Alternativlos

Linksbündig Mehr als den Verlust der Unabhängigkeit, muss die "Frankfurter Rundschau" die um sich greifende Politik-Müdigkeit fürchten

Michael Naumann, Ex-Kultur-Staatsminister und Noch-Zeit-Chefredakteur, schrieb vergangene Woche: "... wollte die CDU irgendwann einmal die FAZ kaufen, wäre das Geschrei zu Recht groß". Wirklich? Was würde sich denn ändern? Ist es nicht eher das Problem der jetzt zu 90 Prozent von einer SPD-eigenen Gesellschaft (DDVG) gekauften Frankfurter Rundschau, wie es auch das der FAZ wäre, dass niemand eine wichtige Veränderung befürchten muss?

Die Qualität beider Blätter für überregionale Leser besteht darin, dass aus ihnen Einiges über die Innereien der ihnen nahestehenden Parteien zu erfahren ist, in der Regel mehr und besser recherchiert als im Fall der ihnen fernstehenden Parteien. Ein Mann wie Günter Bannas, Berliner Büroleiter der FAZ, einstmals ein intimer Kenner von Grünen und Friedensbewegung, heute immer erstklassig über SPD und Kanzleramt informiert, ist eine Ausnahme von dieser Regel. Das Problem solcher politisch und ideologisch klar verorteter Blätter ist jedoch, dass diese Qualitäten nur einen sehr kleinen Teil des Publikums, meistens professionell motivierte Auswerter, interessiert. Auflage wird damit jedenfalls nicht gemacht.

Was nun die FR betrifft, kann die öffentliche Aufmerksamkeit für die parteipolitische Herkunft ihrer vorläufigen Rettung ein wirksamer Schutz sein. Wie weit wird sie ihre Unabhängigkeit beweisen können? Werden alternative Wirtschaftswissenschaftler noch zu Wort kommen oder findet Clement jetzt auch dort einen Verkündungsplatz wie in fast der gesamten Wirtschaftspresse? Wird Richard Meng, der Berliner Büroleiter, seine Schröder-Kritik und seinen latenten Lafontainismus jetzt verschwinden lassen müssen? Werden Redakteurinnen, die Schily für seine inhumane Ausländer- und Flüchtlingspolitik kritisieren, auch in Zukunft Courage zeigen? Und werden auch mal FR-eigene Recherchen eine SPD-Affäre ans Licht bringen, oder wird sie nur vorsichtig anderen Medien hinterher berichten? Die FR-Leserschaft wird darauf achten.

Die Nachkriegsgeschichte der SPD-eigenen Pressepolitik hat eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Sicher gehörten dazu auch Zensurfälle und politisch motivierte Entlassungen kritischer Zeitgenossen. Das soll jedoch auch privatwirtschaftlichen Medien nicht fremd sein. Das spezifische Problem SPD-eigener Blätter war eher die wachsende Langeweile, die zwingend ökonomische Probleme nach sich zog. Und dieses Problem, das die SPD schon lange damit hat, interessante Medien zu produzieren, das hat sie mittlerweile ja auch mit sich selbst.

Darin besteht die eigentliche Gefahr für die FR. Wenn sie sich von diesem Infekt anstecken lässt, ist ihr Ende nah. Die Redaktion kämpft unter der Leitung ihres Chefs Wolfgang Storz erkennbar dagegen an. Der Ergänzungsteil "FR-plus" mit Hintergrundstorys aus täglich wechselnden Ressorts ist ein Ermutigung verdienendes Beispiel. Die bisherige Eigentümerschaft der Karl-Gerold-Stiftung war für die Redaktion sicher nicht nur Genuss. Dort besetzten sechs ältere Herren das Entscheidungsgremium. Sie waren den Anforderungen des heutigen hektischen Mediengeschäfts sicher nicht immer gewachsen. Insofern ist die DDVG keine akute Verschlechterung. Die Aufgabe von Storz und seinem Team ist nun, unter einer erregten öffentlichen Beobachtung mit weniger Kräften mehr Qualität zu produzieren, also ein Wunder zu vollbringen.

Der beste Schutz vor Kanzlereinflussnahme ist vermutlich DDVG-Chefin und SPD-Schatzmeisterin Inge Wettig-Danielmeier. Die Dame soll nicht zu Schröders Freundinnen gehören. Und im SPD-Vorstand hat sie ihn bereits im Amt überdauert.

Ein Problem, das die FR mit allen etablierten Medien teilen muss, ist der wachsende Überdruss des Publikums. Medienkommentare beziehen diesen Überdruss, vielfach bereits im Übergang zur Verachtung, immer auf "die Politiker". Doch sie sind auch selbst gemeint. Von außerhalb Berlin-Mitte aus gesehen, sind Politik und Medien das Gleiche. Sie versuchen uns eine Politik und Ökonomie anzudienen, die erkennbar inhuman immer mehr Menschen aus gesellschaftlicher Teilhabe ausschließt. Wer schreibt oder sendet, das sei alternativlos, vertritt nicht ihre Interessen. Das hat Konsequenzen an der Wahlurne, an der TV-Fernbedienung, am PC und am Zeitungskiosk. Die vielen, die dort keine Alternative finden, bleiben fern.


00:00 21.05.2004

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