Alte Kittel, neue Zeiten

Nomaden im Kapitalismus Wie organisiert man Solidarität in prekären Arbeitswelten? Petra Gerstenkorn versucht es bei Verdi im Fachbereich "Besondere Dienstleistungen"

Die Zeichen waren gut gesetzt. In grellem Weiß. In knalligem Rot. Mitten in der Hauptstadt. "Würde hat ihren Wert." "Arbeit hat ihren Preis." Die Botschaft der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi für das kommende Wahljahr leuchtet seit längerem auf der gläsernen Fassade der Bundeszentrale, gut sichtbar auch für jene, die mit der Gewerkschaft nur dann in Berührung kommen, wenn sie in einem der Züge mit Halt Berliner Ostbahnhof am Verdi-Haus vorbeifahren. Seltsam platziert, so wirken die Zeichen gegen Ende dieses Jahres 2008.

Denn es ist Krise. Viele Tausende Beschäftigte werden ihre Arbeitskittel, wie sie im Foyer der Verdi-Verwaltung symbolisch ausgestellt sind, bedruckt mit der Mindestlohnforderung, nicht mehr brauchen. Mindestens Lohn, so lautet nun die Frage vor allem im Zeit- und Leiharbeitsmarkt, der am unmittelbarsten von Kündigungen betroffen ist. Obwohl Gewerkschaften wie Verdi lange vor der Krise auf prekäre Arbeitsverhältnisse reagiert haben und in neuen Sammel-Fachbereichen Antworten suchen.

Zum Beispiel auf die Frage, wie sich denn unter diesen Umständen überhaupt Solidarität unter Arbeitenden und vor allem auch Nicht-Arbeitenden organisieren lassen könnte - von Gewerkschaften, die stetig Mitglieder verlieren. Zum Beispiel im Fachbereich Nummer 13, "Besondere Dienstleistungen", zuständig für Friseurgewerbe und Kosmetiksalons, Reisebüros und die Touristikbranche, für Botanische Gärten, Zoos und Naturparks; für Wohnungswesen, für Wäschereien und Reinigungsbetriebe, für Sicherheitsdienste inklusive Geldtransport; für Markt- und Meinungsforschung, für technische, physikalische und chemische Überwachung, für Zeitarbeit und Zeitarbeitsunternehmen.

Petra Gerstenkorn, Leiterin des Fachbereichs, ist ein wenig außer Atem, als sie den Raum im obersten Stockwerk der Verdi-Bundeszentrale betritt, und entschuldigt sich für die Verspätung. Ein Missverständnis, eine Raumänderung für das Interview. Ihre Pressesprecherin hat trotzdem eine gute Nachricht, sie zeigt auf Kaffee, Tee und Kekse, die dekorativ auf dem Konferenztisch stehen. "Schau mal, was die Abteilung Gespräch organisiert hat, nett, oder?" Innen drin stimmen die Zeichen. Und von innen aus, vor allem ganz von oben, sieht die Welt draußen vor der Glasfassade ganz geordnet aus, die Spree fließt vorbei, nebenan wartet eine Fabrikruine auf Neunutzung, am gegenüberliegenden Ufer beherbergen alte Industriegebäude neue Firmen.

790.000 Beschäftige zählt der Sektor Zeitarbeit der letzten Erhebung nach, mit 100.000 weniger im ersten Quartal des Jahres 2009 rechnet Gerstenkorn. Erreicht sie diese Arbeitnehmer überhaupt mit traditioneller Tarifpolitik? "Mit den beiden Arbeitgeberverbänden in der Zeitarbeit, IGZ und BZA haben wir einen Tarifvertrag abgeschlossen, er liegt im Koalitionsausschuss, aber die CDU lehnt es ab, ihn in das Arbeitnehmer-entsendegesetz aufzunehmen, da bereits Tarifverträge vorlägen." Die aber garantierten keinen Mindestlohn, der auch im Falle einer Entlassung eine Rolle spiele. "Stellen Sie sich den Betrag vor, der bei 60 bis 67 Prozent des letzten Bruttoeinkommens ohne Mindestlohn übrig bleibt." Verdi kämpft für 7,50 Euro pro Stunde. Im Friseurgewerbe, also in Gerstenkorns Bereich, sind unter vier Euro keine Ausnahme. "In manchen ostdeutschen Ländern ist das so, aber in NRW liegt der Lohn bei 7,50", sagt Gerstenkorn und benennt die Arbeitgeberseite als Problem. "Die Friseur-Innungen der Länder haben ihrem Bundesverband kein Mandat übertragen, den Tarif zu verhandeln." In der Zeitarbeit gibt es noch nicht mal Länder-Innungen. Trotzdem streitet Verdi für einen Mindestlohn. In der Zeitarbeit, einer jungen Branche, sind Gewerkschaften nicht etabliert. Gerstenkorn kämpft trotzdem dafür.

Betriebsräte, klassisch von der Stammbelegschaft eines Unternehmens gewählt, müssten sich auch für die Kollegen aus der Zeit-und Leiharbeit zuständig fühlen, und sie nicht als schlechter bezahlte Bedrohung des eigenen, unbefristeten Arbeitsplatzes empfinden. "Dieser Effekt wurde von den Arbeitgebern gewollt," sagt Gerstenkorn, "sie haben das ständige Lied von Flexibilisierung, Liberalisierung und Mobilität der Arbeitnehmer gesungen."

Solidarität in der Kultur des neuen Kapitalismus, wie der Soziologe Richard Sennett ihn beschrieben hat - sie ist keine Frage des Wollens, sondern des Könnens. Vor allem für all jene, die nicht mehr in der industriellen Arbeitswelt sozialisiert sind, sondern davon ausgehen, Projekt bezogen und Arbeitgeber ungebunden ihren Lebensunterhalt verdienen zu müssen. Allein, und nicht unter, mit oder gegen Kollegen. Vor allem für die Jüngeren der Generation nach Gerstenkorn, die selbst eine traditionelle Arbeitsbiografie vorzuweisen hat: mittlere Reife, Wirtschaftsgymnasium, sechs Jahre Tätigkeit als kaufmännische Angestellte, Studium der Rechtswissenschaften an der Uni Hamburg, erstes Staatsexamen, schließlich Gewerkschaftssekretärin bei der ÖTV-Bezirksverwaltung Hamburg, einer der Vorläuferorganisationen von Verdi, im Anschluss klassische Funktionärskarriere.

"Die Frage, wie wir leben wollen und welches Gesellschaftsbild wir haben, findet auch bei Jüngeren in diesen Zeiten wieder Gehör", glaubt die 54-Jährige. "Ich kenne Leute, die als Freelancer jahrelang von Projekt zu Projekt durch die Republik gezogen sind, nun sind sie 35 und wollen eine Familie gründen, stellen aber fest, dass das eine andere Lebensplanung erfordert." Zulauf erlebt Gerstenkorn, die auch für den Fachbereich Bildung und Wissenschaft zuständig ist, seit einiger Zeit zum Beispiel zunehmend unter Studierenden und Mitarbeitern des Wissenschaftlichen Mittelbaus, traditionell gewerkschaftsferne Milieus. Vor allem die Studiengebühren, aber auch die befristeten Verträge für wissenschaftliche Mitarbeiter hätten zu einer Zusammenarbeit geführt. "Ich halte es für eine Funktion von Gewerkschaften, die Konsequenzen einer nomadisierten Arbeitswelt zum Thema zu machen."

Der gesellschaftspolitische Diskurs, ein größerer Einfluss auf die Themenagenda der Öffentlichkeit - diese Schritte bleiben vorerst die Antworten von Verdi. Sicherheit und Schutz von Arbeitsplätzen beziehen sich in Gerstenkorns Fachbereich oftmals auf die Arbeitsbedingungen, nicht auf die Existenz der Stellen an sich. Im Bewachungsgewerbe ebenso wie im Call Center oder in der Pros-titution. "Im letzten Jahr haben wir eine europäische Konferenz organisiert mit Pros-tituierten, die gewerkschaftlich aktiv sind, schließlich findet Sextourismus nicht nur weit weg in der Welt statt, sondern auch in Osteuropa", erzählt Gerstenkorn. Die Probleme in der Wach- und Sicherheitsbranche verdienten ebenso eine Öffentlichkeit wie der Gesundheitsschutz in Call Centern.

Sofern diese überhaupt Betriebsräte haben und sich in gewerkschaftlichen Strukturen organisieren wollen. Dass neue Formen des Arbeitskampfes erwünscht wären, hat das Beispiel des Online-Auktionshauses Ebay 2004 gezeigt. Verdi hatte mit einer minutiös geplanten Kampagne (die später öffentlich wurde) versucht, in dem noch jungen Unternehmen Fuß zu fassen. Manipulierte Internetumfragen unter Ebay-Mitarbeitern oder geplante Spam-Angriffe auf den Ebay Server bewirkten eine Solidarisierung der anderen Art: gegen Verdi. Das Unternehmen wiederum nutzte die Gelegenheit und setze härtere Arbeitsbedingungen durch.

Wäre es nicht an der Zeit für eine harte Abkehr von der klassischen Tarifpolitik, von der alten Lohn- und Beschäftigungspolitik und von verkrusteten Funktionärsstrukturen? Ist Michael Sommer, Vorsitzender des Dachverbandes DGB ein Visionär, wenn er nun die "realsozialistischen Ideen" zwar für "tot" erklärt, die Gewerkschaften aber zu Institutionen, die "immer für den kleinen Fortschritt und für das kleine Glück" standen und stehen? Oder ist es an der Zeit, für beschäftigungsunabhängigere Antworten auf prekäre Arbeitswelten zu kämpfen, wie etwa das Grundeinkommen? Auf diese Frage antwortet Gerstenkorn mit einem milden Lächeln. "Das Modell wird seit den achtziger Jahren debattiert", erinnert sie sich, "in Form von Arbeitszeitverkürzungen, Bürgergeld oder ähnlichem, was schon damals von Gewerkschaften hochstrittig diskutiert wurde."

Kein Wunder, schließlich geht es bei Einkommensmodellen, die beschäftigungsunabhängige Phasen alimentieren, auch an einen gewerkschaftlichen Kernbereich: Verdrängt dann ehrenamtliche oder karitative Arbeit die bezahlte? Eine gute Seite kann sie dem Grundeinkommen jedoch abgewinnen. "Die zunehmende Stigmatisierung von Hartz IV Empfängern ließe sich reduzieren." Allerdings fordert Gerstenkorn eine klare Definition, welche Auszeiten im Beruf staatlich alimentiert werden sollen, von der Kindererziehung über die Weiterbildung oder Pflege von Eltern und Angehörigen. "In jedem Fall gäbe dieses Modell Beschäftigten und Erwerbslosen gleichermaßen mehr Sicherheit." Eine Sicherheit allerdings, die gesamtgesellschaftliche Solidarität voraussetzt.

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00:00 26.12.2008

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