Ihr Lied

Porträt Kamla Bhasin gilt als Mutter der indischen Frauenbewegung. Sie hat viele Bücher über Gleichberechtigung verfasst, für die Menschen auf den Dörfern aber singt sie lieber
Ihr Lied
Kamla Bhasin: „Als Vergewaltiger wird man nicht geboren“

Foto: Katharina Finke für der Freitag

Kamla Bhasin wohnt in einem Haus im Süden von Neu-Delhi, dem wohlhabenderen Teil der indischen Hauptstadt. In ihrem Wohnzimmer fallen die vielen Bücher auf, die quer über den Raum auf kleine Stapel verteilt liegen. Sie haben alle möglichen Größen, Farben, verschiedene Sprachen. Einige hat die 68-Jährige selbst geschrieben, bei anderen mitgearbeitet. Die Stapel symbolisieren auch, welch weiten Weg sie zurückgelegt hat. Denn aufgewachsen ist Bhasin, die heute eine der wichtigsten Figuren im Kampf indischer Frauen um Gleichberechtigung ist, in einer bücherfreien Welt. In dem Dorf im Nordwesten Indiens, wo sie ein Jahr vor der indischen Unabhängigkeit geboren wurde, waren Bücher ebenso rar wie Lehrer.

„Wir lernten vom Leben, nicht aus Büchern“, erinnert sich die Frau mit den kurzen grauen Haaren. In Jogginghose und weitem T-Shirt setzt sie sich auf das Wohnzimmersofa, um zu erzählen. „Damals wie heute ist die mündliche Kommunikation, zu der auch Musik gehört, im ländlichen Südasien besonders wichtig, da viele Menschen dort weder lesen noch schreiben können.“ Deswegen hat Bhasin neben Büchern und Artikeln auch zahlreiche Lieder verfasst. Zehn Kassetten mit Songs hat sie aufgenommen, die auf CDs überspielt und tausendfach kopiert wurden. Ein Großteil der Frauenbewegungsmusik in Nordindien stammt von ihr. „Ich bin keine Poetin, aber wenn mich etwas politisch bewegt, schreibe ich einen Song“, sagt sie.

Auch zu den aktuellen Wahlen in Indien, die noch bis zum 12. Mai dauern, hat sie eine CD aufgenommen. Sie steht auf, holt ein Exemplar und übersetzt, was in Hindi darauf steht: „Unsere Stimme, unsere Macht. Lasst uns Fragen stellen und für unsere Rechte singen. Gemeinsamer Kampf der Frauenbewegung.“

Sie will eine von vielen sein

Bhasin wird heute oft als die Mutter der Frauenbewegung in Indien bezeichnet, was ihr selbst aber nicht gefällt. „Wir brauchen so viele Stimmen wie möglich für die Frauenrechte, ich bin nur eine von ihnen“, sagt sie. Ihre einfache Herkunft lehrte sie Bescheidenheit. Nur weil ihr Vater als Arzt für die Regierung arbeitete, hatte sie überhaupt die Möglichkeit, auf die Regierungsschule in Jaipur, der Hauptstadt des westlichen Bundesstaats Rajasthan, zu gehen. Später konnte sie dort an der Universität einen Abschluss in Wirtschaftswissenschaften machen.

An der Universität in Jaipur lernte sie auch zwei deutsche Frauen kennen, die für ein Auslandssemester in Indien waren. „Sie halfen mir, ein Stipendium für die Universität Münster zu bekommen“, erzählt Bhasin. So reiste sie als junge Frau nach Deutschland, um in den Sechzigern zwei Jahre in Westfalen „Soziologie für Entwicklungsländer“ zu studieren. Im Anschluss arbeitete sie ein Jahr für die „Deutsche Stiftung für Entwicklungsländer“ in Bad Honnef.

Während dieser Zeit wurde Bhasin oft zu Kaffee und Kuchen eingeladen, um etwas über Indien zu erzählen, erinnert sie sich. „Aber alles, was sie hören wollten, war: Ach die Inder, denen geht es so schlecht und wir können stolz sein, denn wir haben alles richtig gemacht“, sagt sie und wechselt dafür vom Englischen kurz ins Deutsche.

Doch Bhasin hatte einen anderen Eindruck vom Deutschland der Sechziger, es erschien ihr in mancher Hinsicht nicht sonderlich fortschrittlich: Jeder Mann wurde als Herr angesprochen, verheiratet oder nicht. Aber eine Frau war ein Fräulein, solange sie nicht verheiratet war. Auch andere Details, die Bhasin in der Sprache entdeckte, überraschten sie: Sie stolperte über Herr und herrlich, Dame und dämlich. „Was ist das hier nur?“, fragte sie sich. Zwar lernte sie auch emanzipierte Frauen kennen. Doch die meisten Frauen standen hinterm Herd, während Männer Bier tranken und Pornos guckten. „Das Patriarchat herrscht eben überall auf der Welt“, fasst sie ihre Deutschland-Erfahrung zusammen.

Ernüchtert trieb sie der Wunsch, etwas für ihre Heimat zu tun, dort die Situation der Menschen zu verbessern, wieder zurück nach Rajasthan. Mit Anfang 30 begann sie, für eine Nichtregierungsorganisation zu arbeiten, von denen es zu dieser Zeit erst wenige gab. „Ursprünglich ging es mir darum, Armut und Ausbeutung zu bekämpfen“, erzählt sie. „Doch bei der Arbeit merkte ich, dass Frauen gegenüber Männern krass benachteiligt wurden und so kam ich – eher zufällig – zum Feminismus.“ 1979 wurde Bhasin von der UN gefragt, ob sie für die Weltorganisation arbeiten wolle. Ihre Aufgabe: Gendertraining in Südasien, also unter anderem in Afghanistan, Bangladesch, Bhutan, Indien, Nepal, Sri Lanka und auf den Malediven. Aus geplanten drei Monaten wurden fast 30 Jahre in Diensten der Vereinten Nationen. Vier Jahre davon lebte sie in Thailand, den Rest in Neu-Delhi.

Während der UN-Arbeit war sie auch an der Gründung von mehreren indischen Frauenorganisationen beteiligt, wie 1984 etwa „Jagori“, was so viel wie „Aufwachen, Frauen“ bedeutet. Zudem baute sie das Feministinnen-Netzwerk „Sangat“ auf, für das sie seit ihrer Pensionierung von den Vereinten Nationen vor acht Jahren nun hauptberuflich tätig ist.

Aber was macht eine Gendertrainerin eigentlich genau? Bhasin gibt Kurse für Frauen und Männer, beispielsweise für Polizisten und Regierungsangestellte, um dieTeilnehmer für ihre patriarchalische Denkweise zu sensibilisieren. Einen Monat lang sollen sie lernen, was ein Patriarchat ist, welche Probleme es mit sich bringt. Und mit Hilfe von Psychologen sollen sie erkennen, was sie von diesen Strukturen auch unreflektiert in sich tragen. „Außerdem bringen wir sie mit Feministinnen aus der Region zusammen“, erzählt Bhasin. „Wir wollen ihnen so zeigen, was für Alternativen es zum Patriarchat gibt und wie sie im Alltag damit umgehen können.“

Über 40 Jahre, nachdem die Frauenrechtlerin ihren Kampf begonnen hatte, erschütterte im Dezember 2012 eine brutale Gruppenvergewaltigung in Neu-Delhi die Weltöffentlichkeit: Eine junge Frau starb an den Folgen des Missbrauchs. Das ging auch Bhasin nahe. Überrascht habe es sie allerdings nicht, sagt sie, weil es kein Einzelschicksal sei. Nur gibt es nicht jedes Mal so viel öffentliche Aufmerksamkeit, viele Frauen würden im Stillen leiden.

Verblüfft war Bhasin aber, dass die indische Hauptstadt von ausländischen Medien „zur Missbrauchsstadt der Welt deklariert wurde“. Missbrauch gebe es überall. „Doch nirgends ist der Widerstand so groß wie hier“, sagt sie. Im Dezember 2012 folgten tagelange Proteste auf den Straßen, die nicht nur eine Verschärfung der Sexualstrafen brachten, sondern auch einen enormen Anstieg von Frauen, die ihr Schweigen brachen. „Es ist eine große Veränderung, dass die Frauen nicht mehr denken, dass sie ihre Würde verlieren, sondern im Gegenteil ihre Peiniger dadurch entehrt werden“, sagt Bhasin. Und fügt hinzu: „Aber nach wie vor ist zu viel im Argen.“

Gesetze, die nichts nützen

Es gebe immer noch viele Familien, die ihre Töchter umbringen oder verkaufen, erzählt sie. Umfragen zufolge findet ein Großteil der indischen Bevölkerung es zudem in Ordnung, dass der Mann seine Frau schlägt. Da überrascht es auch nicht, dass es kein Gesetz gegen häusliche Gewalt gibt. Und natürlich seien Gesetze an sich gut, sagt Bhasin, das Problem in Indien sei aber, dass diese oft nicht durchgesetzt würden. Ähnlich verhalte es sich in der Politik: „Die Regierung ist jetzt gezwungen, sich mit Genderthemen auseinanderzusetzen, und erwähnt sie in jeder Rede“, erzählt sie. „Doch in ihrer politischen Agenda selbst tauchen sie nicht auf.“ Bhasins Wunsch ist es, endlich verwirklicht zu sehen, was in der indischen Verfassung 1948 festgelegt wurde: Alle sind von Geburt an gleich. „Lasst uns nicht zwischen Mann und Frau unterscheiden, sondern einfach Mensch sein.“

Bhasin betrachtet die Dinge gern auch in größeren Zusammenhängen, viele Probleme seien keine rein indischen. „Es gibt kein Land auf der Welt, wo Frauen und Männer gleichgestellt sind“, betont sie. Überall herrsche noch das Patriarchat und damit Frauen- und Männerstereotypen. Frauen sollen fürsorglich sein, Männer stark. „Dabei sind Männer ebenso Opfer wie Frauen.“ Männer dürften keine Schwäche zeigen, da sie durch die Erziehung zu Härte quasi von der Gesellschaft emotional kastriert würden. Sie müssten Macht demonstrieren und das würden sie dann häufig in Form von Gewalt tun. Sexueller Missbrauch hat nach Bhasins Ansicht deswegen nichts mit Lust, sondern nur mit Macht zu tun. „Vergewaltiger werden nicht als solche geboren“, sagt sie. „Sie werden von der Gesellschaft zu welchen gemacht.“

Ökonomischer Kreislauf

Als Hauptursache dafür hat Bhasin den Kapitalismus identifiziert, da dieser die patriachalische Denkweise fördere. Das zeige sich beispielsweise an der Kosmetik- und Pornoindustrie. Nach dem Motto „Sex sells“ verkauften Frauen ihren Körper, ob als Prostituierte oder auch nicht. Und damit das Verkaufen funktioniere, folgten sie einem aus kommerziellen Interessen angeheizten Schönheitswahn. Dieser bringe sie dazu, Unsummen in Äußerlichkeiten zu investieren. Und so schließe sich der kapitalistische Kreislauf wieder. „Doch solange Macht und Moral voneinander getrennt sind, wird es keinen Frieden geben“, sagt Bhasin. Sie glaubt weiter an den Sozialismus. Denn was diese Welt brauche, sei nicht Konkurrenz, sondern Kooperation. Es gehe nicht um Unabhängigkeit, sondern um gegenseitige Abhängigkeit. „Durch Worte allein wird sich aber nichts ändern“, räumt sie ein. „Nur durch unseren Lebenstil, den wir im Hinblick auf den Kapitalismus überdenken sollten.“

Sich selbst nimmt sie bei ihrer Kritik keineswegs aus. „Schauen Sie sich hier doch nur einmal um, dann sehen Sie sofort die Scheinheiligkeit meiner Reden.“ Damit meint die Aktivistin ihr großes Haus und ihre Angestellten. Sie erklärt, dass diese vor allem dafür da seien, ihren 33-jährigen, schwerbehinderten Sohn rund um die Uhr zu betreuen.

Eine der Angestellten bringt jetzt Tee ins Wohnzimmer, woraufhin sich Bhasin entschuldigt und kurz verschwindet. Sie muss sich fertig machen für eine Veranstaltung, auf der sie eine Rede halten wird. Der Tee ist gerade durchgezogen, da erscheint sie umgezogen wieder. Sie trägt jetzt einen traditionell südasiatischen Dress: kein Sari, sondern eine weiße Kuta, ein weit geschnittenes knielanges Hemd mit dezentem Muster, dazu eine passende Hose und einen breiten Schal, beides in Dunkelgrün.

„Es gibt eben Momente, da will ich mich auch schön fühlen und kleide mich daher stillvoll“, gibt sie zu. „Das bedeutet aber nicht, dass ich mich sexy kleiden muss.“ Sie ist überzeugt, dass sich kein Mensch völlig frei von selbstsüchtigen Zwängen machen kann, auch sie nicht. „Mein Engagement ist auch verdammt egoistisch“, sagt sie selbstkritisch. „Weil es das ist, was mich glücklich macht.“

Geld hätte niemals dieselbe Bedeutung für sie. Und sie hätte, sagt sie, ohnehin niemanden, dem sie es hinterlassen könnte. Von ihrem Mann lebt sie schon seit Jahren getrennt, ihr Sohn ist schwer krank und und ihre Tochter hat kurz nach ihrem Oxford-Abschluss Selbstmord begangen. Geblieben von ihr ist ein großes Foto, das an der Wand im Wohnzimmer hängt. „Wenn ich mich also nicht für Frauenrechte einsetzen könnte“, sagt Bhasin, „wäre ich schon längst tot“.

06:00 21.05.2014
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