Am laufenden Band

Hochkomik Wolf Haas' neuer Simon-Brenner-Krimi hat es in sich. Eine Überredung

Stell dir vor, was passiert ist: Jetzt hat doch der Wolf Haas doch schon wieder einen Krimi geschrieben, in dem der Brenner, seine Romanfigur, dazu genötigt wird, den Detektiv zu spielen, obwohl er das ja eigentlich nicht mehr wollte, der Haas, meine ich jetzt, nicht der Brenner. Denn der Brenner: Detektiv wie eh und je, quasi Naturtalent, wenn du mich fragst.

Weil, du musst wissen, der Haas hat sich vor ein paar Jahren sehr erfolgreich im Fach des experimentellen Liebesromans (Das Wetter vor 15 Jahren) versucht, und ich muss ganz ehrlich sagen: Das hätte der Handke oder irgendein anderer auch nicht besser hinbekommen, nur eben weniger komisch und verquaster und mit mehr Sprachzuckerwatte.

Und du darfst eins nicht vergessen. Es gibt ja im deutschsprachigen Raum so schrecklich viele schlechte Schriftsteller, dass man sich jetzt die Mühe, deren Namen aufzuzählen, gar nicht machen mag, Stichwort: Literatursimulation.

Österreich dagegen: Jandl, Artmann, Bernhard, Jelinek. Und, und, und. Da ist praktisch der bösartige Humor und das schwarze Gesellschaftspanorama und der Pessimismus mit der Neigung zum Sprachspiel und Sprachexperiment, wie man heute sagt, so sehr miteinander verquickt, dass das Eine vom Anderen kaum mehr zu trennen ist.

Kein Springinsfeld

Und ob du es glaubst oder nicht: Das ist die Literaturtradition, aus der auch der Haas kommt, wenn man einmal genau hinschaut, obwohl er ja so tut, als schreibe er Krimis.

Aber zurück zum Brenner. Ich weiß nicht, ob es dir aufgefallen ist, aber der Simon Brenner, Ex-Polizist und Ex-Detektiv, hat ja schon einiges mitgemacht in seinem Romanfigurleben. Da kann man ihm wohl beim besten Willen nicht verdenken, dass er alles andere ist als ein strahlender Held und munterer Springinsfeld.

Durch sechs Romane und drei Filme ist er jetzt schon gestolpert, und immer hat er's gerade so durch geschafft, wenn auch mit einigen Blessuren zuweilen.

Mittlerweile arbeitet er als Chauffeur für einen Baulöwen und dessen Ehefrau, die wiederum eine Abtreibungsklinik betreibt. Das Ehepaar hat ein gemeinsames Kind, die Helena. Und der Brenner, "der Herr Simon", muss die kleine Helena hin- und herchauffieren.

Und für die Helena ist es gar nicht so einfach. Weil der Baulöwe (Papa) ist in Kitzbühel, die Abtreibungsärztin (Mama) in Wien. Und "wenn du heute zwei Eltern hast, die keine Zeit, aber fünfhundert Autobahnkilometer zwischen sich haben, dann kommst du als Kind natürlich nicht mehr von der Autobahn herunter".

Aber das macht der Helena scheint's nicht gar so viel aus, denn sie und der Brenner verstehen sich gut. Du musst wissen, der Brenner hat auch das Trinken aufgegeben, das heißt, er hat natürlich nicht ganz aufgehört, Flüssigkeit zu sich zu nehmen, aber er trinkt jetzt lieber den einen oder anderen Espresso als einen Alkohol und muss auch Tabletten nehmen, solche Tabletten, "wo man sagt, da ist der Tag ein bisschen sonniger für dich".

Und wenn man bedenkt, wie der Brenner "noch vor einem Jahr beisammen gewesen ist, muss man ehrlich sagen, Hut ab vor den Tabletten". Aber jetzt pass auf. Als der Brenner einmal zum Tankstellen-Shop geht, um eine Schokolade zu kaufen, wird ihm die Helena aus dem Auto geklaut, quasi Entführung. Und dann geht natürlich das ganze Theater los, frage nicht.

Bumm, Bumm, Bumm

Und beim Haas bleibt es freilich nicht bei einer banalen Entführungsgeschichte, sondern Korruptionsgeschichte, Erpressungsgeschichte, Mord- und Totschlagsgeschichte, Bumm Bumm Bumm, am Ende jagt Eins das Andere und es geht drunter und drüber, ja was glaubst du denn.

Jetzt darf man bei einem Kriminalroman ja nicht zu viel von der Geschichte verraten, aber wo wir unter uns sind, kann ich dir zwei Sachen ausnahmsweise verraten. Erstens: Obwohl es am laufenden Band plötzliche, merkwürdige und unerklärliche Ereignisse und Überraschungen und Wendungen gibt, auf die man sich als Leser anfangs keinen rechten Reim machen kann, erfährt man am Ende haargenau, wie alles mit allem zusammenhängt und miteinander verzahnt ist und wer genau warum mit wem wie gehandelt hat, damit am Ende so ein blitzgescheiter und blitzsauberer Plot herauskommt.

Und zweitens: "Blitzsauber" darfst du jetzt natürlich nicht wörtlich im ureigenen Sinn des Wortes verstehen, denn am Ende spielt im Roman eine Senkgrube eine ganz entscheidende Rolle.
Und wenn du jetzt nicht weißt, was eine Senkgrube ist, dann schau lieber mal gleich im Österreichisch-Wörterbuch nach, bevor's dich später in der Speiseröhre zwackt und es beim Lesen zu einer Regurgitation kommt. Aber schau, das ist wieder interessant: Jetzt muss du noch ein Wort nachschauen.

Nebenbei geht es auch noch um den lieben Gott und die letzten Dinge. Geburt, Leben, Tod. Oder anders gesagt, wenn man beispielsweise ein "rosenkranzbetender Abtreibungsgegner mit einem Embryobild" in der Hand ist: Empfängnis, Schwangerschaft, Abtreibung, wenn man so will.

Aber ich muss ganz ehrlich sagen, auch bei so komplizierten Themen wie Abtreibung schafft es der Erzähler vom Haas, sie allgemeinverständlich und einfach zu erklären, das sind die Sachen, die mir an ihm gefallen: „Mein Gott, es gibt eben immer wieder Leute, wo man sagt, bei dem wäre es nicht schade gewesen, wenn seine Mutter es sich anders überlegt hätte, und dann gibt es die große Mehrheit, wo man sagt, bei dem kommt es auf das Gleiche hinaus, ob er da ist oder nicht, quasi neutral.“

Aber nicht, dass du jetzt wieder glaubst, es gehe hier nur um Existenzialismusfragen und Sein oder Nichtsein oder der Haas hätte einen gewöhnlichen Kriminalroman geschrieben, mit durchschnittlichem Entführungs-Plot, klassischem Spannungsdings, konventionellem Erzählen und sterbenslangweiligem Dann-hat-er-gesagt-und-dann-hat-sie-gesagt und alles. Nein.

Weil du darfst eines nicht vergessen. Der Haas natürlich wie immer: Nicht nur extrem skurrile Charaktere, sondern auch eminentes Formbewusstsein. Weglassen des Prädikats, Umgangssprache, Dialektversatzstücke, die immergleichen Erzählerfloskeln und die Füllwörter an der richtigen Stelle, Österreichismen noch und noch, präzise platzierte Sprachfinten und schwarzer Humor bis zum Anschlag. Hochkomik Hilfsausdruck.

Dunkle Abgründe

Das muss ich dir kurz erklären: Der Erzähler ist ja auf Du mit dir und erzählt ja, während er von den groteskesten Ereignissen berichtet, so angenehm märchenonkelhaft, in so einem vertraulichen Plauderton, als säße er dir in der Stammkneipe gegenüber und schwatze vom Kegelabend, dabei erzählt er dir derweil von den dunkelsten Abgründen im Menschen, das glaubst du gar nicht.

Dabei nimmt er auch plötzlich Geschehnisse vorweg, zu denen es viel später erst kommt, oder er spricht von Wichtigem so beiläufig und quasi anekdotenhaft nebenher, dass man als Leser aufpassen muss wie ein Luchs, wenn man nichts verpassen will. Oder er tut obendrein so, als rede er von Sachen, die gar nicht hierher gehören oder scheint’s nichts zur Sache tun, quasi leeres Geplauder.

Aber jetzt nicht dass du glaubst, der Haas kann es nicht besser und ist ein Schriftstellerstümper. Weil der Haas immer Umwege, nie direkt, musst du wissen, sprich sublime Verzögerungstaktik. Nur damit du verstehst.

Weil ob du es glaubst oder nicht, beim Haas geht es wie immer so detail- und sprachverliebt zur Sache, dass man beinahe meinen könnte, es sei gar kein gewöhnlicher Krimi, der einem da erzählt wird, sondern eine ganz spitzfindige, moderne Literaturangelegenheit.

Weil jetzt muss man wissen: Auf die Sprache und die literarische Form, da legt der Haas Wert darauf wie auf nichts sonst, da bedient er sich aus einem Fundus der Techniken, da funkelt's hie und da so gewaltig, Karl Kraus und Franz-Josef Wagner nichts dagegen. Sprachkunstwerk Hilfsausdruck.

Kunst mit Sahne

Und bevor Du jetzt fragst, was soll ich denn mit Sprachdings und Literaturtheorie, pass auf, was ich Dir sage. Das ist ja gerade das Spannende, dass der Haas, ob er jetzt will oder nicht, rein unter Stil- und Form- und Literaturtraditionsgesichtspunkten betrachtet, mit der Jelinek zum Beispiel viel mehr gemeinsam hat als zum Beispiel mit dem Mankell und seinesgleichen, gar keine Diskussion.

Das kann man jetzt gut oder nicht so gut finden, weil Jelinek quasi hartes Kunstbrot und Mankell mehr Trivialdings. Aber der Haas: Weder hartes Brot noch Groschenheft, sondern quasi erstklassig verarbeitetes Kunsthandwerk mit Sahnehäubchen, wenn du jetzt weißt, was ich meine.

Und interessant: Der Haas hat nämlich, bevor er seine Krimis geschrieben hat, auch einmal ein Buch verfasst über die sprachtheoretischen Grundlagen der Konkreten Poesie. Und da muss man schon sagen: Wundern tut einen das nicht, wenn man jetzt einmal genau hineinschaut in seine Brenner-Romane. Da kennt sich einer – also jetzt rein vom Ding her, technisch gewissermaßen – mit diesen Sprachsachen so saumäßig gut aus, wo man nur sagen kann, Hut ab!

Der Brenner und der liebe Gott. Simon-Brenner-Roman 7Wolf Haas. Hoffmann und Campe, Hamburg 2009, 224 S., 18,99 Euro

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

10:00 11.10.2009

Ausgabe 37/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 2