Am Anfang war das Ei

KEHRSEITE "Halt!" schrie mein Sohn in der Silvesternacht, "nicht essen!", als ich fiebrig vor Neugier das dritte Überraschungsei abpellen wollte. "Das bewahren ...

"Halt!" schrie mein Sohn in der Silvesternacht, "nicht essen!", als ich fiebrig vor Neugier das dritte Überraschungsei abpellen wollte. "Das bewahren wir für die Nachfahren auf!" Geboren war die Idee der Jahrhundertkiste. Wir einigten uns auf 20 Jahre - ein Datum, weit genug entfernt von dieser Nacht, aber nach menschlichem Ermessen, bei günstiger Rentenformel und wenig Nikotingebrauch durchaus erlebbar. Dann planten wir das Plastik-Behältnis, das wir schleunigst zu packen, zu versiegeln und zu vergraben gedachten, um es dann im Kreise unserer zukünftigen großen Familie feierlich zu öffnen. Genau am 31. Dezember des Jahres 2020, um Mitternacht.

Am Anfang war das Ei, und dann? Liebe, lustige und schöne Sachen wollten wir verbuddeln, nur Gutes, Wichtiges und Symbolhaftes: eine gute Flasche Rotwein und ein Telefon-, Adress- und Branchenbuch, Fotos von uns und vom Grundstück vor und nach der Restaurierung, Kassetten, Schallplatten, Disketten, Taschenrechner, Leipzig in Ansichtskarten, die alten und die neuen Rechtschreibregeln, einen S-Bahn-Fahrschein, das Handbuch mit den Ossi-Wessi-Witzen, die Bild- und andere Heimatzeitungen, ein Brillengestell, einen Quellekatalog, einen Schnipsel Teppichboden, Blumentapetenreste, eine Eierverpackung aus Styropor ...

Die Ideen wurden immer verwegener: ein Stück unserer pupstrockenen Stolle sollte rein, eine Flasche Wasser als künftige Kostbarkeit, die Tele-Tappis, und die Konsole mit der weiblichen Kampfmaschine Lara Croft. Seine Kinder und meine Enkel sollten wissen, was im vergangenen Jahrhundert gespielt wurde. Außerdem die D-Mark und der letzte 10-Mark-Schein mit dem Gauß-Kopf, die Telefonrechnung vom Dezember, die Neujahrskarten ...

In der Pause am Montag plauderte ich versehentlich aus der Kiste. Die Idee schlug am Runden-Tisch-Frühstück ein wie die Garagen in den Krater von Bochum. Ich hatte meine Kolleginnen und Kollegen in den letzten Jahren doch unterschätzt; ihre Kreativität kannte plötzlich keine Grenzen.

Briefmarken wurden aufgeweicht und abgelöst, Pfennige und Markstücke purzelten auf die Untertassen. Stetig flossen die Vorschläge: Die Persönlichkeiten des letzten Dezenniums müssten dem drohenden Vergessen entrissen werden - wenn schon kein Knallerbsenstrauch, so sollten wir doch unbedingt ein Stück Maschendroahdzaun und die Live-Reportagen über die Auerbacher Hausfrau Regina Zindler aufbewahren; das Toupet von Dr. Jürgen Schneider, dem Baulöwen und Leipziger Stadtführer in spe müsse sich doch besorgen lassen, und ein Schnürsenkel vom OBM ...

In 20 Jahren glaubt uns keiner mehr, dass es die DDR wirklich gegeben hat, bemerkte lakonisch ein Kollege und versprach, am nächsten Tag die Goldenen Schneeschuhe und gleich noch das Eiserne Kreuz, dritter Klasse, vom Großvater aus dem Ersten Weltkrieg mitzubringen. Ein Aufwasch, murmelte er, und ein Stück Mauer wird sich doch auch noch finden lassen. Als haptische Gedächtnisstütze sozusagen.

Die anderen ließen sich nach so viel Großzügigkeit nicht lumpen. Am nächsten Tag schleppten sie an, was sie frühestens in 20 Jahren, wenn überhaupt, wiedersehen wollten: Das Blasendederon-Kleid von der Jugendweihe 1966, DSF-, FDGB- und DDR-Personal-Ausweise und die Orden "Aktivist der sozialistischen Arbeit", lila-silbern verpackte Mondos, nicht eingelöste Forumschecks ...

Postwendend zurück ging der ausgediente Bürocomputer. Obwohl dem Kollegen von der Materialwirtschaft die Kränkung ins Gesicht geschrieben stand - wir haben leider keine so ausgedehnte Liegenschaft, um einen Pentium zu vergraben.

Dafür blieb der Mittagspause vorbehalten, an Fotos von Leipziger Bauzäunen und -lücken zu gelangen.

Das ganze Jahrhundert soll es sein, rief die Sachbearbeiterin Arbeitsmarkt und förderte aus ihrer Handtasche das Bild vom tattrigen Papst zutage. Auch das von Jelzin, wie er aus den Latschen kippt, möge doch noch in die Kiste gestopft werden, flehte sie. Und die stellvertretende Abteilungsleiterin Frauen signierte schnell noch ihren so brandneuen wie dramatischen Tätigkeitsbericht. Als Gedächtnisstütze, wie es wirklich war, ehe im neuen Jahrtausend alles anders werden würde ...

Wenn schon, dann hat sowieso das ganze Jahrtausend Anspruch auf die Kiste, schmollte der Lehrling, der im Rahmen der dualen Ausbildung gerade die Stichworte Gleichheit und Demokratie durchgenommen hatte. Förmlich in letzter Minute konnte er vom Belege Sammeln abgehalten werden.

Wir gingen an diesem Feierabend erst auseinander, nachdem wir uns unter Tränen versichert hatten, uns selbst bei Entlassung, Vorruhestandsregelungen, ABM-Wechsel etc. nie mehr aus den Augen zu verlieren, denn beim Entsiegeln wollten alle dabeisein.

Nun warten wir nur noch auf das Bild von Kohl im Knast, das von Krenz haben wir schon, dann kommt erst mal der Deckel auf die Kiste.

Nacht für Nacht quält mich seitdem der Gedanke an vergrabene Vollmilchschokolade, und ich zähle mich in den unruhigen Schlaf. Noch 1036 Wochen bis zum 31.12. 2020 ...

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00:00 28.01.2000

Ausgabe 42/2021

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