Am See

Berliner Abende Kolumne

Ins Grüne gezogen sind viele Berliner, in neue Siedlungen, in alte Häuser, an Waldränder, an Seen. Sie verwandeln sich ihre Häuser an und hegen ihre Gärten. Tatsächlich gelingt es etlichen, ihre Grundstücke unbehelligt zu kleinen Paradiesen zu gestalten und sie sprechen dann stolz von ihrem Wein in Südlage.

Andere aber wurden behelligt. Sie zogen in schöne alte Häuser an einen kleinen See. Zuerst wähnten sie sich in unablässigen Ferien und konnten ihr Glück kaum fassen. Dann aber erwachten sie böse. Im heißen Sommer diente der See nicht wie erhofft zum Baden sondern als Jugendtreffpunkt. Da standen nun jeden Spätnachmittag bis weit nach Mitternacht 10 bis 20 Jugendliche herum, rasten auf ihren Motorrädern auf und ab, ließen die Motoren ihrer getunten Autos aufheulen und ergötzten sich am Sound der Technobässe. Die Anwohner saßen in ihren Gärten und Wohnzimmern und lagen in ihren Schlafzimmern, gepeinigt von Gekreisch, Motorenlärm, Autotürenknallen, Flaschenklirren, schollernder Musik. Es erschien ihnen schlimmer, als mitten in Berlin zu wohnen. Doch dann fassten sie sich ein Herz und gingen hinaus, um mit den Jugendlichen zu reden. Dort flog ihnen nur triumphierendes Uns-werdet-ihr-nie-los-Gelächter um die Ohren. Wir waren immer hier, brüllten die Jugendlichen, wo sollen wir denn sonst hingehen, und schrien Motherfucker, Berliner Stadtidioten, Dauerwellentussi im Dunkeln hinterher. Die neuen Anwohner fragten die alten Anwohner. Nein, so schlimm sei es in der DDR mit den Jugendlichen nicht gewesen. Eine haltlose Generation also, die aus dem Machtvakuum nach dem Zusammenbruch der DDR hervorgegangen ist, schlussfolgerten die neuen Anwohner und riefen die Polizei an. Auch die Polizisten redeten mit den Jugendlichen. Sie baten sie, die Musik leiser zu stellen und sich ein wenig ruhiger zu verhalten. Aber kaum, dass der Polizeiwagen abgefahren war, war es lauter als zuvor. Jeden Abend riefen die Anwohner die Polizei, die schon bald mit Jubel begrüßt wurde und immer mehr Jugendliche anzog. Wir haben recht, brüllten sie über die Straße, weil wir mehr sind, das ist doch Demokratie. Die Anwohner setzten einen Brief an den Bürgermeister auf. Im Antwortbrief hieß es nur, dass solch ein schöner Ort wie der See durchaus auch größere Gruppen zum längeren Verweilen einlade und die Gemeinde selbstverständlich nicht auf die Individualinteressen der Anwohner eingehen könne. Versuche, mit den Eltern der Jugendlichen zu sprechen, schlugen vollends fehl, da sie sich vor ihre Kinder stellten und abwiegelten. Die Anwohner begannen, sich über Regentage zu freuen. Im Winter sammelten sie ein wenig Kraft. Der nächste Sommer aber wurde entsetzlich. Die Jugendlichen belagerten das Seeufer regelrecht. Ein Amischlitten war neu dabei, der bis morgens um drei mit einer Art Panzermotor durch die Straße röhrte. Bis weit in den Herbst hinein lag eine andauernde Unruhe und Aggressivität in der Luft. Sogar noch im Winter wurden die Anwohner von betrunkenen Jugendlichen angefeindet. Wenn ich wählen könnte, schrie der eine Junge, würde ich die DDR wählen. Und ich, bekräftigte der andere, wäre bestimmt ein guter DDR-Bürger geworden. Dann beklagten sie selbst den Autoritätsverlust. Wie frech sich unsere kleinen Geschwister heute benehmen, jammerten sie, so etwas hätten wir uns früher nicht erlauben dürfen. Da stand also Abend für Abend eine Generation auf der Straße und bettelte um eine starke Hand. Die Anwohner begannen zu begreifen.

Im nächsten Sommer zeigten die Anwohner die Jugendlichen jeden Abend an, ihren Lärm, ihre Autos, ihre Motorräder. Da bat die Polizei um ein Gespräch mit den Anwohnern und versuchte, sie von den Anzeigen abzubringen. Racheakte könnten die Folge sein. Und überhaupt seien die Jugendlichen alle arbeitslos und wüssten nicht, wo sie hinsollten. Aber die Anwohner blieben hart. Mit einem Mal blätterte die dünne soziale Tünche von den Polizisten ab und sie begannen, ihre Zähne zu zeigen. Sie haben völlig Recht, sich zu wehren, lobten sie die Anwohner, es ist doch wirklich schlimm, dass man heute für jeden Schusswaffengebrauch und jeden Schlagstockeinsatz gleich ein ellenlanges Protokoll anfertigen muss. Früher - die Anwohner unterbrachen die Polizisten und baten sie, den Anzeigen nachzugehen. Das taten sie und es wirkte Wunder. Sie suchten die Jugendlichen auf. Das Polizeiauto vor dem Haus gefiel den Eltern nicht. Einige Jugendliche wurden zu einem Bußgeld verurteilt. Binnen kürzester Zeit begannen sie den See zu meiden. Er wurde wieder für alle benutzbar. Wenige Jahre später sind aus den Jugendlichen bereits biedere Familienväter geworden, die die Anwohner beim Kinderwagenschieben um den See bloß hin und wieder eine Zigarette rauchen sehen, in Erinnerung an größere Zeiten.


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00:00 14.04.2006

Ausgabe 37/2021

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