Alter Affe Mensch

Familiär Alexandra Tischel weiß alles über Primaten in der Literaturgeschichte. Wichtige Fragen bleiben bei ihr aber ungestellt
Alter Affe Mensch
Maske tragen, an der Leine einer unsichtbaren Hand gehen: Das ist Zivilisation

Foto: Kevin Frayer/Getty Images

Gern wird Friedrich Torbergs Tante Jolesch zitiert, in dem die Wiener Wahrheit verkündet wird, dass alles, was am Mann schöner sei als am Affen, als Luxus zu betrachten wäre. Dass das weder für den Mann noch für den Affen schmeichelhaft ist, kann man unfreundlich finden. Vorausgesetzt werden darf aber, dass eine so große Ähnlichkeit zwischen beiden besteht, dass der Ausspruch sinnfällig wird. Affen (genauer: Menschenaffen) tauchen in der Literatur aber nicht nur als Gegenstand mehr oder minder flotter Sprüche auf, sondern sind als Mitglieder der Gattung Homo Figuren eigenen Rechts, denen mittlerweile eine eigene Literaturgeschichte gewidmet ist. Den jüngsten Beitrag dazu hat Alexandra Tischel vorgelegt und im Untertitel ihres Buches direkt ihr Ziel formuliert: Tischel möchte darüber informieren, Was die Literatur über uns und unsere nächsten Verwandten erzählt. Eine ganze Menge, lässt sich nach Lektüre der zehn Kapitel sagen, die jeweils einen Aspekt des Affe-Mensch-Verhältnisses herausgreifen und damit die Analyse eines literarischen Textes motivieren.

So kommt Tischel von Betrachtungen zu kulturellen Praktiken wie dem Kochen zu einer Interpretation von Yann Martels Schiffbruch mit Tiger, Ausblicke auf die Erforschung der Sexualität von Primaten leiten zu einer Lektüre von Peter Hoegs Die Frau und der Affe über und bereiten zugleich auf Flauberts Jugendwerk Quidquid volueris vor. Weitere Kapitel widmen sich der Geschichte der Evolutionstheorie und deren Behandlung bei Wilhelm Raabe, der Verschränkung von Ethnografie und Primatologie in William Boyds Roman Brazzaville Beach, der Untersuchung von Primatengruppen als Modellen für menschliche Gemeinschaften, die Will Self inspiriert hat, und dem Lernen und der Frage nach dem Nachahmen, die in Edgar Allen Poes Detektivgeschichte Die Morde in der Rue Morgue zentral wird. Den Zusammenhang zwischen Nachahmen und Nachäffen untersucht Tischel anhand einer Erzählung E. T. A Hoffmanns über den gebildeten Affen Milo, bevor in den letzten drei Kapiteln existenzielle Fragen zum Sein des Menschen gestellt werden, die ihre ganze Brisanz erst in der Auseinandersetzung mit der unheimlichen Ähnlichkeit der Menschenaffen entfalten. Hier geht es dann um den heute fast vergessenen Johann Gottfried Schnabel, Franz Kafka und J. M. Coetzee. Damit sind aber nur die zentralen Figuren benannt, mit denen Tischel arbeitet, der kaum ein literarischer Affe unbekannt geblieben sein dürfte.

Sein Begehren ist auch unseres

Der enzyklopädische Ansatz, der sich darin zeigt, jedes Thema, das im Zusammenhang des Affe-Mensch-Verhältnisses je von Interesse war, auch noch anzusprechen, ist zugleich Stärke und Schwäche. Die Stärke besteht in der Gewissenhaftigkeit, mit der Tischel ihre Funde in ihre Analysen eingearbeitet hat; auch wenn man sagen muss, dass es sich bei diesen Funden weniger um eigene Entdeckungen handelt als um all das, was bereits gut aufbereitet in der Sekundärliteratur vorliegt. Dementsprechend bleibt auch etwas unklar, warum sie ausgerechnet jetzt einen umfangreichen Überblick anbietet.

Die Schwäche ergibt sich aus dieser offenen Frage (warum dieses Buch, jetzt?), die darauf hinweist, dass Tischel selbst eine eigene Frage fehlt. Auf welche Weise Affen selbst ihr Leben und Sterben verarbeiten oder sogar in Zeichensprache thematisieren, so wie es der Gorilla Koko getan hat („Lehrer: Wann sterben Gorillas? Koko: Beschwerden, alt. Lehrer: Wohin gehen Gorillas, wenn sie sterben? Koko: Bequemes Loch, auf Wiedersehen.“), ist beispielsweise eine interessante Frage, ebenso wie jene, ob und falls ja, wie das Menschen in ihrem Selbstverhältnis weiterhilft. Sie ist nur eben schon von anderen diskutiert worden. Tischel gelingt es wunderbar, auf sehr zugängliche, enorm unprätentiöse Art eine Motivgeschichte des Affen in der Literatur zu erzählen. Die bleibt dabei aber eine Illustration des immer wieder gleichen Befundes: Eine existenzielle Verunsicherung darüber, welche Stellung er im Ensemble aller Lebewesen und insbesondere der Tiere einnimmt, erfährt der Mensch, wenn er im Affen einem Wesen begegnet, das ihm nicht nur körperlich, sondern auch in seiner Aggressivität, seinem Begehren, seinen Geschicklichkeiten gleicht. Dass der Mensch eben selbst nur ein Tier unter anderen ist, ist ebenso schockierend wie folgenlos.

Kafka am Start

Besonders eindrücklich wird das in J. M. Coetzees Elizabeth Costello, wo die Hauptfigur einen Vortrag über Kafkas Bericht für eine Akademie hält, die das Affe-Mensch-Verhältnis zum Anlass für eine Interpretation der menschlichen Zivilisation als Geschichte der Gewalt nimmt. Das komplexe intertextuelle Verfahren, das Coetzee dabei anwendet, wird von Tischel treffend charakterisiert und als „postmoderner Schlussstein“ ihrer Motivgeschichte benannt. Damit spricht sie den Doppelcharakter des Textes an, der sowohl als literarischer Beitrag als auch als philosophische Meditation sein Recht besitzt.

Der Text kann auch als ein Beitrag zu einer literarischen Anthropologie beschrieben werden, die sich den letzten Fragen zum Sosein des Menschen stellt. Sie ist untrennbar mit anderen Formen der Anthropologie verbunden, seit dem 18. Jahrhundert insbesondere mit der physischen Anthropologie, die auch als „Rassenkunde“ firmierte und einen erheblichen Beitrag zur wissenschaftlichen Legitimierung von Rassismen aller Art beitrug. Es war auch sie, die sich seit dem Auftauchen von Menschenaffen in Europa am intensivsten damit beschäftigte, jene in die biologische Systematik einzubauen und in die Gattung Homo ein- oder sie von dieser auszuschließen. Damit war in der Regel das Interesse verbunden, eine besondere Nähe zwischen Menschenaffen und schwarzen Menschen herzustellen, die zur Legitimation für Grausamkeiten aller Art herhalten musste. Das spielt bei Tischel jedoch kaum eine Rolle, die über die Geschichte der Erforschung der Menschenaffen seit deren erster anatomischer Beschreibung in Europa (1699 durch Edward Tyson) an sich gut Bescheid weißt. Es gelingt aber nur selten, den historischen Kontext einleuchtend mit den literarischen Texten zu verbinden. Die ganz großen Fragen zum Sein des Menschen als Anderes des Affen und dem Affen als Doppelgänger des Menschen werden somit kenntnisreich präsentiert, lassen aber die ganz großen Fragen zu ihrem eigenen Zustandekommen weitestgehend offen.

Info

Affen wie wir: Was die Literatur über uns und unsere nächsten Verwandten erzählt Alexandra Tischel Metzler 2018. 218 S., 19.99 €

Hanna Engelmeier ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am KWI Essen. 2016 erschien von ihr Der Mensch, der Affe. Anthropologie und Darwin-Rezeption in Deutschland, 1850 – 1900

06:00 22.07.2018

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