Am Eckfenster

Berliner Abende Die letzte Umsetzung wegen Sanierung hat mir eine Wohnung mit einem Eck-Erker beschert. Ich kann schon von der Straßenbahn aus sehen, ob Licht in ...

Die letzte Umsetzung wegen Sanierung hat mir eine Wohnung mit einem Eck-Erker beschert. Ich kann schon von der Straßenbahn aus sehen, ob Licht in meiner Wohnung ist oder die Feuerwehr mit drei Wagen vor dem Haus steht (eine meiner Zwangsvorstellungen), aber die Wohnung ist weit genug entfernt von der viel befahrenen Straße, und die Fenster sind gut isoliert. Als wir einzogen, hat mein Sohn gesagt: "Das ist ja wie im Urlaub", weil es abends so still war - wir hatten sein ganzes bisheriges Leben auf den verschiedenen Magistralen des Prenzlauer Berg gelebt, wo man die Balkone nur zum Blumenabstellen nutzen kann. Vorher, als ich noch in diversen Hinterhofbuden zu Hause war, hatte ich immer den Traum, einmal in einer Wohnung mit Eck-Erker wohnen zu dürfen, den ganzen Tag würde ich aus dem Fenster sehen. Das war ein bisschen wie der Traum, ein Haus am Meer zu haben. Am Ende kommt man vor lauter Alltag gar nicht mehr dazu, an den Strand zu gehen.

Eine der beiden Straßen, die von meiner Ecke abgehen, heißt Esmarch. Als ich im letzten Sommer am Esmarch-Eck, einer der letzten Stampen im Viertel, vorbeiging, hatten sie stolz ihre neuen Teller ins Fenster gestellt, mit denen sie auf den Mittagstisch hinweisen wollten. "Hm, Esmarch-Eck", sprach ein lachender Mund mit hechelnder Zunge von der Tellermitte. Ich dachte mir, eigentlich müsste man im Berliner Straßenlexikon nachsehen, um wen es sich bei Esmarch überhaupt handelte. Vielleicht war es einer dieser verdienten Oberkammerdiener des Kaisers, nach denen etliche Straßen Berlins aus Mangel an behördlicher Phantasie benannt sind. Ich war dann aber doch erstaunt, dass Esmarch der Erfinder des Verfahrens der künstlichen Blutleere ist. Wer wohl auf die Idee gekommen ist, 1904 nach ihm eine Straße zu benennen? Bis 1934 gab es sogar noch eine zweite Esmarchstraße in Berlin-Lichterfelde. Immer, wenn ich danach mit meinem neuen Wissen an dem Fenster der Kneipe vorbeiging, dachte ich an Blutwurst. Der Mittagstisch des Esmarch-Eck ist längst wieder eingegangen. Ich glaube, mangels Nachfrage.

Von meinem Erker aus kann ich die Kneipe nicht sehen, dafür aber an der Giebelwand der Schule Spuren eines Hauses, das seit 60 Jahren nur noch ein Schatten ist. Es hatte einen Schornstein und ein flaches Dach, vier Etagen und wahrscheinlich im Eckbereich Erker wie meinen. Anstelle des Hauses stehen entlang der Baufluchtlinie halb verfallene Schuppen um den ehemaligen Hinterhof gruppiert, auf dem im Sommer die letzten Mohikaner des Viertels beim Bier sitzen.

Ob das Haus gegenüber von einer Bombe oder einer Granate zerstört wurde, habe ich noch nicht herausbekommen. Ganz sicher aber ist, dass von meinem Erker aus in den letzten Tagen des Krieges heftig geschossen wurde. Die Maschinengewehrgarbe zog sich am Haus schräg gegenüber in meiner Höhe die ganze Fassade entlang, faustgroße Löcher hinterlassend, die über fünfzig Jahre nicht angerührt wurden, bis vor einem Jahr der neue Besitzer den Stuck abklopfen ließ und eine nagelneue Thermofassade in orange davorhängte, die aussieht wie aus einem "Viva-Italia"-Katalog entnommen. Dabei ging auch der alte Mann verloren, der sechs Monate im Jahr auf seinem Balkon saß und mit seiner Katze wie mit einer Frau sprach, nur dass die Katze nicht antwortete. Manchmal machte sie einen Buckel, manchmal schaute sie über die Brüstung, als wollte sie den Sprung wagen. Die Erscheinung des Mannes korrespondierte auf angenehme Weise mit der Farbe der Fassade und der des Berliner Himmels an grauen Tagen. Die Katze und er teilten sich das Essen und schauten fern. Der Mann ist als letzter ausgezogen. Die meisten seiner Möbel landeten im Container. Ich habe ihn mit dem Katzenkorb das Haus verlassen sehen. Die Plastetüte, die immer an seinem Balkon hing und aus der er die Fernbedienung für den Fernseher holte, schaukelte noch eine Weile, wenn Wind durch die Straße ging. Irgendwann war sie fort und die Fassade wurde eingerüstet. Der Mann ist nicht wiedergekommen. Er brauchte wohl nur einen Balkon für den Rest seines Lebens und Katzenfutter.

Die Möbelwagen, die nach der Sanierung vor der Tür hielten, hatten Aufschriften wie "Umzüge in alle Welt - Hamburg-Köln-Düsseldorf". Heute laufen die neuen Bewohner in den geräumigen Wohnungen von Zimmer zu Zimmer, die völlig leer zu seinen scheinen. Nie halten sie sich auf ihrem Balkon auf. Bei Einbruch der Dunkelheit ziehen sie die Gardinen vor. Ich starre weiter in die Dunkelheit, bis auch die Lichter des Abendgymnasiums ausgehen und in der ganzen Straße neben der spärlichen Straßenbeleuchtung nur noch die Lampe in meinem Erker leuchtet. Nach mir kommt der Mensch, den ich noch nie gesehen habe, auch wenn ich es mir jede Nacht vornehme. Vom Bett aus höre ich, schon im Halbschlaf, die Rollen seines Zeitungswägelchens, die über das Pflaster poltern.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 20.02.2004

Ausgabe 15/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare