Althusser muss schweigen!

Nachruf Zum Tod des französischen Philosophen und Kommunisten
Frieder Otto Wolf | Ausgabe 45/2015

Althusser ist gestorben. Nach langen, qualvollen Jahren. Das macht keinen Sinn, das gibt keinen Trost her.

Jetzt werden sie sich auf ihn stürzen, die Sinnproduzenten, die professionellen öffentlichen Tröster. Althussers widersprüchliches Leben werden sie zum erbaulichen Exempel umarbeiten - dem Zeitgeist folgend, zumeist zu einem scheinbar schlagenden Argument gegen den materialistischen Anspruch auf ein nüchternes, strenges Denken, das nichts hinzufügt: „wer nicht an das ‚höhere Wesen, das wir verehren’, glaubt, erwürgt seine Frau.“

Althussers Freunde - Männer und Frauen, die sich überall auf diesem Planeten finden - wissen, dass diese öffentliche Projektionsfläche nicht ihr Althusser war. Trotz aller Zerstörung und Selbstzerstörung war er ein außerordentlich offener, an Austausch und Zusammenarbeit interessierter Mensch. Auch in den letzten 10 Jahren, in denen er sich durch seine schreckliche Tat zum öffentlichen Schweigen verurteilt hatte, hat sich daran nichts geändert. Außer dass die Spuren seines Leidens ihn mehr und mehr prägten. Doch darum geht es nicht mehr. Ein ganz gewöhnlicher Tod hat sein Leben beendet. Seine Freunde haben ihn begraben, wie es sich gehört. Die Trauer hat erst begonnen.

Althussers Mut war vergeblich, seine nüchterne Wärme ist gnadenlos vom Gang der Geschichte beiseite gefegt worden. Seit dem doppelten Scheitern des Prager Frühling und des Pariser Mai im Entscheidungsjahr 1968 ist es niemandem mehr gelungen, einen direkten Weg aus der Krise der kommunistischen Bewegung und der Krise des Marxismus zu finden. Auch die Hebamme einer neuen Praxis der Philosophie konnte dieses auf den Tod erkrankte Kind nicht durchbringen.

Wie jede kritische Praxis der Philosophie hatte die Philosophie Althussers ihren präzise bestimmten historischen Ort, und dieser Ort selbst ist untergegangen oder im Untergang begriffen: Althussers philosophische Eingriffe bezogen sich subversiv auf das „Gebäude“ eines Partei- und Staatskommunismus, der mit weltanschaulichen, totalisierenden Mitteln die Einheit zunächst einer Bewegung und dann zunehmend einer Konfiguration von Apparaten zu sichern bemüht war. In der Krise des Marxismus - wie sie den Marxismus seit seiner Umdeutung zu einer orthodoxen Parteidoktrin durch Kautsky nicht mehr verlassen hat, wie sie in den 1920er und 1930er Jahren erneut aufbrach, dann aber von der stalinistischen Machtpolitik ruhiggestellr wurde – hat Althusser den befreienden Charakter des Zerbrechens der orthodoxen Praxis einer marxistischen Philosophie unter dem Impuls der weltweiten Studenten- und Jugendbewegung in den 1960er und 1970er Jahre gesehen. Zugleich hat er verstanden, dass durch eine schlichte Selbstaufgabe, durch ein umstandsloses Aufgehen in der allgemeinen Beliebigkeit der philosophischen Diskurse der spezifische, immer noch „unabgegoltene“ Beitrag des Marxismus zum menschlichen Denken gleichsam im „Rauschen“ untergehen würde. Um einen zeitgenössischen Marxismus neu zu (er)finden, hat Althusser eine Reihe von Initiativen ergriffen und bis in ihre Konsequenzen hinein verfolgt, die radikal mit einer marxistischen Philosophie brachen, wie sie die etablierten Mächte nur allzu gut „brauchen“ konnten.

In seiner vermutlich am weitesten reichenden Initiative hat Althusser marxistische Philosophen aus der Wagenburg der affirmativen Lektüre grob zusammen gestrickter „Klassikertexte“ herausgeführt. Zeitgenössische ebenso wie klassische Philosophen waren für ihn nicht einfach dadurch erledigt, dass sie bei Marx (nicht) vorkamen. Der scharfe Wind an Gegenfragen, der auch ihm selbst ins Gesicht pfiff, war der Wind einer zeitgenössischen Neuorientierung im Denken, ohne akademische Pedanterie, aber auch ohne volkstümelnde Nachlässigkeit. In einer Zeit, als die Marxrezeption auf Jesuitenkollegs, evangelische Studienseminare und Partei-ML-Hochschulen beschränkt schien, hat er damit begonnen, mit anderen zusammen die Einsicht zu praktizieren, dass niemand es uns abnehmen kann, selbst zu denken und selbst zu wissen. Dabei machte er allen nachhaltig klar, die es nur begreifen wollten, dass das selbständige, radikale Denken letztlich weder eine Frage des erworbenen Bildungsstandes, der Intelligenz, noch etwa einer höheren Einsichtsfähigkeit ist. Mut und Ehrlichkeit sind auch im Denken dafür entscheidend, ob Einsichten erschlossen oder vielmehr abgewehrt werden. Materielle, nicht nur ökonomische Bedingungen und Mechanismen bestimmen dann, welche Möglichkeiten einmal gewonnene Einsichten haben, überhaupt gesellschaftlich Gehör zu finden und sich in der Position des gesellschaftlich Vernehmbaren, als Bestandteil des anerkannt Rationalen, zu halten. Auch wenn Althusser in seiner Hauptsache gescheitert ist - es ist ihm nicht gelungen, einem alternativen Kommunismus philosophisch zum Durchbruch zu verhelfen -, hat er vielfältigen Linien der Untersuchung, weit über den Kreis seiner SchülerInnen und MitarbeiterInnen hinaus, den Weg frei zu machen geholfen. Das Spektrum reicht hier von der weltweiten Neulektüre des Kapitals bis zum Aufschwung einer kritischen Ideologietheorie, von der Neubestimmung der Verhältnisse unterschiedlicher, eigenständiger gesellschaftlicher Widersprüche über eine eigenständige Verknüpfung von Wissenschaftsforschung und Wissenschaftskritik bis hin zu einer kritischen Untersuchung von Subjekt- und Machteffekten auf der Ebene elementarer Praktiken und Bedeutungen.

Althusser war Marxist, indem er die marxistische Tradition von ihren undurchdachten Rändern, von ihren „blinden Flecken“ her, aufzubrechen begann. Scheinbar paradoxerweise begann er diese kritische Arbeit aus der härtesten Tradition eines dogmatischen Marxismus heraus: Nur innerhalb des stalinistisch geprägten Parteimarxismus war offenbar schon in den 1950er Jahren kein intellektuell bequemerer Ausweg mehr zu finden - als den Kampf darum aufzunehmen. Philosoph und Kommunist zugleich zu sein bedeutete, den Kampf gegen den etablierten Kommunismus und seine offizielle Philosophie im Namen des Versprechens der Befreiung aufzunehmen, das für sie historisch konstitutiv gewesen war. Zu kämpfen war mit allen Mitteln, die sich in der marxistischen Tradition selbst, aber auch bei möglichen außermarxistischen Bündnispartnern finden ließen.

Althusser hatte sich zunächst weit außerhalb der offiziellen marxistischen Tradition „verankern“ müssen, um überhaupt damit beginnen zu können, die dicken Mauern aufzubrechen, hinter denen die lebendigen Elemente marxistischen Denkens verborgen und geradezu in Gefangenschaft lagen. Der „Theorizismus“ seiner früheren Schriften war daher immer auch durch die politische Aufgabe bedingt, vor der er sich als Philosoph gesehen hat. Nachdem auch innerhalb der kommunistischen Parteien - vielleicht doch nicht gänzlich unabhängig vom Wirken und Echo der philosophischen Initiativen Althussers - die seit den 30er Jahren gewaltsam unterdrückte Krise des Marxismus wieder thematisierbar wurde, veränderte sich die historische Aufgabenstellung: Althussers Kritik konnte jetzt direkter an zentralen marxistischen Theoremen ansetzen.

Inzwischen ist allerdings gleichsam die Mauer in kleine Stücke zersprungen, in der das Fenster gesessen hat, das Althusser seine GenossInnen öffnen ließ, Seine herkulischen Sprengungsversuche gehören damit einer vergangenen Epoche an.

Eine neue Praxis des Marxismus als Oppositionswissenschaft ist heute möglich geworden, die den eigenen Beitrag nicht mehr im Bereitstellen eines bergenden Daches für andere oppositonswissenschaftliche Ansätze sehen muss, sondern sich selbstbewusst und nüchtern als eine Konfiguration von Elementen, von Entdeckungen und Vermutungen in einem „unvollendeten Projekt“ begreift. Vollendung wird es nur finden, indem es sich mit anderen Elementen verbindet, die es weder aus sich heraus hervorbringen, noch unter sich subsumieren kann. Ohne die feministischen, ökologischen und machtkritisch-antiautoritären Elemente ist heute keine wirksame, aufklärerische Oppositionswissenschaft mehr zu machen.

Festzuhalten bleibt darüber hinaus, dass Althussers Radikalität in der Kritik der alten, marxistischen Staatsphilosophie Ergebnisse produziert hat, die über diesen historischen Kontext hinausweisen. Stalin lässt sich von Althusser her als ein zur Kenntlichkeit entstellter Philosophenkönig erkennen, nicht als dessen Gegenbild. Der „weise König/Vater“ ist - trotz allen Missbrauchs, der mit dieser Einsicht in der postmodernen Kritik an jedem auch nur anspruchsvollen Denken getrieben wurde - als ein nackter Träger des „haarigen Zeichens“ entblößt. Damit ist auch der uralte Skandal der Philosophie wieder ans Licht gekommen, dass sie im Ausgang von der elementaren Evidenz des Selbst-Denkens das Denken ihrer Adressaten immer wieder verbiegt in ein Denken der Selbst-Unterwerfung, dass sie das ausgezeichnete Instrument der Befreiung, das Selbst-Denken, zum strategischen Mittel der Unterwerfung umgebaut hat. Althussers Thema einer „neuen Praxis der Philosophie“ trägt weit über den Bereich der marxistischen Tradition hinaus. Sie macht ihn, auch heute noch, zum philosophischen Widerpart derjenigen Philosophen, die im 20. Jahrhundert neue Arten des Philosophierens entworfen haben, die - im Banne der etablierten Mächte - den radikalen Gedanken der Befreiung zu einem überwundenen Erbe der Aufklärung zu machen versucht haben.

Frieder Otto Wolf ist Herausgeber der deutschen Ausgabe der Schriften Louis Althussers, die im Argument Verlag erschienen sind, und für die Grünen Mitglied des Europaparlaments

Dieser Text erschien am 9. November 1990 in der ersten Ausgabe des Freitag

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06:00 09.11.1990

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