Als sei alles in Butter

Soziale Gerechtigkeit Drei Stimmen von Menschen, die das Ergebnis der Bundestagswahl trifft
| Ausgabe 39/2017 1
Als sei alles in Butter
Streit der Pflegekräfte an der Berliner Charité

Foto: Christian Mang/Imago

Die Hebamme

Jennifer Heim, 32, hilft Eltern bei der Geburt ihrer Kinder und leidet wie viele Kolleginnen unter der Zumutungen für ihre Berufsgruppe

Zum Platzen volle Geburtsstationen, zu wenige Hebammen, auch weil diese viel zu wenig verdienen – Jennifer Heim zählt gerade auf, was alles bei ihrem Beruf im Argen liegt, da stockt sie und ruft: „Krass!“ Über den Laptop-Bildschirm flimmert die erste Hochrechnung, die AfD wird drittstärkste Kraft. „Und die Linke hat mit am wenigsten Stimmen bekommen“, sagt Heim. Bei ihnen hat sie ihr Kreuz gesetzt. „Die Linke hat für uns Hebammen immer wieder Forderungen in den Bundestag eingebracht. CDU und SPD schieben die Verantwortung auf die Krankenhäuser oder die Länder ab.“ Heim ist selbst noch in Elternzeit, wo sie danach wieder einsteigt – sie weiß es nicht: In den Krankenhäusern ist die Überlastung so groß, dass jedes dritte Kind per Kaiserschnitt zur Welt kommt. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt eine Deckelung der Quote bei 15 Prozent. In der freiberuflichen Geburtshilfe hat sich die Haftpflichtversicherung seit 2002 um das Sechsfache verteuert – 7.600 Euro pro Jahr verunmöglichen eine einträgliche Selbstständigkeit. „Bessere Bedingungen zu schaffen, das ist doch die Aufgabe eines Staates“, sagt Jennifer Heim, „aber wir sind eine extrem kleine Berufsgruppe, wir haben kaum eine Lobby.“ Marlene Brey

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Die Alleinerziehende

Christine Finke, 51, ist Autorin des Buches Allein, alleiner, alleinerziehend und hat lange an Martin Schulz und die SPD geglaubt

Vergangenen Januar war ich voller Hoffnung – Manuela Schwesig war da noch Familienministerin und Martin Schulz hielt seine Antrittsrede. Ja, ich verstieg mich gar zu der Idee, Schulz als Kanzler wählen zu wollen, um die tollen Frauen in der SPD weiter in Schlüsselpositionen zu haben. Dann kam der Rücktritt von Erwin Sellering in Mecklenburg-Vorpommern, Schwesig wurde Ministerpräsidentin in Schwerin, Katarina Barley ging ins Familienministerium – und für mich damit alles den Bach runter. Plötzlich fuhr das Ministerium eine völlig andere Linie, schien sich mit Väterverbänden zu verbrüdern und propagierte das Wechselmodell als Standard. Das hat bei Alleinerziehenden für Verunsicherung und Angst gesorgt. Derweil tat Schulz so, als sei alles in Butter. Ach, wäre er doch immer so kämpferisch gewesen wie am Sonntag in der Berliner Runde! Nun haben wir den Salat: ein unverdauliches Jamaika-Gemisch. Vielleicht mit der FDP im Familienministerium, die Alleinerziehenden empfiehlt, sich zur Altersvorsorge doch Eigentum zuzulegen.

Christine Finke bloggt unter mama-arbeitet.de

Die Pflegerin

Dana Lützkendorf, 40, versorgt Kranke in Berlin und kämpft für bessere Bedingungen an der Charité. Der rechte Mob ist über sie hergefallen

Die ersten vier Tage, erzählt Dana Lützkendorf, „waren der Horror“. Sie meint nicht den Streik hier an der Charité in Berlin, mit dem sie und ihre Kollegen endlich bessere Bedingungen in der Pflege erzwingen wollen. Sondern die Zeit Ende August, nach ihrem Auftritt bei Sat1, in Die 10 wichtigsten Fragen der Deutschen, unter Lützkendorfs Namen stand im Fernsehen „Krankenschwester in Berlin“. Sie beschrieb die miese Personalausstattung, die miserable Versorgung, das politische Versagen in der Pflege. Sie empfahl die Linke zur Wahl. Sat1 hatte Lützkendorfs eigene Zugehörigkeit zur Linken verschwiegen, und dass sie zudem Gewerkschafterin ist, reichte den digitalen Freikorps, um über ihre Facebook-Seite herzufallen: So einer „roten Pissbacke“ sei in der Intensivpflege ja alles zuzutrauen und so weiter, Verdi hat die Hetze dokumentiert. Lützkendorf will darüber jetzt nicht mehr reden, sie plant die nächste Streikrunde, für mehr Personal, für bessere Pflege, aber „wenn CDU und FDP regieren, haben wir die Arschkarte gezogen“, sagt sie noch. Sebastian Puschner

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