Am Raucherbaum

Badischer Abend Kolumne

Ich kenne mich mit Bäumen nicht aus, ich weiß nicht, was für ein Baum das ist. Jedenfalls hat er keine Nadeln, sondern Blätter, und wenn im Frühling die Sonne noch schwach scheint, dann schimmert die Umgebung grün.

Der Baum steht im badischen Müllheim. Da gibt´s eine Garnison, eine Winzergenossenschaft, die inzwischen zugemacht hat, und jedes Jahr ein Neubaugebiet. Der Baum steht vor dem Müllheimer Gymnasium, da, wo das orange Gitter aufhört, das die Schlangen vor den Schulbussen regeln soll und das vor ein paar Jahrzehnten einmal vom ADAC prämiert wurde. So liest man es jedenfalls auf einer silbernen Plakette in der Mitte des Gitters.

Unter dem Laubdach des Baums steht ein Mülleimer, voll mit Tetrapaks für Fruchtsäfte und Eistee, Apfelgriebschen, angebissenen Schulbroten und ein paar Bierflaschen, seitdem es das Dosenpfand gibt. Es ist einer dieser standardisierten Mülleimer, die man auch in Parks und entlang der Hauptstraßen findet. Unten gibt es so eine Art Mutter, da können die Kommunalarbeiter den Behälter abnehmen und den Inhalt auf die Ladefläche ihres Pritschenwagens kippen. Außerdem ist da noch ein Zigarettenascher angebracht, der immer überquillt. Den müssen die Arbeiter vorher abschrauben. Den Inhalt entleeren sie in einen blauen Sack. Damit es keine Unordnung gibt.

In den Schulpausen füllt es sich rund um den Mülleimer und den Baum, denn hier ist der Platz, wo die Oberstufenschüler rauchen dürfen. Weil unsere gesellschaftlichen Probleme ja jetzt aktiv angegangen werden, ist zu erwarten, dass sie das in ein paar Jahren nur noch in dem verkommenen Park gegenüber tun dürfen. Aber noch rauchen sie hier. Sie stehen in Grüppchen, bilden Kreise und Anhäufungen in geometrischen Formen. Von oben muss das toll aussehen.

Der Raucherbaum steht also vor dem Gymnasium, direkt neben dem Gymnasium steht aber die Realschule, und die Realschüler kommen also in den Pausen auch immer zum Raucherbaum. Das macht sie zum Objekt wütender Attacken von allerlei Oberstudienräten. Weil, eigentlich dürfen die das ja gar nicht. Die Realschüler, das Rauchen.

Da gibt´s die Uncoolen. Jungen, die so aussehen, als ob sie die Sachen ihrer älteren Geschwister auftragen. Einige haben schon diese Erntehelfer-Traktorfahrer-Haltung, heftig ziehen sie an verknickten Zigaretten, die zwischen riesigen Wurstfingern hängen. Manche halten die Kippe verdeckt in der hohlen Hand, wie einst Urgroßvater im Krieg: Der Feind, weiß man, schießt immer auf das rote Glimmen. Unter sich reden sie über Fußball und über Motorroller, wenn Mädchen dabei sind auch über Filme.

Und die coolen Realschüler? Die meisten scharen sich um den Junior-Dealer mit langen Haaren, Haargummi, Gel und Schaum, und warten auf die Gymnasiastinnen, die mit Forever 18-Tops und BHs ankommen, obwohl es da noch nicht viel zu halten gibt. Apropos Forever 18. Einmal lief ein alter, fetter Glatzkopf vorbei, der ein rosafarbenes Tütchen dieser Marke trug; dem ging es wohl um die versteckte Nazi-Botschaft, die dem Label innewohnt: A.H. for ever. Sah der lächerlich aus, der Kerl ...

Dann ist da noch die Kifferclique. Mit selbstgedrehten Kippen, zum Schmökeln, wie sie sagen. Fettige Haare, zerrissene Klamotten, glasiger Blick. Die so reden, dass man sie nicht versteht, und die ein Auge darauf haben, ob nicht die Bullen mal wieder die Papiere kontrollieren. Dass sie ja jetzt schon wieder einen gefickt haben, wie der von Basel rüberkam, Führerschein weg, den Eltern haben sie es auch gesagt. Und dass es kein gutes Indoor-Gras mehr gibt.

Und natürlich die Dreizehntklässler, die nur deshalb eine Gruppe bilden, weil sie sonst nirgendwo dazugehören. Inzwischen sind sie so viele, dass es erste Pärchen gibt, erste Freundeskreise, erste Partys, auf die andere nicht eingeladen werden.

Schließlich der große Kreis der Mainstreams. Mit orangen Sonnenbrillen, so wie das Gitter für die Buskinder, oder mit Kleidern aus dem Second-Hand-Laden, die kurz davor sind, ganz groß in Mode zu kommen. Sie stehen zusammen mit ihren hübschen Zwölftklässlerinnen in Wickelröcken, Trägertops und so weiter. Lautes Gerede, ganz viel Individualismus, Wortspiele und Imitationen von Fernsehszenen. Manchmal sogar politisch-bissige Kommentare, wenn nicht gerade belauscht wird, wieso der Neurologen-Sohn nicht mehr mit der Tochter des ökologischen Architekten zusammen ist.

Die Sonne scheint auf die Szene, auf die Kreise, Vierecke und Trapeze, die sich gebildet haben, auf die geschlossenen Gesellschaften und die repressive Toleranz. Und der Zigarettenrauch steigt nach oben und verliert sich, noch bevor er die unteren Äste des großen, grünen Baums erreicht. Der Nabel der Welt ist ein standardisierter Mülleimer mit Zigarettenascher-Einsatz.

Ich bin Nichtraucher.


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00:00 03.05.2006

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