Am seidenen Faden der Weltdiplomatie

Kabul im Winter (IV und Schluss) Präsident Karsai hat mehrere Attentate überstanden und gelernt, nicht schreckhaft zu sein

Der Tag bricht mit einem purpurnen Feuerwerk an und verpufft als grauer Dunstschleier über dem Tal der Tränen. Auf den Gipfeln der 3.000 Meter hohen Berge rund um Kabul liegt Schnee, kaum mehr als Staubzucker auf Sandkuchen. Doch genug, um nach dem Eid-Fest (Weihnachten) erneut zu feiern - Burfi (von Burf - Schnee), das Fest zum ersten Schneefall. Welch seltsame Bewandtnis es damit hat, erfahre ich noch vor meinem täglichen Erkundungsgang in die Stadt. Im Büro des Gästehauses Dreamland hocken die Angestellten und schreiben kichernd eine bunte Grußkarte an einen Freund. Der Text besteht aus zwei Zeilen eines persischen Liedes, das der aus Pakistan stammende Hotelmanager für mich übersetzt: »Schnee fällt von oben nach unten. Der Schnee ist mein, Burfi ist dein.«

Per Los wählen die Männer denjenigen aus, der den Brief austrägt. Der Gewinner zieht ein Gesicht, als müsse er das Urteil seiner Hinrichtung dem Henker überbringen. Ich folge dem unfreiwilligen Briefträger, um zu sehen, was sein Burfi-Lohn ist. Das Gelächter der Hotel-Boys im Nacken laufen wir schweigend durch die staubigen Straßen. Dort sind wie immer zahllose Männer mit dem Fahrrad unterwegs. Doch heute halten etliche ein Briefcouvert in der Hand oder zwischen den Zähnen. Vor einem Haus gibt es einen Menschenauflauf. Frauen und Männer prügeln lachend auf einen Postboten ein, dessen Gesicht pechschwarz gefärbt ist. Ich will das seltsame Ritual, wenn schon nicht verstehen, dann wenigstens filmen. Doch mein Begleiter zieht mich mit sich und ruft in einem fort: »Kalan muschkil!«, übersetzt: »wirklich schlimm«. Wir kommen zu einem Gästehaus, das geschlossen scheint. Der Briefbote klingelt an der Tür und begibt sich in die Startposition eines Mittelstreckenläufers. Als jemand öffnet, grüßt mein Begleiter kurz mit »Salamalaikum«, reicht ihm das Couvert und spurtet davon. Der Briefempfänger ist viel zu schwerfällig, ihn zu fangen. Etwas verlegen erklärt er, das Spiel verloren zu haben und eine Strafe zahlen zu müssen. Diese besteht nach den Regeln von Burfi in einem Festessen. Hätte er den Überbringer gefasst, würde er ihn mit Schmiere einseifen, und die Gegenpartei müsste das Essen ausrichten. Froh, dass die rauen Sitten nicht für Ausländer gelten, gehe ich ungeschoren meiner Wege.

Das älteste Gewerbe

Afghanen sind ein merkwürdiges Volk, sie überschlagen sich vor Höflichkeit, versichern sich wortreich des Respekts und der gegenseitigen Achtung, vermeiden öffentlichen Körperkontakt und lieben zugleich Kampfspiele, die vor hellenischer Sinnlichkeit strotzen. Ein beliebter Sport in Parks und auf Schulhöfen ist Gursai, ein Zweikampf, bei dem die Kontrahenten, auf einem Bein hüpfend, mit der linken Hand den anderen aus dem Gleichgewicht zu bringen suchen. Ein makabrer Sport angesichts Tausender von Minenopfern, die auf Krücken oder mit einer Gelenkprothese von Doktor Alberto, dem Chef-Orthopäden der Rotkreuz-Klinik, durch Kabul geistern. Viele Beinamputierte hoffen vergeblich auf eine kostenlose Gehhilfe, weil sie keine Möglichkeit haben, aus den Flüchtlingslagern zur Anprobe in die Klinik zu fahren. Sie können nicht einmal das Fahrgeld für den Bus von umgerechnet 20 Cent aufbringen. Und wenn, könnten sie ihn nicht nehmen, weil es für Behinderte unmöglich ist, die überfüllten Fahrzeuge zu besteigen.

Doktor Alberto bemüht sich seit langem um eine ambulante Prothesen-Station, die vor Ort die Minenopfer betreut. Vor seiner Klinik warten täglich Hunderte von Patienten, und der Tag hat auch in Kabul nur 24 Stunden. Zudem gibt es ständig neue Amputationsfälle, verursacht nicht etwa nur durch Tretminen der vergangenen Kriege, sondern den zivilen Blutzoll, den der Autokrieg auf Kabuls Straßen fordert. Opfer sind vor allem Radfahrer, aber auch Fußgänger in hoher Zahl, weil es weder Ampeln noch Zebrastreifen gibt. Besonders gefährdet sind Frauen, die als Prostituierte aus Scham meist in der Dämmerung an den Ausfallstraßen stehen, wenn überladene Lastkraftwagen und schrottreife Kleinbusse vorbei rasen.

Nicht alle Frauen ohne Begleitung, die an der Straße ausharren, gehen dem ältesten Gewerbe nach. Manche haben einfach kein Geld für Bus und Taxi und hoffen auf eine Mitfahrgelegenheit. Ich mache mir zwei junge Burka-Trägerinnen zu Schwestern, weil ich das Taxi mit ihnen teile. Doch bis auf ein zartes »Thank you, brother!«, erweisen sie mir nicht die Gunst, etwas mehr über ihr Leben mitzuteilen. Hinter ihren Guckfenstern spüre ich ihren musternden Blick und fühle mich mehr verunsichert als in der Paris Bar.

Die Filmemacherin Helga Reidemeister, eine bekennende Feministin, erklärt mir auf unseren Streifzügen durch Kabul, dass ihre fundamental-ablehnende Haltung gegenüber der Burka in Frage gestellt worden sei durch Gespräche mit emanzipierten Frauen wie Jamila Mudjahed. Die Herausgeberin der ersten afghanischen Frauenzeitschrift meint, Europäer seien zu sehr auf Symbole fixiert und verallgemeinerten alles, was sie in den Medien hörten und sähen.

Die Taleban seien keine echten moslemischen Männer gewesen, sondern indoktrinierte, bigotte Weiberfeinde, gefährlich, aber feige. Ihre Angst vor Frauen - so Jamila Mudjahed - war noch größer als ihre Verachtung. Letzteres rührte wohl daher, dass ihre verwitweten Mütter sie im Knabenalter in pakistanische Klosterschulen gaben, damit sie nicht verhungerten. Wie konnten solche Kinder Mutterliebe entwickeln, wenn sie dort täglich geprügelt wurden und nichts lernten als Koransprüche und den Gebrauch der Kalaschnikow?

Granaten grüßen Minister Struck

Weit schlimmer findet Jamila Mudjahed die Mudschaheddin, die das Land aus reiner Machtgier mit Bürgerkriegsterror überzogen und alle Fortschrittsversuche der Sowjets zunichte machten. Als die Journalistin jüngst zum Interview in die ehemalige österreichische Botschaft geladen wird, lehnt sie empört ab. In der Villa lag zeitweilig das Hauptquartier von Achmed Schah Massud, des »Löwen vom Pandschir-Tal«, der in ihren Augen ein eben solcher Schlächter war, wie der Usbeken-General Dostum und Gulbuddin Hekmatyar es bis heute sind. Mit dieser Meinung steht die Trägerin des begehrten japanischen Medienpreises freilich im Widerspruch zur grenzenlosen Verehrung des durch ein Selbstmordattentat im September 2001 getöteten Halbgottes. Massuds 13-jähriger Sohn hält inzwischen flammende Reden und könnte künftig der unangefochtene Herrscher aller Afghanen werden.

Hamid Karsai nennen die Kabuler indes nur den »Gucchi-Präsidenten«. Dank seiner israelischen Bodyguards überlebte der sanfte Paschtune bisher mehrere Attentate, doch seine politische Zukunft hängt am seidenen Faden der Weltdiplomatie. Die Lage im Land ist undurchsichtig und instabil. Fast wöchentlich schlagen Raketen nahe dem Camp der deutschen ISAF-Truppen ein. Zuletzt, als Verteidigungsminister Peter Struck Anfang des Monats im Camp Warehouse die UN-Mandatsübergabe an die Bundeswehr feiert. Die Aufregung ist groß, weil selten ein deutscher Politiker im Ausland mit scharfen Granaten begrüßt wird. In Kabul sieht man die Dinge gelassener. Wer auch immer aus dem Hinterhalt in die verkommene Landschaft feuert, will nicht die Schutztruppe angreifen, der will vielmehr auf sich aufmerksam machen, um bei der Verteilung von Hilfsgeldern nicht vergessen zu werden. Die afghanische Form von Postwurfsendungen.

Als die Taleban 1996 Kabul beschossen, ging das Leben auf den Straßen des Zentrums unvermindert weiter. Manchmal fielen durch die Druckwellen ein paar Leute vom Rad, und der Verkehr kam kurz zum Stocken. Manchmal traf es Wohngebäude statt Kasernen, und Zivilisten starben. Die Kabuler hatten gelernt, nicht schreckhaft zu sein. Erst als im Herbst 2001 amerikanische Kampfjets über ihre Köpfe hinwegrasten und lasergesteuerte Bomben auf Militärziele abfeuerten, bekamen sie Angst. Sie steht ihnen teilweise noch heute ins Gesicht geschrieben.

Besonders traurig sehen die Tiere im Kabul-Zoo aus. Die wenigen Exemplare, die nicht im Kochtopf landeten, bieten einen jämmerlichen Anblick. Mitleid erregt vor allem ein Wüstenlöwe, der blind und taub in seinem Käfig vor sich hindämmert. Es wird erzählt, dass er einen Mann erledigte, der übermütig übers Gitter stieg. Seine Verwandten vollzogen daraufhin die Blutrache und warfen eine Handgranate auf den König der Tiere, aber ich glaube schon lange nicht mehr jede afghanische Horrorgeschichte, die man mir mit mildem Lächeln erzählt. Beim Verlassen des Zoos, dieser Arche ohne Passagiere, fällt mir auf, dass es auf Kabuls Straßen so gut wie keine Hunde und Katzen gibt. Nur nachts hört man sie jaulend vor Hunger in Rudeln durch die Stadt ziehen.

Bis auf die letzte Scherbe

Unweit des Zoos steht das einst berühmte Kabul-Museum. Seine beachtliche Münzsammlung (30.000 Stück) enthielt etliche hellenische Fundstücke, die einzige Spur der nach Alexander dem Großen im Kabul-Tal herrschenden Griechen Antimachos und Demetrios. Auch Teile des einmaligen Goldschatzes von Bagram wurden hier gezeigt. In den Wirren des Bürgerkrieges stahlen ausländische Hehlerbanden sämtliche Exponate, auch die Depots räumten sie bis auf die letzte Scherbe leer. Ähnlich abgeräumt präsentiert sich die National Gallery. Alle Bilder und Plastiken verschwanden spurlos. Immerhin bieten die leeren Räume jetzt wechselnden Ausstellungen Platz, derzeit der New Yorker Fotoschau Ground Zero zum 11. September 2001. In der Exposition des Entsetzens bin ich mit den Aufsehern allein. Draußen strömen die Menschen geschäftig vorbei und ignorieren den »Heiligen Krieg« Amerikas gegen das Böse.

Als ich von Kabul Abschied nehme, bin ich nicht froh und bedauere es nicht. Es war gut, hier zu sein und zu sehen, was das Fernsehen nicht zeigen will oder kann. Im Flugzeug über der endlosen Steppe zwischen Kabul und Herat begreife ich, dass ich nichts gesehen habe von diesem wilden, faszinierenden Land, in dem es keinen großen Unterschied gibt zwischen Krieg und Frieden, solange globale Interessen die Afghanen in ihrer selbstbestimmten Retrokultur bevormunden. Wir modernen Barbaren sollten sie in Ruhe lassen und ihnen gestatten, Handel mit der Welt zu treiben, damit ihre Kinder nicht verhungern. Und aufhören, ihnen eine westliche Demokratie aufzuzwingen, die sich längst von ihren Idealen der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit verabschiedet hat. Der Islam als Religion der Armut bietet mehr Trost als der puritanische Popanz im Wilden Westen und schließt eine prinzipielle Gleichstellung der Frau nicht aus. Was ist der Terror der Schönheit und des Erfolges, was sind die sexistischen Moden und die Kultur des hemmungslosen Konsums gegen die Burka, die stolze Männlichkeit, den inneren Reichtum der Afghanen? Mehr als ein Armutszeugnis des Fortschritts?

00:00 21.02.2003

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