Am Faden

Kehrseite I Ich muss immer den gleichen Weg zurückgehen, den ich gekommen bin. Ganz genau, ohne Umwege. Niemand sieht ihn, aber ich trage einen Faden bei mir, ...

Ich muss immer den gleichen Weg zurückgehen, den ich gekommen bin. Ganz genau, ohne Umwege. Niemand sieht ihn, aber ich trage einen Faden bei mir, der sich abwickelt, je weiter ich laufe. Ich nehme immer den gleichen Arbeitsweg, zu Fuß, die Bachstraße hoch, biege in den Nelkenweg ein. Dort an der Ecke gehe ich links an der Litfaßsäule vorbei. Drängt mich doch einmal jemand ab, an die rechte Seite der Säule, achte ich abends darauf, sie genauso zu passieren wie am Morgen, sonst wickelt sich der Faden ja herum.

Nein, der Faden belastet mich nicht. Er ist ein willkommener Halt, als ob ich in einem Labyrinth wäre, dessen Ausgang ich nur so finden kann. Ich trage ihn, seit ich ein Kind war.

Zuerst war es ein Wollknäuel, das ich in der Hand hielt. Mit jedem Schritt wickelte ich es weiter ab und spürte den Faden, der hinter mir spannte, der Anfang des Fadens war in meinem Zimmer zu Hause festgeknotet. Manchmal drehte ich mich um. Auf den Straßen liefen Menschen. Sie sahen den Faden nicht, liefen durch ihn hindurch, querten ihn von links und rechts. Ich ging weiter.

Als ich etwa 15 war, trug ich das Knäuel nicht mehr in den Händen, stattdessen war es auf dem Rücken festgemacht, wo es sich von selbst entrollte. Ich spürte die feste Verbindung, manchmal ließ der Zug von hinten mich nicht schnell genug vorwärts kommen.

Einmal strickte ich Netze in Hamburg, verlief mich, ging extra Wege, die ich am Morgen nicht gegangen war. Stand zuletzt irgendwo in Altona und kam nicht weiter. Völlig erschöpft konnte ich keinen Schritt mehr vor noch zurück, meine Eltern holten mich schließlich. Ich sagte ihnen nichts von dem Faden. Ich wollte nicht zu einem Arzt, darauf wäre es ja hinausgelaufen.

Jetzt gibt mir der Faden Halt und Ordnung. Immer die gleichen Wege, ich kenne die Anzahl der Schritte von einer Kreuzung zur nächsten, von einem Büro zum anderen. Es ist gut, wenn das, was am Morgen entrollt wurde, abends wieder auf dem Knäuel ist.

Ich habe mir manchmal vorgestellt, den Faden durchzuschneiden. Warum reißt Du das blöde Knäuel nicht einfach ab, dachte ich. Im Traum versuchte ich es, doch begann ich mich zu drehen, immer im Kreis, wie eine Katze, die ihren Schwanz fangen will. Ich wollte das Band auf dem Rücken finden, aber ich drehte mich nur immer schneller, meine Hand griff ins Nichts.

Heute muss ich einen Fehler gemacht haben. Ich spüre den Zug am Rücken, stemme mich dagegen. Ich gehe ganz langsam die Treppen hoch, zweifelnd, ob ich umkehren sollte, ich bin so müde. Genau vor der Wohnungstür merke ich, der Faden ist restlos aufgebraucht und gibt nicht mehr nach. Ich zerre und ziehe, er reißt nicht. Ich möchte so gern in die Wohnung gehen, zuerst ins Bad, da war ich am Morgen zuletzt. Dann in die Küche, um etwas zu essen. Ich frage mich, wo ich mich geirrt habe. An der Litfaßsäule? Da hing ein Plakat mit einem dunkeln Streifen am Rand, der mit meinem Faden verschmolz zu einer optischen Täuschung. Vielleicht bin ich falsch herum um die Säule gegangen, der Faden ist um die Säule gewickelt.

Plötzlich bin ich mir meiner Sache gar nicht mehr sicher. Was, wenn ich den Faden ein weiteres Mal um die Säule schlinge? Ich bin so müde, meine Augen lassen sich foppen. Und ist der Faden nicht eigentlich unsichtbar? Soll ich jetzt, so spät, noch zurückgehen? Ich kann vor der Tür schlafen, auf der Treppe. Dann spare ich Kraft und Zeit. Was ist mit dem Auto? Ich könnte mich ins Auto legen. Es steht nicht weit von hier, bis dahin könnte ich kommen. Und morgen, morgen früh passe ich genau auf. Dann werde ich alles unter Kontrolle haben.

Annette Amrhein, geboren 1964 in Güstrow, schreibt und lebt in Bargteheide.


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