Als Medium nicht aufgefallen

Porträt Christina von Dreien ist mit 19 Jahren zum Star der deutschsprachigen Esoterikszene geworden

Eine unsichere junge Frau flüstert beinahe in ein Mikrofon. Immer wieder schließt sie ihre Augen, spricht abgehackt von einem „Unlicht“, sie wirkt entrückt. Ihre Sätze folgen einem stotternden Rhythmus. Sie wiederholt sich oft, setzt neu an, bricht ab, verdreht den Kopf. Es tut fast physisch weh, ihr zuzusehen. Dabei ist Christina von Dreien ein Star der deutschsprachigen Esoterik-Szene.

Gerade einmal 19 Jahre alt, verdient sie mit Auftritten sechsstellige Honorare, veröffentlicht in der Schweiz Bestseller; ihre Bücher erscheinen auf Englisch, Französisch und Italienisch. Den Monolog über das „Unlicht“, für den sie mehrere schluchzende Anläufe braucht, hatten auf Youtube zuletzt schon mehr als 300.000 Menschen verfolgt. Nun hat von Dreien ein Buch veröffentlicht, das helfen soll, Corona zu überstehen: Am Ende ist alles gut. Wie wir uns die heile Welt selbst erschaffen.

Von Dreien wäre außerhalb ihrer eigenen Szene wohl kaum relevant, hätte sie nicht seit Frühjahr 2020 die Pandemie für sich entdeckt. „Corona als Chance“ ist einer ihrer Texte überschrieben. „Dass man das Coronavirus als so gefährlich darstellt, hat aus meiner Sicht damit zu tun, dass man die Menschen in Panik versetzen möchte“, schreibt sie da. „Diejenigen Menschen, die auf der Erde das Sagen haben, die Fäden ziehen und die diese Macht nicht abgeben möchten, haben diesen Virus in die Welt gesetzt, um ihre Pläne weiter zu verwirklichen.“

Ein so direkter Bezug zu gängigen Verschwörungserzählungen macht neugierig in einer Zeit, in der eine Heilpraktikerin zum Sturm auf den Reichstag aufruft, Querdenker esoterische Versatzstücke auf Plakate schreiben und QAnon-Anhänger:innen spirituelle mit antisemitischen Ideen verquicken.

Christina von Dreien heißt eigentlich Christina Meier. Ihre früh verstorbene Zwillingsschwester begleite sie als „Lichtwesen“, hat ihre Mutter Bernadette Meier einmal erklärt. Sie, bis 2015 Leichtathletin, etwa Schweizer Meisterin im Marathon, spielt eine wesentliche Rolle in Christinas Karriere, hat die ersten beiden Teile einer Christina-Trilogie verfasst. Laut Schweizer Medien hat sie sich zuletzt etwas aus dem Leben ihrer Tochter zurückgezogen. Beide äußern sich gegenüber kritischen Journalisten nicht.

Informationen über Christina, die nicht von ihrer Mutter kommen, sind denn auch rar gesät. Der Züricher Sonntagsblick hatte sich in ihrem Heimatort Toggenburg im Kanton St. Gallen umgehört, wo Christina als Teenagerin niemandem aufgefallen sei, schon gar nicht als Medium. Der Leiter der Oberstufe ihrer Schule beschreibt sie als stille Einzelgängerin. Ihre Leistungen seien vor allem in Mathe und Englisch nicht so gut gewesen. Sie hat noch einen Bruder, der nicht in der Öffentlichkeit steht. Auch der Vater, Bernadettes Ex-Mann, äußert sich nicht in Medien.

Dafür spricht Christina umso mehr. So sagt sie etwa im Esoterik-Format „Welt im Wandel“ über die gegenwärtige Pandemie: „Ich merke, dass im Kollektiv Panik ist und das energetisch auch die ganze Energie herunterzieht und das ist ja genau der Sinn der ganzen Sache. Egal, wer jetzt das in die Welt gesetzt hat, aber ein Sinn davon ist, dass die ganze Energie, die auch aufgebaut wurde, mit dem ganzen Erwachen von den Menschen, dass die wieder zusammensinkt.“ Fast 180.000 Menschen haben dieses Video gesehen. Es ist nicht leicht, die zentralen Botschaften von Christina von Dreien sinnvoll auf den Punkt zu bringen. Ihre Botschaften von Frieden und spiritueller Erneuerung könnten vielleicht zusammengefasst werden als Wunsch nach einer Wiederverzauberung der Welt. Andererseits streichelt sie schon mal einen Plastikstuhl, weil alles, was existiert, „ein Bewusstsein“ habe. Viele Aussagen in ihrem Corona-Buch sind so banal wie ein Kalenderspruch. „Am Ende wird alles gut sein, das ist sicher. Es braucht dafür allerdings die Mithilfe von jedem Einzelnen von uns.“

Per Messengerdienst Telegram tauschen Anhänger von Dreiens sowohl Anleitungen „für eine heile Welt“ als auch Weisheiten wie diese aus: „Das Universum ist erfüllt von einer der makellosen Klarheit gewidmeten Energie namens Liebe.“ Auf Facebook diskutieren sie in der privaten Gruppe „Als Vorbotin einer neuen Stufe der menschlichen Evolution“ mit mehr als 13.000 Mitgliedern lebhaft, ob Christina sich überhaupt politisch äußern würde. Da ist dann schon mal von Trump als „Friedenspräsident“ die Rede, das habe „die Quelle“ einer Anhängerin mitgeteilt.

Letztendlich bleibt bei so vielen abgedroschenen Sprüchen nur eine abgedroschene Antwort: Es geht bei dem Phänomen Christina von Dreien nicht um das Was, sondern um das Wie. Sie verbreitet übersinnlichen Optimismus, der verschwurbelt daherkommt, bis er doch ins Politische abdriftet. In ihrem Webauftritt wirbt von Dreien offen für einen Mann, der anfangs vor allem Frieden verkünden wollte, bis er sich mit seiner universellen Kritik an den USA irgendwann im Kreis extremer Rechter wiederfand: Daniele Ganser.

Von Dreien ist das Gegenteil narzisstischer Sektenführer früherer Jahrzehnte. Wie QAnon als Mitmach-Ideologie Menschen dazu animiert, selbst im Internet nach Antworten zu suchen, unterlässt auch die junge Heilsbringerin eindeutige Handlungsanweisungen. Die zahlreichen Vergleiche mit der kürzlich verstorbenen Sektenanführerin Uriella („Fiat Lux“) konterte von Dreien laut Neue Zürcher Zeitung so: „Ich schreibe euch bestimmt nicht vor, dass ihr euch alle weiß anziehen sollt.“

Im Gegensatz zu früheren spirituellen Superstars wirkt von Dreien tatsächlich nicht nur uncharismatisch, sondern geradezu als Mensch gewordene Verunsicherung unserer Gegenwart. Das sagt am Ende möglicherweise sogar mehr über unsere Zeit aus als über das Phänomen Christina von Dreien.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

06:00 11.12.2020

Kommentare 53