Am Beckenrand

Kehrseite II Ich habe meine Freundin Sina lange nicht gesehen. Aber heute kommt sie. Ich freue mich schon, denn Sina ist so erfrischend. Immer ist an ihr etwas ...

Ich habe meine Freundin Sina lange nicht gesehen. Aber heute kommt sie. Ich freue mich schon, denn Sina ist so erfrischend. Immer ist an ihr etwas nicht in Ordnung. Bei ihrem letzten Besuch trug sie Socken, deren Zehen einzeln gestrickt waren, wie bei Fingerhandschuhen, aber zwei Zehen hatten Löcher. Ihr Pullover ging weit über den Hintern und war fast durchgesessen. Im Haar trug sie eine Wäscheklammer, um die Strähnen zur Seite zu halten.

Als sie endlich kommt, erschrecke ich: Sina ist völlig abgemagert! Kann sie sich als Studentin kein Essen mehr leisten?

"Was ist mit Dir los?", frage ich und gehe an den Kühlschrank, um allerhand für sie rauszuholen.

"Du kannst auch noch was mitnehmen, Brot und Wurst, soviel Du willst."

Aber es liegt nicht am fehlenden Geld und Essen, dass Sina so dünn ist. Sie sagt, sie spielt jetzt Unterwasserrugby. Ich verschlucke mich fast.

"Unterwasserrugby", sage ich. "Haha, guter Witz."

Aber es ist kein Witz. Diese Sportart gibt es wirklich, sagt Sina.

Der Ball ist mit Salzwasser gefüllt, damit er absinkt. Jeweils sechs Spieler sind für jede Mannschaft im Wasser. Sie tragen Flossen und Schnorchel, Kappen und Taucherbrille und ringen tatsächlich unter Wasser um den Ball. Mir bleibt schon in Gedanken daran die Luft weg.

Sina tut, als wäre das die bekannteste Sportart der Welt und es sei ein Unding, dass ich nie davon gehört hätte. Ich solle doch mal mitkommen und ihre Mannschaft anfeuern, dann könne ich es mir ansehen.

"Ja, aber wenn Ihr immer unter Wasser seid, sehe ich als Zuschauer doch gar nichts?"

"Aber wir tauchen doch manchmal auf", meint Sina. "Um Luft zu holen."

Gesagt, getan. Ein Wochenende später bin ich in der Schwimmhalle. Sina ist gleich in der Umkleidekabine verschwunden und jetzt finde ich sie nicht in der Reihe der Spieler, weil alle gleich aussehen mit ihren Taucherbrillen und den Ohrenschützern. Die Kappen sind fast wie Helme, ein Kopf ist darunter kaum zu erkennen, auch nicht, ob jemand lange Haare hat. Schon sind die Spieler ins Wasser gehüpft und in der Tiefe verschwunden. Nett wäre jetzt so ein Becken wie im Tierpark in Neumünster, wo an den Seiten des Bassins große Fenster sind, damit man den Seehunden beim Schwimmen zusehen kann. Aber der Wettkampf ist in einem normalen Schwimmbad. Ich sitze auf einer Tribüne, habe ein Fernglas in der Hand und starre ins Nass. Sehe Taucherbrillen, Wellen, Schatten unterm Wasser, Wogen, Flossen, die rausgucken und zucken, als würde in der Tiefe jemand ermordet. Beim Rugby geht es ja rabiat zu, das wird unter Wasser nicht anders sein. Wo ist Sina? Lebt sie noch? Mit Schnorchel, Flossen und Maske sehen die Frauen alle gleich aus, dazu haben sie noch Schützer auf den Ohren. Ich erkenne Sina nicht. Irgendwo unten sollen zwei Körbe sein, in die der Ball versenkt wird, aber es ist so viel Bewegung im Wasser, ich sehe keine Körbe. Manchmal kommen Spieler, die keine Luft mehr haben, raus und andere, die noch frisch sind, springen ins Wasser. Vielleicht liegt Sina am Boden des Beckens und keiner merkt es? Ich kann nicht an mich halten, bin so irre, dass ich an den Beckenrand gehe, mich hinlege und fast den Kopf ins Wasser stecke. Nicht, dass ich gern Chlorwasser in den Augen hätte, aber ich möchte sichergehen, dass Sina noch lebt.

Jemand tippt mich an, ich drehe mich um. Da steht ein Wesen, die Augen hinter den kaum beschlagenen Gläsern der Taucherbrille kommen mir bekannt vor. Sina nimmt die Maske ab und fragt: "Was machst du da?"

"Ich habe dich gesucht", sage ich.

"Das ist die Herrenmannschaft", flüstert Sina. "Wir kommen später dran."

Natürlich, die Leute im Wasser tragen keine Badeanzüge, sondern Badehosen. Sollte ich Männer nicht von Frauen unterscheiden können? Verlegen schleiche ich hinter Sina her zur Tribüne. Ich hätte nur auf die Köpfe geguckt, erkläre ich. Aber Sina ist schon ganz vom Spiel gefangen. Was sieht sie, das ich nicht sehe?

Annette Amrhein, geboren 1964 in Güstrow, schreibt und lebt in Bargteheide.


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