Am Spielfeldrand

Tötensen „Spiegel“-Fälscher Claas Relotius lebt heute zurückgezogen. Wie geht es ihm? Und geht mich das was an? Ein Besuch
Am Spielfeldrand
Neben dem Relotius-Grundstück lag ein totes Küken. Ich notierte mir das

Foto: Feifel Cui-Paoluzzo/Getty Images

Der Ort heißt Tötensen. In den Gärten wehen an Fahnenmasten Deutschland- und Werder-Bremen-Flaggen, selten blaue HSV-Fähnchen. Und der Einzige, den man an einem Nachmittag auf den Straßen trifft, ist der Wind.

Claas Relotius ist hier aufgewachsen und hier wohnt er wieder. Ich hatte mich für eine Woche im Wox-Hotel einquartiert, erleichtert, dass ein Ort, der keine Kirche hat, kein Rathaus, keinen Bäcker, keinen Metzger, keine Kneipe, immerhin ein Hotel bietet. Hinter mir lagen unzählige Telefonate, die früher oder später damit geendet hatten, dass der andere in den Hörer rief: „Nein, dazu sage ich gar nichts. Das geht Sie doch überhaupt nichts an!!“

Relotius ist ein Journalist, der sich nie wieder in einer Redaktion blicken lassen kann. Was macht so einer? Wo findet einer Orientierung, dessen journalistisches Leben Lüge, Märchen, Phantasiewelt war?

Der einzige Ort in Tötensen, an dem man Menschen außerhalb ihrer Häuser trifft, ist das Sportheim. Dort befinden sich zwei Tennisplätze und ein Fußballfeld sowie eine kleine Vereinshütte mit Umkleide. Nachdem ich an meinem ersten Tag niemandem begegnet war, den ich auf Claas Relotius hätte ansprechen können, hörte ich jetzt am Abend das dumpfe Plop-Plop geschlagener Tennisbälle.

Auf dem Tennisplatz stand Hinnerk W. auf der weißen Grundlinie und trainierte mit seinem Trainer Aufschläge. Ich rief ihm durch den Maschendrahtzaun zu, ob er zufälligerweise Claas Relotius kenne. Er kam zu mir und sagte, etwas außer Atem, er sei sogar mit ihm befreundet. Später setzten wir uns auf die Plastikstühle vor dem Vereinsheim und tranken Bier. W. erzählte, dass er Relotius erst vor ein paar Tagen getroffen hätte. Der arme Kerl werde ja seit seiner Kündigung beim Spiegel psychiatrisch betreut, er habe eingesehen, dass er krank sei. Um welche Krankheit es sich dabei handle, konnte W. mir nicht sagen, aber er kenne Relotius seit der Kindheit.

Ein Stück Auspuff

„Wir haben zusammen Sport gemacht. Waren zusammen in der Schule und der Dorfjugend.“

Hier in Tötensen, versicherte er mir, erfahre Relotius großen Rückhalt, habe viele Freunde, die zu ihm stünden, und persönlich finde er, W., es schwierig, wie die Presse da vorschnell geurteilt habe, ohne die genauen Beweggründe zu kennen.

„Vielleicht war es Vorsatz, das zeichnet sich für mich aber nicht ab. Eher Veranlagung oder eben ein Krankheitsbild.“

W. wägte gründlich ab, was er mir sagte, machte viele Pausen, sah mich fast nie an.

„Sie haben hier mit Herrn Relotius ab und an Tennis gespielt?“, fragte ich.

„Nee, was anderes.“

„Ach so?“

„Ich bin da jetzt bisschen … also das … Ich find das ja schon interessant, dass man das rausfindet, wo man gucken muss, wenn man Herrn Relotius sucht.“

„Steht im Telefonbuch.“

„Ah ja.“ Pause, dann: „Ich möchte ihn schützen, verstehen Sie. Ich weiß nicht, was ich Ihnen sagen darf. Wissen Sie, ich habe Herrn Relotius immer vertraut und ich denke, dass er vom Typ her genauso ist, wie ihn viele kennengelernt haben. Ein offener, freundlicher Mensch.“

Kopfschmerzen

W. versprach, meine Telefonnummer an Relotius weiterzugeben. Dann redete er über den ständig gesperrten Elbtunnel und Dieter Bohlen, der auch in Tötensen lebt. Ich trank aus und verabschiedete mich.

Auf dem Weg vom Sportplatz zurück zum Hotel kam ich am Haus der Familie Relotius vorbei. Tagsüber hatte ich mich nicht einmal getraut, in das Grundstück zu spähen, und jetzt war es bereits zu dunkel, um noch etwas zu erkennen. Aber in der langgezogenen Einfahrt erahnte ich ein geparktes Auto. Jemand war zu Hause.

Am nächsten Morgen wachte ich mit Kopfschmerzen und schweren Zweifeln auf. Sollte man ihn nicht in Frieden lassen? Andererseits: Was, wenn Claas Relotius kein Journalist gewesen wäre, sondern Manager, der Gelder veruntreut hätte? Relotius hatte, ungewollt und unrühmlich, deutsche Mediengeschichte geschrieben. Ist man da als Reporter nicht förmlich gezwungen nachzurecherchieren? Ich entschied mich für einem Kompromiss: Vorerst wollte ich einen Bogen um das Haus der Familie machen und nur im erweiterten Umfeld nachfragen.

Zuerst besuchte ich ein Autohaus, das am Rand des Dorfes an der Bundesstraße liegt. Im Werkstattradio schepperte „Giant“ von Calvin Harris & Rag’n’Bone Man. Der Mechaniker sprach im tiefen Plattdeutsch. Natürlich kenne er die Familie, aber sagen wollte er nichts. „Wir halten hier zusammen.“ Sein Kollege stand schweigend neben ihm, in der Hand ein Stück Auspuff.

Ein Küken

Schräg gegenüber, auf der anderen Seite der Bundesstraße, lag der Friseursalon von Christiane Bredehöft. Der Laden war nicht viel größer als mein Zimmer im Wox-Hotel. Die Friseurin grüßte erst freundlich, hielt dann aber von meinem Interesse an der Familie Relotius allzu wenig. „Nein, gerade mit Ihnen werde ich darüber bestimmt nicht sprechen.“

Ich spazierte ins Dorfinnere, die Straßen waren leer, nicht einmal Kinder spielten. Ich klingelte bei der Ortsbürgermeisterin. Es öffnete die Tochter. Nein, ihre Mutter sei nicht zu Hause, und sie selbst wolle über die Familie Relotius nichts sagen. Ich ging in die Straße, in der das Haus der Familie Relotius steht, und läutete bei den Nachbarn. Nachbar rechts, milde lächelnd: „Das ist eine private Sache und solche Dinge sollten so behandelt werden. Tut mir leid, Ihnen nicht weiterhelfen zu können.“ Nachbar links, mit kläffendem Hund an der Leine: „Ich will dazu nichts sagen. Das geht Sie nichts an!“

Zwischen Nachbar links und dem Grundstück der Familie Relotius entdeckte ich auf dem gepflasterten Boden ein totes, ungefiedertes Küken. Ich notierte mir dieses Detail, fragte mich zugleich, wann ein Symbol noch ein Symbol ist und wann daraus vor allem Kitsch wird. Wofür sollte das tote, nackte Küken, über das sich die ersten Fliegen hermachten, denn stehen?

Auf dem Schützenfest

Tag drei. So konnte es nicht weitergehen. Ich schrieb der Familie Relotius einen Brief, und erläuterte ausführlich meine Beweggründe. War natürlich alles aus den Fingern gesogen, aber zu schreiben: Hey, bin einfach verdammt neugierig, wie es dir geht, nachdem du eine ganze Branche in den Schockzustand versetzt hast — das würde gewiss nicht zum Erfolg führen.

Ich ging zum Haus der Familie Relotius, sie haben einen schönen Rosengarten. Das Auto stand nach wie vor in der Einfahrt, darin ein CD-Cover Punk Rock BRD Volumen 3 und eine Lederjacke. Ich warf den Brief ein und ging zurück auf die Straße, um zu tun, was ich zu meiner Angewohnheit gemacht hatte: Ich lief umher, in der Hoffnung, jemanden zu treffen, der mir etwas über Claas Relotius erzählen wollte, und ich schwor mir, nie wieder die Zeugen Jehovas unwirsch abzuweisen, schließlich machen die auch nur, was sie glauben, machen zu müssen.

Am Nachmittag besuchte ich im Nachbarort Nenndorf ein Schützenfest. Würstchenstand, Kinderkarussell, Autoscooter, gebrannte Mandeln, Bier, Blaskapelle. Sehr heimelig. Schön.

Entgegen meiner Hoffnung war aus Tötensen niemand zum Nenndorfer Schützenfest gekommen.

„Danke und Gruß C“

Wieder in Tötensen bekam ich kurz vor Mitternacht folgende E-Mail: „Lieber Alexander, es besteht kein Interesse an einem Gespräch. Ich bitte Dich, von weiteren persönlichen Versuchen der Kontaktaufnahme in Tötensen, Hamburg oder wo auch immer abzusehen. Danke und Gruß C“.

Am Morgen rief ich Cordt Schnibben an und schilderte ihm meine missliche Lage. Schnibben arbeitete jahrzehntelang beim Spiegel; er hat den Reporterpreis, den Relotius so oft gewonnen hatte, und das Reporterforum mit ins Leben gerufen.

„Eigentlich sind Sie doch genau in der Relotius-Situation. Sie wollen eine Reportage schreiben und das, was Sie suchen, ist nicht da“, sagte er.

„Ja, das bringt es wohl auf den Punkt.“

„Wissen Sie, in den letzten Jahren bin ich oft mit dem Ziel losgefahren, eine Reportage zu schreiben, und kam mit was ganz anderem zurück. Das Material reichte nicht für eine Reportage, es kam etwas Spannenderes dabei raus. Gehen Sie in Ihren Kopf, schauen Sie sich das Recherchierte an und klären Sie, für welche Art Text das reicht. Es kann auch ein Essay sein über das Lob des Scheiterns.“

So redete er und gab mir noch den Rat: „Genießen Sie Ihre Freiheit und befreien Sie sich aus dem narrativen Gefängnis.“

Ich legte mich in mein Hotelbett und versuchte, nachzudenken.

Inzwischen war es Abend. Meine Zeit war um, am nächsten Morgen wollte ich abreisen. Ich beschloss, zum Abschied ein letztes Mal durch Tötensen zu spazieren. Der Wind trieb Männerrufe herüber, sie kamen vom örtlichen Fußballplatz. Ich ging den Rufen entgegen, um ein bisschen zuzuschauen. Die eine Hälfte der Männer, die dort spielten, trug pinke Leibchen über ihren Trikots, die andere Hälfte nicht. Ein Trainingsspiel. Die Jungs lachten, schlugen mit den Händen ab, wenn einer das Tor traf. Ich stand hinter dem Maschendrahtzaun, der den Fußballplatz einzäunte.

Richtung Wolkendecke

Ein Spieler im pinkfarbenen Trikot fiel mir auf. Groß, schlank, blond. Er trabte über den Platz, den Kopf gestreckt, ab und zu fielen ihm die blonden Haare ins Gesicht, er trug eine weiße Hose, weiße Schuhe, die Schultern hingen ein bisschen tief. Er spielte locker, forderte den Ball nicht, war konzentriert, beobachtet das Spielgeschehen. Während andere über den Platz Kommandos riefen, blieb er still, trabte über den Rasen, setzte selten zum Sprint an.

Es schien ihm nicht um Tore, nicht ums Gewinnen zu gehen. Irgendwann wechselte er mit dem Torwart seiner Mannschaft die Position. Kurz darauf flog ein gut getroffener Schuss an ihm vorbei. Ungerührt fischte er den Ball aus dem Netz. Ich ging etwas näher, setzte mich am Spielfeldrand auf eine Bank. Er hatte mich bemerkt. Sah bewusst nicht in meine Richtung. Der Wind ging an diesem Abend, wie an jedem Abend, eisig, die Wolkendecke, tiefgrau, hing dicht über dem Grün des Felds.

Das Spiel hatte sich gerade verlagert, da blickte der große Blonde plötzlich doch in meine Richtung, kam ein paar Schritte auf mich zu, und ich bekam das Gefühl, jetzt aufstehen zu müssen, jetzt was sagen zu müssen – da bleibt er gut zehn Meter vor mir stehen, hebt die Hand, streckt den Zeigefinger in Richtung Wolkendecke und lässt ihn hin und her pendeln. In bester Fußballermanier, mit ernstem Blick, mit festem Stand, signalisiert er mir, dass das hier eine Fehlentscheidung sei. Ich sollte gehen. Genauer: Sofort verschwinden. Die anderen Spieler beobachten uns. Dann dreht er sich um und trabt zurück zu den anderen.

Claas Relotius spielt Fußball eher im Stile von Bastian Schweinsteiger als Cristiano Ronaldo. Gelassen, die Übersicht bewahrend. Nicht der Typ, der sich in der Vordergrund drängt und ständig den Ball fordert. Keiner, der sich für jede gelungene Aktion feiert. Aber umgehen mit dem Ball, das kann er.

Alexander Rupflin schreibt Reportagen sowie Theaterstücke und hat gerade seinen ersten Roman beendet. Er ist Mitglied der Autorengemeinschaft Hermes Baby

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06:00 26.02.2020

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