Als höre man den Körper der Stadt atmen

Platz machen Ein Spaziergang zwischen Zócalo, Plaza de Mayo und Alexanderplatz

Auf öffentlichen Plätze spiegelt sich das Leben einer Stadt. Sie können Leerstellen urbaner Verdichtung sein, Geschichts- und Erinnerungsorte sowie Schauplätze semiotischer Kämpfe. Anne Huffschmid hat derartige Erlebniswelten in Mexiko-Stadt, Buenos Aires und Berlin über einen längeren Zeitraum hinweg beobachtet, um sie - nicht zuletzt - auch vergleichen zu können.

Mexiko-Stadt - die linke Seele eines Platzes

Schöne Männer stampfen über den grauen Beton, ihre goldglatten Leiber sind mit Lederschurzen bekleidet, die glänzenden Haare von überbordenden Federkronen geschmückt. Um die nackten Knöchel sind Muschelbänder gewickelt, versunken tanzen sie im Halbkreis um ein qualmendes Weihrauchtöpfchen. Sie tun dies jeden Tag, einmal an dieser und einmal an einer anderen Ecke der gigantischen Betonquadrats inmitten des Centro Histórico von Mexiko-Stadt. Einmal vor dem Regierungspalast, einmal an der barocken Kathedrale oder an den Ruinen des alten Montezuma-Tempels. Ihr Rascheln und Rasseln mischt sich in den Soundtrack der Plaza wie das Autohupen oder die Rufe der Eisverkäufer.

Vor langer Zeit, als ich die Tänzer auf dem Zócalo zum ersten Mal sah, erschienen sie mir mit ihrem post-aztekischen Cha-Cha-Cha wie barfüßige Wiedergänger aus einer anderen Zeit, eine tanzende Mahnung an die genau hier vor fast 500 Jahren bezwungene Aztekenmetropole, entfernt und gelöst von aller urbanen Moderne. Heute sehe ich sie kaum noch, so sehr sind sie auch für mich verschmolzen mit diesem Platz, der ohne ihre surreale Performance kaum wäre, was er ist: das Herzstück einer paradoxen Metropole, in der die Zeiten nicht hinter-, sondern nebeneinander existieren.

Seit jeher geht vom Zócalo eine unwiderstehliche Sogwirkung auf mich aus, von der schroffen Kargheit dieser weit auslaufenden Zementfläche, nichts Süßliches und nichts Verschnörkeltes, nur wuchtige Weite. Ein Platz, wie er in meiner zerklüfteten Heimatstadt Berlin nie zu finden war, eine Leere, in der man dennoch nicht verloren ist. Eine Plaza, an der immer auch Platz für mich war, die Fremde, die Zugewanderte - Platz für meine Sehnsucht nach einer Mitte.

Hier ist der Bauchnabel, hier fiel der Aztekenführer Tenochtitlán, hier bauten die Spanier aus Tempeltrümmern ihre neue Stadt. Bis heute ist sie ein Ort, an dem das Abwesende immer anwesend ist. Der Name - Zócalo - verweist gar auf etwas nie Gewesenes. Fast 80 Jahre lang stand hier ein Marmorsockel als Fundament für ein Unabhängigkeitsdenkmal. Es wurde nie gebaut und der Marmorsockel wieder abgetragen, geblieben ist nur die Bezeichnung.

Genau genommen ist der Zócalo schon ein urbaner Ausnahmezustand, 200 mal 200 Meter nackte Betonplatten, kein Ort zum Verweilen, keine Sitzgelegenheit nirgendwo. Vor der Sonne schützen kann man sich nur im schmalen Schatten des gewaltigen Fahnenmastes, der 60 Meter in den Himmel ragt.

Sonst gibt es nichts. Und doch gibt es alles. Es gibt eine atemberaubende Gleichzeitigkeit an jedem beliebigen Tag: an einer Ecke ein kleines gelbes Zelt von Scientology, gegenüber eine weiß überdachte Buchmesse mit Second-Hand-Büchern. Locker verstreut über dem Beton sind allerlei Dienstleister, Schuhputzer, Stadtführer Zöpfchenflechter, Tarot-Leser und Gothic-Fans, die in der prallen Sonne schwarze Rosen verkaufen. Daneben bieten weißgewandete Herren ihre Weihrauchzeremonien an. Lange Schlangen haben sich vor ihren rauchenden Kräuterbüscheln gebildet, darunter eine Gruppe von Medizinstudenten im weißen Kittel. Mittendrin, nahe am Fahnenmast, steht heute ein einsames Toilettenhäuschen. An einer dritten Ecke haben protestierende Bauern ihre Zelte aufgeschlagen, sie campen hier schon eine Weile, prekäre, öffentliche Häuslichkeit zwischen bunten Plastikplanen, Essenströgen und Wasserkanistern. Ein paar Dutzend Schritte weiter steht ein Hüttchen, fünf Polizisten befinden sich hier im Hungerstreik, wie ein Transparent erläutert. Aus Lautsprechern dringen Corridos, zwischendurch spricht eine knatternde Stimme durch ein Megaphon. Zu verstehen ist kaum etwas.

Wer etwas zu sagen und nicht nur zu verkaufen hat, tut das schon, indem er sich hier platziert. Der Körper, die physische Präsenz, das ist die Botschaft.

Schon länger ist der Zócalo, bei aller Mehrdeutigkeit, "links" aufgeladen. Vor vielen Jahren sind hier die maskierten Guerilleros aus Chiapas unbehelligt vor dem Palacio Nacional aufmarschiert, die Bilder sind im urbanen Gedächtnis Mexikos wohl für alle Zeiten eingebrannt. Deutlich wurde die linke "Seele" des Platzes auch bei den wütenden Megamarchas, zu denen der Kandidat der mexikanischen Linkspartei PRD, Andrés Manuel López Obrador, nach den knapp verlorenen - und womöglich manipulierten - Präsidentschaftswahlen im Sommer 2006 aufgerufen hatte. Allsonntäglich strömten Hunderttausende in das Herz der Stadt, einige Tausend von ihnen zelteten über Wochen auf diesem Areal. Hier musste kein Terrain mehr erobert werden. Der Partido de la Revolución Democrática, der die Hauptstadt seit zehn Jahren regiert, hatte den Platz mit seinen Kundgebungen und Gratiskonzerten längst zur Bastion ausgebaut. So musste während der linken Platzbesetzung sogar die rechte Bundesregierung weichen und el grito - ihren offiziellen Festakt zum Unabhängigkeitstag - abblasen.

Doch der Rausch an der räumlichen Bemächtigung hatte auch etwas Trügerisches - Semiotisches übersetzte sich nicht automatisch in politische Macht. Derzeit wandeln López Obrador und Subcomandante Marcos, der Führer der Zapatistischen Bewegung aus den Neunzigern, im Abseits der großen Politik. Der exponierte Körper kann also auch Ohnmacht oder Verwundbarkeit zeigen.

Buenos Aires - die Tauben in Aufruhr

Die Plaza de Mayo, ein paar tausend Kilometer weiter südlich, ist nicht grau, sondern in einem warmen Rostrot gehalten. Hier herrscht keine Leere, auf dem länglichen Oval existiert all das, was auf dem Zócalo seit den fünfziger Jahren ausradiert ist: Grünflächen und buntes Gebüsch, ein paar Palmen, türkis gekachelte Springbrunnen und Messinglaternen. Mittagsschläfer dösen im Gras, an einem Ständchen werden Schlüsselanhänger von Che und Maradona verkauft. Eilige Porteños, junge Männer in weißem Hemd und mit Aktentäschchen, durchqueren schnellen Schrittes das Rondell um eine eingezäunte weiße Pyramidenstatue. Und dann sind da die Tauben, unendlich viele Tauben. Behäbig watscheln die fetten grauen Vögel über das Pflaster, ein einziges Picken und Gurren.

Stilisierte weiße Kopftücher sind in dem Kreisrund auf das Pflaster gemalt, wie von Geisterhand, keiner weiß, wann und von wem. Selbstverständlich, beiläufig, unübersehbar. Donnerstags, kurz vor halb vier, geraten die Tauben regelmäßig ein wenig in Aufruhr. Ein paar Salutschüsse knallen in der Luft, leichtes Geflatter. Für eine halbe Stunde müssen die Vögel wieder den Müttern weichen.

Es sind jene grauhaarigen Frauen, von denen so viele Bilder im Umlauf sind. Die das weiße Kopftuch wie ein Banner über den Haaren tragen und hier ihre Runde um die weiße Pyramide drehen, im Angesicht der Casa Rosada, dem altrosa getünchten Regierungspalast. Trotz der vielen Bilder bleibt es unvorstellbar: Dass sie nun schon seit 30 Jahren hierher kommen, jeden Donnerstag seit jenem Aprilnachmittag im Jahr 1977.

Die Junta der Obristen hatte damals schon ein Jahr lang gewütet, Tausende waren von Todeskommandos verschleppt worden, die meisten blieben auf immer verschwunden. Die Ohnmacht trieb ihre Mütter auf die Straße, aus dem unheilbaren Schmerz wurden ein Miteinander und eine neuartige Macht. Auch hier ist ihr Körper die Botschaft, nicht die Masse - es sind die Einzelnen, die zu etwas Neuem verschmelzen. Die Mütter sind nicht nur Anklage, sie sind auch Bewegung, Forderung, Bedrohung. Sie stehen nicht still. Nach dem Abtritt der Junta im Jahr 1983 nicht, und auch nicht unter dem Präsidenten Néstor Kirchner, der es ernst zu meinen schien mit der Bestrafung der Militärs. Die Mütter kommen her, um sich zu zeigen, auch um sich zu treffen. Es gehe ihr vor allem "um die Wärme des Platzes", sagte mir einmal Nora Cortiñas, eine der Gründerinnen der Bewegung.

Dabei sind sie seit Jahren tief gespalten. Jeden Donnerstag geht ein räumlicher Riss durch die Plaza der Mütter. In dem einen Halbrund trägt eine große Gruppe ein riesiges Transparent vor sich her: No al pago de las Deudas! (Schluss mit Auslandsschulden) Alle tragen Fähnchen, keine Fotos mehr wie früher. Es gehe ja nicht um die Geschichte der Einzelnen, erklärt die Galionsfigur dieser Mütterfraktion, Hebe de Bonafini, seit vielen Jahren und sagt dann immer dieses furchtbare Wort: "Sozialisierung der Mutterschaft".

Im anderen Halbrund läuft ein kleines Grüppchen mit einem zerschlissenen Spruchband: Madres de Plaza de Mayo - Linea Fundadera! steht darauf, sonst nichts. Die wenigen, die hinterher laufen, halten verblichene Schwarz-Weiß-Fotos in die Höhe.

Längst sind die Mütter eine Touristenattraktion. Viele Besucher warten am Rand auf die richtige Einstellung und knipsen sich dann gegenseitig vor den marschierenden Frauen. Auch für die Teilnehmerinnen sei der Donnerstag zum Ritual geworden, sagt Laura Bonaparte, eine andere Gründermutter. Die attraktive 80-Jährige, Psychoanalytikerin von Beruf, hat drei ihrer vier Kinder durch den Terror der Militärs verloren. Sie ist müde vom immer Gleichen. Es komme ihr vor, als seien sie zu "Müttern von Gespenstern" geworden.

Es ist ein gespenstisches Ritual, zweifellos, und doch von einer Lebendigkeit, die ihresgleichen sucht.

Vor den Müttern gehörte die Plaza dem legendären General Juan Domingo Perón, der im Oktober 1945 zum ersten Mal richtige Arbeiter in das bürgerliche Stadtzentrum und damit ans Licht der städtischen Öffentlichkeit holte. Auch mit der Bürgerrevolte wegen der Bankenkrise am 19. und 20. Dezember 2001 blitzte etwas bis dahin nie Gesehenes auf: für eine kurze Zeit verschmolzen Arbeitslose, die Piqueteros, und aufgebrachte Mittelschichten, Universitätsdozenten, Kleinsparer und militante Jugendliche aus der Banlieue zu einem brodelnden Kraftfeld. In jener Nacht konnte der überstürzt abtretende Präsident seine Casa Rosada nur mit dem Hubschrauber verlassen.

Bis heute strömt alle Welt auf das Oval vor der Casa Rosada - Migranten, Transvestiten oder eine Handvoll chinesischer Antikommunisten, viele Tausende von Bush-Gegnern. Oder die um ihre Sicherheit besorgten Mittelschichten mit ihren Bürgermärschen "Gegen das Verbrechen" und "Für hartes Durchgreifen". Das Volk, so schreibt der argentinische Philosoph Eduardo Rinesi, "ist nirgendwo sonst als eben genau dort, auf dem Platz". Es konstituiert sich als solches immer erst im öffentlichen Raum, in der leibhaftigen Zusammenkunft von einander völlig Fremden, die zu einer temporären Gemeinschaft werden.

El pueblo unido, eine Fiktion zweifellos, es sind ja immer nur winzige, flüchtige Fragmente - und doch findet sich darin für einen Moment lang das Universum.

Berlin - ein so rauer Platz ist selten

"Wir sind das Volk" stand auch auf den Transparenten am Alexanderplatz an einem Novembertag im Jahr 1989, fünf Tage vor dem Mauerfall. Eigentlich kein Platz, eher eine zugige Freifläche, ein offener, unwirtlicher Transitraum zwischen zwei großen Avenidas. Genau diese Weite, Ausdruck sozialistischer Moderne und Urbanität, kehrte sich nun "in schöner Dialektik", wie die Berliner Literatin Annett Gröschner schrieb, gegen das Regime. Hier war an jenem 4. November ´89 tatsächlich Platz für eine halbe Million Menschen. Sie entwandten den Regierenden kurzerhand ihre Volksrhetorik und stellten sie vom Kopf auf die Füße - das Fußvolk wurde zur Zivilgesellschaft.

Zeitsprung, mehr als 15 Jahre später. Wieder ist der Alex eine Bühne, diesmal für eine Bürgerbewegung ganz anderer Natur. Keine Massen, gerade einmal 3.000 sind angerückt. Genug, um die Stadt in Alarmbereitschaft zu versetzen: die NPD, mysteriöserweise noch immer nicht verboten, hat für den 8. Mai 2005, den 60. Jahrestag der Befreiung, einen Marsch Richtung Brandenburger Tor angemeldet. Man trifft sich am Fuß des Fernsehturms. Wer sich an jenem Sonntagmorgen hinter die aufwändigen Polizeikontrollen wagt, findet sich plötzlich inmitten vieler junger bleicher Männer, manche in Lederkluft, ein paar schrill geschminkte Mädchen. Alle mit eiserner, entschlossener Miene und aufs Äußerste diszipliniert. Die Nazis, sonst eher an den Rändern Berlins unterwegs, wollen sich diesmal eines seiner Zentren bemächtigen.

Und dann geschieht etwas Eigenartiges: Immer größer werdende Menschentrauben, weit mehr als die gewohnten Antifa-Aktivisten, kommen auf der Schlossbrücke über der Spree zusammen, um sich in den Weg zu stellen. Ohne große Logistik und Aufgeregtheit, in souveräner Selbstverständlichkeit. Mit ihrer bloßen Präsenz machen sie den Nazis den Stadtraum streitig, wieder ist der Körper die Botschaft - und nicht nur symbolisch. Vor dieser Übermacht, vor der auch die Polizei kapituliert, müssen die Nazis schließlich weichen, zornentbrannt entschwinden sie in den Schächten der U-Bahn. Sie haben zwar den Alexanderplatz für ein paar Stunden besetzt, öffentlichen Raum aber nicht erobert.

Seither bemächtigen sich Baukräne des Platzes. Denn alt und neu schieben sich am Alex nicht metaphorisch, sondern baulich aneinander. Die alten Wahrzeichen stehen noch, der kugelbäuchige Fernsehturm und der Brunnen der Völkerfreundschaft, ein Wasserspiel mit verschachtelten Emaille-Schalen, aus denen lauter kleine Fontainen sprudeln. Die Leute haben das Ungetüm zärtlich "Nuttenbrosche" getauft. Alles ringsherum ist aufgerissen, Bauwagen und Kräne, Presslufthämmer, Zäune und Absperrgitter zerschneiden die freie Fläche. Alles wird generalüberholt.

Von furioser Hässlichkeit war der Alexanderplatz schon immer. Und auch "das Volk" war schon immer hier zuhause. Junge Männer mit Bierflaschen, Skater, aufgebrezelte Girlies, all diejenigen, die billig einkaufen wollen, und diejenigen, die ihre Ware billigst feilbieten - ein uneitlerer Platz lässt sich kaum denken. Der Alex will kein Bauchnabel sein, er ist nichts als ein Spiegel des rauen Berlins, "zum Kotzen authentisch", wie Annett Gröschner schreibt. Natürlich ist das der Neues-Berlin-Publizistik seit jeher ein Dorn im Auge. Von "mongolischer Steppe" war schon kurz nach dem Mauerfall die Rede. Zum anschwellenden Mythos vom glitzernden, geschichtsbefreiten Berlin, wie sie etwa der Spiegel im März 2007 zelebriert, passt der Alexanderplatz nicht. Der Glamour komme ja nun zurück in die Stadt , aber die Plaza im Osten - so ist zu lesen - sei noch eine "Asphaltwüste", eine zu "Stein gewordene Diskrepanz zwischen dem hippen Berlin und der Normalität ihrer Ureinwohner". Das könnte freundlich gemeint sein. Doch schwingt kaum verhohlene Verachtung mit.

Mit dem Glamour am Alex will es nicht recht klappen. Schon 1993 gab es einen Wettbewerb zur Umgestaltung, dreizehn 150 Meter hohe Häuser sollten gebaut werden, "Alex-Manhattan" hatte man den Entwurf getauft. Doch die Investoren blieben aus. Wenn schon nicht in die Höhe, dann sollte wenigstens am Boden alles neu werden. Neu hieß und heißt hier vor allem: mehr Platz zum Kaufen, auf bis zu 340.000 Quadratmetern Fläche.

Nach vielen Monaten Kranwüste stand die Hülle der Mega-Mall Alexa, ein in Dunkelrosa gehaltener Bau, der ganz ungewohnt den Blick auf den Fernsehturm versperrt. Vor einer eingerüsteten Wand des Rohbaus brüllte es in rot-weißen Lettern: Sei Alexa eröffnet, erwarte einen hier "der saugrößte Media-Markt der Welt". Im September 2007 war es dann soweit, Tausende stürmten zur ersten Schnäppchenjagd um Mitternacht. Man hörte von geborstenen Scheiben und 15 Verletzten.

Doch die Befürchtung, ab nun sei hier nur noch eine flächendeckende Shopping-Öde, kein Platz mehr für Punks und auch keiner für größere Menschenaufläufe im Freien, hat sich nicht bewahrheitet. Mehr geworden sind Passanten, die von einer Kaufhaustür zur anderen eilen, dazwischen aber sitzen noch immer allerlei urban proletige Gestalten neben müden Touristen auf dem Rand der "Nuttenbrosche". Auch die mobilen Wurstverkäufer mit dem roten Schirm sind noch da. Bratgeruch hängt in der Luft. Viel cleaner ist der Alex, die restaurierte Hälfte von ihm, also nicht geworden. Dafür kleiner. Und wenn er denn einmal fertig wird, ist es mit der Weite ganz vorbei, dann schließt sich der Platz zum zugebauten Fünfeck.


Mehr Chic plant man seit geraumer Zeit auch am Zócalo, im - von Berlin aus gesehen - fernen Mexiko. Kein Kommerz, dafür allerhand botanischer Zierrat, Bänkchen und Laternen, adrette Urbanität eben. Bislang ist nichts von alldem geschehen. Das steinerne Quadrat bleibt eine Leerstelle und ungleich eleganter als der Alex, und noch um einiges widerspenstiger. Am frühen Morgen oder spät in der Nacht, wenn die Lichter an den Fassaden funkeln und der Glockenturm der Kathedrale in die blauschwarze Nacht hinein strahlt, streckt die Plaza sich still und leer vor einem aus. Fast ist es dann, als höre man den Körper der Stadt im Schlaf atmen. Sie ist noch am Leben.

Anne Huffschmid, freie Autorin und promovierte Kulturwissenschaftlerin, forscht zu Diskurskulturen und zur politischen Öffentlichkeit in Lateinamerika. Vorzugsweise berichtet sie aus Mexiko.

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