einem Journalisten aus seinem Tross gefragt wurde, ob er dem russischen Staatschef vertraue. Da antwortete Bush in scharfem Ton: »Warum soll ich Präsident Putin nicht trauen?«

Russland zeigte sich der Welt – wie schon vor zwei Jahren während des 300. Geburtstages von St. Petersburg – als stolzer und selbstbewusster Staat, der als Gleicher zwischen Großen anerkannt sein will. Die Sitzordnung auf der Zuschauertribüne am Roten Platz sprach Bände, sie vereinte die Gewinner mit den Geschlagenen des Zweiten Weltkrieges. Zu Putins Linken saßen George Bush (mit Gattin Laura) und Chinas Präsident Hu Jintao – zu seiner Rechten Jacques Chirac und das Ehepaar Schröder, flankiert von Japans Premier Junichiro Koizumi. Das Massenblatt Moskowski Komsomolez meinte dazu sarkastisch, man habe aus diesem Ranking ersehen können, dass die GUS-Staaten für Russland offenbar keine Priorität beanspruchen könnten.

Wie sehr man Deutschland in Moskau als erwählten Freund hofiert, gab die Regie bei der Video-Großprojektion auf dem Roten Platz zu verstehen. Minutenlang wurde nur ein Ausschnitt der Ehrentribüne gezeigt: Putin mit den Schröders und Veteranen im Hintergrund – Chirac nur verdeckt, Bush ganz draußen. Der deutsche Kanzler schien Moskaus liebster Gast, denn der Kremlchef ließ keinen Zweifel daran, dass Russland sich mit Deutschland vollständig ausgesöhnt habe. Gemeinsam trafen Putin und Schröder russische und deutsche Kriegsveteranen – ein Vorgang, der noch Anfang der neunziger Jahre undenkbar war. Schröder wirkte dabei stets angestrengt und ernst, als wollte er sagen, es sollte noch etwas dauern, bis ein deutscher Regierungschef an derartigen Feierlichkeiten entspannt und gelassen teilnimmt. Noch vor zehn Jahren hatte der damalige Kanzler Kohl Moskau am Tag des Sieges gemieden und stattdessen einen Kranz auf einem Friedhof für deutsche Kriegsgefangene in der Nähe der Stadt niedergelegt.

Niemand störte die Harmonie dieses Jahrestages – es mochte daher für Wladimir Putin alles andere als ein Affront gewesen sein, dass Weißrusslands Präsident Lukaschenko die Siegesfeier vorzeitig verließ, um mit seinen Veteranen in Minsk zu feiern, wie es offiziell hieß. Bush konnte auf einen Händedruck mit dem »letzten Diktator von Europa« verzichten, von daher zumindest fiel kein Schatten auf die Eintracht dieses Weltgipfels.

Georgiens Präsident Michail Saakaschwili zog es vor, gar nicht erst in Moskau aufzutauchen. Man müsse den Empfang für Bush in Tiflis vorbereiten, lautete die wenig glaubhafte Begründung. Jeder weiß schließlich, wie hart die georgische Regierung derzeit verhandelt, um die russische Militärpräsenz mit genau terminierten Abzugsplänen zu konfrontieren. Es war zwar ein Georgier, der seinerzeit in Berlin die rote Fahne auf dem Reichstag hisste – doch reicht die Erinnerung daran längst nicht mehr für einen Brückenschlag zwischen Moskau und Tiflis.

Russland präsentierte sich nicht zuletzt als Vielvölkerstaat, ohne über die Sünden der Vergangenheit – etwa die Deportation »verdächtiger Völker« wie der Tschetschenen und anderer – reden zu wollen. Begründung: es habe während der Besetzung großer Teile der Sowjetunion nach dem 22. Juni 1941 dafür Gründe gegeben, im Übrigen liefen diese Vorwürfe immer wieder auf den Versuch hinaus, Hitler und Stalin gleichzusetzen. Gegenüber einem deutschen Fernseh-Korrespondenten meinte Wladimir Putin, der Ribbentrop-Molotow-Vertrag vom August 1939 sei schon 1989 vom Obersten Sowjet verurteilt worden. Sichtlich unbeeindruckt ließ ihn demzufolge auch die Forderung der lettischen Präsidentin Vaira Vike- Freiberga – sie war als einziges baltisches Staatsoberhaupt in Moskau –, auch das neue Russland müsse diesen Pakt verurteilen.

Der Präsident beschwor den Kampf gegen Gewalt, Rassenwahn und Genozid, ohne auf die inneren Widersacher und Widerstände eines solchen Appells einzugehen. Nicht nur wegen Tschetschenien. Seit Jahren schon wächst die Skinhead-Bewegung in Russland, unter den Jugendlichen in etlichen Großstädte wie in der Provinz gibt es eine wachsende Sympathie für »die Arier«, deren militärische Kraft man bewundert. Für die nachgewachsenen Generationen hat der Faschismus seinen Schrecken verloren. Die jungen Russen denken bei diesem Wort nicht an Auschwitz oder die Zerstörung des eigenen Landes vor mehr als 60 Jahren, sondern an Leni Riefenstahl und schneidige deutsche Soldaten. Werden die schweren sozialen Verwerfungen in Russland nicht abgebaut, könnte tatsächlich so etwas wie eine neue faschistische Bewegung in diesem Land entstehen.


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00:00 13.05.2005

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