Als wäre seine Hand voll Schnee

Lösung eines Rätsels Das Theater der Annet Henneman in der Toskana ist eine Schule für Flüchtlinge aus aller Welt

In dieser Nacht fielen die schwersten Regen, die ersehnten, auf die Toskana nieder. Wir fanden im kleinen Kaff Pomarance das Veranstaltungshaus, eine Tonnenkonstruktion, darin standen verloren einige Reihen Stühle, ein Verkaufstisch, wie offenbar überall in der westlichen Welt mit Kaffee aus Nikaragua, Taschen aus Peru, dazu eine Ausstellung mit Kinderzeichnungen aus Palästina. Kein Publikum. Es war 21 Uhr. Ich hätte es eine trostlose Situation genannt, die Veranstaltung einen Flop.
In der Mitte der Halle richtete eine Band ihre Anlage auf einer Stahlrohrbühne ein. Und dann füllte sich allmählich die Halle mit jungen Leuten, sie begrüßten sich lebhaft, holten in kleinen Plastikbechern Bier, waren mit dem Abend offenbar zufrieden. Um halb elf war es so weit: Annet, die im Auto Jeans trug, trat im arabischen Kleid mit glitzernder Weste auf die Bühne, als Kurdin, die in einem Monolog von ihren Fluchtstationen erzählt, von toten Brüdern, Hunger, Verlusten, der Überfahrt nach England in einem LKW, in dem einige Flüchtlinge erstickten. Ihre Figur, die Kurdin, versucht den ahnungslosen Westeuropäern etwas von sich zu erklären.
Annet Henneman, Schauspielerin und Regisseurin, die vor 20 Jahren aus Holland nach Italien kam, hat den Monolog in New York geschrieben, kurz nach dem 11. September, auf einer Tournee, deren geplante Auftritte ausfielen. Statt dessen geriet sie in die Antikriegsmanifestationen, lernte das "andere Amerika" kennen. In ihrem Monolog redet sie suggestiv mit dem Publikum, dosiert die schrecklichen Episoden, wechselt die Emotionen, singt. Der Auftritt von 20 Minuten ist leicht zu bewerkstelligen und wirkungsvoll.
Die jungen Leute wurden sehr still. Auch der Bürgermeister war erschienen. In der Gemeinde Volterra gibt es noch eine kommunistische Mehrheit.

Journalistik-Theater
Die Arbeit mit Flüchtlingen hat Annet vor vier Jahren begonnen. Damals probte ihre Schauspieltruppe in einem kleinen Theater im Gebäude des Altersheims von Volterra. Einer der Alten, der zeitweilig im Theater mitgearbeitet hatte, lag im Sterben. An ihn dachte sie bei den Proben. Zugleich kamen aus Guatemala Bilder von einem Erdbeben mit vielen Toten. An den Küsten Italiens landeten Schiffe mit Flüchtlingen. "Und ich dachte: was mache ich hier?"
Es kam der Moment, in dem Annet beschloss, mit dem normalen Theater aufzuhören. Die Kurden wurden ihr erster Stoff, weil in dieser Zeit viele Kurden ankamen. Sie nennt es Journalistik-Theater. "Ich wollte wissen, woher kommen die und warum? Wohin gehen die? Ich habe das Projekt angefangen wie jetzt die Theater-Akademie für Flüchtlinge: Ich habe gesagt, ich muss das machen, ohne oder mit Geld, wir müssen das anfangen! Von zehn Leuten unserer Theatergruppe sind fünf geblieben."
Der Weg führte sie vom Strand in Kalabrien, wo meist die Flüchtlingsschiffe landen, in die Camps, nach Istanbul, wo die Töchter eines kurdischen Flüchtlings versteckt lebten, 13, 15, 17 Jahre alt. Sie reiste in die kurdischen Gebiete, nach Iran und baute aus den Erzählungen ihre Stücke.
Irgendwann aber dachte Annet, die Flüchtlinge müssen ihre Geschichten selber erzählen. Nur können sie nicht wissen, was Europäer und Amerikaner verstehen und was nicht. Deshalb die Akademie, die sie gerade gründet, damit die Flüchtlinge lernen, mit Theaterformen ihre eigene oder ihre Volksgeschichte zu erzählen. Die Teilnehmer werden zwei Jahre lang regelmäßig studieren, auch die Sprache lernen, zum Schluss ein Zeugnis erhalten. So fängt sie zum zweiten Mal eine neue Sache an, "mit oder ohne Geld". Angebote der Unterstützung gibt es schon. Sie kommen von Leuten, die ihre Arbeit seit langem verfolgen. "Ich bin überzeugt, wenn du etwas machst, wirkliche Arbeit, dann kommt das Geld. Langsam kommt es."

Der Geburtsort von Öcalan
Annet ist eingeladen, in Florenz bei einer Demonstration gegen neue "Ausländergesetze" mit Flüchtlingen aufzutreten. Sie holt die Kandidaten für ihre künftige Akademie zusammen. Einen Tag lang üben sie eine theatralische Aktion.
Als erster ist Cumali da. Sein Haar scheint ihn zu überwuchern. Die Augen sind versteckt, als wollte er seinen Blick niemandem zumuten. Auf seinem Wörterbuch steht gekrixelt: Ruhe. Ein deutsches Wort. Nein, sagt er irritiert, das heißt Ruhä, das ä betont, es ist der Geburtsort von Abdullah Öcalan. Er selbst war ein Kämpfer in den Bergen, er ist weggegangen, weil er krank wurde, vom Schnee, sagt er. Neve! Verstehst du, Neve? Weiß, kalt. Er hält seine Hand hin, als wäre sie voll Schnee.
Nach Cumali kommen zwei Freunde mit längeren, geölten Haaren, beide aus dem Irak, hübsche Jungen, strahlend. Dann ein albanisches Paar, die einzigen hellhaarigen. Ein etwas älterer Kurde, vor zwölf Jahren war er als Gastarbeiter in Deutschland. Ein stiller Junge, auch ein Kurde aus der Türkei, überrascht damit, dass er Mengen von Burek gebacken und mitgebracht hat. Darüber am glücklichsten ist die Albanerin: Das kennen die Italiener nicht! sagt sie, als fehlte ihnen etwas Wichtiges. Später stoßen drei weitere junge Männer dazu, einer wie ein Straßenkind aus einem Pasolini-Film, herb und unnahbar.
So beginnt dieser Tag, an dem Flüchtlinge aus der Türkei, dem Irak und dem Kosovo in den Pausen ihrer Arbeit italienisch radebrechen. Sie sind zumeist erst einige Monate im Land, warten in ihren Unterkünften auf die Asyl-Entscheidung. Das Italienische kommt ihnen mit seinem vollen Klang, seinen klaren Strukturen entgegen. Auch mit den Menschen ist es für sie nicht so schwierig wie in Deutschland: sie sind dunkelhaarig wie sie und mögen Kontakte. "Aber ein bisschen sind sie auch Rassisten, nur ein bisschen", sagte ein Iraki, der seine Retter nicht schlecht machen möchte, aber seine Eindrücke doch mitteilen will.
Durch glückliche Umstände haben diese Flüchtlinge zu Annets Theater gefunden. Sie üben heute in einem Raum bei der ARCI - Assoziatione Recreativa Culturale Italiana - ein Bildungsverein mit 5.000 Volkshäusern und über einer Million Mitgliedern. Davon erzählt mir der alte Franco Billi, während wir auf den schmalen Bürgersteigen von Florenz zur Demonstration eilen. Er kann kaum aufhören zu reden, denn es sind Dinge, die er miterlebt hat: Die Faschisten hatten sich die Volkshäuser, die immer schon Bildungsstätten der Arbeiterbewegung waren, angeeignet. Nach dem Krieg initiierten Christdemokraten und Sozialisten ein Gesetz, um die Häuser in Staatseigentum zu überführen und so die Kommunisten zu schwächen. Dagegen habe man die Assoziatione als Dachverband gesetzt.
In Italien sind solche linken Gründungen wirkungsvoll, keine leeren organisatorischen Hülsen. Die ARCI hat Renommee und versteht sich als Labor neuer politischer Formen angesichts des Prestigeverlusts der Parteien. Annets Theater ist hier geschätzt.
In Florenz hat die ARCI zusammen mit anderen zur Demonstration gegen verschärfte Ausländergesetze gerufen. Das Parlament beginnt gerade mit den Lesungen. "Menschen, nicht Sklaven" ist die Losung. Künftig soll das Aufenthaltsrecht gekoppelt sein an Arbeitsvertrag, Wohnung, Rückreiseticket. Flüchtlinge sollen bis zur Entscheidung über ihr Asylrecht im Lager bleiben. Die Abschiebung sollte rigoros der Polizei übergeben werden. Doch dagegen verwahrte sich das Oberste Gericht. Es macht einen juristischen Entscheid zur Bedingung. Allerdings sind den Flüchtlingen die juristischen Wege, um ihr Recht einzuklagen, quasi verschlossen. Im Grunde werden sie von vornherein als "Betrüger" behandelt.
Am schönen Platz SS.Annunziata, von drei Säulengängen eingerahmt, beginnt der Protest. Auf einer Platzseite geht der Blick durch eine schmale Straße auf einen Ausschnitt des Doms aus weißem, grünlichem und roséfarbenem Marmor. Auf den Stufen sitzen die ersten Demonstranten, zahlreiche Afrikaner unter ihnen. Fahnen mit Städtewappen, Leute in Uniformen, die mitdemonstrieren, Clowns, eine Bläsergruppe. Der turbulente Zug zieht sich durch die engen Straßen und wird immer länger. In Türen von Läden und Bars stehen Gäste, Kellner, Verkäufer, mit Neugier, nicht mit Abwehr, wie aus Deutschland gewohnt. Dennoch ist zu hören: Die italienische Linke müsse wieder aufwachen, sie sei erlahmt, trage Schuld an Berlusconis Erfolg.
Zum Abschluss spricht auf der Piazza della Signoria ein junger Afrikaner. Herausfordernd ruft er: Alle Länder werden mit Einwanderern und Flüchtlingen leben müssen. Was fürchtet ihr euch? Wir sind jung, ihr braucht uns! Lachen, Applaus, Trommeln. Endlich tritt das Flüchtlingstheater auf die Stufen, jedes Mitglied der Truppe trägt einen Stuhl.

Blinde Passagiere ins Meer
Sie haben tatsächlich im Laufe des Tages ihr Stück eingeübt, eine Schule für Flüchtlinge. Annet und ihr Kollege Gianni Calastri haben die Leitung. Was muss ein Flüchtling können und wissen? An Land schwimmen. Sich verstecken. Sich verstellen, wenn Polizei auftaucht. Stehend schlafen im Schiffsrumpf. Ein paar Brocken in fremden Sprachen. "No passeport - no dollars - asilo politico!" Die "Lehrer" rufen Wörter, die Gruppe spricht sie im Chor nach. Das Publikum ist gebannt. Zum Schluss sitzen die Flüchtlinge wartend und singen. Die Iraki, die sich mit einem Tuch unkenntlich gemacht haben, so dass nur noch die Augen zu sehen sind, die im Abendlicht blitzen, sind die Vorsänger. Die Gruppe singt jede Zeile nach, eine komplizierte arabische Melodie. Die Türken und Albaner verstehen den Text nicht, sie wissen, dass es ein Liebeslied ist, Amané, Aamaanééé -, die hohe Stimme der Albanerin ist herauszuhören.
Die Gruppe sitzt noch ein wenig zusammen, alle sind gelöst und aufgewühlt vom Erfolg. Die beiden Jungen aus dem Irak nehmen ihre Tücher ab. Und mit den wenigen italienischen Worten, über die sie verfügen - teilen sie ihre Geschichte mit: Einer ist Kurde aus dem Norden des Landes, der andere stammt aus dem Süden, er hat Parolen gegen Saddam Hussein an Hauswände geschrieben. Als es eine Verhaftungswelle unter Gleichaltrigen gab, schickte seine Mutter ihn weg, über die Grenze in den Iran. Nach zwei Jahren fand er jemanden, der ihn für 500 Dollar auf ein Schiff brachte mit den Worten: Du kannst sterben, du kannst verhaftet werden, du weißt nicht, wo du landest. Willst du es? Noch drei Jungen wagten diese Fahrt, sie waren mit Wasser versorgt und mit Brot, über ihnen schloss sich die Luke. Dunkelheit. Auf dem Schiff gab es keine Mitwisser. Nach acht Tagen beschlossen sie, an Deck zu gehen.
Vor ihnen lag der Hafen von Bombay. Das Schiff war indisch. Der Kapitän tobte vor Zorn, die Mannschaft versammelte sich an Deck, 35 Mann, sie beschlossen, die blinden Passagiere ins Meer zu werfen. Da widersprach einer. Nur einer. Ein Moslem, wie sie. Nun riskierte der Kapitän diese Lösung nicht mehr, sondern rief die Polizei. Die vier durften nicht an Land. Vier Monate fuhren sie mit dem Schiff weiter bis Indonesien und zurück nach Europa. Immer wieder Telefonate. Flüchtlingsorganisationen wurden mobilisiert. Erst Italien nahm sie auf.
Und die Seeleute, die euch ertränken wollten? frage ich. Die beiden strahlen: "Wir wurden gute Freunde, sogar der Kapitän wurde freundlich. Sie hatten sicher Angst vor uns", entschuldigen sie ihre verhinderten Mörder, die vielleicht dankbar waren, an ihrer Tat gehindert worden zu sein, "wir sahen aus wie Geister, schwarz, dreckig, mit Bärten. Als wir gewaschen und rasiert waren, wurde alles gut."
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Zwei Tage später begegne ich Annet auf der Straße. Sie ist gelöst. Obwohl sie nach dem anstrengenden Tag in Florenz gleich nach Rom musste zu einem Auftritt. Der wurde ein großer Erfolg, und das erneuert sichtlich die Kräfte: 200 Studenten hatten mit einer Professorin zwei Semester lang in Verbindung mit der UNESCO Flüchtlingsfragen besprochen. Aber - meinten sie nach Annets und Giannis Auftritt - sie hätten es nie so konkret und kompakt erfahren wie durch deren "Monologe". Ein Professor kam nach vorn und sagte: ich muss euch die Hand drücken. Später bot er ihnen seine Wohnung als Quartier an.
Annet ist aufgeräumt. Sie müsse nun bald nach Amerika, wieder mit den "Monologen", aber auch wegen Geld. Phantastisch, wie du es machst, sage ich. Im Grunde ist es mir immer noch ein Rätsel, dass es gelingt. Das Rätsel ist, antwortet sie, dass aus Einem das Andere folgt. Es tauchen immer wieder Menschen auf, die helfen wollen und können. Der Professor in Rom hat gefragt: Wie lebst du überhaupt, Annet? Du hast sicher kaum Geld. Ich werde für euch Geld besorgen. - Plötzlich wendet sie sich mir ganz zu, bleibt fast stehen und sagt: Es helfen nur Menschen, die daran glauben. Menschen eines Sinnes helfen einander. Nur die. Das ist die Lösung des Rätsels.

00:00 28.06.2002

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