Am Boden

Kehrseite V Berliner Abende

Weil ich keinen Fernseher habe, denke ich mir die Sendungen selbst aus:

In der Tagesschau wird nach der Neujahrsansprache der Kanzlerin der Weitsprungweltmeister interviewt. Wickert fragt, was halten Sie denn von diesen besagten vielen kleinen Schritten, die wir jetzt machen sollen? Der Weltmeister ist sicher, man hat ihn eingeladen, um zu opponieren: Mit vielen kleinen Schritten kommt man nicht weit. Nicht weit genug. Wickert lässt nicht locker: Aber ehe Sie zum großen Sprung ansetzen, müssen Sie da nicht auch viele kleinere Schritte machen? Der Weltmeister schaut irritiert in die Kamera. So gesehen haben Sie Recht. Wickert grinst. Reingelegt. Das Wetter.

Der Regen hat den Schnee, der zwischen den Jahren gefallen war, aufgefressen. In den Morgenstunden sinkt die Temperatur unter Null. Glatteisgefahr.

Mit kleinen Schritten wird es wohl gehen. Trotzdem reißt es mir nach ein paar Metern den Boden unter den Füßen weg. Und wie ich da am Trottoir liege, denke ich: Während der ersten Januartage steht man immer auf unsicheren Beinen. Das Alte ist vorbei, Neues hat noch nicht begonnen. Die vielen Vorsätze und Pläne, die man fasst, weil man hofft, auf den großen Wurf, den großen Erfolg, die große Liebe. Gleichzeitig weiß man, Anfang Februar ist alles vergessen. Und wenn ich nicht gleich aufstehe, friert mir der Arsch an. Aber ich bin nicht nur unsicher auf den Beinen, auch der Kopf macht nicht richtig mit. Und so warten die Gliedmaßen vergeblich auf einen Befehl sich zu erheben, was das Nächste wäre, was passieren sollte usw.

Aber die Sicherheit, die zeitliche Abfolge von Ereignissen betreffend, habe ich schon vorher verloren. Am Weihnachtsabend war mir klar geworden, dass der Junge, der Mitte Dezember in einem Berliner Bus von einem anderen erstochen worden war, sterben musste, damit der Pastor zur Weihnachtsmesse ein Bild hat, das unter die Haut geht. Und warum sollte ich in dieser umfassenden Dramaturgie des Lebens nicht jenen großen Entwurf entdecken, der der Kanzlerin angeblich fehlt usw.

Gleichzeitig entdeckte ich am Wegesrand Dinge, die ich nicht glauben konnte: Die Plakate der Hilfsorganisationen mit Tsunami-Opfern, die jetzt glückliche Fischer sind - alle plumpe Fälschungen. Alles nur ein Gag der Werbeindustrie. Einen Tsunami hat es ebenso wenig gegeben wie die Mondlandung. Diese und jene Aufnahmen entstanden irgendeinmal in einem Filmstudio usw.

Mir wurde gesagt, ich möge doch endlich mit diesem Defätismus aufhören usw.

Aber ich wollte nicht aufhören: Und ich begann mit der Früher-war-alles-besser-Leier. Die Weihnachtskatastrophen, sagte ich, sind auch nicht mehr, was sie waren. Ein Tsunami macht einfach mehr her als eine eingestürzte Eissporthalle in Bad Reichenhall. Trotz attestiertem fulminanten Amtsantritt, Merkels Weihnachtskatastrophe ist ein Flop. Sie kommt ein paar Tage zu spät und spielt sich auch noch in der Provinz ab. Schröder hatte hunderte Millionen versprochen, die Kanzlerin verspricht jegliche erdenkliche Hilfe. Das klingt verdächtig immateriell usw.

Und wie ich auf dem Glatteis sitze und mir der Redeschwall von letzter Woche wieder einfällt und ich nicht weiß, ob ich ihn gerade wieder rede, oder nur denke, oder, ob er überhaupt zum ersten Mal aus mir heraus quillt, frage ich mich, warum mir in letzter Zeit alles so vorkommt, als passierte es wieder und wieder und alles was ist, kommt mir vor, als wäre es immer schon gewesen usw.

Mag sein, es ist jener Spot vor jedem Film im Kino, der verspricht, dass aus BEWAG VATTENFALL wird, aber alles andere bleibt, wie es ist. Das soll vermutlich Kontinuität beschwören. Aber zwischen den Jahren, wo man ohnehin sehr sensibel ist, und Trost im Kino sucht, heißt das nur, dass das neue Jahr wird, wie das alte. Es mag aber auch sein, ich habe nicht nur den Halt unter meinen Füßen verloren, sondern jeglichen Halt und ein Werbespot hat mehr Einfluss auf mich, als gesund ist usw.

Ich sollte jetzt aufstehen und weitergehen. Aber ich stehe nicht auf vom Eis, sondern stelle mir lediglich vor, es zu tun. Langsam setze ich Fuß vor Fuß, vorsichtig, um nicht ein zweites Mal zu stürzen. Mutig tripple ich ein wenig, als hätte ich einen Ball zu spielen und müsste jemanden austricksen, wenn ich ans Ziel kommen will usw.

Mit vielen kleinen Schritten könnten auch Männer es schaffen. So, oder so ähnlich sagt es die Kanzlerin in ihrer Ansprache, deren Tonfall mir plötzlich vorkommt wie der einer menschenfreundlichen Pastorin usw.

Ich sitze noch immer am Boden und stelle mir lediglich vor auf den Beinen zu sein. Aber die Vorstellung reicht aus. Die Gliedmaßen werden wohlig und warm. Ich muss mich also gar nicht wirklich erheben. Muss gar nicht wirklich gehen. Kein einziger Schritt ist nötig, um vorwärts zu kommen (Sie irren, Frau Pfarrer!) und um mich zu erwärmen. Es ist mir schon warm, auch hier am Boden, am Eis usw.

00:00 20.01.2006

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