Gerhard Staguhn
Ausgabe 4716 | 07.12.2016 | 06:00

Alter Mann im Alten Museum

Dienstbericht Im Bewachungsgewerbe vergeht die Zeit ums Verrecken nicht. Da hilft nur die Menschenbeobachtung

Seit einigen Tagen bin ich Museumswärter im Alten Museum zu Berlin. Dieses beherbergt eine der weltweit bedeutendsten Sammlungen antiker griechischer, etruskischer und römischer Kunst. Ich pflege Umgang mit Göttern und Heroen, mit Caesar und Kleopatra, mit Kaiser Augustus und Mark Aurel, und wie sie alle heißen. Sie haben Jahrtausende einer stürmischen Menschheitsgeschichte überdauert, um sich jetzt vertrauensvoll unter meinen persönlichen Schutz zu stellen – und den meiner Kolleginnen und Kollegen. Dabei wurde mir peinlich bewusst, dass ich dieses grandiose, von Schinkel erbaute Museum während der 30 Jahre, die ich nun schon in Berlin lebe, kein einziges Mal besucht habe. Nun zwingt mich meine prekäre finanzielle Lage dazu, es fast täglich zu betreten. Die für diesen Dienst nötige „Sachkundeprüfung gemäß § 34 a der Gewerbeordnung“ habe ich im Alter von über 60 Jahren an der IHK erfolgreich abgelegt. Das fiel mir nicht leicht. Die Fähigkeit, sich auch Dinge zu merken, die einen nur am Rande interessieren, lässt im Alter merklich nach.

Aber auch der Dienst als Museumswärter fällt mir, bei aller mich umgebenden Schönheit, nicht leicht. Die Tätigkeit besteht aus nichts als Untätigkeit. Der Sinn des Wächterseins besteht im Grunde nur darin, das Publikum durch die bloße Anwesenheit einer mit Dienstkleidung, Funkgerät und Trillerpfeife ausgestatteten Person zu disziplinieren. Sitzen ist nur erlaubt, solange sich kein Besucher im zu beaufsichtigenden Saal befindet. Betritt einer den Raum, hat man sich sofort zu erheben wie ein Lakai bei Erscheinen seines Herrn. Abends schmerzen die Füße, mehr noch die Knie, und am meisten schmerzt das Kreuz. Die Kollegen sagen, das lege sich mit der Zeit. Damit meinen sie nichts anderes, als dass die Knochen weiterhin wehtun, man sich daran jedoch gewöhnt hat. Sie wissen, wovon sie reden. Einige machen diesen Job seit über 20 Jahren. Nun, um ehrlich zu sein, man sieht es ihnen auch an. Die Trübsal, der sie sich ausgesetzt fühlen, ist die Trübsal der grausamen Zeit, die ums Verrecken nicht vergehen will, schlimmer noch: in die man gnadenlos eingewickelt wird wie ein lebendiges Insekt ins klebrige Gespinst der Spinne, bis man daran zu ersticken meint. Die großen Fenster des Museums bieten auch keine Rettung; sie sind verhängt.

Lächeln aus dem Jenseits

Da bleibt einem nur die Menschenbeobachtung. Der kleine sterbliche Mensch im Wechselspiel mit der großen unsterblichen Kunst ergibt immer wieder feinsinnige Szenerien. Etwa gestern in jenem Saal des Alten Museums, der beherrscht wird von einer Göttin aus dem griechischen Tarent des frühen fünften Jahrhunderts vor Christus. Sie vereint in sich sowohl die Aspekte einer Liebes- als auch einer Todesgöttin in der Art der Aphrodite/Persephone. Ihre rechte Gesichtshälfte ist durch einen Schlag entstellt, was ihr nichts von ihrer göttlichen Ausstrahlung nimmt. Sie bezaubert durch ein über die Jahrtausende erhalten gebliebenes Lächeln, das man nur als magisch oder jenseitig bezeichnen kann. Den Vergleich mit dem Lächeln der Mona Lisa besteht es allemal. Es spielt nicht nur um den sinnlich geformten Mund, sondern liegt als zartes Signum des Rätselhaften in ihren ebenfalls unversehrt gebliebenen Augen.

Ein glücklicher Umstand hat nun die einzige Sitzbank in diesem Saal direkt vor die „Berliner Göttin“, wie sie genannt wird, postiert, sodass man sich in der Kunst des Thronens mit ihr messen kann – und dabei (was sonst!) kläglich unterliegt. Immerhin spürt man, wie die aufrechte, stolze Haltung der Figur zögerlich auf einen überfließt. Wenn man sich ein Weilchen auf sie einlässt, kommt es einem so vor, als wäre man vom Hauch einer göttlichen Gelassenheit umweht, wie sie dem behauenen Stein von Natur aus leicht fällt und uns Irdischen so unsäglich schwer.

Irgendwann betrat eine alte Frau den Raum, abgehärmt und wie vom Tod gezeichnet. Sie sah die Göttin und setzte sich sofort, alle übrigen Ausstellungsstücke ignorierend, auf den Platz, den ich eben noch eingenommen hatte. Fortwährend wurde sie von heftigen Hustenanfällen geschüttelt. Ihre ganze zerbrechliche Erscheinung erinnerte mich fatal an meine krebskranke Mutter. Dieses Gegenüber der in voller Schönheit und Sinnlichkeit erblühten Göttin und der womöglich todkranken alten Frau erschien mir, bei allem Gegensatz, wie eine Spiegelung. Das graue Haar der Alten, ihre knochigen Hände und die ganze Magerkeit, die durch die Kleidung zu ahnen war, kontrastierten fast schon schmerzhaft mit dem fülligen, von Eros nur so strotzenden Körper der Göttin, ihren hoch sitzenden, spitz nach vorn abstehenden Brüsten und den üppigen Schenkeln unter dem Marmorgewand. Trotz des Gegensatzes der beiden Figuren erkannte man auf eine das Herz zermalmende Weise die eine in der anderen wieder.

Nach einer Weile zog die alte Frau ein kleines Zeichenbuch aus ihrer Tasche und begann zu zeichnen. Sie zeichnete sehr genau, wie ich im Vorbeigehen sehen konnte. Sie nahm sich etwa eine halbe Stunde Zeit, um die Statue aufs Papier zu bannen. Während dieser Zeit trat einige Male ein alter Mann, der gewiss ihr Gatte war, an ihre Seite, sie ein jedes Mal zärtlich an der Schulter berührend, ohne dass die Frau mit dem Zeichnen innehielt. Mir kam es so vor, als schaute er nach, ob seine Gefährtin noch am Leben sei. Als sie ihr Werk beendet und sich erhoben hatte, trat sie ganz nahe an die Statue heran und las erst jetzt vom Informationstäfelchen ab, wen sie da gezeichnet hatte: die Göttin der Liebe und des Todes. Danach ging sie, ohne auch nur eines der übrigen Ausstellungsstücke beachtet zu haben, davon.

Die Staatstoten

Der dienstälteste literarische Museumswärter dürfte der „Burgenländer Dummkopf“ Irrsigler sein, der in Thomas Bernhards Roman Alte Meister seit 35 Jahren als „Staatstoter“ durch die Gänge des Kunsthistorischen Museums schleicht. Sein Wunscharbeitgeber, die Wiener Polizei, hat ihn dereinst wegen „physischer Schwäche“ abgewiesen. Wie ruinös das Wächterdasein auf die Psyche wirken kann, hat der Strafverteidiger Ferdinand von Schirach in dem Band Verbrechen beschrieben. Sein Wärter Feldmayer schiebt aufgrund eines Verwaltungsfehlers 23 Jahre im gleichen Raum Dienst und verletzt, vom Leid der dort ausgestellten Knabenfigur in den Wahnsinn getrieben, Hunderte von Menschen. Und auch Ben Stillers Larry Daley, der in Nachts im Museum drei Filme lang die irrsten Abenteuer erlebt, landet nur aus blanker Not dort: Seine Ex droht, dass er ohne geregelten Job den Sohn nicht mehr sehen darf. Christine Käppeler

Es ist schon ein scharfer, alles andere als erhebender Kontrast: auf der einen Seite diese meisterhaft gestalteten, ungemein wertvollen und bezaubernden Kunstwerke und auf der anderen Seite wir erbarmungswürdigen Museumswärter, die es nicht aus Liebe zur Kunst, sondern einzig aus dem Zwang zum schnöden Geldverdienen hierher verschlagen hat, als letzter Rettungsanker vor Hartz IV. Die Hüter der antiken Schätze sind kaum in der Lage, sich selber zu behüten vor dem sozialen Untergang. Unser Dienst, so verantwortungsvoll er auch sein mag, wird auf fast schon verantwortungslose Weise geringgeschätzt. Die meisten von uns sind ältere oder alte Männer und Frauen, die wie große lebendige Fragezeichen in den Kulturtempeln der Berliner Museumsinsel oder in anderen Museen der Stadt herumstehen, mit ihren vom ewigen Stehen krumm gewordenen Rücken und den chronisch gesenkten Köpfen, als hätte ihnen das Leben zu hart in den Nacken geschlagen. Museumswärter haben etwas Mitleiderregendes. Ihr Anblick ist manchmal zum Weinen. Museumswärter sind Brüder und Schwestern von Wladimir und Estragon, den beiden Figuren aus Becketts Warten auf Godot. Einer der Kollegen hat im Laufe seiner vermutlich zahlreichen Jahre in diesem Gewerbe sogar die erstaunliche Fähigkeit erlangt, wie ein Pferd im Stehen zu schlafen. Ja, es sieht fast so aus, als wäre er dazu auch im Gehen befähigt.

Schlaff am Gummiband

Vorhin schleppte sich eine Gruppe von Rentnern durch den Saal – der äußeren Erscheinung nach waren es wohl eher Pensionäre –, in der großen Mehrzahl Frauen, die ihre Männer wahrscheinlich schon vor geraumer Zeit zu Grabe getragen haben und jetzt einen kultivierten, weitgehend sorglosen Lebensabend genießen dürfen. Alle hatten sich mit Klappstühlen wie mit Überlebensutensilien ausgerüstet, um den langen Parcours durch die Säle körperlich durchzustehen. Sie lauschten den Ausführungen eines Museumsführers, der sehr laut sprach, wohl wissend, dass die meisten seiner Zuhörer nicht mehr so gut hören. Endlich gruppierten sie sich auch um meine allerliebste Göttin, die der Vortragende als außergewöhnliches, höchst seltenes Werk der Antike pries, was einige der Zuhörenden, ihren skeptischen Blicken nach zu urteilen, nicht so recht nachvollziehen konnten. Einer aus der Gruppe, womöglich schon etwas an Demenz leidend, meinte, ohne den geringsten Anflug von Ironie in der Stimme, die Göttin habe große Ähnlichkeit mit – Angela Merkel. Dafür erntete er in der Runde betretenes Schweigen. Mir schien, als wäre dem Museumsführer von diesem Moment an – und für alle Zeiten – jegliche Lust vergangen, dem kleinen Bürger große Kunst zu vermitteln.

Als ich später wieder ganz allein mit „meiner“ Göttin war, kam es mir so vor, als hielte sie ihre Augen geschlossen. Diesen Eindruck suggerierte zumindest eine scharf gezogene Linie unter den Augen. Um der Sache auf den Grund zu gehen, kam ich dem göttlichen Gesicht so nahe, dass ich seinen zarten Atemhauch zu spüren meinte. Es war wohl mein eigener. Aber wer weiß. Ich gestehe, dass ich in diesem Moment nahe daran war, sie zu küssen. Die Vorstellung, dass die Göttin mit geschlossenen Augen auf ihrem Thron sitzt, verlieh ihr, zu allem Überfluss ihrer Reize, auch noch das Rätselhafte einer Sphinx.

Einige meiner Arbeitskollegen sind offensichtlich Alkoholiker. Kaum etwas steht dem Menschen deutlicher zu Gesicht als die Alkoholsucht. So mancher verrät sich obendrein durch Pfefferminzbonbons, die er ständig im Mund hat in der Hoffnung, der scharfe Geruch sei in der Lage, die Alkoholfahne auszulöschen. Aber er überlagert sie nur. Bei manchen Kollegen steht es auch mit der Körperpflege nicht zum Besten, vor allem, was Frisur und Bartwuchs betrifft. Das geht bei dem einen oder anderen auch noch mit unangenehmem Körpergeruch einher, der, nicht anders als die mit Pfefferminz überlagerte Schnapsfahne, auf beschämende Weise mit den Kunstwerken disharmoniert. Wenn sich dann auch noch die Dienstkleidung in einem fadenscheinigen Zustand befindet, passend zur schlaff am Gummiband hängenden Dienstkrawatte, ist man geneigt, dem Kollegen die Bewachung von Baustellen oder Lagerhallen anzuraten. Und erst das Schuhwerk! Dabei sollte doch jeder wissen, dass der Zustand der Schuhe wie kaum etwas anderes auf den Zustand des Trägers schließen lässt. Mancher ist sich nicht mal zu schade, in Sandalen seinen Dienst zu versehen.

Endlich habe ich verstanden, wieso bei einigen meiner Kollegen ein gewisser militärischer Zug ins Auge und mehr noch ins Ohr springt: eine Art von innerem wie äußerem Strammstehen mit entsprechendem Befehlston in der Stimme. Nun, sie waren dereinst Angehörige der Nationalen Volksarmee der DDR, mancher sogar als Offizier. Mit der Wende hatten sie ihren Beruf und damit auch den Großteil eines fragwürdigen Selbstwertgefühls eingebüßt. In der Bundeswehr war für sie, aus verständlichen Gründen, kein Platz. So landeten viele in ihrer existenziellen Not im sogenannten Bewachungsgewerbe. Doch das Preußisch-Militärische scheint ihnen so sehr in Fleisch und Blut übergegangen zu sein, dass sie es auch nach einem Vierteljahrhundert nicht mehr loswerden – vielleicht auch gar nicht loswerden wollen. Meine Göttin aus Tarent bekümmert solch irdischer Kleinkram nicht. Sie lächelt. Und ich lächle auch.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 47/16.