Am richtigen Knochen herumbeißen

Das Geraune nach Putins Münchner Rede Eine trübe Stunde hausbackener Kreml-Astrologen

Als der russische Präsident seine Rede im Hotel Bayerischer Hof mit Höchstgeschwindigkeit herunterrasselte, dass man den zwei sich ablösenden, atemlosen Dolmetschern kaum folgen konnte, war zuerst ein Staunen da: Einer bringt es fertig, aus der magisch verordneten Veranstaltungs-Logik herauszutreten und Dinge auszusprechen, die zwar wohlbekannt sind, aber so lange nicht existieren, wie sich alle an die Übereinkunft halten, sie zu beschweigen. Bis zu diesem Augenblick schien es unmöglich, dass jemand ausschert. Der iranische Gast Ali Laridschani galt nicht. Er würde die guten Absichten seiner Regierung in Teheran beteuern, das war voraussehbar, und dagegen war man gewappnet. Die übrigen Versammelten verkörperten ohne jeden erkennbaren Selbstzweifel die zivilisatorischen Werte, die sie einerseits drängend der Welt anbieten, andererseits gemeinsam verteidigen wollen. Im Sender Phoenix war es zu verfolgen.

Unmittelbar nach Putins Rede lief die Interpretationsmaschine an, und auch wenn es eigentlich müßig ist, sich darüber immer wieder zu erregen, geschah doch etwas Verblüffendes: Die fast schon vergessene Kreml-Astrologie tauchte unversehens aus der Versenkung auf. Nicht der Text wurde untersucht, sondern Vermutungen über verborgene Absichten wurden angestellt*. Als gäbe es keine prüfbaren Tatsachen, sondern bedürfe einer Wünschelrute von Eingeweihten, um den geheimen Sinn der Rede aufzuspüren.

Als ein Stichwortgeber dieser Art trat schon auf der Konferenz Josef Joffe von der Zeit auf: Er räsonierte nach Putins Rede, künftige Historiker könnten dieses Datum zum Beginn eines "zweiten Kalten Krieges" erklären. Nun wird er sicher ungeheuer stolz darauf sein, dass er da instinktiv den richtigen Knochen hingeworfen hat, an dem seither alle gern herumbeißen. Bis ins private Gespräch drangen die besorgten Fragen: Die Russen können doch nicht einen weiteren Kalten Krieg wollen? Die Faz tadelte in alter atlantischer Treue Angela Merkel dafür, dass sie Putin nicht schärfer zurückgewiesen habe. Denn seine eigentliche Absicht sei es, einen Keil zwischen die USA und die EU zu treiben.

Putin hat zwar den Anspruch der übrig gebliebenen Supermacht USA auf Weltdominanz angegriffen, aber nicht so getan, als müsste Russland als zweite Supermacht anerkannt werden. Er hat ganz einfach auf die neu entstehenden Wirtschaftsmächte und Zentren hingewiesen und eine "multipolare" Weltgesellschaft vorausgesagt. Es gab auf der Konferenz für einen Moment eine gewisse Ahnung davon, dass enorme Veränderungen anstehen. Nur haben sich die meisten der hier vertretenen Regierungen noch für eine Weile darin eingerichtet, ihre Politik mit der Supermacht im Rücken zu machen. Wie peinlich diese Rolle werden kann, hat mit einer lakaienhaften Rede der tschechische Außenminister Fürst Schwarzenberg in München vorgeführt.

Josef Joffe hat sich wenige Tage nach seinem Auftritt in einem Zeit-Aufmacher noch einmal an Originalität übertreffen wollen und ein "alt-neues russisches Paradigma" aus dem 19. Jahrhundert herausgelesen. Auch andere Kommentatoren haben etwas "Rückwärtsgewandtes" und Unzeitgemäßes bei Putin ausmachen wollen. Es wirft ein trübes Licht, und daran lag fast allen Medien anfangs reflexartig. Nach Joffe heißt das russische Paradigma: "Wir sind wieder wer, aber wir sind eingekreist". Putins "Neozarismus" habe aufgeschreckt. Er greife zur "klassischen Machtpolitik". Und die stehe in einem "krassen Gegensatz zum europäischen Paradigma des 21. Jahrhunderts", das auf Kooperation setze. Joffe spitzt es zu: "Das russische oder das europäische Paradigma, das 19. oder 21. Jahrhundert? Das ist die Schicksalsfrage ..."

So sprühten die tonangebenden Medien vor Warnungen, Beschwichtigungen und spitzfindigen Interpretationen. Doch diesmal ließ sich offenbar das Selbstdenken ihrer Konsumenten nicht verhindern. Eine Umfrage zeigt, es gibt Verständnis für Russland: Dass die Militärstützpunkte der NATO tatsächlich immer näher an Russlands Grenzen gerückt werden, ist allen sichtbar. Und dass es wieder ein Wettrüsten bedeuten muss, wenn in Polen und Tschechien das neueste amerikanische Raketenabwehrsystem aufgebaut werden sollte, ist zu vermuten. Wer kann es wollen? Vielleicht haben auch manche Leute die Zahl gelesen: Russlands Militärhaushalt beträgt nur vier Prozent des US-amerikanischen. Es stand irgendwo in der Zeit-Ausgabe mit Joffes Leitartikel. Auf jeden Fall reagierte die Öffentlichkeit ganz anders als die Medien: Nach einer Blitz-Umfrage von Emnid stimmen 68 Prozent der Putin-Rede zu - 22 Prozent sind anderer Meinung. Auch Außenminister Steinmeier scheint davon nicht unbeeindruckt.

(*) Große Teile der Putin-Rede wurden im Freitag 07/2007 dokumentiert.


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00:00 23.02.2007

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