„Am Ende zählt der Machtwille“

Bundestagswahl Annalena Baerbock, Armin Laschet und Olaf Scholz wirken blass. Die Autorin Nora Bossong und der Ökonom Florian Willet fordern im Interview Ecken und Kanten
„Am Ende zählt der Machtwille“

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Armin Laschet und Olaf Scholz wurden von Margarete Stokowski neulich dem Typus des „uncharismatischen, unkörperlichen, mit seiner Gestrigkeit kokettierenden Schmunzlers“ zugerechnet. Für die feministische Kolumnistin zeigt sich darin die letzte Zuckung des Patriarchats. Nun muss man allerdings sagen, dass auch Annalena Baerbock nicht als Ausbund an Charisma wahrgenommen wird. Vielleicht gibt es also noch andere Gründe für die Blässe.

Zur Person

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Nora Bossong, geboren 1982, ist Schriftstellerin und Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland. Zuletzt erschienen von ihr der Roman Schutzzone und der Essayband Auch morgen. Politische Texte im Suhrkamp-Verlag. Aktuell arbeitet sie an einem Buch über die jüngere Politikergeneration

der Freitag: Frau Bossong, Herr Willet, die Kandidaten von CDU, SPD und Grünen sind alles andere als unumstritten. Woran liegt es?

Nora Bossong: Bei Olaf Scholz ist es die Ausrichtung der SPD. Die Esken-Borjans-Kühnert-SPD verkörpert nicht ganz Olaf Scholz und umgekehrt. Bei Armin Laschet ist es fehlende Angriffslust, und innerhalb des konservativen Lagers steht er weiter links als etwa Friedrich Merz; eine deutliche Neuausrichtung nach den Merkeljahren sieht anders aus. Bei Annalena Baerbock gab es zunächst Begeisterung. Dann stolperte sie über das Hölzchen, dann über das Stöckchen und am Ende über Baumstämme – ein selbst gemachtes Desaster. Alle drei sind nicht die charismatischsten Kandidaten aller Zeiten, aber ihre Probleme sind unterschiedlich gelagert.

Florian Willet: Wenn Sie einen Energydrink verkaufen wollen, überlegen Sie sich: „Wo stelle ich meine Werbeplakate hin?“ Vor einem Altersheim begeistern Sie keine Kunden. Das müssen Sie woanders machen. Sie müssen immer schauen, wo Ihre Zielgruppe ist. Es bringt nichts, Shitstorms von Leuten zu vermeiden, die einen sowieso nicht wählen. Das ist ein strategischer Fehler, den heutzutage viele Politiker machen. Sie haben Angst vorm Shitstorm, statt sich zu überlegen: „Wie erreiche ich die Leute, die mein tatsächliches Potenzial darstellen?“ Unsere Zeiten bringen übervorsichtige, uncharismatische Politiker hervor.

Zur Person

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Florian Willet, geboren 1977, ist Verhaltensökonom und Spieltheoretiker, Rechtsphilosoph, Kommunikationspsychologe, Sprecher der Menschenrechtsorganisation DIGNITAS-Deutschland und Autor des Buchs Wie uns die Parteien über den Tisch ziehen (Solibro Verlag 2021)

Liegt diese Übervorsicht an der typischen Parteikarriere, die alle drei hingelegt haben? Macht sie das zu Konformisten?

Willet: Viele Politiker haben schon in der Jugendorganisation für die Partei gearbeitet. Belastbare Beziehungen zu anderen Leuten als zu Politikern haben sie normalerweise keine. Sollten sie aus dem politischen Geschäft rausfliegen, haben sie kein Netzwerk mehr und kaum jemanden, der ihnen einen attraktiven Job besorgt. Deshalb sind sie in steter Furcht, aus den Versorgungsstrukturen rauszufallen, in die sie hineingewachsen sind. Wer einmal politisch verbrannt ist, kommt schwer wieder ins Spiel, und Alternativen hat er kaum.

Bossong: Olaf Scholz wäre nicht perspektivlos, wenn er nicht Kanzler wird. Nicht nur, weil er auch Rechtsanwalt ist. Da mache ich mir um andere mehr Sorgen. Denken wir ans Scheitern der FDP an der Fünf-Prozent-Hürde 2013. Da ist die ganze Fraktion rausgeflogen, und damit auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Das sind Leute, die weniger in der Öffentlichkeit stehen und dadurch schlechter vernetzt sind. Auch haben wir sehr wohl charismatische Politiker: Robert Habeck und Christian Lindner. Sie haben den Mut oder die Chuzpe, selbstbewusst in der Öffentlichkeit zu stehen, zu provozieren und Wählerpotenzial über die eigene Partei hinaus zu akquirieren.

Beide haben eine Biografie, die eher untypisch ist. Christian Lindner hat in jungen Jahren ein Unternehmen gegründet …

Bossong: Christian Lindner ist früh Berufspolitiker geworden. Er saß im Alter von 21 im Landtag von Nordrhein-Westfalen und war 30, als er Generalsekretär wurde. Dass ein FDP-Politiker nebenbei noch Start-ups gründet oder als Rechtsanwalt Karriere macht, ist nicht FDP-untypisch. Robert Habeck hingegen war Buchautor, kam relativ spät in die Politik. Wir kennen den Spruch von Annalena Baerbock, dass er vom Kühemelken käme – was nicht der klügste Spruch war. Trotzdem passt Habeck so gut zur Klientel der Grünen wie Lindner zur Klientel der FDP. Aber der Werdegang von beiden ist sehr unterschiedlich.

Die SPD ist zweimal mit Kandidaten krachend gescheitert, die Mut zum Shitstorm hatten: Peer Steinbrück und Martin Schulz. Sollte man skeptisch sein, wenn die Forderung nach Politikern mit Ecken und Kanten kommt?

Willet: Die Beispiele zeigen, dass Charisma nicht automatisch zu Erfolg führt. Wenn Ihr Charisma Ressentiments anspricht oder Renitenz provoziert, weckt Ihr Scheitern Schadenfreude. Politiker wie Gerhard Schröder müssten heutzutage ob des Gegenwinds häufiger frühzeitig kapitulieren. Es braucht neue Strategien. Wenn man den drei Spitzenkandidaten das Charisma abspricht, sollte man sich vor Augen halten: Um eine Goldmedaille zu gewinnen, muss man den Speer nur einen Zentimeter weiter werfen als der Gegner. Sie müssen nicht den Weltrekord brechen, Sie müssen nur um ein Minimum besser sein als die Konkurrenz zum jeweiligen Zeitpunkt. Wer der Einäugige unter Blinden ist, also etwas weniger unbeliebt war als die anderen, steht auf dem Treppchen oben.

Bossong: Ich würde bei der SPD auch Andrea Nahles nennen, die kläglich gescheitert ist. Sie hat noch deutlicher diese kratzbürstige Art inszeniert, und diese Inszenierung ist ihr entglitten. Die SPD hat allerdings auch keine gute Figur gemacht. Nahles wurde weggemobbt. Da muss man auch die SPD hinterfragen, wie sie in den letzten Jahren mit ihrem Spitzenpersonal umgesprungen ist.

Willet: Wer Parteifreunde hat, braucht keine Feinde. Die gefährlichsten Leute sind in der eigenen Partei. Es ist wichtiger, interne Prozesse zu beobachten, als das, was über Medien von Konkurrenten kommt. Ausschlaggebend für die Karriere sind die Kämpfe, die in der eigenen Partei ausgefochten werden. Dort gibt es Leute, die wissen, welche Leichen man im Keller hat. Das sind leider Vorgänge, die für investigative Journalisten schwer aufzudecken sind. Spitzenkandidaten sind auch das Ergebnis interner Selektionsprozesse, in die wenig Einblick besteht.

Annalena Baerbock war Praktikantin, Trainee, Referentin, Doktorandin. Hochschulabsolventen müssten sich in dieser Biografie wiedererkennen. Doch gerade aus der Ecke wird Kritik laut, es sei zu wenig. Erwarten wir von Politikern eine bessere Biografie als die eigene? Sehnen wir uns nach Machern?

Bossong: Es geht eher um Identifikationsfiguren. Wir suchen nicht uns selbst gespiegelt, sondern eine Person, die ein größeres Bild von dem zeigt, was wir sein könnten. Der bundesdeutsche Politiker, der dem am meisten entspricht, war Willy Brandt. Bloß können wir 2021 nicht sagen: „Wir nehmen nur noch Leute, die im Zweiten Weltkrieg im Widerstand waren.“ Annalena Baerbock ist sehr jung. Es gab noch niemanden, der sich so jung für dieses Amt beworben hat. Ihr Problem war, dass sie diesem Vorwurf mit vorauseilendem Gehorsam begegnet ist. Sich größer gemacht hat, als sie ist. Sie hat ein Buch geschrieben, das sie dann doch nicht so ganz geschrieben hat. Sie hat ihren Lebenslauf ein bisschen aufgeplüscht. Sie hatte offensichtlich Bedenken, dass sie zu schmalspurig daherkommt. Jetzt hat sie sich einen Haufen Probleme angelacht. Nicht weil ihre Biografie so dünn ist, sondern weil sie Angst davor hatte, dass ihre Biografie zu dünn wirken könnte.

Willet: Baerbock und ihre Berater haben die Relevanz einer imposanten Biografie im Hinblick auf die Wählerschaft überschätzt. Den meisten Wählern ist es egal, ob sie an der London School of Economics war und ihr Vordiplom aus Hamburg ist. Doch für den Aufstieg in der eigenen Partei wird ihre Biografie alles andere als irrelevant gewesen sein. Sich Völkerrechtlerin auf die Visitenkarte zu schreiben, hat ihr den Rückenwind gegeben, um bei den Grünen den Durchbruch zu schaffen. Deshalb hat sie es jetzt bei einigen Akademikern verschissen. Solche Leute haben hart für ihre Abschlüsse gearbeitet und reagieren empfindlich, wenn sie sehen: Hier will eine Akademikerin mehr vortäuschen, als sie geleistet und an Kompetenzen erworben hat.

Wie passt Sahra Wagenknecht ins Politikerschema? Sie wird von Konservativen geschätzt, obschon sie ein, zumindest in sozialpolitischer Hinsicht, linkes Programm hat. Sie wird von einfachen Leuten gemocht, obschon sie einen akademischen Habitus pflegt. Und sie wirkt parteilos, obschon sie Mitglied einer Partei ist. Sie vereint also Paradoxe.

Bossong: Ja, sie führt Paradoxe zusammen. Und sie thematisiert offen ein Unbehagen an manchen Entwicklungen innerhalb der Linken. Sie profitiert davon, dass viele es aus Angst vor Shitstorms oder übermäßiger Sensibilität nicht tun. Ich sehe Sahra Wagenknecht in der Tradition ihres Mannes Oskar Lafontaine. Der hat sich von der SPD abgespalten, weil er nicht mehr bereit war, bestimmte Entwicklungen in der sozialdemokratischen Linken mitzugehen. Auch Wagenknecht bleibt bei ihrer Linie. Und da wären wir dann beim uralten Problem der Linken, die immer wahnsinnig gut sind, sich aufzusplittern. Am Ende gibt es dann zehn Kleinparteien links der CDU, die nicht mehr richtig zusammenfinden.

Willet: Sahra Wagenknecht vermittelt das Gefühl, dass es ihr wirklich um Inhalte geht. Nicht um Personalien und Stimmenfang. Da ähnelt sie Oskar Lafontaine. Der hatte das Glück, dass das, was er in seiner entscheidenden Karrierephase von sich gab, zur damaligen SPD passte. Das leitet gut zu Hubert Aiwanger über, diesem interessanten neuen Gesicht der Freien Wähler. Die FW haben ein enormes Momentum und rasen auf die Fünf-Prozent-Hürde zu. Bei Aiwanger empfinde ich intuitiv, dass er so redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Ihm mag man eher Authentizität als Taktik unterstellen. Aber dennoch auch, dass er eine Partei wie die AfD genau beobachtet und erkannt hat, was man sich leisten kann, wenn man sich keinen Populismus unterstellen lassen möchte. Das kriegt er hin. Er reizt die Grenzen des Sagbaren fast optimal aus. Wagenknecht und er wirken unter den Politikern, die im Rampenlicht stehen, auf mich am glaubwürdigsten.

Welche charakterlichen Eigenschaften muss ein Politiker neben Glaubwürdigkeit mitbringen? Würden Sie da zwischen den Parteien differenzieren?

Bossong: Die Unterschiede zwischen den Parteien sind sekundär. Sicher muss ein CSU-Politiker bürgerlichere, vielleicht auch biederere Werte verkörpern als jemand von der SPD. Bei den Grünen bin ich mir nicht mehr so sicher, ob sie nicht in puncto Biederkeit die CSU eingeholt haben. Die Charaktereigenschaften, die es braucht, sind absolute Beharrlichkeit und Machtwille. Das haben die Grünen mittlerweile erreicht, und es hat sie mehr transformiert als SPD und CDU, die das seit Beginn der bundesrepublikanischen Geschichte kennen. Bei den Grünen geht es plötzlich wirklich um Macht, um den Kampf ums Kanzleramt. Der scheinbar harmonische Ablauf zwischen Baerbock und Habeck – man stellt sich vor, sie hätten sich bei Bio-Haferplätzchen getroffen und gegenseitig auf die Schulter geklopft – war in Wahrheit viel harscher. Natürlich nicht nach außen. Bei den Grünen gibt man sich lieber weich und harmonisch. In der FDP hingegen kommt es gut, Machtwillen offen zu zeigen.

Macht es einen Unterschied, ob man in einer Volkspartei ist oder in einer Nischenpartei?

Willet: Früher bestimmt. Aber jetzt gibt es mehrere 20-Prozent-Parteien. Da passen althergebrachte Erklärungskonzepte schlecht. Bei SPD und CDU steht das Bewusstsein, Volkspartei zu sein, zumindest noch im Raum. Und die Grünen transportieren noch ein bisschen die Attitüde, Nischenpartei zu sein. Als neue Volkspartei müssen sie aber versuchen, vielen unterschiedlichen Personenkreisen das Gefühl zu geben, genau deren Interessen zu vertreten – auch wenn die eigentlich einander widersprechen. Dazu müssen sie sich einer Wischiwaschi-Sprache bedienen, um von keiner Seite festgenagelt werden zu können. Das macht sie zu größeren Opportunisten. Sie müssen sich trickreicherer Rhetorik bedienen. Deshalb gilt auch für Grüne: Wer in der Spitzenpolitik angekommen ist, dessen Charakter hat auch eine dunkle Seite. Der hat Machtkämpfe gewonnen, Intrigen gesponnen, entscheidende Mehrheiten organisiert und also Leichen im Keller.

Der Wandel zeigt sich bei Robert Habeck. Er gibt zu verstehen, dass er um die dunkle Seite der Macht weiß, aber ein ironisches Verhältnis dazu hat. Er geht auf Distanz zur eigenen Partei. Er sagt durch die Blume, dass er Annalena Baerbock für eine Niete hält und stärkt ihr zugleich den Rücken. Ist es eine Intellektuellenfantasie, dass so einer Kanzler werden kann?

Bossong: Ich halte es für eine realistische Fantasie. Er agiert extrem geschickt. Der Angriff auf Baerbock begann nach ihrer Kandidatur, als er sich in einem Interview für die Kanzlerschaft 2025 bewarb. Sehr subtil sagte er, Frau Baerbock könne es nicht, für dieses Mal sei der Zug abgefahren, er warte vier Jahre. In der Politik sind vier Jahre zwar lang und schlecht vorhersagbar, aber er ist derjenige, der gerade in der Pole-Position steht. Auch er hat Punkte, die ihn angreifbar machen, seine Beratungsresistenz, seine Distanz zu Ostdeutschen, aber das Intellektuelle ist nicht seine Achillesferse.

Willet: Ja, Robert Habeck beeindruckt. Seine Auftritte bei Lanz waren grandios. Er ließ erkennen, in welchen Dilemmata er steckt, zwischen wie vielen Stühlen er sitzt. Das hat er glaubwürdig und sympathisch rübergebracht. Seiner eigenen Karriere wäre fast zu wünschen, dass die Grünen es heuer nicht in die Regierung schaffen. Wenn man Regierungspartei ist, fällt auf, was man alles nicht kann. Der Wähler sieht dann, wie pragmatisch die Grünen sein müssen und was von ihren idealistischen Forderungen noch übrig bleibt. Wenn Habeck die nächsten vier Jahre einigermaßen unfallfrei übersteht, gehört ihm die Partei. Derzeit ist kein Konkurrent erkennbar, der in anderen Parteien heranwächst. Gegenwärtig erscheint er, auch vom Alter her, als Spitzenpolitiker mit aussichtsreichster Zukunftsperspektive.

Brauchen wir mehr Politiker, die Späteinsteiger sind? Sollten sie berufliche Praxis vorweisen?

Willet: Es kommt selten vor, dass Leute aus der Praxis ohne jahrelanges Rückenkrummschuften in der Partei in die Spitzenpolitik wechseln. Bei der Vergabe von Posten und Ämtern müssen Spitzenpolitiker nämlich die Parteisoldaten belohnen, die für sie Wahlkampf gemacht und ihnen den Rücken frei gehalten haben. Da bleibt wenig Platz für externe Experten.

Apropos Expertise: Minister haben Fachreferenten, die für sie recherchieren und Fakten aufbereiten. Müssen sie also nur fremdes Wissen geschickt zu eigenem machen? Ist das ihr eigentlicher Leistungsausweis?

Bossong: Minister sind im Prinzip Behördenleiter. Das zeigt sich daran, wie mühelos sie Ressorts wechseln. Sie scheitern nicht an neuen Aufgabengebieten, sondern daran, dass sie in einer Promotion vor 20 Jahren abgeschrieben haben. Es sind auch nicht die privaten Sachen, über die Politiker stolpern. Das uneheliche Kind hat Horst Seehofer nicht besonders geschadet. Da ist die deutsche Öffentlichkeit noch halbwegs dezent. In Großbritannien hingegen musste der Gesundheitsminister zurücktreten, weil er eine außereheliche Affäre hatte – oder, weil da zwei Haushalte den 1,5-Meter-Abstand nicht einhielten. Also eine Vermischung von fachlichen und privaten Fehlleistungen. Auch dass Olaf Scholz den Benzinpreis nicht kannte, ist nicht irrelevant. Der Benzinpreis hat in Frankreich die größten Proteste seit Jahren ausgelöst. Und deswegen kann die Frage, ob ein Spitzenpolitiker weiß, wie teuer das Benzin ist, gesellschaftlich brisant sein.

Warum gibt es so viele Juristen unter den Politikern?

Bossong: Es ist naheliegend, dass in der Legislative Leute sitzen, die sich mit Gesetzen auskennen und wissen, wie Gesetze entstehen. Da sind Juristen klar im Vorteil.

Willet: Die juristische Kompetenz ist nicht die entscheidende Karte. Es gibt enorm viele Hinterbänkler, die alle vier Jahre um den Neueinzug kämpfen müssen und alle Hände voll zu tun haben, ihr Überleben zu sichern. Ich glaube nicht, dass sie viele Ressourcen haben, sich mit Gesetzestexten zu beschäftigen. Diese Leute lassen sich in der Fraktionssitzung sagen, wie abgestimmt wird. Auch beim Spitzenpersonal ist es derweil so, dass es so viele Nebenschauplätze und Machtkämpfe gibt, dass man zu den Gesetzen, über die abgestimmt wird, auch nur von den Referenten gebrieft wird.

Bossong: Dann haben wir zum Schluss doch noch einen Dissens.

Das Gespräch führten Frank Jöricke und Michael Angele

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06:00 08.09.2021

Ausgabe 38/2021

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