Alte, starke Medizin

Ideen Als Stoiker gilt, wer gegen die Zumutungen der Realität abgehärtet ist. Auch heute noch lässt die Lehre sich gut nutzen
Alte, starke Medizin
„Du musst für den Anderen leben, wenn du für dich selbst leben willst.“ (Seneca)

Fotos: Getty Images (2), Plainpicture, IStock

In Zeiten, in den es politisch hoch hergeht, in denen auf den gesunden Menschenverstand kein Verlass mehr zu sein scheint und man auf sich selbst zurückgeworfen ist, wird die Philosophie als Lebensratgeber herangezogen. Besonders die über 2.300 Jahre alte Lehre der Stoa scheint derzeit den Verunsicherten der Gegenwart beruhigenden Halt zu bieten.

Vielerorts wird die Denkschule gefeiert, die sich vermeintlich in Gleichgültigkeit gegenüber jenen Dingen übt, die ohnehin nicht zu ändern sind. „Apatheia“ lautet der als ideal angesehene Gemütszustand. „Leidenschaftslosigkeit“, die gegen die Zumutungen des Lebens helfen soll. Und tatsächlich fügt sich ein so verstandenes Denken gut in eine Existenz ein, der es als solcher an wenig bis nichts fehlt und die sich der globalen Ungerechtigkeiten trotzdem bewusst zu sein glaubt. Fasst man die Stoa derart auf, besteht ein gutes Leben in der Abhärtung gegen die Zumutungen der Realität. Sie scheint wie die sinnvollste Abwehrreaktion auf Konsum, die grenzenlose Suche nach der nächsten Ekstase, und die Ungerechtigkeit unserer Zeit.

Mit Begriffen wie Ganzheitlichkeit und Achtsamkeit werden Gegenentwürfe beschrieben, die wenigstens für einen selbst in die Richtung eines guten Leben weisen sollen. Die Ego-Techniken zur Erhöhung von Widerstandsfähigkeit, Bewältigung und Selbsterhaltung, die nun Resilienz genannt werden, sind Privatstrategien, um die Gefahren persönlicher Verwundungen auf ein Minimum zu reduzieren.

Glück ist Übungssache

An der grundsätzlichen Verletzlichkeit ändert sich dadurch jedoch herzlich wenig. Was denn auch heute nicht zuletzt von IT-Gurus aus dem Silicon Valley als stoische Lehre verkauft wird, ist ein astreiner Etikettenschwindel. Denn Denker der jüngeren Stoa wie Seneca, Plutarch und Epiktet begriffen ein gelingendes Leben als ethische Herausforderung.

In diesem Sinne machte es sich Seneca selbst zur Pflicht, „sich Rechenschaft (zu)geben über sein sittliches Verhalten“ und sich jeden Tag aufs Neue zu „inspizieren“. Es geht ihm dabei nicht um Bändigung, Abkehr oder gar Abtötung seiner Existenz, sondern um Wahrhaftigkeit, um Aneignung und Besitz seiner selbst. Das wahre Glück beruht demnach auf praktischer Übung (lateinisch „meditatio“).

Der Stoiker arbeitet sich an den Widerständen der Welt ab, um an ihnen zu wachsen. Die stoische Ruhe fordert gerade das Arrangement und den Umgang mit den Verhältnissen und die tägliche Arbeit am Ich.

Dass es den Stoikern eben nicht nur um rein privates „gut leben“ ging, sondern vielmehr um ein gesellschaftlich gerechtes „gutes Leben“, zeigt auch eine ihrer bedeutendsten Leistungen: die Idee der Menschlichkeit und des Kosmopolitismus.

Der 435 v. Chr. geborene Denker Aristipp prägte den Begriff „anthropismós“ und setzte damit die Gattung Mensch mit ihrer Fähigkeit zur Moralität gleich.

Ähnlich verhält es sich mit dem Kosmopolitismus, den die Stoiker im Sinne einer wahrhaften weltbürgerlichen Absicht ins Zentrum ihrer Ethik rückten. Geboren wurde er vermutlich aus der Erfahrung eines Verlusts. Die Zerstörung der selbst organisierten Gemeinschaft der Polis hatte die stolzen Bürger Athens politisch obdachlos gemacht. Auf der Gegenseite hatten sie dadurch gelernt, die Welt größer zu denken als die eignen Stadtmauern. Doch noch etwas anderes befördert den Kosmopolitismus: Die bedeutenden Philosophen der Zeit stammten nur selten aus Athen. Der Mann, der seinen Anhängern in der Stoa Poikile das Weltbürgertum nahebringt, ist ein Einwanderer aus Zypern: Zenon von Kition.

Wer die Stoa lediglich als antikes Vorbild für ein resilientes Leben begreift, wird ihr also bestenfalls oberflächlich gerecht. Die Lehre wirkt dann wie ein Pflaster mit dem jeder seine ganz persönlichen Wunden verarzten kann. Fasst man diese Denkschule jedoch weiter auf, entfaltet sie ihre volle Wirkung als ein Antibiotikum gegen die vielen Entzündungsgefahren des Lebens.

Die richtige Dosis ist wichtig

Zenons Zeitgenosse Epikur, der in vielen Punkten ein Gegenspieler der Stoa war, stimmt in dem entscheidenden Punkt mit deren wichtigsten Vertretern überein, dass das gute Leben ein solches sein muss, das sich im lebensweltlichen Vollzug zeigt und tatsächlich realisiert wird. Nur derjenige, der andere Menschen auch im tatsächlichen Umgang als gleichwertig begreift, wer die kleinen, aber dauerhaften Freuden über die kurzen Störfeuer stellt, führt eine lebenswerte Existenz.

So ist es der heutigen Rückbesinnung auf die Philosophie der Stoiker eigen, dass wir sie einerseits vermeintlich als Rechtfertigung für eskapistischen Rückzug, Selbstoptimierungs-Apps und Biosalat aus Plastikschalen heranziehen können („ich muss auf mich achten, über den Rest kann ich ohnehin nicht verfügen“), sie uns aber andererseits, und wenn man sie in ihrer vollen Tiefe ernst nimmt, als Leitfaden für das guten Lebens im umfassenderen Sinne dienen kann.

Angelehnt an den Wortstamm der Ästhetik „Aisthesis“, was so viel wie „Wahrnehmung“ bedeutet, formuliert Epiktet damit die Essenz einer Lehre, die auch heute noch heilende Wirkung entfalten kann, wenn sie richtig dosiert und in angemessener Weise zu sich genommen wird: Nicht auf die Abkehr einer immer komplexer werdenden Welt kommt es an. Vielmehr gelte es einen Weg zu finden, „über den man, alle Abhängigkeiten und alle Knechtungen vermeidend, am Ende sich selbst erreicht“. Ob dieser Weg wiederum über Meditation oder „meditatio“ beschritten wird, macht keinen Unterschied.

Dominik Erhard ist Redakteur beim Philosphie Magazin

06:00 09.01.2019
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