Alte Gefühle, neues Leben

Körperliche Zurichtungen Frank Wedekinds "Frühlings Erwachen" ist noch immer eines der populärsten Dramen des deutschen Theaters. Ein Vergleich zweier Inszenierungen in Hannover und Rudolstadt

Eine Jugend, die ihren Platz in der Gesellschaft und ihren (Eigen)Sinn im Leben sucht, findet Pubertätsnöte und Aufbegehren gegen einengende Regeln in immer neuen, den jeweils aktuellen Zeitgeist atmenden Stücken thematisiert. Da sollte man denken, Wedekinds Frühlings Erwachen, in dem eine 14-Jährige schwanger wird, weil sie ihrer Mutter glaubt, dass Babys (auf welche Weise auch immer) allein in der Ehe entstehen könnten, habe in unserer übersexualisierten Welt voller früh aufgeklärter Kinder keine Chancen mehr auf den Spielplänen. Doch gerade das 1890 geschriebene, 1906 von Max Reinhardt in Berlin uraufgeführte und erst sechs Jahre später von der wilhelminischen Zensur vollständig freigegebene Stück wird immer wieder aufs Neue theatralisch befragt.

Dass beim Thema "Pubertät und Sexualität" zu diesem Stück gegriffen wird, hat nicht nur mit dessen (trotz manch veralteter Details) zeitlosen Qualität zu tun, mit dem es die Suche von jungen Menschen beschreibt, zu sich und in die Welt zu finden. Sondern auch mit vom Schulunterricht bestimmten Moden einfallsloser Dramaturgen, die Wedekinds Text gern ins Säurebad der Aktualisierung tauchen.

Einer Aktualisierung, die meist nur seine äußere Erscheinung verändert: So stürmten vor vier Jahren Schauspielstudenten in einer Inszenierung von Ulrich Matthes am Deutschen Theater mit freiem Bauchnabel auf die Bühne, die Basecap auf dem Kopf, Sneakers an den Füßen und eine Lidl-Tüte in der Hand. Doch aus ihrem Mund klang Wedekinds Sprache falsch: als ob sie mit ihr nicht ihre, sondern die Probleme eines anderen Jahrhunderts besprachen. Oft wird das Stück im deutschen Stadttheater auch mit aufgedrehter Jugendlichkeit von etwas älteren Schauspielern gegeben. Oder man schickt, wie am Theater Dortmund, über 60-jährige Laien mit Wedekinds Text auf die Suche nach einstigen Frühlingsgefühlen.

Sobald aber Regisseure und Dramaturgie sich an den Kern von Wedekinds Stück wagen, wird er so lebendig wie brisant. Vor zwei Spielzeiten hat Niels-Daniel Finck am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg das Stück als eines über erste Körpererfahrung inszeniert (und damit von den veralteten Fragen nach sexueller Aufklärung befreit). Junge Darsteller spielten im Sandkasten, und die körperlosen, da nur mit ihren Köpfen gezeigten Erwachsenen redeten von der Videowand auf sie herunter. Klar wurde Wedekinds zeitlose Problematik: Die Zurichtung der Körper und damit die Einrichtung der Menschen für gesellschaftliche Zwecke. In Senftenberg setzte sich im gleichen Jahr der Regisseur Jürgen Eick mit Jugendlichen zusammen und lud mit deren Erfahrungen und Gefühlen seine Theaterfassung auf.

Noch viel weiter ging jetzt in Hannover der Regisseur Nuran David Calis. Er schrieb Wedekinds Frühlings Erwachen wirklich neu - und gewann damit ein neues Zeitstück in den Strukturen des alten. Calis unterlegt Wedekind nicht nur mit einem heutigen Sound (es wird gerappt), sondern er entwickelt das Stück mit Erfahrungstexten der Jugendlichen weiter. Natürlich wissen die 14- bis 16-Jährigen hier alles über Sex, aber mit ihren Gefühlen kommen sie dennoch nicht klar. Wenn Wendla (Sonja Beißwenger, der man wegen ihrer unangestrengten Spielweise die Rolle einer 14-Jährigen glaubt) an ihrem Geburtstag von ihrer gutmeinenden Mutter nicht nur zum gemeinsamen Frühstück, sondern auch in einen so praktischen wie uncoolen Pullover gezwungen werden soll, dann weiß sich das selbstbewusst genervte Mädchen, gekleidet in Tanktop, Felljacke, Nietengürtel und Trainingshose, locker zu wehren. Die Ängste der Mutter (Jungen kommen und gehen, die wirklich wichtigen Dinge im Leben sind Schule und guter Abschluss) wischt sie weg mit dem Spruch "Lieber eine schlechte Erfahrung als gar keine". Wenn sie der Mutter ihre Schwangerschaft gesteht, erklärt sie "wir kriegen das schon hin". Was nicht stimmt, denn Melchior (der dickliche Christoph Franken, der sich die Dominanz in der Clique nicht mit dem Strahlen des in dieser Rolle üblichen Siegertyps, sondern mit ruhig suchender Verschlossenheit erspielt), kommt mit der Schwangerschaft nicht klar. So geraten Wendla und Melchior handgreiflich aneinander und das Ende ist nicht tödlich, sondern traurig und offen. Dabei nimmt man den Schauspielern ihre gespielte Rollenauthentizität in jedem Moment ab. Wenn Wendla und Melchior am und im Wasserbecken aneinander geraten, weil Wendla geschlagen werden will, um die ihr unbekannte Gewalt zu erfahren, dann entsteht das so wunderbar beiläufig und selbstverständlich, dass die Szene ihre Wedekindsche Schwitzigkeit verliert.

Calis´ Inszenierung besitzt bei aller harten Genauigkeit den von Wedekind gewünschten Humor, der sich sein Stück als ein "sonniges Abbild des Lebens" dachte. Einen Humor, der sich auch unter der coolness der sich mit Bierkisten an einem Wasserbassin versammelnden Jugendlichen offenbart, - neben der Unsicherheit vor den eigenen Gefühlen und dem anderen Geschlecht. Wenn von den Jungen gerappt wird, klingt das so: "Schüler sein ist abgefuckt - Lehrer alle zugekackt. Bei Bauhauskauf die große Axt - Zick zack hab´ das Pack zerhackt. Meine Hose hat Adidas-Streifen - Vorne drin trag ich nen Steifen." Und ein Mädchen führt unter den "Dingen, an die ich mich erinnern will, wenn ich erwachsen bin", auch dies auf: "ein 24 palette paderborner leeren bevor die anderen kommen dann so tun als wäre nichts dann aufs skateboard steigen und die ersten Runden fahren und hinterher rumkotzen alle zum lachen bringen". Nie spielt sich der neue Text auf, doch zuweilen gibt er den verbliebenen Texten von Wedekind eine unfreiwillige Komik und Unwirklichkeit. So, wenn Moritz über seine "männlichen Regungen" staunt und Melchior dem Leben eine "ungeahnte Gemeinheit" attestiert, weshalb er sagt "Ich hätte nicht übel Lust, mich in die Zweige zu hängen."

Die beeindruckende Hannoveraner Inszenierung zeigt aber leider die Erwachsenen nur als hilflose Klischees. Die Lehrerschar fehlt, und neben Wendlas karikiert gutwilliger Mutter gibt es einen Vater von Moritz, der einst mit großen Sehnsüchten durch die Welt zog, aber aufgehört hat zu träumen und nun, beruflich erfolgreich, funktioniert. Was er von seinem Sohn ebenfalls erwartet, und womit er ihn in den Selbstmord treibt. In Szenen mit den Erwachsenenfiguren lebt das Stück nicht, sondern funktioniert nur.


Ein - unbeabsichtigtes - inszenatorisches Gegenmodell zur Hannoveraner Inszenierung schuf Alejandro Quintana in Rudolstadt. Seine Inszenierung überführt das Stück in keinem Augenblick in unsere Alltags-Gegenwart, sondern lässt es in einer wilhelminischen Kunst- und Literaturwelt neu entstehen. Alles, was die Figuren tun, ist hier deutlich auch bestimmt von anderen literarischen Figuren und künstlerisch verdichteten Überlieferungen. Ein Vorhang öffnet sich wie eine Kameralinse und gibt immer wieder den Blick frei auf eine alte Zeit. Die anfangs über und über mit Texten (wohl in Wedekinds Handschrift) übersäte Bühne ist ein schwarzer Kasten, der (auch bei den Kostümen) von den Signalfarben schwarz und weiß bestimmt ist. In diesem theatralischen Zeichensystem von hoher poetischer Kraft werden keine psychologischen Figuren, sondern Genrefiguren vorgeführt. Das Figurenarsenal der spießigen wilhelminischen Pauker kommt dabei nicht dämonisch, sondern spitzweghaft und urkomisch daher. Wenn Melchior Goethes Faust zitiert, so ist das auch ein Hinweis darauf, wie hier, vermittelt über die literarische Überlieferung, mit Wendlas Schicksal die alte Moritat vom geschändeten und zugrunde gehenden Mädchen erzählt wird.

Quintanas Inszenierung ist von einer faszinierenden schauspielerischen Genauigkeit und ästhetischen Stringenz. Das ist ästhetisch wie konzeptionell großes Theater auf einer kleinen Bühne. Wie hier mit Licht und Schatten gearbeitet wird, wie Moritz, wenn er in die Korrekturanstalt soll, wie eingesperrt im Gittergestell eines Bettes scheint, an das später Wendla zur Abtreibung gebunden wird, dann ist dies (das Bett als Schlachtbank) eines von vielen klaren Zeichen. In einer Inszenierung, die Jugendliche zeigt, die mit großer Energie anzurennen suchen gegen gesellschaftliche Zwänge. Hier geht es nicht so sehr um Sexualität, sondern um den gesellschaftlichen Zwang auf junge Menschen. Wie die Zurichtung von Menschen in Literatur und Kunst beschrieben wird, zeigt uns die Inszenierung mit vielen klaren Bildern eines souveränen Schauspielertheaters. Gerade, indem sie uns in ein überliefertes und deutliches Zeichensystem entrückt, indem sie den Stoff in seiner Zeitlosigkeit härtet, rührt er auf ganz andere, vielleicht sogar tiefere Weise an unsere Emotionen als die aktualisierte Version in Hannover.

Erstaunlich aber bleibt, wie lebendig und emotional wirksam Wedekinds altes Stück in zwei so völlig gegensätzlichen Inszenierungen aufzublühen vermag.


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00:00 13.04.2007

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