Am Beispiel eines Mantels

Literaturgeschichte Anhand von Marcel Prousts fellgefüttertem Kleidungsstück erzählt Lorenza Foschini die Geschichte einer Verehrung

Als die Journalistin Lorenza Foschini vor einigen Jahren Piero Tosi, den Kostümbildner vieler Visconti-Filme (unter anderem Der Leopard, Tod in Venedig und Ludwig II.), für das italienische Fernsehen interviewte, kam dieser auf ein nie realisiertes Filmprojekt Viscontis zu sprechen: Marcel Prousts Hauptwerk Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Damals wie heute als unverfilmbar geltend, hatte Visconti wohl Anfang der siebziger Jahre dies ins Visier genommen, in großer Starbesetzung, mit Laurence Olivier, Dustin Hoffman und Greta Garbo. Gedreht werden sollte an Schauplätzen in Paris und in der Normandie. So der Masterplan für dieses gigantomanische Schubladenprojekt mit größtmöglichem Scheiterpotenzial. Selbst Visconti schreckte, trotz langer Vorbereitungszeit, irgendwann davor zurück.

Leidenschaftlicher Sammler

Doch bevor sich Visconti gegen die Verfilmung entschied, schickte er Tosi mehrere Male nach Paris, damit dieser vor Ort Recherchen anstellen und geeignete Drehorte finden sollte. In Gesprächen mit Prousts Nichte Suzy Mante-Proust erfuhr er von der Existenz eines reichen Pariser Parfümfabrikanten, der sich im Stillen dem Sammeln von Proust-Memorabilien verschrieben hatte und im Besitz von zahlreichen Handschriften, Erstausgaben, Notizzetteln, Fotografien und Möbelstücken aus dem Privathaushalt Prousts war.

Diesem leidenschaftlich-manischen Sammler namens Jacques Guérin widmet Lorenza Foschini ihr kürzlich erschienenes Buch Prousts Mantel, in dem sie die auf Zufällen beruhende Entstehungsgeschichte der Proust-Sammlung Guérins erzählt. Ganz nebenbei erhält man als Leser panoptische Einblicke in das Pariser Kulturleben der zwanziger und dreißiger Jahre, in die schillernde Vita des Jacques Guérin, der mit Picasso und Jean Cocteau befreundet war, aber auch in das komplizierte Verhältnis, das Marcel Proust mit seinem jüngeren Bruder Robert und dessen Ehefrau Marthe Dubois-Amiot verband.

Der Zufall wollte es, dass Robert Proust, der den Arztberuf seines Vaters ergriffen hatte, Guérin am Blinddarm operierte. Ein paar Wochen später, bei der damals üblichen Danksagungsvisite in der Privatwohnung des behandelnden Arztes, fiel Guérins neugieriger Blick auf einen altmodischen Bücherschrank, in dem sich, wie ihm Robert Proust erklärte, das Gesamtwerk seines Bruders Marcel befand. Allerdings nicht in gedruckten Ausgaben, sondern in Form unzähliger Notizhefte, von Marcel selber in langen schlaflosen Nächten von Hand geschrieben. Zu diesem Zeitpunkt war Marcel Proust bereits sieben Jahre tot, und sein Bruder besaß und verwaltete dessen Nachlass. Guérin, glühender Verehrer Marcel Prousts und Sammler von Autografen und Erstausgaben französischer Literaten, muss beim Durchblättern der eng beschriebenen Notizhefte vor Verzückung schier sprachlos gewesen sein. Doch es sollten noch Jahre vergehen, bis er durch einen weiteren Zufall in den Besitz einiger dieser Manuskripte gelangte.

Die böse Schwägerin

Sechs Jahre später, 1935, betrat Guérin einen Buchladen in der Rue du Faubourg Saint-Honoré und entdeckte dort zufällig Korrekturbögen mit handschriftlichen Notizen aus dem Nachlass Prousts, die der Buchhändler von einem Trödler namens Monsieur Werner erstanden hatte. Guérin nahm Kontakt mit Werner auf, der im Auftrag von Marthe Dubois-Amiot, Marcel Prousts Schwägerin, den Haushalt ihres verstorbenen Ehemanns Robert entrümpelte. Marthe Dubois-Amiot, die Zeit ihres Lebens auf Marcel Proust schlecht zu sprechen war, da dieser – ihrer Meinung nach – den guten Ruf der Familie mit Schande bedeckte, wollte sich schnellstmöglich des Proust-Krempels entledigen. Einen Großteil der Privatkorrespondenz Marcel Prousts und andere als wertlos erachtete private Dokumente hatte sie bereits im Kamin verbrannt. Wertvollere Gegenstände wie Prousts Mobiliar und seinen berühmten, mit Otterfell gefütterten Mantel, der ihm nachts als Bettdecke diente, verschacherte sie an den Trödler Werner.

Wie Guérin nach und nach in den Besitz all dieser Gegenstände aus dem proustschen Haushalt gelangte, darunter Prousts komplettes Schlafzimmer, das heute im Musée Carnavalet in Paris zu besichtigen ist, erzählt Lorenza Foschini auf geschickt konstruierte Weise mit großer Liebe zum Detail und noch größerer, fast an Tantigkeit grenzender Diskretion. Sobald das Thema Sexualität ins Spiel kommt, ist oft von „anderen Neigungen“ oder einer „Andersheit“ die Rede. Manchmal wünschte man sich von der Autorin einen weniger rücksichtsvollen Umgang mit der doch recht offen ausgelebten Homosexualität Prousts und seines ebenfalls schwulen Verehrers Guérin. Denn Proust spazierte mit schwarz geschminkten Augen durch Paris und aß in den besten Restaurants im Pelzmantel zu Abend. Guérin wiederum war so eng mit Jean Genet befreundet, dass ihm dieser den schwulsten Roman der Welt widmete, nämlich Querelle de Brest. So what? Nichts, das man 2011 hinter vorgehaltener Hand vertuscheln müsste. Aber Foschinis Buch setzt andere Maßstäbe. Die Gender-Debatte überlässt sie denjenigen, die sich vielleicht auch besser damit auskennen.

Foschini beschreibt und verfolgt ganz still und mit viel Charme die Geschichte eines dunkelgrauen Wollmantels mit Pelzfutter, der zwei faszinierende Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts verbindet und heute, ausgestopft mit Seidenpapier, in einem Museumsarchiv lagert. „Manteau de Proust“ steht mit schwarzem Filzstift auf dem Pappkarton geschrieben. Und nach der unbedingten Lektüre des Buches bekommt man wirklich sehr große Lust, den Mantel persönlich und etwas respektlos anzutatschen.

Prousts MantelLorenza Foschini Nagel Kimche 2011, 126 S., 14,90 €

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14:15 06.09.2011

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