Am eigenen Zorn ersticken?

Spektakulärer Abschied Malaysias Premier ruft die islamische Welt zum "strategischen Rückzug" auf

Welch ein niederschmetterndes Bild der islamischen Welt! Zerstritten, rückwärtsgewandt, ungebildet, miserabel regiert, unfähig zu gegenseitiger Hilfe ... Und ihre Religion herabgewürdigt, verachtet, entehrt, gespalten in tausend Richtungen, die einander bekämpfen, gar umbringen. Wer solche Worte wählt und selbst Muslim ist, muss Courage haben - zumal wenn es sich nicht um eine akademische Betrachtung handelt, sondern eine Rede vor den Staats- und Regierungschef aller islamischen Länder beim OIC-Gipfel (*) Mitte Oktober.

Mahathir Mohamad, 22 Jahre lang Malaysias Premier, hat zweifellos nicht nur Courage, sondern Stehvermögen: Seine Erfolge bei der Modernisierung Malaysias versetzten ihn in die Lage, mit der islamischen Welt so hart ins Gericht zu gehen wie kein zweiter Staatsmann aus den eigenen Reihen. Als der 78-Jährige am vergangenen Freitag seinen Abschied aus der Politik nahm, standen die Vertreter westlicher Denkfabriken und Kulturinstitute dennoch keineswegs Schlange, um den Ruheständler als Vermittler im schwierigen westlich-islamischen Dialog zu gewinnen. Im Gegenteil: Um den Abschied herum wurde eher ein neues Kapitel im Kampf der Kulturen geschrieben. Mahathir, ein antisemitischer Bellizist - Empörung in den Hauptstädten des Westens; Berlin bestellte Kuala Lumpurs Botschafter ein. War die kritische Selbstbespiegelung vor der Organisation Islamischer Länder (OIC) also nur Tarnung? Oder ist die Lage der Muslime so desolat, dass nur Judenhass sie einigen könnte?

Zunächst: Die Annahme, da habe sich ein Scheidender noch einmal schrill in Szene setzen wollen, verkennt die Person. Mahathir genießt großes Ansehen in der Zweiten und Dritten Welt, weil er das Recht auf einen eigenen Entwicklungsweg verkörpert. Er kopierte viel vom Westen, aber kniete nicht vor ihm, griff im Zweifelsfall lieber an, in der Attitüde oft radikaler als in der Praxis.

Bemerkenswert an Mahathirs OIC-Rede war zunächst die Antwort auf die Frage: Wer ist schuld an der Lage der Muslime? Er sagt: Wir, die Muslime selbst. Genauer: Die muslimischen Religionsgelehrten. Denn es waren die Interpreten des Islam, die einer einstmals blühenden Zivilisation die Luft zum Atmen nahmen. Der kontinuierliche Abstieg des Orients, einst mit seinen Mathematikern, Ärzten, Astronomen eine führende Wissensgesellschaft, wurde - so Mahathir - vor allem verschuldet durch die Reduktion von Wissenserwerb und Bildung auf theologische Zwecke. "Die industrielle Revolution wurde von den Moslems völlig verpasst." Kaum überraschend, dass die Europäer später "ihr Juden-Problem" lösen konnten, in dem sie "muslimisches Land" nahmen.

Natürlich: wie er über Juden redet, das gefällt uns nicht. Seinen antisemitischen Zungenschlag hörte man über die Jahre immer wieder einmal - Kanzler Schröder wusste das, als er sich mit dem Malaien im Frühjahr bei einer Staatsvisite ganz einvernehmlich zeigte und ihm - angesichts beiderseitiger Kritik am Irak-Krieg - beipflichtete, es müsse einen Dialog statt eines Clashs der Kulturen geben. Auch jetzt klang Mahathir vor der OIC roh, geschmacklos, wenn er über Juden sagte: "Sie haben 2000 Jahre Pogrome nicht mittels Zurückschlagen überlebt, sondern mittels Denken." Doch spricht aus diesem Satz unverkennbar Bewunderung, mag sie noch so widerwillig sein - der Kontrast zur "intellektuellen Regression", die er den Muslimen bescheinigt, könnte größer kaum sein. Im Kampf um Palästina kein Plan, keine Strategie, nur "Irrationalität" und blinder Zorn, sich entladend in Attacken, die "schier jeden" umbringen.

Zu Beginn des Anti-Terrorismus-Feldzugs der USA hatte Mahathir versucht, das islamische Lager zu einigen mit einer politischen Definition, was Terrorismus sei: Sowohl Israels Regierungspolitik ("Staatsterrorismus") als auch die palästinensischen Selbstmord-Attentate müssten darunter fallen. "Selbstmord ist ausdrücklich verboten im Islam, er ist eine schwere Sünde. Und das absichtliche Töten unschuldiger Zivilisten ist entweder Mord oder ein Akt von Terror." Die islamischen Außenminister winkten höflich ab.

Seine Kritik an der Gelehrten-Kaste trug er im Januar an die Al Azhar Universität in Kairo, die älteste Universität der islamischen Welt. "Die Muslime haben den tiefsten Punkt ihrer Entwicklung erreicht", sagte er dort, "und sie sind nicht willens, die Realität ihrer Lage zu erkennen." Im Sommer lud er eigens eine sogenannte "Weltkonferenz muslimischer Gelehrter" nach Malaysia, um noch einmal ein Forum zu haben: "Viele Gelehrte sind Täuscher; sie verfolgen ihre eigene Agenda; man kann sie kaum als muslimisch betrachten." Die Angesprochenen applaudierten höflich; keine Debatte.

Angesichts seines geplanten Rückzugs vom Amt wurde lange spekuliert, ob Mahathir hernach einen Posten als elder statesman bei der OIC übernehmen würde. Er ließ die Spekulationen lange laufen, bis er dementierte - womöglich aus Enttäuschung, wie wenig im islamischen Lager derzeit zu bewegen ist.

Kurzsichtige westliche Wahrnehmung hat nun zur Kriegsrede missinterpretiert, was eher eine Perestroika-Rede war. Ein Aufruf zum "strategischen Rückzug", zum Innehalten - zum "Waffenstillstand" unter den islamischen Ländern, zum Renovieren des eigenen Hauses. "Nicht alle Nicht-Muslime sind gegen uns. (...) Sogar unter den Juden sind viele, die nicht einverstanden sind mit dem, was die Israelis tun. Wir dürfen nicht alle gegen uns aufbringen. Wir müssen ihre Herzen und Köpfe gewinnen ..."

Fast zeitgleich erschien ein Bericht der UN-Organisation für Entwicklung (UNDP), verfasst von arabischen Wissenschaftlern: Er beschreibt, wie die arabische Welt in der Bildung weiter zurückfällt. Die Kinder würden dazu erzogen, "Neugier und Wissensdurst zu unterdrücken". Ist es angesichts dieses Befundes erlaubt zu wünschen, dass Mahathirs Rede Leser fände, trotz seiner antisemitischen Ressentiments? Die Adressaten sitzen an den Koranschulen von Karatschi bis Mindanao: jene schmächtigen jungen Männer, die von islamischer Größe träumen und dabei nur die Misere reproduzieren, die haltbare Mischung aus Zorn und Selbstmitleid. Sie könnten lernen, dass es mit dem Koran vereinbar ist, die Nase ins Biologiebuch zu stecken. Und dass zur Wiederherstellung islamischer Würde ein paar Bücher eher beitragen als ein paar Attentate.

(*) Organisation der Islamischen Konferenz mit derzeit 57 Mitgliedstaaten


00:00 07.11.2003

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